Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 1

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Wenn es einen wirklich perfekten Gutmenschen gibt – kulturrelativistisch, terrorverharmlosend, antiwestlich, ein notorischer Diktatorenversteher – dann ist es Jürgen Todenhöfer. Der ehemalige Top-Manager hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Westen für alles Übel der Welt die Schuld zu geben und sich mit den Opfern des europäischen Kolonialismus – besser gesagt, den Arabern – zu solidarisieren. Über den Irakkrieg schrieb er ein eigenes Buch mit dem Titel „Warum tötest du, Zaid?“, in dem er auch seine ganz eigenen zehn Thesen zur Weltpolitik zu Schrift getragen hat:

http://www.warumtoetestduzaid.de/de/mainmenu/10-thesen/alle-zehn-thesen.html

Todenhöfer ist für eine Zeit in den Nahen Osten gereist und will nun, wie es Henryk M. Broder treffend formuliert, „genauso wie beim Speeddating, wo man in kurzer Zeit alles über den Gegenüber erfährt, alles über den Irak wissen“. Und das heißt u.a.: „Im Irak gibt es nur 1.000 Terroristen, die zu 80-90% aus dem Ausland kommen, dafür aber 100.000 echte Widerstandskämpfer, die man mit der Resistance in Frankreich während der Nazi-Besatzung vergleichen kann.“ Was die rund 60.000 Angehörigen der islamistischen „Mahdi-Armee“ von Muqtada al-Sadr dazu sagen würden? Oder die Nachfahren der Resistance, die die zweifelhafte Ehre genießen, immer wieder mit Terroristen verglichen zu werden, die sich als „Widerstandskämpfer“ tarnen?

Und noch eine Frage: Wenn es diesen „resistanceartigen“ Widerstand gibt, weiß Todenhöfer auch, wie sie genau gegen die Besatzung kämpfen? Manipulieren sie die Reifen der US Army, verteilen sie Flugblätter, haben sie schon ein Komitee „Freies Irak“ gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, bei ihrer Machtübernahme die Zukunft des Landes zu gestalten? Man möchte manchmal wirklich nur noch in die Rolle von Zaid schlüpfen und ihm eine Antwort geben auf seine Frage: „Ich töte, weil ich ein Terrorist bin, Jürgen.“

Seine zehn Thesen sind unbestritten ein Meisterwerk gutmenschlicher Rhetorik. Immerhin gibt Todenhöfer zu, dass es nur Thesen sind und nicht etwa Fakten. Und da jede These eine Antithese hat, dachte ich mir, ich „kümmere“ mich um eben diese.

These 2, These 3, These 4, These 5, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10

So, los geht’s.

These 1: Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.

In der Gegenwartsform beginnen und dann mit dem Kolonialismus fortfahren? Na, da können wir uns ja auf einiges gefasst machen…

In seinem 1835 erschienen Hauptwerk Über die Demokratie in Amerika stellte Tocqueville die für jene Zeit bezeichnende Frage: „Hat man beim Anblick der Vorgänge in der Welt nicht den Eindruck, dass der Europäer für die Menschen anderer Rassen das ist, was der Mensch für die Tiere bedeutet? Er macht sie seinem Dienst untertan, und wenn er sie nicht mehr unterjochen kann, vernichtet er sie.“ Für den liberalen Denker gab es konsequenterweise “keinen Grund, die muslimischen Subjekte so zu behandeln, als wären sie uns gleich“.

Ähm, ok … soll das heißen, dass die Europäer schon seit über 200 Jahren islamophobe Rassisten sind und die Muslime immer nur Opfer westlicher Barbarei waren? Offenbar schon: Denn aufgepasst, jetzt beschreibt Todenhöfer ausführlich die Massaker, die die Europäer an den Muslimen begangen haben – und das ist alles andere als leicht verträglich:

Nicht anders hat der Westen die muslimische Welt während der letzten zweihundert Jahre behandelt. Arabische Familien wurden in der Kolonialzeit wie „Hyänen, Schakale und räudige Füchse“ gejagt. Die Strategie, mit der die Kolonialherren im 19. Jahrhundert den Widerstand gegen ihre „Zivilisierungsmission“ brechen wollten, hieß: „ruinieren, jagen, terrorisieren“ (Olivier Le Cour Grandmaison). In Algerien wurden mehrfach ganze Stämme, die sich in Höhlen geflüchtet hatten, „ausgeräuchert“ („Enfumades“). Der französische Oberst Lucien-François de Montagnac schrieb 1842 in einem Brief aus Algerien: „Wir töten, wir erwürgen. Die Schreie der Verzweifelten, der Sterbenden mischen sich mit dem Lärm des brüllenden, blökenden Viehs. Ihr fragt mich, was wir mit den Frauen machen. Nun, wir behalten einige als Geiseln, andere tauschen wir gegen Pferde, der Rest wird wie Vieh versteigert.“ Um seine dunklen Gedanken zu vertreiben, lasse er manchmal einfach „Köpfe abschneiden. Keine Artischockenköpfe, Menschenköpfe.“

Louis de Baudicour, französischer Schriftsteller und Kolonist in Algerien, schilderte eine der vielen Schlächtereien: „Hier schnitt ein Soldat aus Spaß einer Frau die Brust ab, dort nahm ein anderer ein Kind an den Beinen und zerschmetterte seinen Schädel an einer Mauer.“ Victor Hugo berichtet von Soldaten, die sich gegenseitig Kinder zuwarfen, um sie mit der Spitze ihrer Bajonette aufzufangen. Für in Salz eingelegte Ohren gab es hundert Sous. Abgeschnittene Köpfe wurden noch höher prämiert. Arabische Gebeine wurden zeitweise zu Tierkohle verarbeitet (Oliver Le Cour Grandmaison).

… und weiter geht’s ..:

Napoleon III. sah trotzdem die Hand Gottes am Werk: „Frankreich ist die Herrin Algeriens, weil Gott dies gewollt hat.“ Die Algerier sahen das anders. Aber sie mussten für ihre Freiheit einen hohen Blutzoll zahlen. Allein im Unabhängigkeitskrieg zwischen 1954 und 1962 wurden achttausend algerische Dörfer von der französischen Luftwaffe durch Napalmbomben zerstört. Auch vonseiten des FLN, des algerischen Front de Libération National, gab es grauenvolle Akte des Terrors. Albert Camus hat zu Recht darauf hingewiesen. Aber zahlenmäßig stehen sie in keinem Verhältnis zu den Gewalttaten der Kolonialisten. Insgesamt töteten diese während ihrer 130 Jahre dauernden `Zivilisierungsmission´ nach algerischen Angaben weit über zwei Millionen Algerier. Französische Schätzungen gehen von über einer Million getöteten Algeriern und hunderttausend getöteten Franzosen aus.

Den von Großbritannien kolonisierten Irakern erging es nicht wesentlich besser. Winston Churchill warf ihnen wegen ihres Aufstands gegen die britische Unterdrückung im Jahr 1920 „Undankbarkeit“ vor und setzte chemische Waffen ein – „mit ausgezeichneter moralischer Wirkung“, wie er anmerkte. „Bomber Harris“, der geistige Vater des „moral bombing“, erklärte nach einem Luftangriff stolz: „Die Araber und Kurden wissen jetzt, was eine richtige Bombardierung ist. In 45 Minuten fegen wir ein ganzes Dorf weg.“ Bombenangriffe galten im Irak auch als effektive Methode zum Eintreiben von Steuern. Der Royal-Air-Force-Offizier Lionel Charlton quittierte 1924 erschüttert seinen Dienst, nachdem er in einem Krankenhaus die verstümmelten Opfer gesehen hatte. Er ahnte nicht, dass sein Land achtzig Jahre später den Irak erneut bombardieren würde.

In Libyen warfen die italienischen Kolonialisten Fässer mit Phosgen- und Senfgas auf Aufständische und Zivilbevölkerung. Stammesführer wurden in Flugzeuge gepackt und aus schwindelnder Höhe abgeworfen. Über hunderttausend Zivilisten wurden in Wüstenlager deportiert, die Hälfte ging kläglich zugrunde. Libysche Mädchen wurden für die Kolonialtruppen als Sexsklavinnen gehalten. Auch die Spanier setzten während der Kabylenaufstände in Marokko chemische Waffen ein. Die Folgen waren grauenvoll.

Als Vorbild für die Behandlung der Araber galt die Ausrottungsstrategie gegenüber den Indianern Amerikas. Der rassistisch-zivilisatorische Überlegenheitswahn jener Zeit kannte keine Grenzen. Gustave Le Bon, Begründer der Massenpsychologie und Kämpfer gegen den „Gleichheits-Aberglauben“, teilte die Menschen in vier Klassen ein: Die australische und amerikanische Urbevölkerung galten als „primitive Rasse“, die „Neger“ als „niedere“, die Araber und Chinesen als „mittlere“ und die Indoeuropäer als „höhere Rasse“.

Das ist Todenhöfer in seiner Natur. Er könnte ganze Bücherregale zum Thema „Tote Drittweltler durch weiße Kolonisten“ füllen und sich sicher auch lange mit diesem Forschungsfeld beschäftigen: Weißsein.

Dass in der Kolonialzeit die Europäer sehr viel Unheil über die Welt gebracht haben, ist unbestritten. Was in Algerien oder Libyen passiert ist, ist durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch stellt sich die Frage, wieso Todenhöfer es für wichtig hält, diese Verbrechen aufzufrischen um damit die These zu stellen, der Westen sei „viel gewalttätiger als die muslimische Welt“. Denn dann müsste er der Vollständigkeit halber auch die historischen Verbrechen der Muslime erwähnen.

Die Europäer waren nicht die einzigen, die Kolonialismus betrieben. Die Ägypter, Babylonier, Griechen, Römer, Perser, Chinesen, Japaner, Mongolen, Azteken oder Inkas – alle sie hatten „rassistisch-zivilisatorischen Überlegenheitswahn“. Und ja, auch die Muslime waren regelrechte Meister des Kolonialismus. Mit Ausnahme der westlichen Gesellschaften, dessen muslimische Bevölkerung durch Einwanderung entstand, sind alle Regionen, in denen es einen nennenswerten Anteil von Muslimen in der Bevölkerung gibt, von muslimischen Truppen besucht worden. Ob in Indien, West- und Ostafrika, Zentralasien, Russland, der Balkan, die Türkei, Indonesien und einen Teil des westlichen Chinas. Millionen Zivilisten sind dabei getötet worden. Auch in Spanien und Italien waren die Muslime jahrhundertelang präsent. Die einzigen Gebiete, die von den Muslimen unbesucht blieben, waren die unentdeckten Gebiete in Amerika und dem australisch-pazifischen Raum.

Der Westen fällt nur deshalb aus der Reihe, weil er mit Ausnahme Japans wirklich einmal den gesamten Globus beherrschte, ob durch Kolonien in Afrika und Südasien oder durch imperialistischen Einfluss in Ostasien und im Nahen Osten. Die Muslime waren nicht die einzigen, die unter dem westlichen Kolonialismus gelitten haben, die Afrikaner, die Inder usw. wurden auch unterjocht. Aber Todenhöfer benutzt bis heute den Kolonialismus als Ausrede für die Rückständigkeit der islamischen Welt. Und das, obwohl es den Arabern im Vergleich zu den Afrikanern, Indern und vor allem den Ureinwohnern Amerikas und Australiens weniger schlimm erging. Das Osmanische Reich wurde nicht kolonisiert, Persien wurde nicht kolonisiert, Saudi-Arabien war nie eine Kolonie. Todenhöfer interessiert das genauso wenig wie die Millionen Opfer islamischer Gewalt, die er in seiner Analyse unerwähnt lässt: Der islamische Kolonialismus in Indien, der jahrhundertelange Sklavenhandel von arabischen Händlern in Ostafrika, die Völkermorde an den Armeniern, Griechen, Assyrier, Aramäer, Chaldäer, usw. (siehe dazu auch These 4).

Nun geht es auch mal um wirklich aktuelle Themen:

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Westen die Araber oft als Untermenschen „auf der Stufe eines höheren Affen“ behandelt (Jean-Paul Sartre). Dies gilt für die Entkolonisierungskriege, für die Interventionen zur Sicherung der Rohstoffwege, für die Palästinafrage wie für die von den USA und Großbritannien erzwungenen Irak-Sanktionen. Allein durch diese laut Vatikan „perversen“ Strafmaßnahmen gegen den Irak starben nach UNICEF-Angaben über 1,5 Millionen Zivilisten, darunter rund 500 000 Kinder.

Wenn man sich die Entwicklung der letzten 50 Jahre ansieht, haben sich die Araber vor allem selbst als Untermenschen behandelt:

– Der Bürgerkrieg im Jemen (1962-1970) hinterließ 100.000 Tote
– Beim „Schwarzen September“ in Jordanien (1970) wurden 3-5.000 Palästinenser getötet
– Der Bürgerkrieg im Libanon (1975-1990) forderte 150.000 Opfer
– Die Herrschaft Saddam Husseins kostete 1 Million Menschen das Leben
– Beim Massaker von Hama in Syrien (1982) starben 20-30.000 Menschen
– Der Bürgerkrieg in Algerien in den 1990er Jahren forderte 100.000 Opfer
– Im Sudan werden nicht nur ethnische Minderheiten, sondern auch Araber Opfer der Massenmorde der Regierung
– Jedes Jahr sterben Tausende Araber durch Terroranschläge von Arabern

Auf all das kommt Todenhöfer nicht zu sprechen. Stattdessen macht er weiter mit dem Westen. Die Zahl von 500.000 Toten durch erhöhte Kindersterblichkeit während der Sanktionen gegen den Irak, die Todenhöfer angibt, ist überdies fragwürdig und von vielen Studien angezweifelt worden. Außerdem stellt sich die Frage, inwiefern man dem Westen dafür die Schuld geben kann. Trotz der Sanktionen wurden während dieser Zeit etliche Paläste für Saddam gebaut und der Westen versuchte ab 1996 mit dem „Oil-for-food Programme„, der Zivilbevölkerung zu helfen, was jedoch in einem Sumpf von Korruption endete.

Der aktuelle Irakkrieg zeigt ebenfalls eine atemberaubende Missachtung der muslimischen Welt. Schon beim Einmarsch der US-geführten Truppen wurden tausende Zivilisten getötet. Unzählige wurden – zum Teil durch uranverseuchte Munition – zu Krüppeln gebombt. Eine in der Medizinfachzeitschrift „Lancet“ veröffentliche Studie unabhängiger amerikanischer und irakischer Ärzte, geht von über 600 000 Irakern aus, die bis Juni 2006 durch das von den Besatzungstruppen angerichtete Kriegschaos ihr Leben verloren. Danach wurden 31 Prozent unmittelbar von den US-geführten Koalitionstruppen getötet, 24 Prozent durch konfessionelle Gewalt und Selbstmordattentate. Bei 45 Prozent der Toten waren die Täter unbekannt; laut Lancet weist die hohe Zahl der Schusstoten jedoch auch hier „auf eine direkte Beteiligung des US-Militärs“ hin.

Eine Untersuchung des unabhängigen britischen Forschungsinstituts ORB vom Herbst 2007 kommt auf inzwischen über eine Million getötete und etwa genauso viele verwundete Iraker. In Bagdad hat fast jeder zweite Haushalt ein Mitglied verloren. Saddam Hussein hatte in den dreiundzwanzig Jahren seiner Herrschaft laut „Human Rights Watch“ den Tod von 290 000 irakischen Zivilisten zu verantworten.

Seit Herbst 2007 ist die Zahl der Toten im Irak erfreulicherweise zurückgegangen. Trotzdem sterben nach vorsichtigen Schätzungen von Experten jeden Monat noch immer 6.000 irakische Zivilisten im Chaos des Krieges. Das sind doppelt so viel Menschen, wie am 11. September 2001 im World Trade Center. Der Bevölkerung geht es heute schlechter als unter Saddam (Kofi Annan). Es dürfte nicht viele Iraker geben, die sagen: „Großartig, unser Land ist zerstört, über eine Million Mitbürger sind tot, viereinhalb Millionen sind auf der Flucht, die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, es gibt kaum Strom, Wasser und Medikamente, Arbeitslosigkeit und Inflation sind auf über 50 Prozent gestiegen, auf die Straße kann man kaum noch – aber es hat sich gelohnt, Saddam ist weg.“

Es ist unbestritten, dass nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak Tausende Zivilisten getötet wurden. Aber die Zahlen, die Todenhöfer hier angibt (600.000-1 Million), stammen aus unseriösen und längst diskreditierten Studien. Man muss kein Befürworter des Irakkriegs sein, um die Verbreitung dieser Propaganda-Zahlen abzulehnen. Die Todeszahlen liegen den Wikileaks-Enthüllungen nach bei 109.000, davon 66.000 Zivilsten, 15.000 irakische Sicherheitskräfte, 24.000 „Aufständische“ (also Terroristen) und 3.700 ausländische Soldaten. Das ist natürlich immer noch eine immens hohe Zahl, aber bei weitem nicht die Dimension, die Todenhöfer angibt.

Unter Saddams Herrschaft starben wiederum nicht 290.000 Menschen, sondern etwa 1 Million. Die Quelle, die Todenhöfer angibt, besagt, dass während der letzten beiden Dekaden 290.000 irakische Bürger „verschwunden“ sind. Es findet sich aber kein Wort über die Opfer des Ersten Golfkriegs, bei denen mindestens 600.000 Menschen starben (des Weiteren starben während der Anfal-Operation im Jahr 1988 starben zwischen 100-200.000 Kurden und während des Schiiten-Aufstands im Jahr 1991 60-100.000 Schiiten). Zusammengefasst: Die Zahl von Saddams Opfern reduziert Todenhöfer von 1 Million auf 290.000, die Zahl der Opfer des Irakkriegs erhöht er von etwa 100.000 auf 1 Million. Das ist kein investigativer Journalismus, sondern reine Propaganda.

Nicht ein einziges Mal in den letzten zweihundert Jahren hat ein muslimisches Land den Westen angegriffen. Die europäischen Großmächte und die USA waren immer Aggressoren, nie Angegriffene. Seit Beginn der Kolonialisierung wurden Millionen arabische Zivilisten getötet. Der Westen führt in der traurigen Bilanz des Tötens mit weit über 10 : 1. Die aktuelle Diskussion über die angebliche Gewalttätigkeit der muslimischen Welt stellt die historischen Fakten völlig auf den Kopf. Der Westen war und ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder ist das Problem unserer Zeit.

Es gab in den letzten 60 Jahren drei militärische Interventionen des Westens im Nahen Osten: 1991 und 2003 gegen den Irak und 2001 gegen Afghanistan. Wenn man die sowjetische Invasion im Jahre 1979 mitzählt, wären es vier. Ich könnte mich jetzt auf Todenhöfers Niveau herunter begeben und die muslimischen “Interventionen” von 641 bis 1923 nachzählen und sie mit den westlichen Interventionen vergleichen, aber das ist mir zu anstrengend.

Auch vergisst Todenhöfer zu erwähnen, dass es in den letzten 80 Jahren nur deswegen keine muslimischen Interventionen in westliche Länder gab, weil die islamischen Länder militärisch nicht in der Lage gewesen wären, sie durchzuführen. Dennoch gab es die 3.000 Toten vom 11. September, die Toten in Madrid, London und zahlreiche andere „kleine“ Anschläge (außerdem natürlich die immens hohe innerislamische Gewalt, die in Todenhöfers Analysen nicht existiert). Hat Todenhöfer schon mal darüber nachgedacht? Oder ist er zu sehr damit beschäftigt, diese Terroranschläge mit seinen fingierten Zahlen vom Irak herunterzuspielen?

(Update: Zu seinem 10:1-Verhältnis habe ich in Teil 4 noch was geschrieben.)

Wer den muslimischen Extremismus verstehen will, muss versuchen, die Welt wenigstens einmal aus der Sicht eines Muslims zu betrachten. Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt. Ein junger Muslim, der Fernsehnachrichten verfolgt, sieht Tag für Tag, wie im Irak, in Afghanistan, in Palästina, im Libanon, in Somalia und anderswo muslimische Frauen, Kinder und Männer durch westliche Waffen, westliche Verbündete und westliche Soldaten sterben.

Wie bitte? Der muslimische Extremismus entsteht dadurch, dass im Irak, Afghanistan, Palästina, Libanon und Somalia ständig durch „westliche“ Waffen, Verbündete und Soldaten muslimische Frauen, Kinder und Männer getötet werden? Falsch, diese Frauen, Kinder und Männer werden selbst von diesen muslimischen Extremisten getötet: Im Irak von der al-Qaida und ihren Ablegern, in Afghanistan von den Taliban (laut der UNO gehen 75% der zivilen Opfer auf das Konto der Taliban), im Libanon kostete der Bürgerkrieg deutlich mehr Opfer als jede westliche Intervention, in Somalia trägt der Westen nun wahrlich nicht die Hauptschuld an dem Chaos, der nach dem Beginn des Bürgerkriegs 1991 entstand und auch bei den Palästinensern ist es historisch gesehen so, dass die meisten von ihnen durch ihre eigenen arabischen Nachbarn getötet wurden und nicht durch die Israelis (vor allem geht es ihnen aber jetzt immer noch viel schlechter in Libanon, Jordanien, Ägypten usw. als in den israelisch kontrollierten Gebieten).

Es ist zynisch, wenn westliche Geistesgrößen mit sorgenvoller Miene fragen, wie es denn zum Niedergang der einst „militärisch, ökonomisch und kulturell weit überlegenen arabischen Zivilisation“ kommen konnte (Hans Magnus Enzensberger). Der Westen hat dazu entscheidend beigetragen. Er hat bei seinem Rückzug aus den Kolonien ausgeplünderte und ausgeblutete Länder zurückgelassen. Zu Beginn der Kolonialisierung im Jahr 1830 war die Alphabetisierungsquote Algeriens mit 40 Prozent höher als die Frankreichs und Englands. 1962, beim Abzug der französischen Besatzungstruppen, lag sie unter 20 Prozent. Der Kolonialismus hat der arabischen Welt weit über hundert Jahre Entwicklung gestohlen. Resigniert stellte Tocqueville siebzehn Jahre nach der Eroberung Algeriens durch Frankreich fest: „Die Lichter sind erloschen. Wir haben die muslimische Gesellschaft ärmer, unwissender und unmenschlicher gemacht.“

Der Westen hat dazu beigetragen. Aber die Hauptschuld für die Rückständigkeit der arabischen Länder sind die arabischen Führer. Waren es die Europäer oder die Amerikaner, die in den arabischen Ländern die Scharia als Rechtsquelle eingeführt, Wissenschaft und Bildung vernachlässigt und den wirtschaftlichen Aufschwung (im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen westlichen Kolonien) verpasst haben?

Der Westen hat auch zum Niedergang Mexikos, Perus, ganz Afrikas, Indiens, Chinas und sogar einigen Teilen Europas beigetragen. Doch in keinem dieser Gebiete hat Todenhöfer die Lage analysiert und die Schuld des Westens erforscht. Warum nur? Hat der Westen nicht auch China, Indien, Lateinamerika, Afrika usw. unterdrückt? Könnte Todenhöfers Desinteresse daran liegen, dass die proportionale Verbreitung von Selbstmordattentätern, verrückten Diktatoren und ethnischen Säuberungen aktuell im Nahen Osten höher ist als in diesen Gebieten?

Teil 2 folgt bald …

4 Antworten to “Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 1”

  1. Sanwald Says:

    Hallo zusammen,
    Tatsächlich gab es ja mehrere Halbmondzüge gen Europa. Bezieht man die des osmanischen Reichs ein, dann sind die Halbmondzügler bis zur Mitte Europas(Wien) vorgedrungen.
    Da Jürgen Todenhöfer nicht einmal sieht, wie viele Todesopfer es tagtäglich im innerislamischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten gibt, kommt er weder für eine historische Betrachtung, noch für eine aktuelle Betrachtung. Todenhöfer ist ein Geschichtsfälscher, ein Laie, der weder den Islam kennt, noch dessen Tötungsabsichten, die ja schon im Qur’an und den Hadithen vorgegeben sind. Insofern ist die Bedeutungslosigkeit von Todenhöfer darin begründet, dass er sich als Bote Assad gebrauchen lässt und als mutmaßlicher CIA-Agent eine dubiose Rolle spielt, ganz in dem Sinne, wie es der Schriftsteller syrische Rafik Schami formulierte.

    Mit freundlichen Grüßen
    K.Kiemle

  2. Sam Kool Says:

    Ich bin bei weitem kein Befürworter Todenhöfers, jedoch hätte ich gerne Quellenangaben, sonst ist deine Argumentation genauso wenig wert wie Todenhöfers Äußerungen.

  3. Meldungen vom 16. Juni 2016 - Opposition 24 Says:

    […] Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 1 […]

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