Der Neue Frieden

Die Bundeswehr darf jetzt auch die Freiheit in Deutschland verteidigen

Die Bundeswehr darf jetzt auch die Freiheit in Deutschland verteidigen

Vor 10 Tagen erschien im Magazin “Foreign Policy” ein Beitrag, der sich mit dem “Dempsey-Paradoxon” beschäftigte. Der General Martin Dempsey stellte fest: Obwohl wir in einer Welt leben, in der die Gewalt immer weiter zurückgeht, fühlen wir uns immer stärker bedroht. In den Medien wird ständig von Kriegen, Aufständen und Eskalationen berichtet, was den Eindruck hinterlässt, dass wir einer immer gefährlicheren Welt leben, dabei nimmt die Zahl von Kriegen, Aufständen und Eskalationen stetig ab. Ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner bringt es auf dem Punkt: „Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden.“

Im Jahr 1992 gab es weltweit 52 bewaffnete Konflikte, 2010 waren es nur noch 31, die Zahl stieg 2011 auf 37 (27 Bürgerkriege, 9 internationale Militäreinsätze und 1 zwischenstaatlicher Konflikt). Allerdings sind heute mehr Staaten in Kriege verwickelt als früher, weil öfter Staatengemeinschaften eingreifen, wie in Afghanistan und im Irak. Nicht nur die Anzahl von Kriegen hat abgenommen, auch die Opferzahlen sind niedriger geworden. Die meisten Kriege unserer Zeit sind “low-intensity-conflicts” (Konflikte mit niedriger Intensität), d.h. Kriege mit weniger als 1.000 Toten pro Jahr. Die Anzahl der Kriege mit mehr als 1.000 Toten ist seit 1988 um 78% zurückgegangen.

Steven Pinker nennt diese Phase, die 1988 ihren Anfang nahm, in seinem Buch “Gewalt- Eine neue Geschichte der Menschheit” den “Neuen Frieden”. Noch nie war die Wahrscheinlichkeit für alle Menschen in der Welt so gering, durch einen bewaffneten Konflikt umzukommen (auch wenn das für die Menschen, die es trifft, natürlich kein Trost darstellt). Es ist aber nicht gewiss, dass der Neue Frieden weiter anhalten wird, denn dazu ist die Phase weltgeschichtlich betrachtet noch zu kurz. Neben dem Neuen Frieden gibt es aber den sogenannten “Langen Frieden”, der seit 1945 anhält: Seit diesem Jahr haben 2 Großmächte nicht mehr gegeneinander Krieg geführt- eine historisch einmalige Phase.

Pinkers Theorie hat auch Kritiker. Hannes Stein hat sein Buch offenbar nicht gelesen und wirft ihm deshalb vor, verschiedene Völkermorde nicht mitzuzählen. Werner Seppmann meint: “Selbstverständlich ist es für Professor Pinker bestenfalls nur eine Randerscheinung, dass die strukturelle Gewalt eines global hegemonialen Kapitalismus sich in der systematischen Unterentwicklung ganzer Regionen ausdrückt: Ein System des Hungers, der Unterernährung und ungesunder Lebensverhältnisse verschlingt Jahr für Jahr fast so viele Menschenleben wie der gesamte 2. Weltkrieg!” Für Seppmann ist es wohl eine Randerscheinung, dass die Menschen im 21.Jahrhundert gesünder, ernährter, wohlhabender, gebildeter und freier sind als in jeder anderen Epoche der Menschheit.

Inwieweit sich der Trend des Neuen Friedens fortsetzen wird, ist, wie gesagt, nicht absehbar. In diesem Jahr schlossen islamistische Rebellen einen Friedensvertrag mit der philippinischen Regierung, in Kolumbien will die Regierung mit der FARC verhandeln. Aber es sind auch neue Konfliktherde entstanden (wie z.B. in Mali) und einige andauernde Konflikte, wie der Irankonflikt, können jederzeit eskalieren. Außerdem war der Lange Frieden dieses Jahr ernsthaft in Gefahr, als China und Japan beinahe in den Krieg zogen, was den ersten Krieg zwischen 2 Großmächten seit 1945 bedeutet hätte. Man sollte weder in eine apokalyptische “Alles wird immer schlimmer”-Einstellung noch in naiven Optimismus verfallen. Es gibt keine Zwangsläufigkeit in der Geschichte.

Der momentan mit Abstand blutigste Krieg ist der Bürgerkrieg in Syrien, deren Opferzahlen offiziell bei 40.000 liegen, möglicherweise sind die wirklichen Zahlen aber höher. Im Jahr 2011 waren neben Syrien die Kriege in Afghanistan, Pakistan, die anhaltenden Gewalt im Irak und Libyen, die Drogenkriege in Mexiko und Kolumbien und der Bürgerkrieg in Somalia bewaffnete Konflikte, die jährlich mehr als 1.000 Tote fordern. Die Bürgerkriege in Kongo, Sudan, Burma, der israelisch-palästinensische Konflikt und viele weitere sind aktuell “low-intensity-conflicts”, obwohl sie in früherer Zeit weit höhere Opferzahlen aufwiesen. Der Krieg in Darfur hat z.B. von 2003 bis 2007 etwa 200-300.000 Tote gefordert, seit 2008 gehen die Opferzahlen aber stetig zurück, und im Jahr 2012 lagen die Opferzahlen in Darfur bei “nur” 700.

In einigen Kriegen, wie z.B. im Irak und Kongo, sind die Opferzahlen übertrieben worden. Eine Umfrage des Opinion Research Business errechnete mit fragwürdigen Methoden über 1 Million Kriegstote im Irak, die meisten anderen Studien kamen dagegen auf etwa 100.000 Kriegstote. Die Opferzahlen in Kongo wurden in einer Studie 2008 mit 5,4 Millionen angegeben, doch wahrscheinlicher sind Zahlen von etwa 1-2 Millionen Toten. Die meisten davon starben durch Krankheiten oder Hunger, nicht durch militärische Gewalt. Sowohl im Irak als auch im Kongo befindet sich die Gewalt in den letzten Jahren im Rückzug, allerdings ist dieses Jahr die al-Qaida im Irak stärker geworden und im Kongo hat sich eine neue Rebellengruppe gebildet, die im Osten die Provinzhauptstadt Goma erobert hat.

Wie der Lange und Neue Frieden die europäischen Gesellschaften verändert haben, ist, wenn man sich Pinkers Buch durchliest, kaum zu glauben. Kriegsdenkmäler zeigten früher tapfere Feldherren in heldenhaften Posen, heute zeigen sie erschöpfte Soldaten und leidende Mütter oder listen die Namen der Opfer auf, wie der Vietnam Veterans Memorial in Washington DC. Kriegerische Symbole und Lieder sind tabuisiert worden. Und auch Kriegsführung hat sich geändert. Ein Captain der kanadischen Streitkräfte schrieb 2003 einen Brief an Steven Pinker, in dem er sich über die Moral der Bundeswehr beschwerte. Dort hieß es:

Heute Morgen wartete ich während des Kalaschnikow-Konzerts darauf, dass die Besatzungen der Wachtürme in unserem Lager das Feuer eröffneten. Ich dachte, sie würden schlafen. Das war nicht anders zu erwarten. Unsere Türme sind mit Bundeswehrsoldaten besetzt, und die haben ihre Sache nicht gut gemacht … wenn sie überhaupt da waren. Diese letzte Bemerkung mache ich zu Recht, denn die Deutschen hatten bereits mehrmals die Türme verlassen. Zum ersten Mal geschah das, als wir von Raketen getroffen wurden. In den übrigen Fällen hatte es damit zu tun, dass in den Türmen zu kalt war. Als ich mit einem deutschen Leutnant über diesen Mangel an Ehre und einfachem Soldatenverhalten sprach, erwiderte er, es liege in der Verantwortung Kanadas, Heizgeräte für die Türme zu liefern. Darauf schnauzte ich zurück, es liege in der Verantwortung Deutschlands, seine Soldaten mit warmer Kleidung auszustatten. Ich war versucht, eine Bemerkung darüber zu machen, dass Kabul nicht Stalingrad ist, aber ich hielt meine Zunge im Zaun.

Die heutige deutsche Armee ist nicht mehr das, was sie einmal war. Oder, wie ich es hier mehrmals gehört habe: “Das ist nicht die Wehrmacht.” Angesichts der Geschichte unseres Volkes kann ich die Ansicht vertreten, dass dies wirklich etwas Gutes ist. Da aber meine Sicherheit aber jetzt von der Wachsamkeit der Nachkommen des Herrenvolks abhängt, bin ich, gelinde gesagt, etwa beunruhigt.

(zitiert von Steven Pinker, “Gewalt“, S. 401)

3 Antworten to “Der Neue Frieden”

  1. Sam Says:

    1. Ich denke dass Steven Pinker mit seiner These tendenziell recht hat. Das wird ja auch in der Democratic Peace Theory diskutiert. Ein wichtiger Punkt dürfte u.a. auch das Abschwellen von Youth Bulges sein, also des Jungmännerüberschuss in Gesellschaften. (vgl. Gunnar Heinsohn).

    2. Hungersnöte entstehen i.d.R. nicht aus dem Kapitalismus. Sie entstehen eher in kommunistischen Staaten wie in Russland unter Stalin oder in China unter Mao. Oft sind Hungersnöte ein Ergebnis von Überbevölkerung oder vom Fehlen von Demokratie (Amartya Sen). In vorkapitalistischen Subsistenzwirtschaften treten Hungersnöte am öftesten auf.

    3. Hannes Stein ist irgendwie religiös geworden. Vermutlich kann er nicht akzeptieren dass die Gewalt nach Pinker weniger geworden ist obwohl die Welt atheistischer geworden ist.

    • arprin Says:

      Ja, diese Punkte wurden auch von Pinker angesprochen. Vor allem die Demokratisierung hat eine tragende Rolle für das Zustandekommen des Neuen Friedens gespielt.

      Hannes Stein scheint Pinkers Buch wirklich nicht gelesen zu haben, anders kann ich mir seinen kritischen Artikel auf der Achse nicht erklären.

  2. P1000 - Seite 4 Says:

    [...] [...]

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