Gegen den Kolumbus-Tag

Hernando de Soto „entdeckt“ den Mississippi, 1542

Der „Kolumbus-Tag“ ist ein Tag, in dem die Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika gefeiert wird. Gewisse Personen, die, zugegeben, meistens dem linken Spektrum angehören, kritisieren diesen Tag, weil mit diesem Tag einerseits nicht die Entdeckung Amerikas gefeiert werden kann, da Amerika schon vorher entdeckt worden war (nicht von den Chinesen, von den Indianern natürlich) und andererseits die Ankunft Kolumbus den Völkermord an den indianischen Völkern einläutete.

Ich finde, sie haben völlig recht. Anlass war dieser Artikel:

Die Kontroverse um den Kolumbus-Tag

Obwohl der Autor sehr gute Artikel zu vielfältigen Themen verfasst, muss ich diesem von ihm verlinkten Artikel von Michael S. Berliner widersprechen:

Hat Kolumbus Amerika „entdeckt“? Ja – in jeder bedeutsamen Hinsicht. Das bedeutet nicht, dass vor Kolumbus’ Ankunft kein menschliches Auge jemals einen Blick auf Amerika geworfen hätte. Es bedeutet, dass Kolumbus die zivilisierte Welt auf Amerika aufmerksam gemacht hat, das heißt, die wachsenden, wissenschaftlichen Zivilisationen Westeuropas. Das Ergebnis sind letzten Endes die Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Es war Kolumbus’ Entdeckung für Westeuropa, die zu dem Zustrom von Ideen und Menschen führte, auf denen diese Nation begründet wurde – und auf dem sie noch immer beruht. Die Öffnung Amerikas brachte die Ideen und Errungenschaften von Aristoteles, Galilei, Newton und tausenden Denkern, Autoren und Erfindern, die ihnen folgten.

Die Indianer waren keine „edlen Wilden“, das ist klar. Aber: Hat man ein Recht, nur weil man kulturell überlegen ist, ein fremdes Land zu besetzen und ihrer Bevölkerung ihren König, ihre Religion und ihre Sprache aufzwingen? Nein, natürlich nicht!

Die Öffnung Amerikas brachte in erster Linie nicht Aristoteles, Galilei oder Newton nach Amerika, sondern das „Encomienda“-System, mit dem die Indianer praktisch versklavt wurden und sich die Kolonisten Reichtum anhäuften. Dies führte zu großen sozialen Ungleichheiten, die ein System der Ausbeutung nun mal hervorbringt. Lateinamerika ist auch heute noch nach mehr als 180 Jahren Unabhängigkeit im Großen und Ganzen ein gescheitertes Projekt, von Mexiko über Zentralamerika zu Kolumbien, Brasilien oder Bolivien, und nebenbei waren auch Spanien und Portugal noch bis in die 1970er Jahre Diktaturen und galten als das Armenhaus Europas, was auch dazu führte, das über eine Million Spanier und Portugiesen als Gastarbeiter in anderen europäischen Ländern „exportiert“ wurden.

Gerade eine Person wie Andreas Müller, der ein mehr als überzeugter Atheist ist, sollte diese Verbrechen nicht einfach mit einigen Sätzen glorifizieren. Die Spanier waren religiöse Fanatiker, Fundamentalisten und übrigens auch besessen von ganz weltlichen Dingen wie Gold oder Silber. Aristoteles, Galilei und Newton hatten die Conquistadoren nicht unbedingt im Gepäck. Pizarro war ein analphabetischer Viehhirte, der von Aristoteles, Galilei und Newton so weit weg war wie Osama bin Laden (Es gibt aber in Spanien und Lateinamerika zahlreiche Pizarro-Statuen, was man mit einer Hitler-Statue in Auschwitz vergleichen kann).

Es gibt die Geschichte von Hatuey, einem Widerstandskämpfer vom Volk der Taino aus der Insel Quisqueya (das die Spanier Hispaniola nannten), der nach Kuba ging, bevor er vor den Spaniern in die Hände fiel. Diese fesselten ihn an ein Kreuz und stellten ihn vor die Wahl: Entweder sollte er zum Christentum konvertieren, so dass er auch in den Himmel gelangen konnte, oder verbrannt werden. Er entschied sich für ersteres, doch er hatte davor noch eine Frage- und zwar: „Gibt es im Himmel auch Christen?“ Die Spanier antworteten natürlich mit „Ja.“ Daraufhin lehnte Hatuey lieber ab und starb den Flammentod.

Pro-Conquista-Rhetorik und Menschlichkeit

Die Conquista wird oft im Nachhinein die Conquista damit rechtfertigt, dass die westliche Kultur sich 300 Jahre später so weiter entwickelt hatte, das sie der der Inkas und Azteken überlegen war. So kann man aber auch behaupten, dass der Untergang des Römischen Reiches für Europa etwas Gutes war, da die Germanen 1000 Jahre später eine Kultur hatten, die der der Römer überlegen war. Oder dass der Krieg der Nazis etwas Gutes gewesen wäre, da die deutsche Kultur der osteuropäischen überlegen war. Man kann übrigens nicht vorhersagen, wie sich die indianischen Kulturen entwickelt hätten, wenn sie nicht durch die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten vernichtet worden wären.

Waren die indianischen Kulturen den Europäern wirklich so unterlegen, wie Michael S.Berliner glaubt? Nein! In Europa herrschten damals nicht demokratische, freiheitliche Zustände, in denen die Wissenschaften blühten, sondern totalitäre Monarchien, genauso wie in den amerikanischen Königreichen der Inkas oder Azteken. Kirchenkritiker wie Savonarola oder Luther wurden verfolgt, und auch Wissenschaftlern wie Kopernikus und Galilei ereilte dieses Schicksal. Als die Spanier in Tenochtitlan landeten, waren sie völlig fasziniert von der Stadt, die sich nicht vor den größten Städten Europas verstecken musste und es in seiner Prachtheit möglicherweise sogar übertraf.

Die Indianer hatten zwei kulturelle Nachteile: Sie hatten keine Metallwerkzeuge (und deshalb auch keine so starken Waffen wie die Europäer) und sie hatten mit Ausnahme der Mayas keine Schrift. Aber ansonsten ist es unsinnig, zu behaupten, das Europa damals den Inkas und Azteken kulturell überlegen war. Militärische Überlegenheit bedeutet nicht gleichzeitig kulturelle Überlegenheit: Die Germanen haben die Römer besiegt, die Mongolen die Chinesen, Inder, Muslime und Russen, die unzivilisierten Wikinger und Magyaren verwüsteten Europa.

Kulturelle Überlegenheit bedeutet auch nicht immer moralische Überlegenheit. Die deutsche Kultur war in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts ja auch der Kultur der Amazonas-Indianer überlegen, dennoch hinderte das die Deutschen nicht daran, die schlimmsten Verbrechen zu begehen. Die Griechen und Römer waren auch ihren Nachbarn überlegen, aber auch sie hatten barbarische Sitten- Kindstötung, Gladiatorenkämpfe, Sklaverei und vieles mehr.

Die Völkermorde an den Indianern gingen auch nach der Unabhängigkeit der heutigen lateinamerikanischen Staaten weiter. Die Führungsschicht war dieselbe wie zuvor, nur dass sie jetzt „Kreolen“ waren und nicht „Spanier“, die Indianer wurden z.B. in Argentinien, Chile („Wüstenkampagne„), Kolumbien oder Brasilien Opfer von „ethnischen Säuberungen“. In Mexiko erhoben sich Indianer im „Kastenkrieg“ insgesamt 54 Jahre lang (1847-1901), in El Salvador wurden 1932 bei Bauernaufständen Zehntausende Indianer umgebracht.

Nie in der Geschichte der Menschheit wurden Hochkulturen so leicht und aus niederen Beweggründen (Goldgier) nahezu komplett vernichtet. Die „Pro-Conquista-Rhetorik“ ist unerträglich. Spanische Historiker sprechen bis heute von der „Leyenda Negra„, mit der behauptet wird, das die Conquista „eigentlich“ gar nicht so schlimm war wie behauptet, anstatt die historischen Verbrechen anzuerkennen und die Pizarro-Statuen niederzureißen.

Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden

Wenn man über die europäische Kolonisierung Amerikas spricht, muss man unterscheiden zwischen dem von Spaniern und Portugiesen kolonisierten Süden und dem von Franzosen und Engländern kolonisierten Norden. Ich habe bis jetzt nur über den Süden geschrieben.

Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden. Die beiden größten sind wohl die, dass die Spanier im Süden innerhalb kürzester Zeit ein Gebiet eroberten, das um ein vielfaches größer war als ihr eigenes Land und dass sie dann in diesem Land bis zum Ende der Kolonialzeit in der Minderheit waren, aber dennoch den gesamten Verwaltungsapparat beherrschten, während die Engländer innerhalb von mehr als einem Jahrhundert ein eher kleines Gebiet (vor allem im Vergleich zu den Spaniern) kolonisierten, dafür aber von Anfang an die Mehrheit bildeten und die Indianer aus diesen anfangs noch kleine- Gebieten fast komplett verschwanden.

Um 1770 gab es in ganz Nordamerika bereits genauso viele Weiße wie Indianer, obwohl die Indianer noch ein wesentlich größeres Gebiet bevölkerten. Ein weiterer Unterschied: Die englischen Kolonien blühten bald durch Handel und Gewerbe und der Bildungsgrad war sogar höher als in England, während die spanischen Kolonien brutal ausgebeutet wurden und der Großteil der Bevölkerung arm blieb. Diese Gegensätze haben sich im Grunde bis heute nicht geändert.

Der Hauptgrund für das Verschwinden der Indianer im Norden und Süden (ja, auch im Süden!) war, dass sie keine Abwehrkörper gegen die Krankheiten hatten, die die Europäer aus ihren Ländern mitbrachten. Das hatte zur Folge, dass wohl mehr als 90% der 40-60 Millionen Indianer, die vor der Ankunft der Europäer in Amerika lebten, bis 1600 ausgestorben war. Im Inkareich sank die Bevölkerung nach Schätzungen von 12 Millionen auf 1,1 Millionen, in Mittelamerika von 20 Millionen auf 2 Millionen (dennoch blieben die Indianer noch lange Zeit in der Mehrheit gegenüber den Kolonisten) und auch in der Karibik und im Amazonasbecken kam es zu einem Massensterben.

Dies bedeutete nicht nur die größte demografische, sondern auch die größte kulturelle Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Wahrscheinlich sind viele Kulturen für immer im Dunkel der Geschichte verschwunden, so berichtete der spanische Conquistador Francisco de Orellana 1542 von großen Städten im Amazonas, spätere Reisende fanden jedoch nichts weiter als Regenwald. Mittlerweile wurden aber einige Überreste der Amazonas-Städte entdeckt, die wohl tausende Einwohner hatten

Michael S.Berliner hat jedoch eine andere Meinung:

Vor 1492 war das, was heute die USA ist, spärlich bewohnt, ungenutzt und nicht entwickelt. Die Bewohner waren überwiegend Jäger und Sammler, die durch das Land wanderten und von Hand zum Mund und von einem Tag auf den anderen lebten. Es gab praktisch keine Veränderung, kein Wachstum für Jahrtausende. Mit wenigen Ausnahmen war das Leben ekelhaft, tierisch und kurz: Es gab kein Rad, keine geschriebene Sprache, keine Arbeitsteilung, wenig Landwirtschaft und kaum andauernde Besiedlungen; aber es gab endlose, blutige Kriege. Welche Probleme sie auch gebracht haben mag, so hat die angefeindete westliche Kultur auch enorme, unerhörte Vorteile gebracht, ohne welche die meisten der heute lebenden Indianer unendlich ärmer wären oder nicht einmal am Leben.

Das ist völlig falsch. Es gab nicht nur in Südamerika entwickelte Kulturen, sondern auch im Norden, wie z.B. die Mound-Kulturen im Mississippi  oder die Pueblo-Kulturen im Südwesten, die nicht von den Engländern, sondern den Spaniern kolonisiert wurden und dessen Siedlungen teilweise bis heute bewohnt sind. Da die Indianer aber keine Schrift hervorbrachten, wurde ihr kulturelles Erbe vernichtet, als die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten den Großteil der Bevölkerung auslöschte. Wir wissen nichts über die Könige und ihre letzten Tage- nicht mal die Indianer, die überlebten, wissen es (gäbe es keine Schrift, wüssten die Europäer ja auch heute nicht, wie sie vor 500 oder 1000 Jahren lebten). Die ersten Europäer in Nordamerika berichteten auch hier von großen Siedlungen oder Städten, z.B.  Hernando de Soto im Mississippi oder Alvar Nunez Cabeza de Vaca und Francisco Vasquez de Coronado im Südwesten.

Eine nüchterne Analyse über die nordamerikanischen Indianer

Auch dieser Artikel bei der Achse des Guten spricht viele Wahrheiten aus. Er ist neutral und toleriert weder Vorurteile von linken Kulturrelativisten noch die von rechten Nationalisten:

Um 1500 n. Chr. lag die Bevölkerungsdichte des heutigen Gebiets der USA bei 0,5 Menschen pro Quadratkilometer, in Europa bei 13. Auch wenn man berücksichtigt, dass ein erheblicher Teil der USA noch heute wegen der natürlichen Bedingungen für eine dichte Besiedlung ungeeignet ist, bleibt ein enormer Unterschied der Besiedlungsdichten wirtschaftlich nutzbaren Landes. Das liegt daran, dass die Ureinwohner in der Steinzeit stehengeblieben waren. Ein großer Teil von ihnen lebte noch vom Jagen und Sammeln. Eine plausible Ursache: in der Neuen Welt fehlten viele für die Landwirtschaft geeignete Arten von Wildpflanzen und Tieren, die etwa im Nahen Osten und in China eine steile kulturelle Entwicklung ermöglicht hatten (nachzulesen bei Jared Diamond, siehe Literaturhinweise). Als die Europäer kamen, brachten sie Pflanzen, Tiere und Technik mit, die eine Besiedlung durch sehr viel mehr Menschen als bisher ermöglichten. Das hätte ohne weiteres auch die ca. 5 Millionen Ureinwohner einschließen können.

Es gab jedoch zwei große Probleme, die einem friedlichen Zusammenleben von Indianern und Europäern in Nordamerika im Wege standen. Das größere Problem waren die von den Europäern unfreiwillig mitgebrachten Krankheitserreger, die zu einem regelrechten Holocaust an den Ureinwohnern führten. Wahrscheinlich sind über 90% (!) der Indianer daran zu Grunde gegangen. Der zweite Grund war der kulturelle Abstand zwischen Europäern und Indianern. Eine gemeinsame Zukunft setzte voraus, dass die Indianer das Land so intensiv nutzten wie die Europäer, also die Errungenschaften der Europäer zum großen Teil übernahmen.  Genau dieses Ziel haben die ersten europäischen Siedler auch angestrebt. Vor allem die Puritaner wollten auch eine Gesellschaft aufbauen, in der Indianer und Europäer dieselben Rechte haben sollten. Sie haben den Indianern Land nicht gestohlen, wie heute vielfach angenommen wird, sondern abgekauft. Es wurden Europäer verurteilt und hingerichtet, weil sie Indianer ermordet hatten.

(kritische Anmerkung: Vor der Ankunft der Europäer lebten auf dem Gebiet der USA nicht 5 Millionen, sondern zwischen 8-10 Millionen Menschen, manche behaupten sogar bis zu 20 Millionen, und die Bevölkerungsdichte lag bei 1-2 Menschen pro Quadratkilometer, deutlich niedriger als in Europa. Außerdem kam es sehr wohl zu kriegerischem Landraub und die „Landabkaufverträge“ wurden meistens geschlossen, ohne dass die Indianer sich deren Bedeutung bewusst waren.)

Der Haken war nur, dass eine solche Entwicklung den Indianern einen kulturellen Sprung über Jahrtausende abverlangte. Ein erheblicher Teil von ihnen hat es trotzdem versucht. Schon im 17. Jahrhundert wurden Schulen für Indianer gebaut, Dutzende von speziellen Dörfern für christianisierte Indianer eingerichtet. Einige Ureinwohner gingen sogar auf das 1636 gebaute Harvard College. Ein erheblicher Teil der Indianer hielt aber an der alten Lebensweise fest und versuchte, die Weißen wieder zu vertreiben. So begann eine Serie von Konflikten und Kriegen, die sich über Jahrhunderte hinzog. Letzten Endes mussten sich die Indianer assimilieren. Heute leben in den USA wieder etwa halb so viele von ihnen (2,5 Millionen) wie vor der Ankunft der Europäer, die meisten nicht in Reservationen sondern in Städten.

Theoretisch hätten die Konflikte natürlich auch dadurch vermieden werden können, dass die Europäer auf die Besiedlung verzichtet und sich wieder auf den Alten Kontinent zurückgezogen oder zumindest der Besiedlung enge Grenzen gesetzt hätten. Die Briten, denen an Handel und nicht an Konflikten mit den Indianern gelegen war, wollten der Besiedlung in der Tat eine Grenze setzen (Proclamation of 1763). Mit den damaligen Mitteln waren sie dabei natürlich noch weniger erfolgreich als die heutigen USA bei ihren Bemühungen, die Mexikaner am Rio Grande aufzuhalten. Kann man den Siedlern, die auf der Suche nach einem besseren Leben damals kaum eine andere Chance hatten, aus heutiger Sicht dafür einen Vorwurf machen?

Die vorherrschende Sicht der Konflikte zwischen Siedlern und Indianern beruht auch auf idealisierten Vorstellungen von der indianischen Welt vor der Kolonisation. Der Krieg ist nicht durch die Europäer in die Welt der Indianer eingebrochen, er gehörte für fast alle Indianer zum Kernbestand ihrer Kultur, womit sich die Indianer übrigens nicht von den Ureinwohnern anderer Kontinente (also auch von unseren Vorfahren!) unterschieden. Von 157 in einer Studie betrachteten Stämmen waren 4,5% „friedlich“. Häufig gab es Kleinkriege, die mit nach heutigen Maßstäben unvorstellbarer Grausamkeit und Hinterlist geführt wurde. Dazu gehörten Vergewaltigung, Entführung, Skalpieren, Folterung bis zum Tode und Versklavung.

Es gab zahllose Erbfeindschaften und die Territorien der Gegner wurden keineswegs respektiert. Z. B. haben die Komantschen im 18. Jh. im Handumdrehen aus der „Apacheria“, dem Siedlungsgebiet der Apachen, eine Comancheria gemacht. Vielfach haben Indianer die anfangs zahlenmäßig sehr schwachen europäischen Siedler am Leben gelassen, weil sie damit rechneten, sie zu nützlichen Verbündeten gegen ihre eigenen indianischen Feinde machen zu können. Mit den gleichen Methoden, die sie seit Jahrtausenden gegen indianische Feinde eingesetzt hatten, gingen Indianer später gegen Europäer und Amerikaner vor. Ein Lied davon konnten auch die Einwohner des nördlichen Mexiko singen, die alljährlich von Komantschen heimgesucht wurden, die über den berüchtigten „Comanche Plunder Trail“ von Texas dorthin zogen, um zu plündern, zu morden und Frauen und Kinder zu verschleppen .

Wer solche Fakten mit dem Hinweis abtut, dass die Kulturen der Indianer eben so gewesen seien und man dafür Verständnis haben sollte, muss sich fragen lassen, warum er den Europäern diesen mildernden Umstand, dass sie die heute gültigen Wertvorstellungen noch nicht ganz in Fleisch und Blut hatten, nicht zubilligen will.

Die Bilanz der Beziehungen zwischen Indianern und Europäern ist also gemischt, die Schuld an den Konflikten sollte man nicht nur den Europäern in die Schuhe schieben. Die größte Tragödie für die Indianer war biologischer Natur. Diese Realität unterscheidet sich erheblich vom heute gängigen Bild, das übrigens auf die Ostküste der USA im 19. Jahrhundert zurückgeht. Kaum waren die Indianer dort verschwunden, wurde die Erinnerung an die „Edlen Wilden“ zunehmend verklärt und die „Brutalität“ der Siedler im Westen des Landes angeprangert, durchaus mit politischem Erfolg. Nach dem Bürgerkrieg übertrug die Regierung Grant im Rahmen ihrer Friedenspolitik gegenüber den Indianern Quäkern und anderen religiösen Minderheiten die führenden Positionen der Indianeragentur. Mit ihren Grundsätzen absoluter Gewaltlosigkeit sind diese sehr schnell gescheitert.

Zusammengefasst: Die Indianer waren nicht so weit entwickelt wie die Europäer, viele waren tatsächlich Jäger und Sammler, aber ein sehr großer Teil hatte blühende Kulturen, die man mit denen der Kelten in Europa während des Neolithikums vergleichen kann. In Mittelamerika und in Peru gab es Zivilisationen, die der in Europa in vielen Aspekten gleichwertig waren. Es ist Unsinn, zu behaupten, dass sie alle in der Steinzeit stehen geblieben waren. Sowohl die Klischees vom „Edlen Wilden“ als auch die der „Steinzeit-Barbaren“ sind völlig falsch und werden leider oft politisch missbraucht.

Es gab Verbrechen an den Indianern, die durch nichts zu rechtfertigen sind (Völkermord, Landraub), vor allem die der Spanier, aber natürlich auch die der Engländer und Franzosen, auch nicht, in dem man erwähnt, dass die Indianer auch kriegerisch waren. Doch die meisten Indianer fielen nicht den Kolonisten, sondern den Krankheiten zum Opfer. Noch heute kann ein einziger Händedruck, ein kleines Tuch oder ein Niesen von einer weißen Person im Amazonas ein Massensterben(!) auslösen.

Der Kolumbus-Tag sollte nicht gefeiert werden, da die Indianer durch die europäischen Kolonisten unglaubliches Leid erfahren haben und rechte Nationalisten diesen Tag ausnutzen, um die Verbrechen an den Indianern zu relativieren. Es gibt viele andere Feiertage, die die Errungenschaften der amerikanischen Gesellschaft würdigen, ein „Kolumbus-Tag“ wäre nicht nur aufgrund der historischen Begebenheiten völlig fehl am Platze, sondern auch unnötig.

Kulturrelativismus funktioniert auch andersrum

Michael S.Berliner geht noch weiter mit seinen Thesen:

Wir sollten Kolumbus ehren, denn indem wir ihn ehren, ehren wir die westliche Zivilisation. Aber die Kritiker wollen ihm keine solche Ehre zukommen lassen, denn ihr wahres Ziel besteht darin, die Werte der westlichen Zivilisation herabzusetzen und den Primitivismus, Mystizismus und Kollektivismus zu glorifizieren, den die Stammeskulturen der amerikanischen Indianer verkörpern. Sie verunglimpfen die Glorifizierung des Westens als „Eurozentrismus“. Wir sollten, behaupten sie, unsere Verehrung der westlichen Kultur mit Multi-Kulturalismus ersetzen, der alle Kulturen als moralisch ebenbürtig ansieht. In Wirklichkeit sind sie das nicht. Einige Kulturen sind besser als andere: Eine freie Gesellschaft ist besser als Sklaverei; Vernunft ist besser als nackte Gewalt, um mit anderen Menschen umzugehen; Produktivität ist besser als Stagnation. Die westliche Zivilisation steht tatsächlich für den Menschen auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Sie steht für die Werte, die das menschliche Leben ermöglichen: Vernunft, Wissenschaft, Eigenverantwortung, Individualismus, Ambition, produktive Leistung. Die Werte der westlichen Zivilisation sind Werte für alle Menschen; sie überschreiten Geschlecht, Ethnie und Geografie. Wir sollten die westliche Gesellschaft nicht aus dem ethnozentrischen Grund ehren, weil einige von uns zufällig europäische Vorfahren haben, sondern weil es die objektiv überlegene Kultur ist.

Aha, mein Ziel ist es also, die westlichen Werte durch die „indianischen Werte“(„Primitivismus, Mystizismus und Kollektivismus“) zu ersetzen? Nein, mein Ziel ist es nur, einen Völkermord und Landraub nicht zu glorifizieren. Ich halte die westliche Kultur für die fortgeschrittenste und toleranteste, die es zurzeit gibt, aber das war nicht immer so, vor allem nicht zurzeit der spanischen Conquista. Hat der Autor schon Bartolome de Las Casas` „Brevisima Relacion sobre la destruccion de las indias“ gelesen? Nein? Hier ein Auszug über die wirtschaftliche Ordnung, die die Conquistadoren herstellten:

„ .. Die zweite Vorschrift, daß jeder Kazike (Häuptling) eine bestimmte Anzahl von Leuten zu stellen habe, führte der Gouverneur so aus, daß er die zahlreiche Bevölkerung dieser Insel vernichtete; er übergab nämlich jedem Spanier, der den Wunsch dazu äußerte, dem einen 50, dem anderen 100 Indianer … , darunter Kinder und Greise, schwangere Frauen und Wöchnerinnen, Hohe und Niedere, ja selbst die Herren und angestammte Könige dieser Völker und dieses Landes. Diese Art der Verteilung der Eingeborenen und ansässigen Indianer nannte man allgemein Repartimiento … so ließ er, obwohl zu Unrecht, geschehen, daß die Spanier die verheirateten Männer 10, 20, 30, 40 oder 80 Leguas (1 Legua ca. 6 km) zum Goldgraben fortschleppen und die Frauen in den Häusern und Farmen zurückblieben, um dort Feldarbeit zu verrichten. … So kam es, daß die Männer und ihre Frauen kaum mehr zusammenkamen, sich 8 oder 10 Monate nicht sahen, und wenn sie nach Verlauf dieser Zeit wieder zusammenkamen, dann waren sie durch Hunger und Strapazen so erschöpft und ausgemergelt, so elend und entkräftet, … , daß es kaum noch zu einer ehelichen Gemeinschaft kam und die Geburten fast aufhörten. Die neugeborenen Kinder konnten sich nicht entwickeln, weil die Mütter, vor Anstrengungen und Hunger erschöpft, keine Nahrung für sie hatten. Aus diesem Grunde starben auf der Insel Cuba zum Beispiel 7.000 Kinder im laufe von 3 Monaten. Einige Mütter erdrosselten vor Verzweiflung ihre Kinder …“

Vergessen sie Guantanamo oder Gaza, das waren keine Kavaliersdelikte einer “überlegenen” Zivilisation. Warum wird das alles damit relativiert, dass die Indianer auch Verbrechen begangen haben? Weil Kulturrelativismus eben auch andersrum funktioniert. Es kann schon sein, dass die linken Kulturrelativisten das Klischee vom “edlen Wilden” missbrauchen, um die westliche Kultur zu dämonisieren, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Europäer einen Völkermord an den Indianern verübt haben.

Wer ist schuld? Die Europäer oder die Amerikaner?

In diesem Artikel wird die ganze Schuld für die Verbrechen an den Indianern den Europäern in die Schuhe geschoben. Klar haben die Europäer Verbrechen begangen, das steht außer Frage. Aber: Die Europäer haben sich bekanntlich im Jahre 1776 zu Amerikanern umdefiniert. Da waren die Verbrechen an den Indianern aber längst nicht vorbei. Im Gegenteil- danach ging’s ja erst richtig los. Vor allem die Massenmorde an den Indianern in Kalifornien, Texas oder dem Nordwesten in der Mitte des 19. Jahrhunderts (als die USA längst unabhängig waren), wurden eindeutig von Personen begangen, die sich selbst als Amerikaner identifizierten. Da spielt es keine Rolle, das afrikanische oder asiatische Amerikaner nicht im selben Umfang daran beteiligt waren wie afrikanische oder asiatische, denn weiße (europäische) Amerikaner sind ja auch Amerikaner und nicht nur afrikanische oder asiatische.

Literaturhinweise

„Wir sollten Kolumbus ehren…“- Nein. Kolumbus war ein Tyrann:

http://nachrichten.freenet.de/wissenschaft/geschichte/kolumbus-ein-tyrann_736476_533364.html

Alles, was sie über Indianer wissen, ist falsch!

http://www.welt.de/kultur/article8180698/Indianer-gibt-es-nur-in-der-Fantasie.html

2 Antworten to “Gegen den Kolumbus-Tag”

  1. botticelli58 Says:

    Die hier hoch gelobten Mound-Kulturen haben offenbar Menschen gegessen.

    • arprin Says:

      Es gab nicht nur in Südamerika entwickelte Kulturen, sondern auch im Norden, wie z.B. die Mound-Kulturen im Mississippi oder die Pueblo-Kulturen im Südwesten

      Bedeutet dieser Satz für dich „hoch gelobt“?

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