Citizen Osama

Ein Leben für den Terror: Osama bin Laden starb am 2.Mai 2011

Er kam, sah und versteckte sich. Zehn Jahre lang. Vor der Welt, vor seinen Fans, aber vor allem vor den Navy Seals. Kein Prominenter mit Ausnahme von Chevy Chase spaltete die Gesellschaft so sehr wie er: War er ein Genie oder ein Wahnsinniger? Oder doch beides- ein hochintelligenter Psychopath?

Tauchen sie nochmal ein in die Welt von Osama bin Laden, einem Mann mit einer Schwäche für Bonanza, Arsenal London und selbstgedrehten Videos.

(Anmerkung: Folgender Text basiert auf den fiktiven Spielfilm Citizen Kane aus dem Jahr 1941)

Hopsin…

Die Texaner stehen auf einigen Trümmern. Es sind keine gewöhnlichen Trümmer. In diesem Gebäude lebte bis vor einer Woche der meistgesuchte Terrorist der Welt, der sich in diesem Ort aber kaum zu verstecken brauchte. Er hatte hier seine Anhänger. Sie protestieren lauthals draußen, vor der Villa in Abbottabad, einer Stadt mit 120.000 Einwohnern, von denen nicht wenige für den berühmtesten Amateurfilmer der Welt Sympathien hegten.

Einer der Texaner ist Mr.Thompson. Er ist Journalist bei der New York Times und ist nach Abbottabad gepilgert, weil er die wahre Geschichte von Osama bin Laden kennenlernen wollte anstatt des ganzen Medienhypes oder die zwielichtigen Wikipedia-Einträge. Er fühlt sich etwas unwohl bei der ganzen antiamerikanischen Stimmung um ihn herum, denn obwohl der gerade mal 26-jährige Demokrat sich in den letzten 10 Jahren an jeder Antikriegs-, Antibush- und Anti-Wal-Mart-Demonstration in seiner Wahlheimat Harrison in New Jersey (dort seien die Menschen vernünftiger als in Texas) beteiligte und auch gegen die Umweltverschmutzung und die Todesstrafe kämpft, ist er ein stolzer Amerikaner und hasst bin Laden von ganzem Herzen. Er kann aber seine Beweggründe teilweise verstehen.

Plötzlich fällt sein Blick auf eine Gruppe von Navy Seals, die sich mit einem triumphierenden Lächeln ein Tonband anhören. Es handelt sich um Aufnahmen, die während der Operation Geronimo entstanden sind. Mr.Thompson findet es pietätlos, sich auf diese Weise über einen Toten lustig zu machen. Er marschiert zu der Gruppe und sagt zu ihnen: “Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen”. Die Navy Seals schauen ihn verwundert an und erwidern: “Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen? Na dann: Zum Glück ist dieser Bastard endlich tot!” Schallendes Gelächter. Auch Mr.Thompson muss grinsen.

Ein Navy Seal entgegnet, dass man sich nicht über den Tod eines Menschen lustig mache, sondern lediglich über seine Stimme, die sich außergewöhnlich komisch anhöre. Vom Anfang der Mission bis zum Headshot. Sein letztes Wort höre sich weinerlich an. Da wird Mr.Thompson neugierig. Was mag wohl sein letztes Wort gewesen sein und wieso hat er dieses weinerlich getätigt? Liegt hier ein Geheimnis seines Lebens, dass bis jetzt der ganzen Welt verborgen war?

Er leiht sich das Tonband aus und hört es sich ganz genau an. Mehrere Male. Vor allem das Ende interessiert ihn. Osama sagt nicht etwa “Allahu Akbar”, sondern etwas ziemlich unverständliches:

Hopsin.

Was mag dieses Wort für eine Bedeutung haben? Mr.Thompson fragt in der ganzen Stadt, von den Navy Seaals bis zu den Trauerrednern, aber keiner kann sich ein Reim auf dieses Wort machen. Doch Mr.Thompson will es dabei nicht belassen. Er verspürt eine journalistische Pflicht, der Sache nachzugehen, wie damals, als er in Bagdad verkrüppelte Opfer von US-Bomben interviewte. Nun will er das Rätsel von Osamas letztem Wort lösen. Er entschließt sich, auf eine notfalls weltweite Reise zu gehen, um alle, die Osama näher kannten, nach dem Wort zu befragen.

In der Redaktion ist man anfangs nicht von seiner Idee begeistert, zumal nichts von dem Tonband  in die Öffentlichkeit gelangen darf. Sie soll nicht mal wissen, dass es eines gibt. Aber da auch sie neugierig werden, stellen sie dann doch die Mittel für Mr.Thompsons Reise zur Verfügung.

Mr.Thompson und der Onkel

Als erstes begibt sich Mr.Thompson auf die Reise zu einem der gesamten Weltöffentlichkeit unbekannten Onkel des Terrorpaten. Ali Harun bin Laden lebt in der afghanischen Provinz Herat und hat nach eigener Aussage Osama im Jahr 2002 getroffen, als er von Tora Bora geflohen war. Er kannte ihn aber schon länger persönlich, seit seiner Kindheit, und kannte auch seine Mutter Alia Ghanem.

Als Mr.Thompson ihn in seiner traditionellen Tracht antrifft und mit seinem Nachnamen anspricht, fordert Ali Harun ihn auf, den Namen nicht mehr zu verwenden, da dieser Name seit einem bestimmten Ereignis im September 2001 in Verruf geraten sei. Damals habe eine Nichte von ihm mit einem Apostaten geschlafen und sei nicht gesteinigt worden, sondern musste nur 5 Peitschenhiebe auf sich nehmen. Seitdem nimmt keiner im Dorf die Familie ernst.

Ali Harun lebt vom Opiumanbau und kann sich so ein komfortables Leben leisten. Nach ein paar Stunden fragt Mr.Thompson ihm, was er über das Privatleben von Osama weiß und ob er die Herkunft des Wortes Hopsin erklären kann. Doch Ali Harun weigert sich, ihm etwas zu erzählen und bittet ihn plötzlich, das Dorf zu verlassen.

Für Mr.Thompson ist dies ein Rückschlag: Er hat kaum angefangen und schon ist er quasi am Ende. War seine Mission vielleicht etwas doch zu viel des Guten?

Mr.Thompson im Archiv

Nach seinem Aufenthalt in Herat nimmt Mr.Thompsons Reise eine unerwartete Wendung. Ein Anrufer aus New York teilt ihm mit, dass ein geheimes Familienarchiv in Saudi-Arabien gefunden wurde, dass zur Familie von Osama bin Laden gehören konnte. Schleunigst macht der Reporter sich auf den Weg in das wahabitische Königreich. Vorher liest er sich ein kleines Handbuch durch, um kulturelle Missverständnisse zu vermeiden.

Nach wenigen Stunden in der arabischen Sonne gelangt Mr.Thompson mit zwei Begleitern ein Lager, indem sich das Archiv befinden soll. Sie fangen an zu stöbern. Geburtsurkunden, Zeugnisse, Fotos und Briefe werden von dem arabischsprechenden Texaner durchforstet. Nach einer Stunde haben sie 120 Dokumente zusammengetragen, die wahrscheinlich zu Osama gehören. Da stößt plötzlich ein Unbekannter ins Zimmer. Er trägt einen Turban und sieht auch sonst aus wie ein Einheimischer. Nach anfänglicher Besorgnis stellt sich der Fremde dann als Chaled Batarfi, einem ehemaligen Schulfreund von Osama bin Laden, vor.

Den ganzen Tag lang analysieren die vier alle Dokumente, die sie finden können. Batarfi erzählt den Texanern, dass er einen ganz anderen Osama in Erinnerung hat als den psychopatischen Massenmörder, den die Welt kennengelernt hat. Als Schulkind sei er schüchtern, aber dennoch ehrgeizig und zielstrebig  gewesen und hätte seinen Wohlstand genossen. Er liebte es, Fußball zu spielen und war ein leidenschaftlicher Anhänger der amerikanischen Fernsehserien Bonanza und Fury. In den Dokumenten finden sie ein Bild, dass sie nicht einordnen können- eine Zeichnung des jungen Osamas, der eine chinesisch aussehende Person darstellt. Was sie nicht herausfinden: Es handelt sich hierbei um den chinesischen Koch der Bonanza-Familie Cartwright, Hop Sing.

Osama war mit 14 Jahren zum Fundamentalisten geworden und hatte sich formal vom westlichen Lebensstil abgewandt. Ein Sportlehrer, der ein Mitglied der Muslimbrüder war, hatte ihm den wahabitischen Islam näher gebracht. Osama versprach ihm in einer Moschee in Mekka, dass er nie wieder etwas Westliches konsumieren werde. Dann fand aber einer seiner neuen Freunde das Bild von Hop Sing und erkannte sofort, worum es sich handelte, immerhin war er früher auch Fan von Bonanza gewesen. Als Strafe für Osamas vermeintlichen Verrat ließ der Sportlehrer diese Zeichnung vor seinen Augen zerreißen. Dies war für den pubertären Osama ein traumatisches Erlebnis, an dem er sich später immer wieder erinnerte- so auch an seinem Tod.

Batarfi und die Texaner können in dem Lager aber nicht die Herkunft des Wortes Hopsin ergründen. Sie entschließen sich, den Ort zu verlassen. Vorher führen sie eine Unterhaltung. Batarfi erklärt ihm, dass er ein moderner Muslim sei und nur wegen der klimatischen Verhältnisse einen Turban trage. Auf die Frage, ob er vielleicht eine Vermutung hat, was Hopsin bedeuten könnte, weiß Batarfi keine Antwort. Er erinnert sich, wie sie sich als Kinder darüber unterhielten, wie sie berühmt werden wollten. Batarfi wollte Fussballer werden, während Osama von der Architektur schwärmte.

“Wenn du wirklich weltberühmt werden willst, musst du etwas in New York machen”, sagte Batarfi zu ihm, “dann wird dein Gesicht in allen Zeitungen der Welt erscheinen”.

“Das hat er wohl falsch verstanden, es sei denn er verstand die Anschläge als bemannte fliegende Architekturkritik”, antwortet Mr.Thompson. Batarfi lächelt zynisch und verabschiedet sich von den Texanern.

Die Reise macht Mr.Thompson Mut. Vielleicht wird er ja doch noch die Bedeutung des mysteriösen Wortes herausfinden. Die nächste Reise, beschließt er, soll nach Guantanamo gehen. Dort sollen sie einen anderen berühmten Architekten treffen, nämlich den der Anschläge vom 11.September.

Mr.Thompson und der Scheich

Es ist ein bisschen unheimlich für ihn hier. Die ganzen Zellen mit mutmaßlichen Terroristen, die ihn anstarren, er fühlt sich wie beim Zollfahnder mit einen Koffer voll Heroin. Er versucht, sich nichts anmerken zu lassen und gelangt schließlich in eine Zelle, in der eine saudische Fahne auf Halbmast hängt. Es ist die Zelle von Chalid Scheich Mohammed, dem Planer der Anschläge vom 11.September.

Chalid erinnert sich an das erste Treffen. Er hätte einen tapferen und von sich selbst überzeugten Mudschaheddin vor sich gehabt. Von Anfang an wusste er, dass er zu höherem bestimmt war. In den nachfolgenden Minuten unterhalten sie sich über Chalids Weltbild.

Chalid verurteilt den seiner Meinung stattfindenden “Zweifrontenkrieg” des Westens, muslimische Länder anzugreifen und gleichzeitig Muslime in den Westen zu locken und sie zu assimilieren, um mit diesen Schritten die islamische Kultur zu vernichten. Er sagt, dass die assimilierten Muslime im Westen auch Ziele für Anschläge waren. Schweine seien reiner als die Verräter des Islams, gibt er zu Wort. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Unterstützung für Israel, was beweist, dass der Holocaust eine Lüge war, denn die Amerikaner hätten die Lager bombardiert, wenn dort wirklich Juden getötet worden wären. “Hitler war genial, er hatte nur die falschen Berater”, sagt der alte Scheich, “ich hätte gerne mit ihm gegen die Juden und Kreuzfahrer gekämpft”. Der Texaner fragt ihn schließlich, ob er im Nachhinein kein Mitleid für die Opfer des 11.September empfindet. Da richtet sich Chalid auf und merkt an:

“Alle, die an diesem ehrenhaften Tag gestorben sind, waren feindliche Soldaten. Im Pentagon waren es Soldaten in Uniform, im World Trade Center in Krawatte. Die Anschläge waren absolut notwendig und gerechtfertigt und stellten einen Akt von Widerstand gegen die Zersetzung der Welt durch den amerikanisch-zionistischen Kapitalismus und Imperialismus dar. Ich bereue nichts, nur, dass nicht mehr gestorben sind”.

Ein breites Lächeln erfüllt sein Gesicht. Mr.Thompson hat Schwierigkeiten, sich zu beherrschen. Er fordert den Scheich auf, sich wieder hinzusetzen. Er stellt ihm eine letzte Frage zu seinen Motiven: “Gibt es ihrer Meinung nach auch unschuldige Amerikaner?”- “Natürlich, und Osama hat gemeinsam mit mir gebetet, dass sie den Weg zu Allah finden werden. Schon vor dem 11.September.”

Auf die Frage, ob er die Bedeutung des Wortes Hopsin erklären kann, muss Chalid passen. Er hat jedoch die starke Vermutung, dass es sich um einen Anschlagsziel handelte. Die gescheiterte Operation Bojinka in den 1990ern sei nicht die einzige gewesen, die unausgeführt blieb.

Da macht sich Mr.Thompson auf dem Weg, um Guantanamo so schnell wie möglich zu verlassen. Er weiß nicht, wer sonst noch eine Antwort auf seine Frage finden kann. Ein Kollege der NY Times macht ihm den Vorschlag, Osamas drei Witwen aufzusuchen, die immerhin die letzten Jahre seines Lebens mit ihm verbrachten.

Mr.Thompson und die Witwe

Siham Sabar heiratete Osama in Afghanistan im Jahr 1987. Da war dieser u.a. schon mit Khairiah Sabar, einer von 4-5 von Osamas Frauen, verheiratet. Siham und Khairiah lebten mit ihm zusammen in Abbottabad. Wie das Leben mit Osama gewesen sei, fragt Mr.Thompson Siham. Die Antwort kommt für ihn völlig unerwartet.

“Er wollte immer nur das eine”, sagt sie. In der Küche, im Wohnzimmer, im Bad und manchmal sogar im Schlafzimmer. Unabhängig von seinem Gemütszustand. Egal ob wütend, traurig oder gelangweilt- er konnte immer. Sie hätten jede Stellung ausprobiert. Er war manchmal devot und hatte Lust auf SM-Spielchen, aber meistens gab er das Tempo an. Um seine Leistungen zu fördern, hätte er auch oft Viagra genommen.

Das Gespräch nimmt eine Richtung, die ihn noch viel mehr überrascht. Die jüngste Frau von Osama, Amal Ahmed al-Sadah, sei eine Schlampe gewesen, sagt Siham. Sie hätte ihn nicht wirklich geliebt, sondern war nur aus Geltungssucht mit ihm zusammen. Trotzdem hätte Osama mit ihr in der dritten Etage gelebt, während die beiden anderen in der zweiten lebte. Sie hätte ihre Jugend ausgenutzt, um ihn zu verführen.

Osama, so erfährt Mr.Thompson in dem Gespräch mit Siham, hat wohl einige Abgründe gehabt. Er hat neben seinen 4-5 Ehefrauen, mit der er 24 Kinder zeugte, auch ständig Pornos aus aller Welt angesehen und besaß auch mehrere Playboy-Hefte. Siham erwischte ihn außerdem, wie er mit einem Esel verkehrte. Mit vielen seiner Kampfgefährten hätte er auch eine homoerotische Beziehung gehabt, glaubt Siham. In Afghanistan hatte er sich einen Bacha Bazi-Jungen gehalten.

Er konnte manchmal jähzornig werden. Wenn Siham seine schlechte Laune kritisierte, entgegnete Osama ihr, dass sie nicht wüsste, welche große Last er auf seinen Schultern tragen würde. Er sei nicht irgendwer, er sei der Grund, warum Amerika in den Krieg gezogen war. Nicht alle könnten mit so einem Ruhm umgehen, andere würden an viel kleineren Dingen zerbrechen.

Auf die Frage, ob Osama sie geliebt hätte, sagt Siham, dass der Islam seine einzige Liebe gewesen sei. Für seine Kinder hatte er auch etwas übrig gehabt. Das Wort Hopsin kann sie auch nicht erklären, sie vermutet aber, dass es der Name eines chinesischen Pornos gewesen sei.

Mr.Thompson und der Geheimagent

Eine letzte Reise genehmigt ihn die NY Times noch. Sowohl die Verantwortlichen der Zeitung als auch Mr.Thompson selbst verlieren langsam den Glauben an den Erfolg der Mission. Ein Kaffeeträger in der Redaktion fragt, ob man nicht dem pakistanischen Geheimdienst nach einem Insider fragen könnte, der Osama gekannt hatte.

Prompt melden sich 39 Personen bei der NY Times, die sich als ISI-Agenten und Bekannte von Osama ausgeben. Ein pakistanischer Experte hält aber nur 22 für glaubwürdig. Mr.Thompson entscheidet sich für den, dessen Wohnsitz Osamas am nähesten war. So vereinbart er ein “persönliches, inoffizielles und vertrauliches Gespräch” mit einem anonymen Agenten, der 2 Kilometer entfernt von Osamas Villa in Abbottabad lebt.

Mr.Thompsons letzte Reise führt ihn also zurück zum Anfang der Reise. In einem geheimen Ort, von mehreren Soldaten bewacht, trifft der Texaner einen leicht bärtigen, uniformierten Mann mittleren Alters. Er macht einen freundlichen Eindruck und begrüßt ihn mit seiner heiseren Stimme. “Sie sind der Amerikaner, stimmt’s?”. Mr.Thompson nickt und spürt daraufhin seinen starken Händedruck. “Sie müssen jetzt sicher im siebten Himmel sein, oder?” fragt der Agent. Etwas überrascht nickt der Texaner erneut. “Ein Amerikaner in Abbottabad, das hätte ich mir kaum vorstellen können!” sagt der Pakistaner und lächelt. “Entschuldigung, sind sie wirklich der Osama-Informant?” fragt Mr.Thompson. Der Pakistaner entgegnet: “Ja, aber ich war kein Freund von ihm. Und ich bin froh, dass er tot ist. Er ist gescheitert als Architekt, Ehemann, Vater und am Ende sogar als Dschihadist. Warum sollte ich stolz auf ihn sein?”. Von da an entwickelt sich ein freundliches Gespräch zwischen den beiden.

Der Pakistaner beschreibt ziemlich unverblümt seine Erfahrungen mit dem Terrorpaten. Als er ihn im Jahr 2002 traf, da war er ein gebrochener Mann. Die Amerikaner hatten al-Qaida am Rand einer Niederlage. Um zu überleben, mussten sie auf ungewöhnliche Maßnahmen zurückgreifen. Die Organisation begann nämlich in dieser Zeit, die Methoden von linken Terrororganisationen zu studieren und zu übernehmen. Vor allem die RAF hätte sie inspiriert. Ihre Videos hätten von da an eine immer bessere Qualität gewonnen. Die ISI half manchmal mit, indem sie unglaubwürdige Stellen schnitt. Osamas Videos wurden mit der Zeit immer professioneller. Besonders seine Rhetorik und der Hintergrund beeindruckten viele Menschen auf der Welt.

Während der Jahre wurde Osama immer fanatischer. Als er aus Versehen einen Koran hatte fallen lassen, hätte er sich selbst ausgepeitscht, berichtet der Agent. Nachdem er sogar einen Koran ins Klo geschmissen hatte, plante er aus Wiedergutmachung die Anschläge in Madrid. Er machte völlig verrückte Pläne, so wollte er Vögel trainieren, um sie als Selbstmordattentäter gegen amerikanische Flugzeuge einzusetzen.

Besonders überraschend für Mr.Thompson ist die Aussage des Pakistaners, dass Osama sich Sorgen um seinen Ruf gemacht haben soll. In mehreren Telefongesprächen beklagte er, dass die Amerikaner ihn zu sehr dämonisieren würden. Das ärgerte ihn. Um die Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen, wollte er sogar eine Rede in den USA halten, sowie Obama in Kairo. Allerdings müsste er sich dafür verkleiden, denn er hielt es für unwahrscheinlich, dass die Amerikaner jemals verstehen würden, dass die Anschläge vom 11.September notwendig waren. Er hatte sogar einen Text vorbereitet, der jedoch fast vollständig von Yussuf al-Qaradawi abgeschrieben war und die Überlegenheit des Islams betonte.

Er hasste ja nicht alle Juden oder Amerikaner und wollte sie nicht alle töten. Viele hätten ganz anständige Gedanken, wie z.B. Noam Chomsky oder William Blum, weswegen er sie auch in seinen Videobotschaften gelobt hat. Außerdem sei Osama ein großer Fan von Arsenal London gewesen und fieberte beim Champions League-Finale 2006 mit. Er hatte den Traum, eines Tages eine muslimische Weltauswahl spielen zu sehen. Zidane, Nasri, Dzeko, Özil, Benzema, Kanoute- daraus könnte man eine unschlagbare Mannschaft erstellen. Die Juden hätten doch nur Benayoun.

Osamas letztes Wort kann sich der Pakistaner aber auch nicht erklären. In den Telefongesprächen hätte er nie so ein Wort gesagt. Mr.Thompson ist tief enttäuscht. Er wird also nicht herausfinden, was Hopsin bedeutet. Als letztes fragt er den Pakistaner, ob er weiterhin für den Geheimdienst arbeiten wolle. Dieser lächelt kurz und antwortet ihm dann: “Wenn ich diesen Job nicht mache, dann macht ihn jemand, dem er gefällt”.

Die NY Times beschließt, alle Dokumente zu vernichten, die Mr.Thompsons Reise hervorgebracht hat. Der Texaner stimmt zu. Die Reise hätte nichts gebracht, sie sei bloß Geld- und Zeitverschwendung gewesen. Anstatt einer fetten Titelstory hätte es nur Frust, Enttäuschung und Verwirrung gegeben.

Einen Tag vor seiner Abfahrt erfährt Mr.Thompson, dass in Osamas Villa seine letzten Besitztümer versteigert oder verbrannt werden. Obwohl er keine Hoffnung mehr hat, reist er noch mal zum Ort und schaut sich um. Dschihadhefte, Pornovideos, Briefe von Fanclubs, ein lebensgroßes Poster von Thierry Henry, Broschüren zu Palästina und Zeitungsartikel vom 12.September 2001- alles findet sich in seiner Villa.

Zufällig stößt Mr.Thompson auf ein kleines Blatt, auf dem eine Zeichnung abgebildet ist. Sie ist in zwei Hälften zerrissen worden, doch erkennt man noch das Gesicht eines Chinesen. Der Texaner schmeißt das Blatt unbedacht in das lodernde Kamin und verlässt die Villa. Er wird nie erfahren, was auf dem Hintergrund des Blattes geschrieben stand:

Hop Sing.

3 Antworten to “Citizen Osama”

  1. aron2201sperber Says:

    zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es solange her ist, dass ich den Film gesehen habe, dass ich mich nur noch an das “Rosebud” erinnern kann.

    das reicht jedoch für deine großartige “Hopsin”-Story ;)

    • arprin Says:

      Danke für das Lob.

      Die Handlung von Citizen Kane kann man hier nachlesen.

      Ich hab’ mir den Film übrigens bei Youtube angesehen, auf Deutsch. Aber die Videos wurden mittlerweile entfernt.

  2. Thomas Holm Says:

    The birds and the bees – Citizen Khan – Episode 3 – BBC One toppt alle; Mercedesparker auf Bürgersteig und Behindertenparkplatz, bigott, reaktionär, chauvinistisch – kurz ein Ekel Alfred wie man ihn nur lieb haben kann. 6.000 Beschwerden wegen anti-muslimischer Klischeepropaganda laut PressTV. Dabei werden doch deren Leute von denen in die Luft gesprengt.

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