Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 5

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die fünfte These von Todenhöfer.

These 1, These 2, These 3, These 4, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10

These 5: Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die zentralen Gebote.

Beim Vergleich der Texte erweist sich der Koran als mindestens so tolerant wie das Alte und das Neue Testament. Zwar drücken sich Gott und seine Propheten in allen drei Schriften teilweise sehr martialisch aus. So heißt es im Alten Testament im Buch Numeri 31,7.15.17: „Sie zogen gegen Midian zu Feld, wie der Herr es Mose befohlen hatte, und brachten alle männlichen Personen um (…) Er (Mose) sagte zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? (…) Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon (…) mit einem Mann geschlafen haben.“

Im Neuen Testament wird Jesus bei Matthäus 10,34 zitiert: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ In seinen Tischreden erklärte der wortgewaltige Protestant Martin Luther: „Mit Ketzern braucht man kein langes Federlesen zu machen. Während sie auf dem Scheiterhaufen zugrunde gehen, sollte der Gläubige das Übel an der Wurzel ausrotten und seine Hände im Blute der Bischöfe und des Papstes baden.“ Nicht weniger kriegerisch heißt es im Koran in Sure 4,89: „Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind (…). Nehmt (…) keinen von ihnen zum Freund, ehe sie sich nicht auf Allahs Weg begeben. Und wenn sie (in offener Feindschaft) den Rücken kehren, ergreift und tötet sie, wo immer ihr sie findet.“

Soll das heißen, dass wir die Muslime und die Christen der heutigen Zeit nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren mehr als tausend Jahre alten Texten beurteilen sollen? Wenn es nach Todenhöfer geht, offenbar schon. So heißt es weiter:

Extremisten und Hassprediger in Ost und West vernachlässigen fast immer den historischen Kontext dieser Passagen. Moses, Jesus und Mohammed wurden nicht in ein geschichtliches Vakuum hineingeboren, sondern in eine kriegerische Welt. Bei oberflächlicher Betrachtung wäre das Alte Testament in seinen historischen Ausführungen übrigens das blutigste der drei heiligen Bücher – viel blutiger als der Koran. Jeder Kenner des Alten Testaments weiß jedoch, dass dessen zentrales Gebot – nach dem Gebot der Gottesliebe und der Gerechtigkeit – lautet: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst!“ (Levitikus 19,18). Auch für Christen sind Nächstenliebe und Gerechtigkeit nach der Liebe zu Gott die wichtigsten Gebote (Matthäus 5,6.10).

Den „historischen Kontext“? Also war es zu Mohameds Zeiten in Ordnung, alle Ungläubigen zu töten, wo man sie findet und heute nicht mehr? In Sure 9, Vers 5 heißt es nämlich:

„Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen!“

Für mich ist jede Person, die zum Töten auffordert, ob nun Christ, Muslim oder Atheist, ein moralisch schlechtes Vorbild. Es gibt auch noch viele andere gewalttätige Stellen im Koran. Festzustellen, dass eine Person, die im 7. Jahrhundert in der arabischen Wüste gelebt hat, nicht unbedingt dieselben moralischen Vorstellungen hatte wie eine aufgeklärte Person aus dem 21. Jahrhundert, ist nicht „islamophob“.

Für Muslime stellt der Koran fest: „Seid gut (…) zu dem Nachbarn, sei er einheimisch oder aus der Fremde“ (Sure 4,36). Auch im Islam gelten die „Zehn Gebote“ einschließlich des Tötungsverbots – mit Ausnahme des Sabbat-Gebotes, da Gott nach islamischer Auffassung nach der Erschaffung der Welt keinen Ruhetag benötigte. Der Koran plädiert für „mehr Menschlichkeit und mehr Gerechtigkeit“ (Hans Küng). Das Hauptproblem der westlichen Korandebatte besteht darin, dass jeder über ihn redet, aber kaum einer ihn gelesen hat. Die kriegerischen Passagen des Korans beziehen sich „erkennbar auf die damaligen Glaubenskriege zwischen Mekka und Medina und damit ausschließlich auf die Mekkaner und Medinesen jener Zeit“, wie der ägyptische Religionsminister Mahmoud Zakzouk zu Recht festgestellt hat.

In Sure 29,46 heißt es: „Unser Gott und euer Gott ist ein und derselbe“, auch wenn Gott auf Hebräisch Jahwe und auf Arabisch Allah heißt – selbst für arabische Christen. Ist es nicht eine ungeheuerliche Gotteslästerung, wenn Juden, Christen und Muslime die Bibel und den Koran als Waffe missbrauchen, um sich gegenseitig ihre Vorstellung von diesem einen Gott einzubläuen?

Der Kabarettist und Fernsehprediger Jürgen Becker sagte einmal: „Es gibt drei Glaubensrichtungen im Islam: Sunniten, Schiiten und Peter Scholl-Latour.“ Dieser Satz könnte aber auch für Todenhöfer gelten. Er nimmt einige Stellen aus dem Koran und weiß dann alles über den Islam, genauso wie ein paar Tage im Irak ausreichen, um alles über die Situation im Irak zu wissen.

Ich habe den Koran nicht gelesen, aber: Was kümmert es mich, was dort steht und was nicht? Wenn ich wissen will, ob die Muslime sich tolerant verhalten, dann schaue ich mir einfach die Realität in Saudi-Arabien, Jemen, Pakistan, Afghanistan, Somalia, Sudan, Nigeria an und weiß es dann. Wenn die alle den Koran bloß „falsch interpretieren“, dann sollten die „anständigen“ Muslime, die es gibt, das kritisieren anstatt sich in Selbstmitleid zu ergießen. Oder sie könnten einfach fordern, die Religion von der Politik fernzuhalten.

Auf Todenhöfers Frage: „Ist es nicht eine ungeheuerliche Gotteslästerung, wenn Juden, Christen und Muslime die Bibel und den Koran als Waffe missbrauchen, um sich gegenseitig ihre Vorstellung von diesem einen Gott einzubläuen?“ kann man nur mit einer Gegenfrage antworten: Ist es nicht eine ungeheuerliche Anmaßung von ihnen, Herrn Todenhöfer, allen Christen, Juden und Muslimen vorzuschreiben, was ihre Propheten mit ihren Lehren genau gemeint haben? Wenn sie sich nicht mal selbst einig werden? Und das ist ja kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Propheten sich ständig selbst widersprochen haben (die muslimischen Theologen erfanden als Ausrede dafür, ohne Mohamed zu fragen, das Prinzip der sogenannten „Abrogation“, wonach manche Suren von anderen „aufgehoben“ werden können. Aber leider kann jeder für sich selbst entscheiden, welche Suren für ihn „gelten“ und welche nicht).

Terror ist nie religiös: Es gibt keinen „islamischen“ Terrorismus, so wie der Terrorismus der nordirischen IRA nie „christlich“ oder „katholisch“ war. Wer sich als Terrorist teuflischer Methoden bedient, kann sich nicht auf Gott berufen. Es gibt lediglich einen islamisch maskierten Terrorismus, und der führt, wie christlich oder demokratisch maskierte Angriffskriege, nicht ins Paradies, sondern in die Hölle. Die Behauptung, Gewalt sei vor allem ein religiöses Problem, ist eine atheistische Legende. Die Menschen mordeten, bevor es Religionen gab und danach. Die Massenmorde der Nationalsozialisten wie auch der sowjetischen und der chinesischen Kommunisten sind der traurige Beweis dafür, dass der Mensch das grausamste aller Geschöpfe ist – mit und ohne Religion.

Wenn die Religion die Politik vorschreibt, dann endet es komischerweise so gut wie immer in Katastrophen. Die Lehre daraus für Todenhöfer ist aber nicht, dass man Religion von der Politik fernhalten sollte, sondern dass die Religionen „eigentlich“ unschuldig sind und es unfair wäre, sie wegen der Taten ihrer Anhänger zu verurteilen. Na toll: Woher will er dann wissen, dass die Nationalsozialisten und die Kommunisten nicht den Nationalsozialismus und den Kommunismus „falsch interpretiert“ haben und man deshalb den Nationalsozialismus und den Kommunismus nicht dafür verurteilen darf?

Es ist ganz einfach: Weder Christentum, Islam noch irgendeine andere Religion sind als Moralanleitung für einen Menschen im 21. Jahrhundert geeignet. Wenn Mohamed heute leben würde, würde er vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Die erschreckende Faszination des heutigen Selbstmordterrorismus beruht auf zwei Schamlosigkeiten: Auf der Schamlosigkeit einiger westlicher Politiker, die noch immer im 10:1-Rhythmus muslimisches Blut vergießen. Und auf der Schamlosigkeit, mit der die Hintermänner des Terrorismus den Koran verdrehen und jungen Muslimen vorgaukeln, sie müssten sich nur als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, um zu Märtyrern des Islam zu werden.

Das braucht wohl keinen Kommentar mehr. Zu Todenhöfers absurdem 10:1-Verhältnis und der angeblichen „Koranverdrehung“ habe ich schon alles gesagt. Es wird durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer.

Teil 6 folgt bald …

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