Wenn es einen wirklich perfekten Gutmenschen gibt- kulturrelativistisch, terrorverharmlosend, antiwestlich, ein notorischer Diktaturversteher- dann ist es Jürgen Todenhöfer, in diesem Artikel von mir unter “JT” abgekürzt. Der ehemalige Top-Manager hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Westen für alles Übel der Welt die Schuld zu geben und sich mit den Opfern des europäischen Kolonialismus- besser gesagt, den Arabern- zu solidarisieren.
Über den Irakkrieg schrieb er ein eigenes Buch mit dem Titel “Warum tötest du, Zaid?”, in dem er auch seine ganz eigenen zehn Thesen zur Weltpolitik zu Schrift getragen hat, siehe hier:
http://www.warumtoetestduzaid.de/de/mainmenu/10-thesen/alle-zehn-thesen.html
JT ist für eine Zeit in den Nahen Osten gereist und will nun, wie es Henryk M.Broder treffend formuliert, “genauso wie beim Speeddating, wo man in kurzer Zeit alles über den Gegenüber erfährt, alles über den Irak wissen”. Und dass heißt u.a.: “Im Irak gibt es nur 1.000 Terroristen, die zu 80-90% aus dem Ausland kommen, dafür aber 100.000 echte Widerstandskämpfer, die man mit der Resistance in Frankreich während der Nazi-Besatzung vergleichen kann.” Was die rund 60.000 Angehörigen der islamistischen “Mahdi-Armee” von Muktaba al-Sadr dazu sagen würden oder die Nachfahren der Résistance, die die zweifelhafte Ehre genießen, immer wieder mit Terroristen verglichen zu werden, die sich als “Widerstandskämpfer” tarnen?
Und noch eine Anmerkung: Wenn es diesen “resistanceartigen” Widerstand gibt, weiß JT auch, wie sie genau gegen die Besatzung kämpfen? Manipulieren sie die Reifen der US Army, verteilen sie Flugblätter, haben sie schon ein Komitee “Freies Irak” gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, bei ihrer Machtübernahme die Zukunft des Landes zu gestalten? Man möchte manchmal wirklich nur noch in die Rolle von Zaid schlüpfen und ihm eine Antwort geben auf seine Frage: “Ich töte, weil es mir Spaß macht, Jürgen.” Wer sich mit dem Inhalt des Buches auseinandersetzen möchte, kann es hier tun: Warum schreiben sie die Unwahrheit, Herr Todenhöfer? Tja, offenbar war JT nicht mal in den angegebenen Orten, in dem sein Buch spielt.
Seine zehn Thesen sind unbestritten ein Meisterwerk gutmenschlicher Rhetorik. Immerhin gibt JT gibt zu, dass es nur Thesen sind und nicht etwa Fakten. Und da jede These eine Antithese hat, dachte ich mir, ich “kümmere” mich um eben diese.
These 2, These 3, These 4, These 5, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10
Bleibt nur noch die Frage: Warum sich über jemanden lustig machen, der eigentlich nur Gutes erreichen will und mir nichts getan hat? Ganz einfach: Weil ich es kann, weil es mir Spaß macht und weil er ein Idiot ist. Man muss Schwachsinn auch mal als solchen bezeichnen. So, los geht’s
These 1: Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.
In der Gegenwartsform beginnen und dann mit dem Kolonialismus fortfahren? Na, da können wir uns ja auf einiges gefasst machen…
In seinem 1835 erschienen Hauptwerk Über die Demokratie in Amerika stellte Tocqueville die für jene Zeit bezeichnende Frage: „Hat man beim Anblick der Vorgänge in der Welt nicht den Eindruck, dass der Europäer für die Menschen anderer Rassen das ist, was der Mensch für die Tiere bedeutet? Er macht sie seinem Dienst untertan, und wenn er sie nicht mehr unterjochen kann, vernichtet er sie.“ Für den liberalen Denker gab es konsequenterweise “keinen Grund, die muslimischen Subjekte so zu behandeln, als wären sie uns gleich“.
Ähm, ok… Soll das also heißen, die Europäer sind schon seit über 200 Jahren islamophobe Rassisten sind und die Muslime immer nur Opfer westlicher Barbarei, JT? Offenbar schon: Denn aufgepasst, jetzt beschreibt er ausführlich die Massaker, die die Europäer an den Muslimen begangen haben- und das ist alles andere als leicht verträglich:
Nicht anders hat der Westen die muslimische Welt während der letzten zweihundert Jahre behandelt. Arabische Familien wurden in der Kolonialzeit wie „Hyänen, Schakale und räudige Füchse“ gejagt. Die Strategie, mit der die Kolonialherren im 19. Jahrhundert den Widerstand gegen ihre „Zivilisierungsmission“ brechen wollten, hieß: „ruinieren, jagen, terrorisieren“ (Olivier Le Cour Grandmaison). In Algerien wurden mehrfach ganze Stämme, die sich in Höhlen geflüchtet hatten, „ausgeräuchert“ („Enfumades“). Der französische Oberst Lucien-François de Montagnac schrieb 1842 in einem Brief aus Algerien: „Wir töten, wir erwürgen. Die Schreie der Verzweifelten, der Sterbenden mischen sich mit dem Lärm des brüllenden, blökenden Viehs. Ihr fragt mich, was wir mit den Frauen machen. Nun, wir behalten einige als Geiseln, andere tauschen wir gegen Pferde, der Rest wird wie Vieh versteigert.“ Um seine dunklen Gedanken zu vertreiben, lasse er manchmal einfach „Köpfe abschneiden. Keine Artischockenköpfe, Menschenköpfe.“
Louis de Baudicour, französischer Schriftsteller und Kolonist in Algerien, schilderte eine der vielen Schlächtereien: „Hier schnitt ein Soldat aus Spaß einer Frau die Brust ab, dort nahm ein anderer ein Kind an den Beinen und zerschmetterte seinen Schädel an einer Mauer.“ Victor Hugo berichtet von Soldaten, die sich gegenseitig Kinder zuwarfen, um sie mit der Spitze ihrer Bajonette aufzufangen. Für in Salz eingelegte Ohren gab es hundert Sous. Abgeschnittene Köpfe wurden noch höher prämiert. Arabische Gebeine wurden zeitweise zu Tierkohle verarbeitet (Oliver Le Cour Grandmaison).
… und weiter geht’s…:
Napoleon III. sah trotzdem die Hand Gottes am Werk: „Frankreich ist die Herrin Algeriens, weil Gott dies gewollt hat.“ Die Algerier sahen das anders. Aber sie mussten für ihre Freiheit einen hohen Blutzoll zahlen. Allein im Unabhängigkeitskrieg zwischen 1954 und 1962 wurden achttausend algerische Dörfer von der französischen Luftwaffe durch Napalmbomben zerstört. Auch vonseiten des FLN, des algerischen Front de Libération National, gab es grauenvolle Akte des Terrors. Albert Camus hat zu Recht darauf hingewiesen. Aber zahlenmäßig stehen sie in keinem Verhältnis zu den Gewalttaten der Kolonialisten. Insgesamt töteten diese während ihrer 130 Jahre dauernden `Zivilisierungsmission´ nach algerischen Angaben weit über zwei Millionen Algerier. Französische Schätzungen gehen von über einer Million getöteten Algeriern und hunderttausend getöteten Franzosen aus.
Den von Großbritannien kolonisierten Irakern erging es nicht wesentlich besser. Winston Churchill warf ihnen wegen ihres Aufstands gegen die britische Unterdrückung im Jahr 1920 „Undankbarkeit“ vor und setzte chemische Waffen ein – „mit ausgezeichneter moralischer Wirkung“, wie er anmerkte. „Bomber Harris“, der geistige Vater des „moral bombing“, erklärte nach einem Luftangriff stolz: „Die Araber und Kurden wissen jetzt, was eine richtige Bombardierung ist. In 45 Minuten fegen wir ein ganzes Dorf weg.“ Bombenangriffe galten im Irak auch als effektive Methode zum Eintreiben von Steuern. Der Royal-Air-Force-Offizier Lionel Charlton quittierte 1924 erschüttert seinen Dienst, nachdem er in einem Krankenhaus die verstümmelten Opfer gesehen hatte. Er ahnte nicht, dass sein Land achtzig Jahre später den Irak erneut bombardieren würde.
In Libyen warfen die italienischen Kolonialisten Fässer mit Phosgen- und Senfgas auf Aufständische und Zivilbevölkerung. Stammesführer wurden in Flugzeuge gepackt und aus schwindelnder Höhe abgeworfen. Über hunderttausend Zivilisten wurden in Wüstenlager deportiert, die Hälfte ging kläglich zugrunde. Libysche Mädchen wurden für die Kolonialtruppen als Sexsklavinnen gehalten. Auch die Spanier setzten während der Kabylenaufstände in Marokko chemische Waffen ein. Die Folgen waren grauenvoll.
Als Vorbild für die Behandlung der Araber galt die Ausrottungsstrategie gegenüber den Indianern Amerikas. Der rassistisch-zivilisatorische Überlegenheitswahn jener Zeit kannte keine Grenzen. Gustave Le Bon, Begründer der Massenpsychologie und Kämpfer gegen den „Gleichheits-Aberglauben“, teilte die Menschen in vier Klassen ein: Die australische und amerikanische Urbevölkerung galten als „primitive Rasse“, die „Neger“ als „niedere“, die Araber und Chinesen als „mittlere“ und die Indoeuropäer als „höhere Rasse“.
Das ist JT in seiner Natur. Er könnte ganze Bücherregale zum Thema “Tote Drittweltler durch weiße Kolonisten” füllen. Er könnte sich sicher auch lange mit diesem Forschungsfeld beschäftigen: Weißsein.
Dass in der Kolonialzeit die Europäer sehr viel Unheil über die Welt gebracht haben, ist unbestritten. Die Verbrechen der Europäer an den Indianern z.B. waren viel umfangreicher und brutaler als die an den Arabern. Dennoch würde ich nicht auf die Idee kommen, aktuelle Verbrechen der Indianer mit dem Kolonialismus zu begründen. Wenn es einen indianischen Saddam, Gaddafi, al-Qaida oder Taliban gäbe, würde ich nicht den Weißen die Schuld geben, da diese es waren, die die Indianer jahrhundertelang unterdrückt haben. Genau das tut aber JT ziemlich unverblümt, wie man auch während der anderen Thesen feststellen wird.
Die Europäer waren nicht die einzigen, die Kolonialismus betrieben. Die Ägypter, Babylonier, Griechen, Römer, Perser, Chinesen, Japaner, Mongolen, Azteken oder Inkas- alle sie hatten “rassistisch-zivilisatorischen Überlegenheitswahn”. Und ja, auch die Muslime waren regelrechte Meister des Kolonialismus. Mit Ausnahme der westlichen Gesellschaften, dessen muslimische Bevölkerung durch Immigration entstand, sind alle Regionen, in denen es einen nennenswerten Anteil von Muslimen in der Bevölkerung gibt, von muslimischen Truppen besucht worden. Ob in Indien, West- und Ostafrika, Zentralasien, Russland, der Balkan, die Türkei, Indonesien und einen Teil des westlichen Chinas. Millionen Zivilisten sind dabei getötet worden. Auch in Spanien und Italien waren die Muslime jahrhundertelang präsent. Die einzigen Gebiete, die von den Muslimen unbesucht blieben, waren die unentdeckten Gebiete in Amerika und dem australisch-pazifischen Raum.
Der Westen fällt nur deshalb aus der Reihe, weil er mit Ausnahme Japans wirklich einmal den gesamten Globus beherrschte, ob durch Kolonien in Afrika und Südasien oder durch imperialistischen Einfluss in Ostasien und im Nahen Osten. Die Muslime waren nicht die einzigen, die unter dem westlichen Kolonialismus gelitten haben, die Afrikaner und die Inder wurden auch unterdrückt. Aber die Muslime sind die einzigen, die bis heute den Kolonialismus als Ausrede für ihre Rückständigkeit nutzen. Und das, obwohl es den Arabern im Vergleich zu den Afrikanern, Indern und vor allem den Ureinwohnern Amerikas und Australiens weniger schlimm erging. Das Osmanische Reich wurde nicht kolonisiert, Persien wurde nicht kolonisiert, Saudi-Arabien war nie eine Kolonie. Aber JT interessiert das genauso wenig wie die Hunderttausenden Opfer muslimischer Gewalt, ob die Völkermorde an den Armeniern, Griechen, Assyrier, Aramäer, Chaldäer oder der jahrhundertelange Sklavenhandel von arabischen Händlern in Ostafrika (siehe dazu auch These 4).
Was in Algerien oder Libyen passiert ist, ist durch nichts zu rechtfertigen, da gibt es natürlich keine zwei Meinungen. Dennoch stellt sich die Frage, wieso es JT für wichtig hält, diese Verbrechen aufzufrischen um damit die These zu stellen, der Westen sei gewalttätiger als die muslimische Welt. Denn dann müsste er investigativ auch die Verbrechen der anderen Seite, der Muslime, erwähnen.
Nun geht es auch mal um wirklich aktuelle Themen. JT schreibt nämlich weiter:
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Westen die Araber oft als Untermenschen „auf der Stufe eines höheren Affen“ behandelt (Jean-Paul Sartre). Dies gilt für die Entkolonisierungskriege, für die Interventionen zur Sicherung der Rohstoffwege, für die Palästinafrage wie für die von den USA und Großbritannien erzwungenen Irak-Sanktionen. Allein durch diese laut Vatikan „perversen“ Strafmaßnahmen gegen den Irak starben nach UNICEF-Angaben über 1,5 Millionen Zivilisten, darunter rund 500 000 Kinder.
Die Araber haben sich vor allem selbst als Untermenschen behandelt: Die 1 Million Tote durch die Sadam-Diktatur und den iranisch-irakische Krieg, die 100.000 Tote durch den algerischen Bürgerkrieg, die blutige Taliban-Herrschaft in Afghanistan, das Massaker in Hama mit 20-30.000 Toten und die ständigen Selbstmordattentate in der Region, die jedes Jahr etwa 9.000 Todesopfer fordern. Auch bei der Besatzung des Afghanistans und des Irak starben die meisten Zivilisten durch Terroristen, siehe hier: 76% aller 2.777 Zivilisten, die im Jahr 2010 in Afghanistan getötet, wurden von den Taliban getötet.
Aber was war mit den Sanktionen gegen den Irak? Die UNICEF-Zahlen, die JT hier eingibt (500.000 Tote durch erhöhte Kindersterblichkeit während der Sanktionen gegen den Irak), sind höchst fragwürdig. Es gibt zwar Quellen von UNICEF, die solche Zahlen angeben, wie diese:
“Ms. Bellamy noted that if the substantial reduction in child mortality throughout Iraq during the 1980s had continued through the 1990s, there would have been half a million fewer deaths of children under-five in the country as a whole during the eight year period 1991 to 1998…”Even if not all suffering in Iraq can be imputed to external factors, especially sanctions, the Iraqi people would not be undergoing such deprivations in the absence of the prolonged measures imposed by the Security Council and the effects of war.”
Doch einerseits stellt sich die Frage, inwiefern man dem Westen dafür die Schuld geben kann, da es ja trotz Sanktionen während dieser Zeit etliche Paläste für Saddam gebaut wurden und andererseits der Westen ab 1996 mit dem “Oil-for-food-programme” versuchte, der Zivilbevölkerung zu helfen, was jedoch in einem Sumpf von Korruption endete.
Dennis Halladay, ein erbitterter Gegner der Sanktionen, schätzte die Zahl der unter-5-jährigen Kinder, die aufgrund der Sanktionen starben, auf 239.000 (siehe hier), das Buch “The Wages of War” von 2003 gibt die Zahl von 170.000 an (siehe hier), Richard Garfield geht von 100-227.000 aus (siehe hier). Es ist vor allem schwierig, die Kindersterblichkeitsrate vor 1990 genau festzustellen.
Einem Artikel der Newsday zufolge, dessen Original leider nicht mehr verfügbar ist, sagten irakische Ärzte, dass es nicht die Sanktionen, sondern Saddam war, der die Hunderttausenden Toten zu verantworten hatte:
“Under the sanctions regime, “We had the ability to get all the drugs we needed,” said Ibn Al-Baladi’s chief resident, Dr. Hussein Shihab. “Instead of that, Saddam Hussein spent all the money on his military force and put all the fault on the USA. Yes, of course the sanctions hurt – but not too much, because we are a rich country and we have the ability to get everything we can by money. But instead, he spent it on his palaces.” (Doctors say hussein, not UN sanctions, caused deaths)
Ein weiterer informativer Artikel über die “Politik der toten Kinder” findet man hier.
Während dieser Zeit gab es auch andere Folgen für die Zivilbevölkerung, so sank das Durchschnittseinkommen und die Alphabetisierungsrate, siehe hier. Die Sanktionen wurden am 15.Dezember 2010 weitgehend aufgehoben.
Der aktuelle Irakkrieg zeigt ebenfalls eine atemberaubende Missachtung der muslimischen Welt. Schon beim Einmarsch der US-geführten Truppen wurden tausende Zivilisten getötet. Unzählige wurden – zum Teil durch uranverseuchte Munition – zu Krüppeln gebombt. Eine in der Medizinfachzeitschrift „Lancet“ veröffentliche Studie unabhängiger amerikanischer und irakischer Ärzte, geht von über 600 000 Irakern aus, die bis Juni 2006 durch das von den Besatzungstruppen angerichtete Kriegschaos ihr Leben verloren. Danach wurden 31 Prozent unmittelbar von den US-geführten Koalitionstruppen getötet, 24 Prozent durch konfessionelle Gewalt und Selbstmordattentate. Bei 45 Prozent der Toten waren die Täter unbekannt; laut Lancet weist die hohe Zahl der Schusstoten jedoch auch hier „auf eine direkte Beteiligung des US-Militärs“ hin.
Eine Untersuchung des unabhängigen britischen Forschungsinstituts ORB vom Herbst 2007 kommt auf inzwischen über eine Million getötete und etwa genauso viele verwundete Iraker. In Bagdad hat fast jeder zweite Haushalt ein Mitglied verloren. Saddam Hussein hatte in den dreiundzwanzig Jahren seiner Herrschaft laut „Human Rights Watch“ den Tod von 290 000 irakischen Zivilisten zu verantworten.
Seit Herbst 2007 ist die Zahl der Toten im Irak erfreulicherweise zurückgegangen. Trotzdem sterben nach vorsichtigen Schätzungen von Experten jeden Monat noch immer 6.000 irakische Zivilisten im Chaos des Krieges. Das sind doppelt so viel Menschen, wie am 11. September 2001 im World Trade Center. Der Bevölkerung geht es heute schlechter als unter Saddam (Kofi Annan). Es dürfte nicht viele Iraker geben, die sagen: „Großartig, unser Land ist zerstört, über eine Million Mitbürger sind tot, viereinhalb Millionen sind auf der Flucht, die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, es gibt kaum Strom, Wasser und Medikamente, Arbeitslosigkeit und Inflation sind auf über 50 Prozent gestiegen, auf die Straße kann man kaum noch – aber es hat sich gelohnt, Saddam ist weg.“
Man kann natürlich nicht leugnen, dass es nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak zu tausenden zivilen Todesopfern gekommen ist. Aber die Zahlen, die JT hier angibt, sind mal wieder so glaubwürdig wie die von Comical Ali. Nehmen wir mal die Wikileaks-Dokumente als Quelle. Die Todeszahlen liegen den Wikileaks-Enthüllungen nach bei 109.000, davon 66.000 Zivilsten, 15.000 irakische Sicherheitskräfte, 24.000 “Aufständische” (also Terroristen) und 3.700 ausländische Soldaten. Das ist natürlich immer noch eine immens hohe Zahl, aber bei weitem nicht die Dimension, die JT angibt.
Eine gute Analyse zu den Todesopfern während des Irakkriegs findet man hier, oder auch hier: Iraq Body Count.
Unter Saddams Herrschaft starben auch nicht 290.000 Menschen, wie es JT angibt, sondern etwa 1 Million. Für eine ausführliche Erläuterung der Zahlen siehe diesen Beitrag von der “Gesellschaft für bedrohte Völker”. Die Quelle, die JT erwähnt, Human Rights Watch, besagt, dass während der letzten beiden Dekaden 290.000 irakische Bürger “verschwunden” sind. Es findet sich aber kein Wort über die Opfer des Ersten Golfkriegs, bei denen wohl 600.000 iranische Soldaten getötet wurden. Während der Anfal-Operation im Jahre 1988 starben zwischen 100-300.000 Kurden, kurdische Quellen geben die Zahl von 182.000 an, während des Schiiten-Aufstands im Jahre 1991 starben 60-100.000 Menschen.
Unter Saddam starben 1 Million Menschen, für JT aber lediglich 290.000. Während des Irakkriegs starben 109.000, davon mindestens 70% durch die Hände von Terroristen, für JT aber 1 Million- natürlich hauptsächlich durch die amerikanischen Imperialisten. Das ist für JT “investigativer Journalismus”.
In seine “Analysen” befindet sich nur ein Satz zu den Opfern der Saddam-Diktatur, aber sehr viel Blödsinn über die Sanktionen oder den Irakkrieg. Offenbar ist sein Interesse dafür begrenzt. Genauso wenig wie dafür, dass während die USA Saddams Diktatur beendeten, arabischen Reitermilizen, die “Dschandschaweed”, in Darfur 200.000 Menschen umbrachten. Na ja, man kann sich nicht um alles kümmern.
Nicht ein einziges Mal in den letzten zweihundert Jahren hat ein muslimisches Land den Westen angegriffen. Die europäischen Großmächte und die USA waren immer Aggressoren, nie Angegriffene. Seit Beginn der Kolonialisierung wurden Millionen arabische Zivilisten getötet. Der Westen führt in der traurigen Bilanz des Tötens mit weit über 10 : 1. Die aktuelle Diskussion über die angebliche Gewalttätigkeit der muslimischen Welt stellt die historischen Fakten völlig auf den Kopf. Der Westen war und ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder ist das Problem unserer Zeit.
Es gab in den letzten 60 Jahren drei militärische Interventionen des Westens im Nahen Osten: 1991 und 2003 gegen den Irak und 2001 gegen Afghanistan. Wenn man die sowjetische Invasion im Jahre 1979 mitzählt, wären es vier. Ich könnte mich jetzt auf JT‘s Niveau herunter begeben und die muslimischen “Interventionen” von 641 bis 1923 nachzählen und sie mit den westlichen Interventionen vergleichen, aber das habe ich nicht nötig.
Auch vergisst JT zu erwähnen, dass es nur deswegen keine muslimischen Interventionen in westliche Länder in den letzten 80 Jahren gab, weil die muslimischen Länder militärisch nicht in der Lage gewesen wären, sie durchzuführen. Dennoch gab es die 3.000 Toten vom 11.September, die Toten in Madrid und zahlreiche andere “kleine” Anschläge. In Afghanistan starben im Jahre 2010 die meisten Zivilisten seit Beginn des Krieges im Jahre 2001, nämlich 2.777 (76% durch die Hände der Taliban), das sind aber immer noch weniger als die Opferzahlen vom 11.September. Hat JT schon mal darüber nachgedacht? Oder ist er zu sehr damit beschäftigt, diesen fürchterlichen Massenmord mit seinen fingierten Zahlen vom Irak herunterzuspielen?
Zu seinem 10:1-Verhältnis habe ich in Teil 4 noch was geschrieben.
Wer den muslimischen Extremismus verstehen will, muss versuchen, die Welt wenigstens einmal aus der Sicht eines Muslims zu betrachten. Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt. Ein junger Muslim, der Fernsehnachrichten verfolgt, sieht Tag für Tag, wie im Irak, in Afghanistan, in Palästina, im Libanon, in Somalia und anderswo muslimische Frauen, Kinder und Männer durch westliche Waffen, westliche Verbündete und westliche Soldaten sterben.
Wie bitte? Der muslimische Extremismus entsteht dadurch, dass im Irak, Afghanistan, Palästina, Libanon und Somalia ständig durch “westliche” was-auch-immer muslimische Frauen, Kinder und Männer getötet werden? Nein, diese Frauen, Kinder und Männer werden selbst von muslimischen Extremisten getötet, JT! Im Irak von der al-Qaida und ihren Ablegern, in Afghanistan von den Taliban, in Libanon kostete der Bürgerkrieg deutlich mehr Opfer als jede westliche Intervention, in Somalia trägt der Westen nun wahrlich keine Schuld an dem Chaos, der nach dem Beginn des Bürgerkriegs 1991 entstand und auch bei den Palästinensern ist es historisch gesehen so, dass die meisten von ihnen durch ihre eigenen arabischen Nachbarn getötet wurden und nicht durch die Israelis. Vor allem geht es ihnen aber jetzt immer noch viel schlechter in Libanon, Jordanien, Ägypten usw. als in den israelisch kontrollierten Gebieten.
Und nur so mal am Rande: Saddam wurde nicht von den USA, sondern von der UdSSR, Frankreich und China aufgerüstet. 57% von Saddams Waffen stammten aus der UdSSR, 13% aus Frankreich, 12% aus China. Weniger als 1% kamen aus den USA.
Es ist zynisch, wenn westliche Geistesgrößen mit sorgenvoller Miene fragen, wie es denn zum Niedergang der einst „militärisch, ökonomisch und kulturell weit überlegenen arabischen Zivilisation“ kommen konnte (Hans Magnus Enzensberger). Der Westen hat dazu entscheidend beigetragen. Er hat bei seinem Rückzug aus den Kolonien ausgeplünderte und ausgeblutete Länder zurückgelassen. Zu Beginn der Kolonialisierung im Jahr 1830 war die Alphabetisierungsquote Algeriens mit 40 Prozent höher als die Frankreichs und Englands. 1962, beim Abzug der französischen Besatzungstruppen, lag sie unter 20 Prozent. Der Kolonialismus hat der arabischen Welt weit über hundert Jahre Entwicklung gestohlen. Resigniert stellte Tocqueville siebzehn Jahre nach der Eroberung Algeriens durch Frankreich fest: „Die Lichter sind erloschen. Wir haben die muslimische Gesellschaft ärmer, unwissender und unmenschlicher gemacht.”
Der Westen hat dazu beigetragen. Aber: Waren es die Europäer oder die Amerikaner, die die Scharia erfunden haben, JT? Die arabischen Länder sind für ihre mangelnden Bürgerrechte immer noch selbst schuld. Glaubt er wirklich, dass, wenn es keinen Kolonialismus gegeben hätte, es auch die aktuellen Probleme wie z.B. den Terrorismus und die Frauenfeindlichkeit nicht gäbe? Es ist eher so, dass in den Gebieten, die am meisten unter westlichem Einfluss standen, es auch die am höchsten entwickelten Bürgerrechte und die wenigsten Terroristen gibt, wie z.B. die Türkei oder Tunesien.
Der Westen hat auch zum Niedergang Chinas, Indiens, Mexikos, Brasiliens, ganz Afrikas und sogar einiger Teile Europas beigetragen. Doch in keinem dieser Gebiete hat JT die Lage analysiert und die Schuld des Westens erforscht. Warum nur, JT? Hat der Westen nicht auch China, Indien, Lateinamerika, Afrika usw. unterdrückt? Könnte JT’s Desinteresse daran liegen, dass die proportionale Verbreitung von Selbstmordattentätern, kleptokratischen Diktaturen und ethnischen Säuberungen aktuell im Nahen Osten höher ist als in diesen Gebieten?
Teil 2 folgt bald…
