Archiv für die Kategorie ‘Terrorismus’

Pakistan: Terroristenverrat ist Landesverrat

Januar 30, 2012

Pakistanische Zeitungen am 3.Mai 2011

Der Tagesanzeiger berichtete vor zwei Tagen:

“US-Verteidigungsminister Leon Panetta hat erstmals öffentlich eingestanden, dass ein pakistanischer Arzt (Schakil Afridi) den USA vor dem Angriff auf Osama bin Laden wichtige Informationen geliefert hat… Panetta sagte in der Sendung «60 Minutes» auf CBS, die am Sonntag ausgestrahlt wird, er sei sehr besorgt, weil der Arzt inzwischen in Pakistan wegen Landesverrats angeklagt worden sei… Panetta sagte, Afridi habe sich in keiner Weise Pakistan gegenüber verräterisch verhalten. Der Kampf gegen den Terrorismus sei sowohl im Interesse der USA als auch Pakistans. Zugleich sagte der US-Verteidigungsminister, er sei noch immer überzeugt, dass pakistanische Beamte über bin Ladens Versteck Bescheid wussten.”

Soll heißen: Die pakistanische Regierung behauptet zwar immer noch, dass sie nichts von Osamas Versteck wussten, aber sie bestrafen die, die davon wussten und halfen, ihn zu beseitigen. bin Laden war nicht mal pakistanischer Staatsbürger, von “Landesverrat” kann keine Rede sein. Eher von Verrat an der Terrorhilfe. Genauso gut könnte man die Ermittler, die die NSU-Morde aufdeckten, als “Landesverräter” bezeichnen und anklagen. Immerhin: Umfragen zeigen, dass die Sympathie der pakistanischen Bevölkerung für Osama von 2005 bis 2010 von 52% auf 18% zurückgegangen ist.

Intellektuelle und Terroristen

Januar 15, 2012

Jean-Paul Sartre traf im Jahr 1960 den Massenmörder Che Guevara, seiner Meinung nach der “vollkommenste Mensch unserer Zeit”

Erinnern sie sich noch, wie in den deutschen Medien nach dem Massaker in Norwegen Islamkritikern wie Henryk M.Broder eine Mitschuld an der Tat gegeben wurde? In der Franfurter Rundschau sagte Christian Bommarius: “Es wäre demagogisch, Broder und andere deutsche Islamophobe zu geistigen Brandstiftern zu erklären und für Breiviks Verbrechen in Mithaftung zu nehmen. Aber richtig ist eben auch, dass Schriften, wie sie Broder verbreitet, das Entrebillett für den aggressiven Antiislamismus bilden, der nicht nur die deutsche, sondern fast alle europäischen Gesellschaften befallen hat. Spätestens nach den Morden Breiviks empfiehlt sich dringend verbale Abrüstung.”

Dass Henryk M.Broder in keinster Weise ein “Entrebillett für den aggressiven Antiislamismus” bildet, sondern lediglich notwendige Kritik ausspricht, habe ich in diesem Artikel bereits klargestellt. Das Weltbild einer Person kann gleich sein, aber es muss nicht heißen, dass beide die Anwendung von Gewalt befürworten. Weder Broder noch irgendein anderer seriöser Islamkritiker hat jemals zur Gewalt aufgerufen oder Verständnis für die Taten Breiviks geäußert. Nicht mal der islamophobe, rechtsextreme Blogger Fjordman hat dies getan. Das Weltbild von Breivik ist übrigens keineswegs identisch mit dem von Islamkritikern.

Es gibt aber so manchen Intellektuellen, bei dem das nicht so ist. Manche Intellektuelle zeigen nicht nur Verständnis für Gewalt und Rassismus, sondern rufen auch selbst dazu auf. Dennoch werden sie so gut wie nie als “geistige Brandstifter” bezeichnet. Bei diesen Intellektuellen handelt es sich meistens um linke, kapitalismuskritische Professoren, Kabarettisten, Modedesigner oder Musiker, die als “Experten” für alles herhalten müssen. Sie betreiben ihre Terrorpropaganda sogar regelmäßig im deutschen Mainstream. (weiterlesen…)

Volk ohne Staat- Das Kurdenproblem im Nahen Osten

November 2, 2011

So könnte der Staat Kurdistan auf der Landkarte aussehen

Völkermorde, Landraub, Deportationen, erzwungene Assimilation und Unterdrückung der Kultur- das gibt einen kleinen Überblick von dem, was das kurdische Volk in den letzten 80 Jahren erleiden musste.

Im Jahre 2011 leben 25 Millionen Kurden in vier Staaten geteilt: Syrien, Iran und den beiden größten Siedlungsgebieten, dem Irak und der Türkei. Weitere Hunderttausende leben in der Diaspora. Der Traum von Selbstbestimmung und einem eigenen, kurdischen Staat ist mehr als 100 Jahre alt. Im Irak hat sich dieser Traum im Jahre 2005 mit der Errichtung der Autonomen Region Kurdistan praktisch erfüllt, theoretisch gehört diese Region jedoch noch immer zum Irak. In unseren revolutionären Zeiten kämpfen nun auch die Kurden in der Türkei für mehr Autonomie. In Syrien haben Aktivisten eine “kurdische Intifada” ausgerufen, während im Iran die kurdischen Nationalisten den bewaffneten Kampf gegen den Staat verloren haben. Zeit, um einen genauen Blick in das “Kurdenproblem” des Nahen Ostens zu werfen. (weiterlesen…)

Die pakistanische Gefahr

Oktober 3, 2011

US-Flaggen werden in Pakistan gerne angezündet

Pakistan und der Islamismus

Osama bin Laden könnte wegen zwei Ereignissen eine weltgeschichtliche Bedeutung hinterlassen. Die Anschläge vom 11.September waren der Auslöser des Krieges gegen den internationalen Terrorismus. Sein Tod könnte nun der Anfang vom Ende der pakistanisch-amerikanischen Freundschaft einläuten. Diese war sowieso immer nur eine Zweckehe, während Pakistans Beziehung zum Islamismus schon immer eine Traumhochzeit war.

Pakistans Weg zum Islamismus begann bereits in den 1960ern. Die Geistlichkeit rang der Militärregierung von Ayub Khan Zugeständnisse ab. In den ersten landesweiten Wahlen im Jahr 1970 gelang der islamistischen Jamaat-e-Islami (JI) ein Achtungserfolg gegen Dhulfiqar Ali Bhutto, andere wichtige islamische Parteien waren Jam’iyat al-Ulama-i Pakistan (JUP) und Jam’iyat al-Ulama-i Islam (JUI). Bhutto war zwar ein Gegner des Islamismus, aber völlig säkular war er nicht, immerhin propagierte er mit seiner Pakistan’s People Party (PPP) den “Islamischen Sozialismus” und exkommunizierte im Jahr 1974 die Ahmadiyya-Sekte. Die Islamisten waren so erstarkt, dass sie Bhuttos mutmaßlich gefälschten Wahlsieg im Jahr 1977 mit monatelangen Straßenschlachten streitig machten, die den Weg für den Putsch von Zia ul-Haq frei machten, die mit den JI, JUP und JUI als Partner eine Islamisierung des Landes vornahm. Bhutto wurde 1979 hingerichtet.

Zia ul-Haq regierte elf Jahre lang. Unter ihm wurden die islamischen Strafgesetze wieder eingeführt, zu der die äußerst brutalen Hadd-Strafen gehörten, wie z.B. das Hand abhacken bei Diebstahl. Der March durch die Institutionen der Islamisten wurde besonders durch einen Erlass aus dem Jahr 1982 gefördert, der den Abschluss an religiösen Schulen, den berüchtigten und mittlerweile weltweit gefürchteten Madrasas einem Abschluss an staatlichen Universitäten gleichsetzte. Arabische Staaten wie Saudi-Arabien oder der Irak unterstützen die madrasas finanziell, um einen schiitischen Einfluss im mehrheitlich sunnitischen Land zurückzudrängen. Die madrasas erlebten ein rasantes Wachstum und wurden nicht selten zum Ausbildungslager für spätere Dschihadisten. (weiterlesen…)

Wenn Terror so schockierend ist wie Wettergespräche

August 19, 2011

Terror in Pakistan

Bei einem Terroranschlag im pakistanischen Jamrud sind 49 Menschen getötet worden. Der junge Angreifer zündete die Bombe in einer Moschee, in der sich Hunderte Gläubige aufhielten. Wegen des Fastenmonats Ramadan sind die Moscheen zurzeit besonders gut besucht. Taliban-Gruppen haben in der Vergangenheit aber immer wieder Vergeltungsschläge auf Moscheen verübt, wenn die örtliche Bevölkerung mit den Sicherheitskräften kooperierte. Die Islamisten verüben nach dem Tod ihres verehrten Terrorpaten Osama bin Laden immer wieder Vergeltungsschläge.

Eine schreckliche Nachricht? Ja, eigentlich schon. Könnte man zumindest denken. Das Leben von 49 Menschen ist in einem Moment für immer vorbei und ihre Angehörigen werden den Rest ihres Lebens ohne sie auskommen müssen. Ein Massaker, völlig sinnlos, bei dem es mehr Tote gab als bei israelisch-palästinensischen Zusammenstößen im gesamten Jahr. (weiterlesen…)

Linkspopulist auf Imagekampagne für Terroristen und stolz darauf

August 9, 2011

Taliban sind hemmungslose Exhibitionisten

Meine Meinung zu Terroristen ist klar und eindeutig: Für mich sind Terroristen Bestien. Sie morden ohne jegliche Rücksicht auf Menschenrechte und ihre Ziele sind deshalb auch nicht die Errichtung einer Gesellschaft, in der die Menschenrechte an oberster Stelle sind, sondern ihre jeweiligen politischen oder religiösen Vorstellungen. Dass jemand, der sich für Menschenrechte einsetzt, absichtlich unschuldige Zivilisten tötet, ist völlig absurd. Aber einige Leute finden wohl, dass diese Meinung zu hart ist. Einer von ihnen ist “Essener”, eine Person, die hier schon mal Kommentare hinterlassen hat und die ich auch persönlich kenne.

Am Anfang gab es noch relativ freundliche Kommentare für mein Projekt. In meinem ersten Artikel, indem ich die Existenz Gottes widerlegte, lobte “Essener” meine Thesen. Doch dann wurde der Ton immer rauer. Nach der Gleichschaltung der Medien durch die Anti-Atomkraft-Bewegung fand er meine ketzerische Meinung zum Thema … na ja, ketzerisch halt. Auch der dritte Teil der Artikelreihe “Islam und Toleranz” war nicht unbedingt sein Ding. Aber das Fass zum Überlaufen brachte schließlich mein Artikel, in dem ich behauptete, dass Terroristen kein zu schlechtes Image haben, sondern ein viel zu gutes. Dieser Artikel mit dem Namen “Terroristenversteherlogik” brachte ihn wohl zur Verzweiflung, denn für nichts setzen sich Gutmenschen so leidenschaftlich ein wie für islamistische Terroristen. Als Antwort zu meinem Artikel schrieb er einen Text, der als sein Manifest durchgehen und viele Mörder auf der Welt ruhiger schlafen lassen könnte. (weiterlesen…)

Ungesagtes zu Norwegen

August 1, 2011

Trauer in Norwegen

Die Vorfälle in Norwegen brachten eine Welle von Reaktionen, von gut durchdachten Kommentaren bis zu peinlichen Anschuldigungen war alles dabei. Ich habe mittlerweile vier Artikel über die Ereignisse in Oslo und Utoya veröffentlicht, aber einiges blieb dennoch auf der Strecke. Deswegen hier noch einige Gedanken zu einigen Aspekten, über die ich mich noch nicht geäußert hatte.

1. Die Tatsache, dass das sozialistische Jugendcamp, dass Breivik überfallen hat, extrem antiisraelisch und von der Fatah-Jugend besucht wurde, hat für mich eine besondere Tragik. Diese Jugendlichen wurden bewusst indoktriniert (Boykott-Aufrufe und Blockadebruchspiele gehören nicht zu normalen Unternehmungen für ein Jugendcamp, egal welcher politischen Ausrichtung), bevor sie Opfer eines Wahnsinnigen wurden. Besonders tragisch: Einige Jugendliche hielten Breiviks Schießerei für eine “Demonstration” der israelischen Verbrechen in Gaza. Sie haben sogar versucht, mit Breivik zu reden, dieser schoss daraufhin auf sie.

Die Israel-Besessenheit unserer Gesellschaft zeigt sich auch in einem anderen Fall: Der norwegische Botschafter in Israel fühlte sich dazu gedrungen, eine krude “Klarstellung” zu verbreiten: Der palästinensische Terror wäre nicht vergleichbar mit dem Breiviks. Die Palästinenser wären in einer anderen Situation, sie würden sich nur “verteidigen”, während Breivik völlig grundlos zum Terror übergegangen sei:

Palestinians, the ambassador told Maariv, “are doing this because of a defined goal that is related to the Israeli occupation. There are elements of revenge against Israel and hatred of Israel. To this you can add the religious element to their actions…We Norwegians consider the occupation to be the cause of  the terror against Israel,” he said. “Those who believe this will not change their mind because of the attack in Oslo.”

So eine Aussage ist für mich genauso schlimm, als wenn man Breiviks Taten loben würde (das erinnert mich an einen älteren Artikel von mir:”Terroristenversteherlogik“). Breiviks Ansichten beschäftigten sich nur marginal mit Israel, aber über sie wurde mit am meisten diskutiert.

2. Das exakte Weltbild des Attentäters ist alles andere als klar zu verstehen. Ich habe mir sein Manifest zwar nur bruchstückhaft angesehen, aber das reichte, um verwirrt zu sein. Er ist offenbar pro-israelisch, aber dennoch ein Antisemit, so heißt es in einer Stelle: (weiterlesen…)

Iran und der 11.September, Teil 2

Juli 30, 2011

Iranische 9/11-Connection?

Ich hatte schon vor einiger Zeit über mögliche Verstrickungen des iranischen Staates in Aktivitäten der al-Qaida berichtet (s.Iran und der 11.September). Nun meldet die Washington Post folgendes:

The Obama administration said Thursday that Iran is helping al-Qaeda funnel cash and recruits into Pakistan for its international operations, the most serious U.S. allegation to date of Iranian aid to the terrorist group.

Es gibt viele neue Hinweise für diesen Verdacht. Der Wall Street Journal brachte es auf den Punkt: The U.S. finally acknowledegs the terror connection:

“In 2003, the Washington Post reported on a “decade-old relationship” between al Qaeda’s Ayman al-Zawahiri and Ahmad Vahidi, now Iran’s minister of defense. In 2004, the 9/11 Commission wrote that “there is strong evidence that Iran facilitated the transit of al Qaeda members into and out of Afghanistan before 9/11, and that some of these were future 9/11 hijackers.”

Nebenbei soll der Iran auch Terroristen in Lateinamerika unterstützen. Von der Hisbollah, der Hamas und den “irakischen Widerstand” ganz zu schweigen. Aber dennoch lässt es sich der Iran nicht nehmen, zusammen mit Afghanistan und Pakistan an einer “Antiterrorkonferenz” teilzunehmen. Zwar hat der Iran auch mit einheimischen Terrororganisationen wie der PJAK zu kämpfen, aber das gleicht das andere nicht aus.

Für mich stellt sich dagegen die Frage, wieso ein Land, dass im Gegensatz zum Irak tatsächlich ein Atomprogramm betrieb und immer noch betreibt, den internationalen Terror durchfüttert wie zuletzt Libyen in den 1970ern und 1980ern und darüber hinaus ständig Vernichtungsdrohungen an Israel schickt, von den USA als weniger große Bedrohung wahrgenommen wurde als der Irak. Alle Vorwürfe, die die Bush-Regierung gegen den Irak verwendete, treffen auf den Iran zu. Im Nachhinein betrachtet könnte der Irakkrieg sogar in eine strategische Katastrophe enden, wenn man bedenkt, dass der Iran immer mehr Einfluss im Irak gewinnt. (weiterlesen…)

Eine alternative Bestrafung für Terroristen und Amokläufer

Juli 25, 2011

Bühne für den Täter: Gier nach posthumen Ruhm lockt Nachahmer

Wie soll man Menschen bestrafen, die Hunderte andere Menschen töten und anschließend keine Reue zeigen? Diese Frage stellt sich nach solchen Massakern, wie sie in Norwegen geschehen sind, immer wieder. Die Wiedereinführung der Todesstrafe wurde in Deutschland während der RAF-Zeit diskutiert, die lebenslange Freiheitsstrafe scheint für so manchen Verrückten noch zu wenig. Rainer Bonhorst hat in der Achse des Guten eine andere Alternative ins Spiel gebracht, die man meiner Meinung nach durchaus diskutieren könnte:

“Vorstellen kann man sich trotzdem eine interessante Ergänzung zum üblichen Verfahren. Nämlich dies: konsequentes Totschweigen. Wer fast hundert Menschen umbringt, um eine „Botschaft“ an die Welt loszuwerden, der will vor allem eins: Öffentlichkeit, Kameras, eine Bühne, auf der er sein dummes Zeug absondern und sich wichtig machen kann. Es ist zu erwarten, dass er während seines Prozesses eine solche Bühne bekommt. Er wird sich auf dieser Bühne pudelwohl fühlen. Er wird jede Schlagzeile genießen. Er wird ganz groß herauskommen und sich ganz groß fühlen.

Wäre es nicht viel befriedigender, wenn man ihn dieser Helden-Show berauben würde? Wenn man kein Wort mehr über ihn verlöre? Wenn sein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bei totaler medialer Missachtung stattfände? Und wenn er dann seine Strafe als gänzlich unbeachteter, armseliger Mörder absäße?

Es ist nur ein Traum und für einen Journalisten ein seltsamer Traum. Und ich verrate diesen Traum bereits, indem ich diese Zeilen schreibe. Und doch wäre lebenslange Missachtung die Höchststrafe für einen solchen Mann. Er hätte sie verdient.”

Das Herostratentum (Duden-Definition:”Durch Ruhmsucht motiviertes Verbrechertum”) hat eine lange Tradition, der Mörder von John Lennon soll die Tat aus reiner Geltungssucht gemacht haben.

Aber die Medien kapieren diese Tatsache nie. Im Gegenteil- Sie verhalten sich so, wie Anders Breivik es sich gewünscht hat: (weiterlesen…)

Der radikale Verlierer- Die Motive des Terrors

Juli 25, 2011

Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich hier ein Essay von Hans-Magnus Enzensberger, der sich mit den Motiven von Terroristen auseinandersetzt. Auch wenn der Hauptaugenmerk seiner Ausführungen sich auf den islamistischen Terror bezieht, beschäftigt er sich auch anhand historischer Beispiele an dem Phänomen von Rechts- und Linksextremismus sowie den ganz gewöhnlichen Amokläufer und eignet sich in einigen Beispielen auch für den Fall von Anders Breivik.

DER RADIKALE VERLIERER

Ein Essay von Hans-Magnus Enzensberger

I. DER VEREINZELTE

Hans-Magnus Enzensberger

Es ist schwer, vom Verlierer zu reden, und dumm, von ihm zu schweigen. Dumm, weil es den endgültigen Gewinner nicht geben kann und weil jedem von uns, dem größenwahnsinnigen Bonaparte ebenso wie dem letzten Bettler auf den Straßen Kalkuttas, das gleiche Ende beschieden ist. Schwer, weil es sich zu leicht macht, wer sich mit dieser metaphysischen Banalität zufrieden gibt. Denn damit wird die eigentlich brisante, die politische Dimension des Problems verfehlt.

Statt in den tausend Gesichtern des Verlierers zu lesen, halten sich die Soziologen an ihre Statistiken: Mittelwert, Standardabweichung, Normalverteilung. Selten kommen sie auf die Idee, dass sie selber zu den Verlierern gehören könnten. Ihre Definitionen gleichen dem Kratzen an einer Wunde: Hinterher juckt und schmerzt es, wie Samuel Butler sagt, mehr als zuvor. Fest steht nur, dass so, wie die Menschheit sich eingerichtet hat – “Kapitalismus”, “Konkurrenz”, “Imperium”, “Globalisierung” -, nicht nur die Zahl der Verlierer mit jedem Tag zunimmt; wie in jeder großen Menge kommt es bald zur Fraktionierung; in einem chaotischen, undurchsichtigen Prozess trennen sich die Kohorten der Unterlegenen, der Besiegten, der Opfer voneinander. Der Versager mag sich mit seinem Los abfinden und resignieren, das Opfer Genugtuung fordern, der Besiegte sich auf die nächste Runde vorbereiten. Der radikale Verlierer aber sondert sich ab, wird unsichtbar, hütet sein Phantasma, sammelt seine Energie und wartet auf seine Stunde.

Wer sich mit den objektiven, den materiellen Kriterien, den Indizes der Ökonomen und den niederschmetternden Befunden der Empiriker begnügt, wird vom eigentlichen Drama des radikalen Verlierers nichts verstehen. Was die anderen von ihm halten, seien sie Konkurrenten oder Stammesbrüder, Experten oder Nachbarn, Mitschüler, Chefs, Feinde oder Freunde – das genügt nicht, um ihn zu motivieren. Der radikale Verlierer selbst muss sein Teil dazu beitragen; er muss sich sagen: Ich bin ein Verlierer und sonst nichts. Solange er davon nicht überzeugt ist, mag es ihm schlecht gehen; er mag arm sein, machtlos; er mag die Misere und die Niederlage kennen; zum radikalen Verlierer aber hat er es erst gebracht, wenn er sich das Votum der anderen, die sich Gewinner dünken, zu Eigen gemacht hat. (weiterlesen…)


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