Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 6

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die sechste These von Todenhöfer.

These 1, These 2, These 3, These 4, These 5, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10

These 6: Die westliche Politik gegenüber der muslimischen Welt leidet unter einer schrecklichen Ignoranz einfachster Fakten.

Einer der Lieblingssätze westlicher Stammtischstrategen lautet: „Wer den Ruf des Muezzins in unseren Städten verlangt, sollte auch in Teheran das Glockenläuten zulassen.“ Die Realität jedoch ist: In Teheran läuten die Glocken von 34 Kirchen, und christliche Kinder haben ihren eigenen Religionsunterricht. In Teheran existieren sieben Synagogen, rund 4000 jüdische Kinder besuchen jüdische Schulen. Es gibt sechs koschere Metzger, zwei koschere Restaurants und ein jüdisches Krankenhaus, dem kürzlich sogar Irans Zündler Mahmud Ahmadinedschad Geld spendete.

Den 25 000 Juden steht verfassungsrechtlich ein Parlamentssitz zu, ähnlich wie den Christen. Selbst Ayatollah Khomeini verfasste 1979 kurz nach der Revolution eine „Fatwa“ zum Schutz der Juden. An vielen iranischen Synagogen stehen seine Worte: „Wir achten die religiösen Minderheiten, die Teil unseres Volkes sind. Der Islam erlaubt nicht, sie zu unterdrücken.“

Die Beziehungen zwischen Juden und Persern sind seit Urzeiten gut. Es war ein persischer König, Kyros der Große, der 538 v. Chr. die Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft befreite. Die Bibel nennt ihn den „geliebten Hirten und Gesalbten Gottes“. Juden und Christen haben als „Schutzbefohlene“ im Iran zwar nicht die gleichen politischen Rechte und Pflichten wie Muslime. Aber gewähren wir den Muslimen im Alltag Europas die gleichen Rechte wie Christen und Juden? Gewährt Israel seinen arabischen Mitbürgern in der täglichen Praxis wirklich die gleichen Rechte wie seinen jüdischen Bürgern?

Dieser Absatz behandelt nur die Situation im Iran. Hat sich Todenhöfer aber die Mühe gemacht, die Situation von Christen und Juden in den anderen muslimischen Ländern zu analysieren? Na gut, das wäre aber auch etwas schwerer gewesen, wenn man bedenkt dass es seit 1948 fast keine Juden mehr im Nahen Osten gibt, da als Reaktion auf die Gründung Israels 840.000 Juden gewaltsam vertrieben wurden. Man kann ja nicht etwas tolerieren, was nicht mehr da ist …

Die Christen im Nahen Osten werden massiv unterdrückt. Am schlimmsten ist es in Saudi-Arabien, wo es nicht mal erlaubt ist, eine Bibel zu besitzen oder eine Kirche zu bauen. Im Irak sind seit Beginn der Besatzung im Jahre 2003 mehr als die Hälfte der Christen ausgewandert, da sie immer öfter zum Ziel von terroristischen Anschlägen werden. In Ägypten häufen sich Fälle von Entführungen und Zwangsverheiratungen von jungen Christinnen, in den letzten Wochen seit dem Sturz des Präsidenten Mubaraks gab es auch öfters Anschläge auf Christen. In Nigeria sind Massaker an Christen seit Jahren nichts Besonderes mehr. In der Heimatstadt Jesu, Bethlehem, ist der christliche Bevölkerungsanteil in den letzten 20 Jahren von 60% auf 15% gesunken, die meisten Christen sind geflohen, da sie die Diskriminierungen seitens der palästinensischen Muslime nicht mehr ertragen konnten. In der Türkei werden Christen juristisch benachteiligt, es gab in den letzten Jahren einige Morde an katholischen Priestern. In Pakistan gab es ebenfalls Anschläge auf Kirchen, die christliche Bevölkerung muss außerdem aufgrund eines “Blasphemiegesetzes” fürchten, wegen geäußerter Kritik am Islam mit dem Tode bestraft zu werden. Und: In so gut wie keinem muslimischen Land ist es erlaubt, Missionierung zu betreiben oder zu einer anderen Religion zu konvertieren. Das ist die Realität, die Todenhöfer so oft und gerne verzerrt.

Und zu der Situation im Iran: In dem theokratischen Mullah-Staat ist die am stärksten diskriminierte Minderheit die rund 300.000 im Land lebenden Baha’i, bezeichnenderweise auch die größte religiöse Minderheit. Sie werden systematisch verfolgt.

Aber auch den Juden geht es bei weitem nicht so gut, wie es Todenhöfer darstellt – oder besser gesagt, wie er es so gerne hätte. Viele Juden wurden als Kollaborateure Israels betrachtet und verhaftet, ihre Bevölkerung nahm von etwa 80-100.000 auf heute 25.000 ab. Die im Land verbliebenen Juden bekundeten daraufhin ihre Loyalität zu Khomeini – aber nur zu ihrem eigenen Schutz, denn dieser hatte zuvor ständig antisemitische und antizionistische Rhetorik benutzt. Heute ist es so, dass man sich als Jude im Iran an eine eiserne Regel festhalten muss, und zwar: Niemals Solidarität mit Israel zeigen. Sie haben sich damit abgefunden und wie in folgendem Video dargestellt, sind viele iranische Juden sogar außerordentlich “israelkritisch” eingestellt und finden nur lobende Worte an den Ayatollah.

Doch am Ende werden iranische Bürger befragt, die eine realistischere Sicht der Dinge geben und sagen, dass Juden in ihrem Land als “Menschen zweiter Klasse” behandelt werden. Sie haben eine tausende Jahre lange Verbindung zum Iran und verkennen wohl deshalb etwas den Ernst der Situation. Denn in einem Land, dessen Präsident zur Vernichtung Israels aufruft und den Holocaust leugnet, ist klar, dass es Juden eines Tages deutlich schlechter gehen könnte als es jetzt der Fall ist.

Auch Christen werden im Iran unterdrückt. Missionierung ist verboten, auf Übertritt vom Islam zum Christentum steht die Todesstrafe und Messen dürfen nur in Persisch abgehalten werden (viele Christen, die sich nicht daran halten, werden verhaftet, misshandelt und angeklagt). Oft werden Bibeln verbrannt.

Zu allem Überfluss stellt Todenhöfer, als er kurz die Diskriminierung von Christen und Juden im Iran anspricht, die absurde Frage: “Aber gewähren wir den Muslimen im Alltag Europas die gleichen Rechte wie Christen und Juden? Als gäbe es irgendein Land in Europa, in dem religiöse Minderheiten systematisch verfolgt werden. Zusammengefasst: Wer die Diskriminierung von Minderheiten im Iran mit Europa und Israel vergleicht, hat so viel Ahnung vom Nahen Osten wie die griechische Regierung von erfolgreichem Schuldenabbau.

Es gibt in der Tat jene bösartigen „antizionistischen“, antiisraelischen Äußerungen Ahmadinedschads. In der iranischen Bevölkerung hat diese aggressive Position, die reich an politischer Torheit und arm an geschichtlicher Einsicht ist, jedoch kaum Rückhalt. Selbst die geistliche Führung des Iran hat Ahmadinedschad mehrfach dafür gerügt. Allerdings ist dieser törichte Antizionismus nicht gleichbedeutend mit Judenhass und Antisemitismus. Auch orthodoxe Juden, wie etwa die chassidischen Satmar, lehnen einen israelischen Staat „vor Ankunft des Messias“ ab und nehmen damit eine „antizionistische“ Position ein.

Dass die iranische Bevölkerung anders denkt als ihre Regierung, ist spätestens seit 2009 kein Geheimnis mehr. Aber was spielt das bei der Politik der iranischen Regierung für eine Rolle? Sie handeln doch nicht im Namen des Volkes.

Antizionismus ist nicht gleichbedeutend mit Judenhass? Nun, wenn man die Vernichtung Israels und die Leugnung des Holocausts als “Antisemitismus” bezeichnet, dann ist Achmedinedschad für diese Klassifizierung perfekt geeignet, da beißt die Maus kein Faden ab. Hier sind einige Aussagen von ihm (ich habe den “umstrittenen” von-der-Landkarte-tilgen-Spruch weggelassen):

“Das iranische Volk und andere Völker werden nicht eher ruhen, bis das gesamte palästinensische Territorium befreit ist.”

“Ihr habt sie unterdrückt, also gebt dem zionistischen Regime einen Teil Europas, damit sie dort die Regierung einsetzen, die sie wollen. Wir würden das unterstützen … Deutschland und Österreich sollten “eine, zwei oder egal wie viele ihrer Provinzen” abgeben, damit dort der jüdische Staat entstehen könne.” (Quelle)

“Kanada und Alaska haben derart große Landschaften, warum können die Israelis nicht einfach dorthin umgesetzt werden und sich dort mit den jährlichen Zuwendungen von 30 bis 40 Milliarden Dollar eine neue Existenz aufbauen.”(Quelle)

„Wie ein Krebsgeschwür, das sich im Körper ausbreitet, infiziert dieses Regime jede Region … Es muss aus dem Körper entfernt werden.“ (Quelle)

Dazu braucht man wohl nichts mehr zu sagen:

Vielleicht interessiert sie auch diese Aussage:

“… Sixty years ago, they [i.e. the West] gathered the filthiest and greatest of criminals, who [only] appear to be human [i.e. the Jews] from all the corners of the earth, organized and armed them – on artificial and false pretexts, fabricating information and inventing stories [hinting at the Holocaust]. They gave [the Jews] propaganda and military backing so that they would occupy the lands of Palestine and uproot the Palestinian nation” (Quelle) Noch Fragen?

Ist Achmedinedschads Antisemitismus für sie weiterhin nur ein “Übersetzungsfehler”?

Auch bezüglich des Holocausts ist Achmedinedschad nicht zimperlich – im Jahr 2006 organisierte er eine “Holocaustkonferenz“, in dem Islamisten, Rechtsextreme und Antizionisten (ja, Antizionisten!) die “offizielle Version” des Holocausts “überprüfen” und über das Existenzrecht Israels “diskutieren” wollten. Nicht nur Achmedinedschad fällt durch solche Aktionen auf. Im Jahre 2007 sorgte der iranische Atom-Chefunterhändler Ali Laridschani für ein Eklat, in dem er den Holocaust als “offene Frage” bezeichnete. Zwei Jahre später nahm er erneut ähnliche Positionen ein.

In verschiedenen Programmen der staatlichen Sendeanstalt IRIB wird permanent der Holocaust geleugnet. Am 5. Mai 2010 strahlte das dem IRIB gehörende Al-Alam-TV eine Sendung aus, in der die Existenz von Gaskammern im Nationalsozialismus geleugnet wurde. Auf die Frage eines Interviewers, ob der Holocaust überhaupt stattgefunden habe, antwortet ein jordanischer Intellektueller Ali Hatar, dass „bis heute kein Beweis für die Existenz des Holocaust geliefert worden sei.” Hatar meint, dass „historische Revisionisten daran gehindert worden sind den Holocaust zu erforschen.” Er äußerte auch die Überzeugung, dass in den Konzentrationslagern niemand ermordet worden sei und bezieht sich dabei auf einen Bericht des internationalen Roten Kreuzes aus dem Jahr 1949 (siehe dazu hier und hier ein Video von dieser Sendung).

Todenhöfers größte Lüge ist aber wohl der Satz: “Selbst die geistliche Führung des Iran hat Ahmadinedschad mehrfach dafür gerügt“. Die geistige Führung des Iran ist in Wirklichkeit ebenfalls permanent damit beschäftigt, gegen Juden und Israel zu hetzen. Der Revolutionsführer Ayatollah Chamenei nannte Israel einen “Krebsgeschwür”, das die Politik der westlichen Welt manipuliere und das Leben in der islamischen Welt “wie ein Tumor auffresse”. Ein Jahr später wiederholte er die Aussage und sagte, er wolle diesen Krebsgeschwür “herausschneiden”. Solche Aussagen sind überhaupt nichts Seltenes von der iranischen Führung.

Die Trickkiste mit Argumenten, mit dem muslimischer Antisemitismus verharmlost wird, beherrscht Todenhöfer perfekt. So versucht er auch, jüdische Kronzeugen zu finden: “Auch orthodoxe Juden, wie etwa die chassidischen Satmar, lehnen einen israelischen Staat „vor Ankunft des Messias“ ab und nehmen damit eine „antizionistische“ Position ein.” Weil es also auch Juden gibt, die antizionistisch sind und die Existenz Israels ablehnen, kann Achmedinedschad kein Antisemit sein? Was ist dann mit Moishe Friedman, einem militanten, jüdischen Antizionisten und Holocaustleugner? Können Holocaustleugner dann auch keine Antisemiten sein? Fehlt nur noch die Behauptung, dass Araber keine Antisemiten sein können, da sie ja selber Semiten sind. Die Wahrheit ist: Egal ob bei Christen, Muslimen oder Juden, Antizionismus und Antisemitismus sind dasselbe.

Wirklichen Antisemitismus und staatliche Judenverfolgung wie in Europa hat es im Iran und in anderen muslimischen Staaten nie gegeben. Während der Nazi-Zeit flohen viele europäische Juden über den Iran in die Freiheit. Die Juden im Iran sind angesehene Mitbürger. Der jüdische Direktor des jüdischen Krankenhauses von Teheran, Ciamak Morsathegh, brachte es auf eine für Europa peinliche Formel: „Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Phänomen.“

Das ist keine Entschuldigung für die schlimmen Provokationen Ahmadinedschads, der mit außenpolitischem Getöse versucht, von seinem innenpolitischen Versagen abzulenken. Das konservative iranische Blatt Jomhuri-ye Eslami warf ihm im Februar 2007 zu Recht vor, sein Ton sei „so widerwärtig, dass die internationale Öffentlichkeit völlig unnötig den Eindruck von Feindseligkeit gewinnt“. Er solle endlich mit „seiner Phrasendrescherei und seinen Pöbeleien“ aufhören. Auch die für das repressive iranische System verantwortlichen Mullahs sind bei der iranischen Jugend äußerst unbeliebt. Sie werden nur noch als lästige Fortschrittsbremse, als Relikt der Vergangenheit empfunden. Das revolutionäre religiöse Feuer der späten siebziger und frühen achtziger Jahre ist längst erloschen. Die Zeit der Mullahs und der Ahmadinedschads läuft ab.

“Wirklichen Antisemitismus” hat es im Iran und anderen muslimschen Staaten “nie” gegeben? Ist der Wunsch nach der Vernichtung Israels und Holocaustleugnung kein Antisemitismus? Ist die Vertreibung von 840.000 Juden kein Antisemitismus? Sind die mehr als 800 Juden, die am 1. und 2.Juni in Bagdad gestorben sind, alle einfach tot umgefallen oder an Altersschwäche gestorben? Es gab schon weit vor 1948 eine ganze Reihe antisemitischer Pogrome in islamischen Ländern, auch im Iran: In Tabriz 1830, Mashdad 1839, Barfurush 1867 und Shiraz 1910.

Video über die antisemitische Hetze in muslimischen Ländern:

Da ist es schon fast ein Glück für die Juden, dass sie 1948 vertrieben wurden – ich will gar nicht wissen, was die Araber heute mit ihnen anstellen würden, wenn es noch einen nennenswerte jüdische Bevölkerung dort gäbe.

Vor Ahmadinedschad hatte der Iran übrigens mit Mohammed Chatami acht Jahre lang einen weltoffenen, reformbereiten Regierungschef. Er stand für Demokratie, Menschenrechte und für eine Stärkung der Rechte der Frauen. Aber er war zum Ärger der US-Regierung ein unabhängiger Kopf und keine Marionette. Die USA haben ihm nie eine Chance gegeben. Die außen- und innenpolitische Erfolglosigkeit Chatamis war einer der Hauptgründe für die massive Wahlenthaltung der reformbereiten Mittelschicht, die 2005 zur überraschenden Wahl Ahmadinedschads führte. Der Westen ist am Aufstieg dieses lauten Volkstribuns nicht unschuldig. Trotzdem hat der Iran, diese große Kulturnation mit ihren liebenswerten und vornehmen Menschen, eine weltoffenere, tolerantere, menschenrechtsfreundlichere Regierung verdient. Aber gilt das nicht auch für manches westliche Land?

Wir haben es schon immer gewusst: Der Westen ist schuld an Achmedinedschad. Ist er womöglich sogar ein CIA-Agent, der mit seinen provokanten Aussagen den Amerikanern eine Begründung für eine Invasion geben will?

Nun gut, immerhin räumt Todenhöfer ein, dass der Iran eine weltoffenere, tolerantere, menschenrechtsfreundlichere Regierung verdient, verdirbt es aber mit dem Zusatz “Aber gilt das nicht auch für manches westliche Land?“. Die Gleichsetzung einer westlichen Regierung mit dem iranischen Mullah-Staat – Verfolgung von religiösen Minderheiten, Galgen für Homosexuelle und Steinigung für Ehebrecherinnen – ist doch wieder daneben.

Die westliche Ignoranz gegenüber der muslimischen Welt zeigt sich auch in viel banaleren Fragen als dem Irankonflikt – zum Beispiel in der vor allem in Europa weit verbreiteten Einstufung des muslimischen Kopftuchs als „Kampftuch“ oder als „Symbol für die Unterdrückung der Frau“. Die USA sind in dieser Frage viel toleranter. Das US-Justizministerium nennt die Intoleranz, die sich im Kopftuchverbot zeige, „unamerikanisch und moralisch verwerflich“.

„Wer fünf muslimische Frauen mit Kopftuch befragt“, amüsiert sich die Wochenzeitung Die Zeit über den Kreuzzug für ein kopftuchfreies Europa, „wird fünf verschiedene Botschaften finden. Die eine trägt ihr Kopftuch für Gott, die andere, weil es so gut zu ihren H&M-Klamotten passt. Die dritte Kopftuchträgerin wird sich als vehemente Feministin entpuppen, die vierte verweist auf die dörfliche Sitte, der fünften schließlich hat es ihre ultrasäkulare Mutter verboten, also trägt sie es erst recht.“ Natürlich ist der Zwang, ein Kopftuch zu tragen, nicht hinnehmbar. Aber gilt das Gleiche nicht auch für den Zwang, das Kopftuch abzunehmen?

Der Zwang, das Kopftuch zu tragen, ist in der muslimischen Welt nun wirklich weit verbreiteter als der Zwang, das Kopftuch abzunehmen (obwohl in der Tat beides zu verurteilen ist, wenn es vom Staat durchgesetzt wird). Und eins sollte klar sein: Niemand trägt einen Kopftuch aus modischen Gründen. Denn dann würden auch mal nicht-muslimische Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen. Es hat immer was mit Tradition, Identifikation oder Zwang zu tun.

Auch die Diskussion über die Zwangsehe, die Beschneidung der Frau oder den Ehrenmord wird auf einem erschreckend niedrigen Kenntnisniveau geführt. Über diese völlig inakzeptablen frauenfeindlichen Praktiken steht weder etwas im Koran noch in den „Hadithen“ von Mohammed. Sie stammen aus vorislamischer, patriarchalisch-heidnischer Zeit. Teilweise sind sie mehrere tausend Jahre alt – wie etwa die grauenvolle „pharaonische“ Beschneidung der Frauen. Diese brutale Verstümmelung findet nicht nur in einigen muslimischen Ländern wie Ägypten und Sudan statt, sondern auch in überwiegend christlichen Staaten wie Äthiopien und Kenia. Ihre Opfer sind Musliminnen, Christinnen, jüdische Falashas und Angehörige anderer Religionen. Sogenannte Ehrenmorde gibt es leider ebenfalls unter Christen, etwa in den christlichen Ländern Brasilien, Argentinien oder Venezuela. Die meisten muslimischen (und christlichen) Regierungen gehen zu Recht gesetzlich gegen diese vor- und unislamischen Unsitten und Verbrechen vor.

Nochmal: Es ist mir völlig egal, was im Koran steht oder nicht. Das einzige, was mich interessiert sind die realen Zustände in den islamischen Ländern. Im Koran steht auch nichts vom Opferfest oder dem Ashura-Fest der Schiiten- bedeutet das, dass es sich hier um “unislamische Sitten” handelt? Oder ist Weihnachten “unchristlich”, da dieses Fest in der Bibel nicht erwähnt wird?

Tatsache ist: Die Ehrenmordrate ist in den muslimischen Ländern so hoch wie in keiner anderen Region. Das Land mit der höchsten Ehrenmordrate der Welt ist Pakistan, dort wird nur ein Bruchteil der Fälle juristisch verfolgt. Laut Amnesty International hielten Staaten wie Irak, Jordanien und Syrien an Gesetzen fest, die es Männern, die Gewalt gegen Frauen ausgeübt haben, ermöglichen, einer Bestrafung zu entgehen oder nur geringfügig bestraft zu werden, wenn sie ihre Verbrechen „in einem Wutanfall“ und zur Aufrechterhaltung der „Familienehre“ begangen haben. Laut Wikipedia sind die Länder mit dem höchsten Anteil an beschnittenen Frauen: Dschibuti (95% Moslem-Anteil), Ägypten (90%), Guinea (90%), Mali (90%), Sierra Leone (70%), Somalia (nahezu 100%) und der Norden des Sudan (90%).

Man kann das nicht damit relativieren, dass es solche Phänomene auch in anderen Kulturkreisen gibt. Sonst könnte man ja auch sagen, dass Fußball nichts “typisch Deutsches” ist, weil auch in anderen Ländern der Welt Fußball gespielt wird.

In manchen muslimischen Ländern ist die „Frauenförderung“ in Teilbereichen weiter fortgeschritten als im Westen. In Ägypten sind 30 Prozent aller Professoren weiblich, in Deutschland nur 10 Prozent. Im Iran sind weit über 60 Prozent aller Studierenden weiblich, sodass nun die Einführung einer Männerquote von 30 Prozent beschlossen wurde. Auch Regierungschefinnen haben in muslimischen Ländern eine längere Tradition als im Westen.

Herr Todenhöfer, schauen sie sich das hier mal an: Frauenrechte in Iran

Das Heiratsrecht:

“Paragraf 1043 des Iranischen Zivilgesetzbuches (IZGB) bestimmt des Weiteren, dass “die Erlaubnis zur Heirat von jungfräulichen ehefähigen Frauen beim Vater bzw. Vorfahren väterlicherseits liegt”. In Ausnahmefällen kann die Frau die entsprechende Erlaubnis auch von einem Zivilgericht einholen … Für die Eheschließung mit einem ausländischen Mann benötigt eine iranische Frau zudem die Zustimmung des Staates … Die Ehe einer iranischen muslimischen Frau mit einem Nichtmuslim ist nicht gestattet. Der umgekehrte Fall ist dagegen zulässig, sofern die Gattin einer monotheistischen Religion angehört.”

Das Eherecht:

“Ihm kommt außerdem das Recht zu, den Wohnort der Frau zu bestimmen, wenn nichts anderes im Ehevertrag vereinbart wurde … Von diesem “Führungsrecht” des Mannes sind Normen abgeleitet, wonach die Frau zum Verlassen des Hauses sowie bei einer Auslandsreise seine Erlaubnis benötigt. Die Ehe selbst ist von dem Gedanken der Komplementarität der Rechte geprägt. Diese beinhaltet zum einen die Unterhaltspflicht des Mannes, und zwar unabhängig von Vermögen oder Berufstätigkeit der Frau, zum anderen ihre allseitige sexuelle Verfügbarkeit. So hat die Frau Anspruch auf eine angemessene Unterhaltszahlung durch den Ehemann und dieser das Recht, jederzeit Beischlaf von seiner Ehefrau zu fordern, es sei denn, es liegen Hinderungsgründe (Menstruation) vor.”

Das Erbrecht:

“Das iranische Erbrecht unterscheidet zwischen der Position als Tochter und als Ehefrau. Der Nachlass der Eltern wird wie folgt geteilt: Sind mehrere Erben desselben Geschlechtes vorhanden, so wird der Nachlass zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt. Eine Ungleichbehandlung findet erst dann statt, wenn es Kinder unterschiedlichen Geschlechts gibt. In dieser Konstellation erbt die Tochter halb so viel wie der Sohn … In einer kinderlosen Ehe kommt im Falle des Todes des Ehegatten seiner Frau ein Viertel des Vermögens zu, während der Ehemann im umgekehrten Fall die Hälfte des Vermögens erhält.”

Das Scheidungsrecht:

“Im IZGB sind drei Möglichkeiten für eine Scheidung vorgesehen: Auf Antrag des Ehemannes (Grundsatz), aufgrund eines gerichtlichen Antrages durch die Ehefrau (Ausnahmetatbestand) sowie einvernehmlich. Während das Gericht bei der Scheidung im Grundfall keine materiellen Prüfungen vornimmt und sich das Verfahren auf die Abwicklung der finanziellen Aspekte beschränkt, wird dem Scheidungsbegehren der Frauen nur dann stattgegeben, wenn die Hindernisse für die Fortführung der Ehe gerichtlich überprüft wurden…Die Scheidung zu erreichen wird Frauen noch dadurch erschwert, dass sie in der Regel mit streng traditionsorientierten Richtern konfrontiert sind.”

Kopftuchzwang:

“Das Kopftuch ist das bekannteste Symbol der Islamischen Republik Iran … In den Anfangsjahren der Islamischen Republik hatten viele Frauen das Kopftuch als Zeichen der Freiheit und Befreiung vom Schah-Regime freiwillig getragen, bis das Kopftuchgebot trotz aller Beteuerungen Ajatollah Chomeinis gesetzlich doch in Kraft trat … Gleichwohl spricht sich heute selbst das religiöse Lager überwiegend gegen einen Kopftuchzwang für Frauen aus.”

Daran ändern auch ihre Quoten von Professorinnen und Studentinnen nichts. In Saudi-Arabien gibt es auch mehr weibliche als männliche Studenten – aber sie müssen die Vorlesungen von männlichen Dozenten am Bildschirm verfolgen, weil im Land eine radikale Geschlechtertrennung herrscht. Todenhöfers Behauptung, Regierungschefinnen hätten in muslimischen Ländern eine längere Tradition als im Westen, ist schlicht gelogen. Es gab bis jetzt nur vier muslimische Länder, die einen weiblichen Regierungschef oder Staatsoberhaupt hatten. Die erste war Benazir Bhutto in Pakistan. Im Westen gab es deutlich mehr (und auch früher, Margaret Thatcher kam vor Bhutto an die Macht) weibliche Regentinnen, siehe hier: Liste weiblicher Staatsoberhäupter und Regierungschefs.

Trotzdem ist noch viel zu tun, um in allen muslimischen Ländern, vor allem in unseren Partnerländern Saudi-Arabien und Afghanistan, aber auch im Iran die volle Gleichberechtigung der Frau zu erreichen. Aber das ist kein Problem des Islam, sondern ein Problem der Politik und antiquierter patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen. Dass im Westen die „Frauenhäuser“ aus den Nähten platzen, zeigt, dass auch bei uns Gewalt gegen Frauen ein unbewältigter gesellschaftlicher Missstand ist.

Wir sollten überhaupt mehr vor unserer eigenen Tür kehren: Bis 1957 konnte ein deutscher Mann kraft seines gesetzlich garantierten „Direktionsrechts“ entscheiden, ob seine Frau einen Beruf ausüben durfte. Die Schweizer Männer lehnten bis 1970 das Wahlrecht der Frauen ab – schließlich fordern das Alte wie das Neue Testament die Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes (vgl. Genesis 3,16 sowie 1 Korinther 14,34f.).

Zuerst heißt es, dass die Unterdrückung der Frauen, Ehrenmorde und Genitalverstümmelungen ein politisches und kein religiöses Problem ist, dann stellt er aber einen Zusammenhang zwischen der Verweigerung des Wahlrechts der Frauen und der Bibel her? Was geht da nur in seinem Kopf vor?

Könnte es nicht sein, dass die Tatsache, dass Frauenhäuser im Westen “aus allen Nähten platzen”, ein Indiz für einen besseren Umgang mit dem Problem von Gewalt in Beziehungen ist? Spätestens, wenn man dann den Satz “Wir sollten überhaupt mehr vor unserer eigenen Tür kehren” liest, merkt man, dass es Todenhöfer nicht um Frauenrechte geht, sondern darum, die Kritiker der Zustände in Saudi-Arabien, Iran und Pakistan mundtot zu machen.

Es ist wie bei Todenhöfers Vergleich der Lage von Christen und Juden in den muslimischen Ländern mit der Lage der Muslime in Europa: Er WILL es einfach nicht wahrhaben. Damit trägt er zu einer menschenverachtenden Verharmlosung der Lage von Frauen und Minderheiten in der islamischen Welt bei. Mit ihm darüber zu diskutieren ist dann genauso schwer wie der Versuch, Guido Westerwelle zum Sozialismus zu überreden.

Wer Hass und Intoleranz überwinden will, sollte vor allem die eigene Ignoranz besiegen. Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, aber keiner auf eigene Fakten. Wer hindert uns daran, nach Syrien oder in den Iran zu reisen, um uns eine eigene Meinung über diese fremde, angeblich so gefährliche Welt zu bilden? Die Straßen von Damaskus und Teheran sind viel sicherer als die Straßen von New York oder Detroit. Nach einer UN-Statistik kamen in den USA im Jahr 2006 auf 100 000 Einwohner 5,9 Morde. Im Iran lag diese Quote bei 2,93 und in Syrien bei 1,4. Die meisten muslimischen Staaten sind sicherer als die USA, ja sogar sicherer als die Schweiz, die 2,94 Morde pro 100 000 Einwohner zu verzeichnen hat.

Hass und Intoleranz zu überwinden ist eine gute Sache. Aber wenn man, wie Todenhöfer, krankhaft leugnet, dass es sowas auch bei den Muslimen geben könnte, ist man selbst intolerant und rassistisch.

Der Vergleich von Damaskus und Teheran mit New York und Detroit ist mal wieder ein grandioses Beispiel für “todenhöfesque” Rhetorik. Wahrscheinlich sind die Mordraten in Sao Paulo und Mexico City auch höher als in Bagdad und Kabul. Ganz bestimmt sogar. Würden sie deshalb sagen, dass eine Reise in den Irak oder Afghanistan sicherer ist als nach Brasilien oder Mexiko? Ob Damaskus und Teheran wirklich “sicherer” sind als New York und Detroit, bezweifle ich. Natürlich gibt es die italienische Mafia und die afroamerikanischen Drogengangs. Aber ob man bei den Statistiken auch diese Fälle mitgezählt hat?

Damaskus, 2011:

Teheran, 2009:

Sowas sieht man nicht so oft in New York oder Detroit.

Warum beginnen wir mit dem Dialog der Kulturen nicht in unserem persönlichen Umfeld? Warum bauen wir nicht einen Schüleraustausch zwischen muslimischen und christlichen Ländern – vielleicht sogar mit Israel – auf? Warum stöbern wir nicht in der wunderbaren arabischen Literatur oder bei dem großen deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing, der in Nathan der Weise die berühmte Ringparabel erzählt. Darin vererbt ein Vater (Gott) seinen drei Söhnen, die er gleichermaßen liebt (Judentum, Christentum und Islam) je einen Ring. Das Original hat die Eigenschaft, seinen Besitzer „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“. Die beiden anderen Ringe sind Duplikate. Die Brüder wollen durch einen Richter klären lassen, wer den echten Ring besitzt. Dieser entscheidet salomonisch, Träger des echten Rings sei, wer es schaffe, sich die Liebe seiner Mitmenschen zu verdienen.

Für die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die „schönste Stelle des Stücks“ jene, an welcher der Muslim Saladin den Juden Nathan bittet: „Sei mein Freund.“ Könnten wir nicht alle von dieser alten sephardisch–jüdischen Parabel und ihrem Traum vom friedlichen Wettstreit der Religionen lernen?

Ein Schüleraustausch zwischen dem Iran und Israel? Der Iran weigert sich sogar, seine Nationalmannschaften gegen Israel spielen zu lassen! Und ob sich christliche Schüler freiwillig für einen “Dialog der Kulturen” unbedingt nach Saudi-Arabien, Ägypten oder Pakistan austauschen lassen wollen, wage ich mal zu bezweifeln. Der Vorschlag, in der wunderbaren arabischen Literatur zu stöbern (der genauso lächerlich ist, wie Araber vorzuschlagen, Grisham und King zu lesen, um einen anderen Eindruck von der westlichen Welt zu bekommen), hat eine Tücke: Es gibt momentan keine reichhaltige arabische Literatur. Die 22 arabischen Staaten produzieren weniger Bücher als die Türkei, die nur ein Viertel der Einwohner hat, es werden pro Jahr fünfmal so viele Bücher ins Griechische übersetzt als ins Arabische.

Vielleicht sollte der Dialog erst mal kleinere Schritte versuchen und Kirchen erlauben oder Konvertiten nicht mehr mit dem Tode drohen. Oder stellen sie sich mal folgendes vor: Ein Spiel zwischen Iran und Israel in Teheran ohne höchste Sicherheitsstufe. Wäre das nicht als erster Schritt besser geeignet? Denn mit Verlaub: Ich glaube nicht, dass sich die Mullahs, die Taliban oder die Wahhabiten für Nathan der Weise interessieren.

Teil 7 folgt bald …

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