Archive for Juli 2011

Norman Borlaugs vergessener Kampf gegen den Welthunger

Juli 28, 2011

Norman Borlaug mit 90 Jahren, 2004

Der vor zwei Jahren verstorbene amerikanische Agrarwissenschaftler Norman Borlaug ist möglicherweise die bedeutendsten Person, die je gelebt hat. Sein Bekanntheitsgrad hält sich aber in Grenzen, denn es gehört zu den Regeln des Ruhms, dass Mörder und Diktatoren einen größeren Erinnerungsgrad bei Menschen hinterlassen als die, die sich für das Wohlergehen der Menschen eingesetzt haben.

Was hatte er getan? Borlaug war der Vater der “Grünen Revolution“. Ihm gelang es zusammen mit seinen Assistenten in einer Zeit, in der sich die Menschheit so schnell vermehrte wie nie zuvor, bessere Weizen-, Mais- und Bohnensorten zu entwickeln, die kurz darauf die Hälfte der Menschheit ernährten. In Indien konnten damit die Erträge in zehn Jahren auf fast das Dreifache gesteigert werden. Innerhalb von vier Jahren erzeugte Mexiko genügend Weizen für seine Bevölkerung und war nicht mehr auf Importe angewiesen. China entwickelte mit Borlaugs Zuchtmethoden bessere Reissorten. Auch in anderen Ländern Asiens und Lateinamerikas griffen die Bauern zu den neuen, ertragreicheren Sorten. Nur in manchen Ländern des afrikanischen Kontinents blieben viele Bauern von den Fortschritten der Pflanzenzucht ausgeschlossen. Kleine Selbstversorger in abgelegenen Gebieten konnten sich das bessere Saatgut nicht leisten oder wussten nicht einmal, dass es so etwas gibt. Deshalb konzentrierte sich Borlaug seit den 80er-Jahren auf Afrika. Er reiste mehrmals in diese Region, um die sogenannte “Grüne Revolution” auch dorthin zu tragen. (more…)

Antibroderismus

Juli 26, 2011
Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Die schrecklichen Attentate von Oslo und Utoya haben zwei Dinge ans Tageslicht gebracht: Erstens die traurige Einsicht, dass es wahnsinnigen Terror auch in dem friedlichsten Land der Welt geben kann und zweitens, dass die Medien nicht nur nicht davor zurückscheuen, Erdbeben und Tsunamis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, sondern auch terroristische Attentate.

Im Manifest des norwegischen Terroristen wurde Henryk M. Broder in einem Nebensatz erwähnt, indem er mehr oder weniger scherzhaft den jungen Europäern den Rat gab, aus Europa auszuwandern, um nicht die Probleme miterleben zu müssen, die auf Europa zusteuern (ich bin aber gerade vor 11 Jahren nach Europa gekommen und glaube noch an diesen angeblichen Kontinent, der in Wirklichkeit ein Teil Asiens ist).

Außerdem zitiert Breivik noch einen Auszug von Broders Bestseller Buch “Hurra, wir kapitulieren!”:

Objectively speaking, the cartoon controversy was a tempest in a teacup. But subjectively it was a show of strength and, in the context of the ‘clash of civilisations,’ a dress rehearsal for the real thing. The Muslims demonstrated how quickly and effectively they can mobilise the masses, and the free West showed that it has nothing to counter the offensive—nothing but fear, cowardice and an overriding concern about the balance of trade. Now the Islamists know that they are dealing with a paper tiger whose roar is nothing but a tape recording.

(Quelle)

Das Buch habe ich gelesen und in meinem Blog empfohlen.

Dass Broder mit seinen Aussagen natürlich nicht Massenmord rechtfertigt, dürfte jeden klar denkenden Mensch einleuchten. Breivik ist ein antimuslimischer und antikommunistischer Rassist, er findet alles toll, was irgendwie den Islam (oder den Kommunismus) kritisiert. Das bedeutet aber nicht, dass jede Form von Islamkritik theoretisch als Inspiration zu Massenmord dienen kann. Denn dass es gewisse Dinge im Nahen Osten gibt, die man kritisieren muss (in Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren, im Iran werden Homosexuelle hingerichtet, in Pakistan droht bei “Blasphemie” die Todesstrafe), ist ja wohl keine rassistische Ansicht.

Mit derselben Logik könnte man linken Intellektuellen wie Michael Moore oder Noam Chomsky eine Mitschuld für den islamistischen Terror geben, immerhin sagte Osama bin Laden in einer Videobotschaft: “Noam Chomsky was correct when he compared the U.S. policies to those of the Mafia” und die Hisbollah wollte Michael Moores Film “Fahrenheit 9/11″ unterstützen. (more…)

Eine alternative Bestrafung für Terroristen und Amokläufer

Juli 25, 2011
kl

Sie entscheiden, welche Geschichte ganz oben landet

Wie soll man Menschen bestrafen, die Hunderte andere Menschen töten und anschließend keine Reue zeigen? Diese Frage stellt sich nach solchen Massakern, wie sie in Norwegen geschehen sind, immer wieder. Die Wiedereinführung der Todesstrafe wurde in Deutschland während der RAF-Zeit diskutiert, die lebenslange Freiheitsstrafe scheint für so manchen Verrückten noch zu wenig. Rainer Bonhorst hat in der Achse des Guten eine andere Alternative ins Spiel gebracht:

Vorstellen kann man sich trotzdem eine interessante Ergänzung zum üblichen Verfahren. Nämlich dies: konsequentes Totschweigen. Wer fast hundert Menschen umbringt, um eine „Botschaft“ an die Welt loszuwerden, der will vor allem eins: Öffentlichkeit, Kameras, eine Bühne, auf der er sein dummes Zeug absondern und sich wichtig machen kann. Es ist zu erwarten, dass er während seines Prozesses eine solche Bühne bekommt. Er wird sich auf dieser Bühne pudelwohl fühlen. Er wird jede Schlagzeile genießen. Er wird ganz groß herauskommen und sich ganz groß fühlen.

Wäre es nicht viel befriedigender, wenn man ihn dieser Helden-Show berauben würde? Wenn man kein Wort mehr über ihn verlöre? Wenn sein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bei totaler medialer Missachtung stattfände? Und wenn er dann seine Strafe als gänzlich unbeachteter, armseliger Mörder absäße?

Es ist nur ein Traum und für einen Journalisten ein seltsamer Traum. Und ich verrate diesen Traum bereits, indem ich diese Zeilen schreibe. Und doch wäre lebenslange Missachtung die Höchststrafe für einen solchen Mann. Er hätte sie verdient.

Das Herostratentum (Duden-Definition:”Durch Ruhmsucht motiviertes Verbrechertum”) hat eine lange Tradition, der Mörder von John Lennon soll die Tat aus reiner Geltungssucht gemacht haben. Aber die Medien kapieren diese Tatsache nie. Im Gegenteil- Sie verhalten sich so, wie Anders Breivik es sich gewünscht hat. Damit hat Anders Breivik sein Ziel erreicht: Er ist berühmt, er ist in die Geschichte eingegangen.

Der radikale Verlierer- Die Motive des Terrors

Juli 25, 2011

Mohamed Atta- al-Qaidas prominentester Sprössling

Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich hier ein Essay von Hans-Magnus Enzensberger, der sich mit den Motiven von Terroristen auseinandersetzt. Auch wenn der Hauptaugenmerk seiner Ausführungen sich auf den islamistischen Terror bezieht, beschäftigt er sich auch anhand historischer Beispiele an dem Phänomen von Rechts- und Linksextremismus sowie den ganz gewöhnlichen Amokläufer und eignet sich in einigen Beispielen auch für den Fall von Anders Breivik.

DER RADIKALE VERLIERER

Ein Essay von Hans-Magnus Enzensberger

I. DER VEREINZELTE

Es ist schwer, vom Verlierer zu reden, und dumm, von ihm zu schweigen. Dumm, weil es den endgültigen Gewinner nicht geben kann und weil jedem von uns, dem größenwahnsinnigen Bonaparte ebenso wie dem letzten Bettler auf den Straßen Kalkuttas, das gleiche Ende beschieden ist. Schwer, weil es sich zu leicht macht, wer sich mit dieser metaphysischen Banalität zufrieden gibt. Denn damit wird die eigentlich brisante, die politische Dimension des Problems verfehlt.

Statt in den tausend Gesichtern des Verlierers zu lesen, halten sich die Soziologen an ihre Statistiken: Mittelwert, Standardabweichung, Normalverteilung. Selten kommen sie auf die Idee, dass sie selber zu den Verlierern gehören könnten. Ihre Definitionen gleichen dem Kratzen an einer Wunde: Hinterher juckt und schmerzt es, wie Samuel Butler sagt, mehr als zuvor. Fest steht nur, dass so, wie die Menschheit sich eingerichtet hat – “Kapitalismus”, “Konkurrenz”, “Imperium”, “Globalisierung” -, nicht nur die Zahl der Verlierer mit jedem Tag zunimmt; wie in jeder großen Menge kommt es bald zur Fraktionierung; in einem chaotischen, undurchsichtigen Prozess trennen sich die Kohorten der Unterlegenen, der Besiegten, der Opfer voneinander. Der Versager mag sich mit seinem Los abfinden und resignieren, das Opfer Genugtuung fordern, der Besiegte sich auf die nächste Runde vorbereiten. Der radikale Verlierer aber sondert sich ab, wird unsichtbar, hütet sein Phantasma, sammelt seine Energie und wartet auf seine Stunde.

Wer sich mit den objektiven, den materiellen Kriterien, den Indizes der Ökonomen und den niederschmetternden Befunden der Empiriker begnügt, wird vom eigentlichen Drama des radikalen Verlierers nichts verstehen. Was die anderen von ihm halten, seien sie Konkurrenten oder Stammesbrüder, Experten oder Nachbarn, Mitschüler, Chefs, Feinde oder Freunde – das genügt nicht, um ihn zu motivieren. Der radikale Verlierer selbst muss sein Teil dazu beitragen; er muss sich sagen: Ich bin ein Verlierer und sonst nichts. Solange er davon nicht überzeugt ist, mag es ihm schlecht gehen; er mag arm sein, machtlos; er mag die Misere und die Niederlage kennen; zum radikalen Verlierer aber hat er es erst gebracht, wenn er sich das Votum der anderen, die sich Gewinner dünken, zu Eigen gemacht hat. (more…)

Breivik und wir

Juli 24, 2011
In Norwegen ereignete sich vor 2 Tagen das furchtbare Massaker

In Norwegen ereignete sich vor 2 Tagen das furchtbare Massaker

Mal wieder wurde die Welt durch eine schreckliche Bluttat erschüttert, aber keiner, die man “gewöhnlich” nennen könnte. Es handelte sich nämlich nicht um einen Islamisten, sondern einen Rechtsextremen, und die Tat geschah nicht im Nahen Osten, sondern im friedlichen Norwegen. Deswegen ist der Schock darüber auch um das zig-fache höher als der Schock über die mehr als 80 Pakistanern, die von islamistischen Terroristen als “Rache” für die Tötung von Osama bin Laden umgebracht wurden.

Kaum war der Terroranschlag vorbei, da begann eine systematische Hetze, die noch einige Wochen dauern könnte und die ewige “Islam-Debatte” nachhaltig verändern könnte. Die ganzen Islamkritik-Kritiker witterten auf einmal eine unverhoffte Chance, um alle ihre Gegner loszuwerden oder zumindest so schwer wie möglich zu diskreditieren – egal ob Henryk M. Broder, Necla Kelek, Thilo Sarrazin oder wahlweise auch ganz Israel – alle waren plötzlich Handlanger von Anders Breivik, dem “blonden, blauäugigen und skrupellosen” Terroristen.

Es gibt für mich eine klare Grenze zwischen Islamkritik und Rassismus. Diese Grenze finde ich auch ohne Probleme in der Blogosphäre. Personen wie Michael Mannheimer oder Internetportale wie PI News gehören z.B. sicher nicht in die Riege der seriösen Islamkritiker. Solche Gestalten mit allen anderen Islamkritikern wie z.B. Henryk M. Broder zu vergleichen und sie dann alle gemeinsam für die Tat von Anders Breivik verantwortlich zu machen, ist an Pietätlosigkeit kaum zu überbieten.

Es war der erste verheerende rechtsextreme Terroranschlag seit 16 Jahren, als Timothy McVeigh in Oklahoma City 168 Menschen tötete (er wurde 2001 hingerichtet). In der Zwischenzeit wurden Zehntausende Menschen durch islamistischen Terror umgebracht, der sich vor allem aus dem Hass gegen die USA und Israel speiste. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, den ganzen westlichen Intellektuellen, die die Politik der USA und Israel kritisieren, dafür eine Mitschuld anlasten zu wollen. Als Osama bin Laden sich in einer Videobotschaft als Fan von Noam Chomskys Thesen entpuppte und sich um die globale Erwärmung sorgte, wäre niemand auf die Idee gekommen, Noam Chomsky oder Al Gore für die Taten von al-Qaida mitverantwortlich zu machen. Und das völlig zu Recht natürlich, denn obwohl Noam Chomsky und Al Gore mit ihren Ansichten meiner Meinung nach vollkommen falsch liegen, weiß ich auch, dass sie solche Formen von Gewalt nicht gutheißen. (more…)

Henryk M. Broder und die 9/11-Truther

Juli 23, 2011
Osamas Erbe in New York

Waren die Anschläge von 9/11 vom Mossad und der CIA inszeniert?

In weniger als zwei Monaten jähren sich die Terroranschläge vom 11.September zum zehnten Mal. Dieser Tag, das ist schon mal sicher, wird von sogenannten “Truthern” gnadenlos dazu missbraucht werden, um ihre paranoiden Thesen von einer amerikanischen, israelischen, zionistischen oder wem auch immer Verschwörung zu propagieren. Früher habe ich mich tatsächlich für solche Theorien interessiert, bis ich bemerkte, um was für ein ignorantes Pack es sich um diese “Truther” handelt.

Henryk M.Broder hat ein paar passende Worte für solche Menschen gefunden:

Seit Karl Kraus wissen wir, dass es Sachen gibt, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist, seit Goebbels wissen wir aber auch, dass man eine Lüge nur oft genug wiederholen muss, damit sie zur subjektiven Wahrheit wird. Auf die Verschwörungstheorien zu reagieren, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, bedeutet beinahe automatisch, nach der Melodie der Verschwörungstheoretiker zu tanzen. Auch um die Ansicht zu widerlegen, die Erde sei eine Scheibe, die in einem Meer aus Sonnenöl schwimmt, muss man sich auf diese Ansicht erst einmal einlassen. Tut man es, hat man die Prämisse schon mal anerkannt; tut man es nicht, ist man Teil des “Schweigekartells”.

Der Verschwörungstheoretiker legt jede Reaktion auf seine Konstrukte als deren Bestätigung aus. Andererseits kann man dem Verschwörungstheoretiker das Feld nicht überlassen, wie gaga seine Theorien sein mögen. (more…)

Brennpunkt Ostafrika

Juli 21, 2011
Deutsch-Ostafrika Anfang des 20.Jahrhunderts

Deutsch-Ostafrika Anfang des 20.Jahrhunderts

Die Christen haben den Vatikan, die Muslime haben Mekka, die Juden haben die Klagemauer. Aber trotz des Christojudoislamizentrismus in unserer Region müssen wir feststellen, dass mehr als die Hälfte der Menschheit keiner der drei “abrahamitischen” Religionen angehört. Einen Mittelpunkt für die ganze Menschheit gibt es nicht. Ok, es gibt ihn eigentlich, aber die Menschheit weiß es nicht.

Da sich fast alle ultra-wichtigen religiösen Zentren im Nahen Osten befinden, glauben wir, es wäre der Nahe Osten, besonders die “Region Palästina”. Deswegen hat dieses Gebiet auch eine ungeheure Anziehungskraft für ausländische Journalisten. Es hat nichts mit der großen Fülle von militärischen Konflikten zu tun, nicht mit der politischen Verbindung der Region zum westlichen Kulturkreis und nicht mal mit dem Öl. Der einzige Grund ist die religiöse Dimension der nahöstlichen Konflikte und hierbei vor allem der israelisch-palästinensiche Konflikt als quasi lebendig gewordenes Beispiel des ewigen Dreikampfs zwischen Juden, Moslems und Christen.

Aber Jerusalem ist in Wirklichkeit, wie es Pat Condell äußerst treffend formuliert, ein “Pissloch in der Wüste”, völlig unbedeutend für die Menschheit mit noch unbedeutenderen “Gotteshäusern”, die dringend in die Luft gesprengt werden müssten. Man würde das auch machen, wenn es da nicht diese drei großen Welterklärungs- und Lebenssinnsspenderkulte gäbe, die den Geisteszustand der Hälfte der Menschheit jahrhundertelang vergiftet haben und im Nahen Osten noch immer tun.

Nun aber zurück zu dem Thema: Gibt es einen echten “Mittelpunkt” für die Menschheit, den wir nicht gebührend respektieren? Ja, es gibt ihn tatsächlich: Ostafrika. (more…)

Putin, der lupenreine Despot

Juli 19, 2011
Briefmarke zur Putin-Wahl im März 2000

Briefmarke zur Putin-Wahl im März 2000

Der Quadriga-Preis hat seine Bedeutung verloren. Wer sagte das? Niemand geringeres als Dmitri Medwedew, der Präsident der Russischen Föderation, dem weniger despotischen Nachfolgestaat der UdSSR. Der Bedeutungsverlust ist unbestreitbar, aber über die Gründe dafür gibt es mehrere Meinungen.

Mal ganz im Ernst, wer kannte vor drei Wochen den Quadriga-Preis? Rückblick: Er wird seit 2003 an Persönlichkeiten von Politik, Wirtschaft und Kultur vergeben, “die durch ihr Engagement ein Zeichen für Aufbruch, Erneuerung und Pioniergeist gesetzt haben”. Klingt ganz in Ordnung. So ein Preis würde doch keiner ausschlagen.

Wie ernst es die Berliner jedoch mit diesem Preis meinten, konnte man schon 2004 erkennen, als sie einen türkischen Islamisten auszeichneten, und zwar in der Kategorie “Brücken des Respekts”. Es handelte sich natürlich um den autokratisch regierenden Premierminister Recep Tayyip Erdogan, der neben den Quadriga-Preis auch den Gaddafi-Preis für Menschenrechte abräumte. Die Berliner dachten sich dann wohl: Wenn es niemanden ärgert, wenn wir Erdogan auszeichnen, warum sollte es jemand ärgern, wenn wir es mit Putin machen? Und das war das verhängnisvolle: Man hatte wohl seinen eigenen Bekanntheitsgrad unterschätzt, immerhin waren in der Zwischenzeit Leute wie Michail Gorbatschow, Vaclav Havel, Helmut Kohl, Shimon Peres, Wolfgang Schäuble, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, José Manuel Barosso usw. ausgezeichnet worden. Auf einmal gab es nämlich einen Sturm der Entrüstung. (more…)

Obamas provokante Provokation

Juli 18, 2011

Bush und der Dalai Lama im Mai 2011

Barack Obama, der ja momentan damit beschäftigt ist, die USA vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren, hat mit einem diplomatischen Akt den chinesischen Staatschef Hu Jintao mächtig verärgert. Die Chinesen besitzen bekanntlich eine Billion Dollar amerikanischer Staatsanleihen. Aber bei dieser Provokation ging es nicht darum- nicht im entferntesten, obwohl die Chinesen mit den Amerikanern mittlerweile auch hier im Konfrontationskurs sind. Was Obama getan hat, ist: Er empfing den theokratischen Herrscher einer abtrünnigen chinesischen Provinz- den Dalai Lama aus Tibet.

Gleichzeitig hatte die chinesische Führung im letzten Monat überhaupt kein Problem damit, den sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir “wie einen Ehrengast” zu empfangen. Bashir wird wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit international gesucht, er ist verantwortlich für den Tod von etwa 200.000 Menschen und hat auch in diesem Monat in Abyei und Südkordofan hunderte Menschen töten lassen.

China empfängt also jemanden, den die internationale Gemeinschaft per Haftbefehl sucht, empfindet das aber nicht als Provokation. Wenn Obama aber den Dalai Lama empfängt, ist es eine “Provokation”. Nun, Obama hat mit “seiner Heiligkeit” u.a. über die Menschenrechtssituation in Tibet gesprochen, dabei aber betont, dass Tibet zu China gehört. Welche Gesprächsthemen hatten Hu Jintao und Bashir? Wahrscheinlich nichts, dass mit Menschenrechten zu tun hat. Denn das wäre ja so, als ob sich die NPD mit der FPÖ und der Lega Nord über billigen Populismus unterhalten würde.

Bolivien: “La misma historia”

Juli 17, 2011

Die bolivianische Flagge

Die Copa America läuft schon seit zwei Wochen, aber für mich ist sie schon jetzt ein bisschen enttäuschend ausgefallen.”Ein bisschen”, weil ich zwar nur wenig Hoffnung hatte, aber eben doch ein bisschen. Für wen? Na, Bolivien natürlich. Ich bin dort nämlich migrationsghintergründig, und das verpflichtet mich als Fußballfan zum “Mitfiebern”.

Trauer, Wut, Enttäuschung?

Als ich nach dem Aufwachen sofort den Computer aufmachte, um zu sehen, wie das Spiel ausgegangen war, hatte ich den Grundsatz im Kopf: Keine Hoffnung, keine Enttäuschung. Daran änderte auch das Ergebnis nichts: Bolivien hatte in Argentinien(!) gegen ihre erste Elf(!) in einem offiziellen Turnier(!) ein Unentschieden rausgeholt(!) und dabei mehr als 20 Minuten in Führung gelegen(!), mit einer vergebenen Chance auf das 2:0(!)- eine Menge Gründe, um davon auszugehen, dass dieses Team die U-22-Mannschaft von Costa Rica besiegen könnte. Aber das war mir einfach nicht genug. Wir hatten ja schon mal Maradonas Elf mit 6:1 besiegt, nur um dann gegen Venezuela zu verlieren. Zum Glück bin ich tatsächlich dabei geblieben, denn meine “Schwarzseherei” sollte sich bewahrheiten. Die “Ticos” besiegten uns 2:0 und vernichteten damit alle Hoffnungen auf ein bisschen Ruhm für Bolivien, ein Land, dass man höchstens für den Koka-Anbau und den Inkas kennt. Die nächste Niederlage gegen Kolumbien (0:2) war zumindest weniger schmerzvoll.

In Bolivien nennt man das dann gewöhnlich “la misma historia” (dieselbe Geschichte) “jugamos como nunca y perdimos como siempre” (wir spielten wie nie und verloren wie immer). (more…)


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