Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 3

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die dritte These von Todenhöfer.

These 1, These 2, These 4, These 5, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10

These 3: Islamisch getarnte Terroristen sind Mörder. Für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege kann nichts anderes gelten.

Die von arabischen Terroristen seit Mitte der 90er-Jahre verübten Anschläge gegen westliche Einrichtungen sind aus deren Sicht eine Antwort auf den nicht endenden „organisierten Raubmord“ des Westens. Sie kosteten, einschließlich der Anschläge auf das World Trade Center, über 5.000 westliche Zivilisten das Leben. Sie sind moralisch völlig inakzeptabel. Der Zweck heiligt nie die Mittel. Die Anschläge auf das World Trade Center wurden daher von allen muslimischen Regierungen, von Syrien und dem Iran, ja sogar von Hisbollah und Hamas, verurteilt. In vielen muslimischen Ländern legten Menschen erschüttert Blumen vor der US-Botschaft nieder. Terroristen, die Unschuldige töten, sind keine Freiheitskämpfer, keine Widerstandskämpfer, keine heiligen Krieger und keine Märtyrer. Sie sind Mörder.

Sehr schön gesagt, Todenhöfer – bis auf die Sache mit Syrien, Iran, Hisbollah und der Hamas. Denn sowohl Syrien als auch der Iran sind „heimliche“ Unterstützer von terroristischen Organisationen: Die al-Quds-Einheit vom Iran hat u.a. im Irak schiitischen Gruppierungen leistungsfähige Sprengsätze geliefert, die mindestens 170 US-Soldaten töteten. Syrien „öffnet“ ständig seine Grenze zum Irak, damit selbsternannten „Märtyrer“ dort weiterhin Zivilisten abschlachten können. Überhaupt wird der sogenannte „irakische Widerstand“ im großen Stil vom Iran und Syrien organisiert. Die Hisbollah und Hamas wiederum sind selbst Terrororganisationen.

Die Beliebtheit von Osama bin Laden und anderen Terroristen in der muslimischen Welt ist ein ernsthaftes Problem. Einer Umfrage vom Pew Research Center zufolge hatten im Jahre 2005 60% der Jordanier, 51% der Pakistaner 35% der Indonesier und 26% der Marokkaner „Vertrauen“ in Osama bin Laden. Im Jahre 2003 hatten noch 58% der Indonesier und 49% der Marokkaner diese Meinung geäußert, in Pakistan aber nur 45%. In einer noch aktuelleren Umfrage vom Jahre 2010 gaben 48% der Nigerianer, 25% der Indonesier, 19% der Ägypter und 18% der Pakistaner und 14% der Jordanier an, dass sie „Vertrauen“ in den Terrorfürsten hätten. Das zeigt: Die Unterstützung für den Terrorismus geht offenbar zurück, vor allem in Jordanien, Indonesien und angeblich Pakistan – aber sie ist immer noch viel größer, als es Todenhöfer darstellt. Umfrageergebnisse in Saudi-Arabien, Jemen oder Palästina zeigen kaum einen Rückgang. Das Problem ist, dass viele Koranschulen nicht unter staatlicher Kontrolle sind und Hass-Propaganda sich dort frei entfalten kann.

Aber sind nicht auch die Hintermänner völkerrechtswidriger Angriffskriege Terroristen und Mörder – auch ihrer eigenen Soldaten? Muss man, wenn man über die 5.000 von Al-Qaida ermordeten Westler spricht, nicht auch über die hunderttausenden irakischen Zivilisten sprechen, die durch George W. Bushs völkerrechtswidrigen Krieg getötet wurden? Gelten die rechtlichen Maßstäbe, die wir an Saddam Hussein oder Slobodan Milosevic anlegen, nicht auch für westliche Regierungschefs? Warum wagen die westlichen Eliten nicht einmal die Frage zu stellen, ob George W. Bush und Tony Blair wegen ihres auf Lügen gebauten Irakkriegs nicht vor ein internationales Strafgericht gestellt werden müssten?

In der Urteilsbegründung des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals heißt es: „Die Entfesselung eines Angriffskriegs ist das größte internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur dadurch unterscheidet, dass es in sich alle Schrecken vereinigt und anhäuft.“ Der amerikanische Chefankläger Robert Jackson formulierte damals: „Nach dem gleichen Maß, mit dem wir heute die Angeklagten messen, werden wir morgen von der Geschichte gemessen werden.“

Warum? Ganz einfach: Saddam und Milosevic haben zweifellos Massaker an Zivilisten befohlen, die auch ausgeführt wurden und denen Tausende zum Opfer fielen – Halabja und Srebrenica gingen auf ihr Konto. Bush und Blair haben nicht selbst Massaker an Zivilisten befohlen. Es kam zwar zu Kriegsverbrechen von US-Soldaten, diese handelten jedoch auf eigene Faust, nicht auf Anweisung der US-Regierung. Die Verantwortlichen für die Massaker von Haditha wurden von amerikanischen Gerichten angeklagt und verurteilt, ebenso die Beteiligten an den Verbrechen von Mahmudiyah und das sogenannte „Afghanistan Kill Team“.

Ich bin zwar kein Anhänger von Bush, aber ich finde es absurd, ihn mit Saddam oder Milosevic zu vergleichen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Im Irak und im Afghanistan werden die meisten Zivilisten von islamistischen Terroristen umgebracht, nicht von westlichen Soldaten.

Angriffskriege sind „der Terrorismus der Reichen“, sagt Peter Ustinov. Für ein irakisches Kind macht es keinen Unterschied, ob es von einem „islamischen“ Selbstmordattentäter oder von einer „christlichen“ Bombe zerfetzt wird. Für dieses Kind sind George W. Bush und Tony Blair genauso Terroristen wie Bin Laden für uns.

Die hohe Zahl ziviler Opfer militärischer Einsätze wird häufig mit dem Argument entschuldigt, diese „Kollateralschäden“ entstünden nicht vorsätzlich. Das ist – zumindest bei Luftangriffen – unredlich, denn der Tod von Zivilisten wird dabei fast immer billigend in Kauf genommen. „Billigende Inkaufnahme“ aber bedeutet in entwickelten Rechtssystemen Vorsatz. Die meisten Bombenangriffe sind zudem uneffektiv. Mit Kommandoeinsätzen am Boden könnte man meist viel mehr erreichen. Allerdings müsste man dann eine größere Zahl eigener Opfer in Kauf nehmen. Das aber könnte Wählerstimmen kosten. So lässt man lieber Streubomben abwerfen und nimmt den Tod von Zivilisten in Kauf. Streubombenabwürfe aus sicheren Pilotenkanzeln sind die feigste Form des Terrorismus der Mächtigen. Die Legende vom anständigen Krieg ist die größte Lüge der Menschheit. „Dulce bellum inexpertis – Krieg ist nur süß für die, die ihn nicht kennen“ (Erasmus von Rotterdam).

Es ist zutreffend, dass Lufteinsätze leider oft zivile Opfer fordern. Man sollte aber der Vollständigkeit halber erwähnen, dass die Terroristen, die sich unter der Zivilbevölkerung verstecken, die Hauptschuld dafür tragen. Oder tragen die Terroristen alle ein „T“ in ihrem T-Shirt, um sich von der einfachen Bevölkerung abzusetzen und sicherzustellen, dass kein Zivilist getroffen wird?

Todenhöfer hat absolut Recht, dass es für ein irakisches Kind „keinen Unterschied macht, ob es von einem „islamischen“ Selbstmordattentäter oder von einer „christlichen“ Bombe zerfetzt wird“, aber leider lebt er dieses Motto nicht selbst vor: Für ihn ist ein toter Iraker, Afghane oder Libyer durch westliche Waffen 100-Mal mehr Wert als ein Toter durch einen islamistischen Terroristen.

Bewaffneter Widerstand gegen völkerrechtswidrige Kriege und Besatzung ist trotzdem nur dann legitim, wenn er sich an das humanitäre Kriegsvölkerrecht hält. Selbstmordanschläge gegen andersgläubige Zivilisten, wie wir sie jeden Tag im Irak und anderswo erleben, sind Terrorismus. Mit legitimem Widerstand haben sie nichts zu tun. Die spektakulärsten Anschläge gegen Zivilisten im Irak sind allerdings meist von außen gesteuert. Nach einer Stellungnahme des Sprechers der multinationalen Streitkräfte im Irak, General Kevin Bergner, vom 11. Juli 2007 stammen zwischen 80 und 90 Prozent der Selbstmordattentäter aus dem Ausland.

Was macht es für einen Unterschied, ob die Terroristen, die im Irak täglich unschuldige Zivilisten töten, nun vom Ausland kommen oder vom Inland?

Von diesem fast immer ausländischen Terrorismus gegen Zivilisten streng zu unterscheiden ist der legitime, multikonfessionelle irakische Widerstand gegen die ausländische Besatzung. Dieses Widerstandsrecht kann den Irakern niemand nehmen. Es ist ein zeitloses, unantastbares Recht aller Völker. Die große Mehrheit der irakischen Bevölkerung steht hinter diesem Widerstand, der Angriffe auf Zivilisten ausdrücklich ablehnt. An diesem Widerstand beteiligen sich nicht nur sunnitische und schiitische Muslime, sondern auch Christen. Die Zahl der christlichen Widerstandskämpfer im Irak ist höher als die der Al-Qaida-Kämpfer. Auch Frauen kämpfen im multikonfessionellen irakischen Widerstand. Ist das wirklich überraschend? Was würden wir tun, wenn feindliche Panzer auf unseren Straßen stünden? Sind nur befreundete Widerstandskämpfer „Freiheitskämpfer“, andere aber immer „Terroristen“?

Den Medienkrieg haben die Iraker längst verloren. Täglich gibt es noch immer mindestens hundert militärische Aktionen der Besatzungsstreitkräfte gegen die irakische Bevölkerung und etwas gleichviele Gegenangriffe des Widerstands auf die Besatzungstruppen und ihre Verbündeten. Die Zahl der Selbstmordanschläge gegen Zivilisten liegt nur bei einem Bruchteil, maximal bei zwei oder drei pro Tag. Trotzdem strahlen TV-Medien fast ausschließlich Bilder dieses schrecklichen, meist ausländischen Selbstmordterrors aus, als sei er typisch für den Kampf der Iraker gegen die USA. Sie zeichnen so ein völlig verzerrtes Bild der Lage im Irak. Den wirklichen Krieg sehen wir nicht. Das Pentagon nutzt sein Informationsmonopol im besetzten Irak gnadenlos aus.

Das Gerede vom „resistanceartigen“, zivilen Widerstand gegen die amerikanische Besatzung nimmt eine zentrale Rolle in Todenhöfers Buch „Warum tötest du, Zaid?“ ein. Leider ist oder war Zaid, der dem Buch seinen Namen gab, bewaffnet, und das wiederum passt nicht unbedingt in das Bild von der „irakischen Resistance“. Kann uns Todenhöfer auch genau erklären, was dieser „zivile Widerstand“ denn so macht, was wir nie mitkriegen, weil die Medien ja angeblich zu pro-amerikanisch sind? Manipulieren sie die Reifen der US Army, verteilen sie Flugblätter in der Bevölkerung, haben sie ein Komitee „Freies Irak“ gegründet, dass vom Ausland aus ein Radioprogramm betreibt, um den Irakern Mut zu machen?

Todenhöfer sagt ja auch, dass dieser „zivile Widerstand“ multikonfessionell ist und sogar Frauen daran teilnehmen. Wenn es so ist, wieso gibt es dann ständig Anschläge von Schiiten auf Sunniten und andersrum? Warum sind seit 2003 mehr als die Hälfte der Christen aus dem Irak geflohen? Glaubt er wirklich, diese Menschen fliehen vor den Amerikanern? Könnte es nicht doch eher sein, dass er bei seiner Reise in den Irak ein bisschen phantasiert hat?

Selbstverständlich wären gewaltfreie Aktionen im Stil Mahatma Gandhis oder Martin Luther Kings jedem gewaltsamen Widerstand vorzuziehen, auch dem legitimen Widerstand. Im Glaubenskrieg zwischen den Stadtstaaten Mekka und Medina erzielte Mohammed seinen faszinierendsten Erfolg, als er zur Verblüffung seiner mekkanischen Gegner mit seinen Gefolgsleuten unbewaffnet vor den Toren Mekkas erschien und Zugang zu den heiligen Stätten forderte. Passiver Widerstand aus der Kraft des Glaubens würde auch den irakischen Widerstand glaubwürdiger machen. Aber haben wir der Welt nicht jahrhundertelang vorgeführt, dass nur der Gewalttätige Erfolg hat?

Im Klartext: Er rechtfertigt Terrorismus nicht, kann ihn aber doch irgendwie „verstehen“. Weil „wir“ der Welt „jahrhundertelang vorgeführt“ haben, dass nur Gewalttätige Erfolg haben. Gewaltloser Widerstand ist gut, aber manchmal funktioniert’s halt nicht, gell? Deswegen können sich die irakischen Widerstandskämpfer leider kein Beispiel an Gandhi nehmen.

Wobei: Ob ausgerechnet Mohamed ein Beispiel für „Widerstand“ sein sollte, finde ich etwas fragwürdig, gerade wenn man die Geschichte vom jüdischen Stamm Banu Quraiza kennt, die von Mohameds Soldaten ausgelöscht wurden (im Koran unter der Sure 33, Vers 26 und 27 beschrieben). Vielleicht sollten die Widerstandskämpfer sich mal gründlich informieren, was die Résistance damals während der Nazi-Besatzung WIRKLICH unter „Widerstand“ verstanden hat. Die Ermordung von verfeindeten französischen Zivilisten war es sicherlich nicht.

Teil 4 folgt bald …

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