Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 8

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die achte These von Todenhöfer.

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These 8: Die Muslime müssen sich wie ihr Prophet Mohammed für einen Islam des Fortschritts und der Toleranz einsetzen. Sie müssen dem Terrorismus die religiöse Maske vom Gesicht reißen.

Nicht nur der Westen, auch die muslimische Welt muss ihr Verhalten fundamental ändern. Gerade gemäßigte Muslime müssen – unter Wahrung ihrer religiösen Identität – mutiger für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit eintreten. Für eine Staats- und Wirtschaftsordnung, die die Talente der Menschen entfesselt, statt sie zu lähmen. Für die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für wirkliche Religionsfreiheit – für einen Islam der Toleranz und des Fortschritts. Die vielen Millionen im Westen lebenden Muslime könnten dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

Wie soll das funktionieren, wenn säkulare, islamkritische Muslime wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali von den „Euro-Muslimen“ mehr kritisiert werden als Osama bin Laden und Mahmud Achmedinedschad? Solange die Kritik am Islam bei jeder Gelegenheit als „Islamophobie“ bezeichnet wird, da ja an den Problemen der muslimischen Gesellschaft nicht der Islam, sondern „die Gesellschaft“ Schuld ist, werden auch die vielen integrierten Muslime im Westen kaum etwas ändern können.

Die gemäßigte Mehrheit der Muslime muss die faszinierende Botschaft ihres Propheten Mohammed in die Neuzeit übersetzen und die gesellschaftlichen Reformen fortführen, die dieser unter Einsatz seines Lebens begonnen hatte. Sie muss den vorislamischen Ballast abwerfen, der die Renaissance der muslimischen Zivilisation behindert. Sie muss eine Bildungselite schaffen, die die muslimische Welt erfolgreich ins dritte Jahrtausend führt. Mohammed, Marktwirtschaft und Moderne passen sehr wohl zusammen.

„faszinierende Botschaft ihres Propheten Mohammed“, „vorislamischen Ballast“, „Mohamed, Marktwirtschaft und Moderne“ … Spätestens jetzt sollte jeder wissen sie, warum ich Todenhöfer als den perfekten Gutmenschen bezeichne! Also: Die Probleme in der islamischen Welt basieren alle nur auf vorislamischen Ballast, und die Lösung für diese Probleme lautet für ihn: Mehr Islam! Denn Mohamed war ein Vordenker von Demokratie und Marktwirtschaft, oder etwa nicht?

Nein, ernsthaft: Der Westen erreichte seinen Fortschritt, in dem er die Macht der Religion einschränkte – nicht, in dem er die faszinierende Botschaft ihres Propheten Jesus „in die Neuzeit übersetzte“. Die Menschenrechte wurden nicht vom Vatikan entwickelt, ebenso wenig wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Schutz von religiösen Minderheiten vom Papst durchgesetzt. Denn wenn Religionen sich für die Neuzeit eignen würden, dann müsste man sie nicht erst „in die Neuzeit übersetzen“. Das ginge dann automatisch.

Es war nicht der „vorchristliche Ballast“, den der Westen abwarf, um die Renaissance zu ermöglichen, sondern der christliche. Dasselbe müssen die Muslime schaffen. Der Koran darf nicht mehr die einzige gesellschaftliche Autorität sein, man muss ihn kritisieren und sich sogar über ihn lustig machen dürfen. Erst dann könnten die muslimischen Gesellschaften toleranter werden. Was die Muslime brauchen, ist nicht mehr Islam, sondern weniger Islam! Aber das sieht Todenhöfer natürlich vollkommen anders. Für ihn bedeutet Islam nur Fortschritt, Toleranz und Friedfertigkeit. Diese Illusion nimmt dann solche Züge an:

Anders als viele muslimische Politiker unserer Tage war Mohammed kein Reaktionär. Er sehnte sich nicht wie diese 400 Jahre zurück. Er war ein kühner, nach vorne blickender, egalitärer Revolutionär, der den Mut hatte, die Fesseln der Tradition zu sprengen. Sein Islam war keine Religion des Stillstands oder des Rückschritts, sondern der Erneuerung und des Aufbruchs. Wenigstens etwas von der Dynamik dieses großen Reformators würde der teilweise in Fatalismus und Selbstmitleid versunkenen muslimischen Welt gut tun.

Mohammed kämpfte mit Leidenschaft für soziale Veränderung, er trat für die Armen und Schwachen ein und – zum Ärger vieler seiner männlichen Anhänger – für eine massive Stärkung der Rechte der Frauen, die in vorislamischer Zeit in fast allen Kulturen nahezu rechtlos waren. Frauenunterdrücker können sich weder auf Mohammed noch auf den Koran berufen.

Nein! Noch mehr blinde Verehrung von Mohamed würde der islamischen Welt heute keineswegs gut tun. Auch wenn Todenhöfer es nicht wahrhaben will.

Mohammed war, wie unsere jüdischen Urväter Abraham, Moses und König Salomo, der laut Bibel tausend Haupt- und Nebenfrauen hatte, mit mehreren Frauen verheiratet – darunter einer Jüdin und einer Christin, die ihrer Religion auch nach der Eheschließung treu blieben. Er mahnte seine Anhänger: „Wer einem Juden oder Christen Unrecht tut, dem werde ich am Tage des Jüngsten Gerichts entgegentreten.“ Mohammed war kein Fanatiker und kein Extremist. Er wollte den damals polytheistischen Arabern den Gott der Juden und Christen nahe bringen – in unverfälschter, reinster Form. Der Koran ist streckenweise eine wunderbare Nacherzählung der zentralen Botschaften der Bibel, „ein Buch, das das Buch Moses in arabischer Sprache bestätigt“ (Sure 46,12). Aus muslimischer Sicht ist der Koran das „Neueste Testament“.

Dass sowohl Davids als auch Mohameds Polygamie falsch waren, kommt für Todenhöfer nicht in Frage, denn das würde bedeuten, dass er Mohamed, die wohl noch vor Konfuzius, Sokrates, Voltaire, Sartre und Al Gore weiseste Person in der Geschichte der Menschheit, kritisieren müsste. Das ist aber unmöglich – wie könnte Mohamed etwas Schlechtes getan haben?

Wie wir alle wissen, lebte Mohamed erst Jahrhunderte nach Moses, Jesus und allen anderen jüdischen und christlichen Propheten. Deswegen ist es kein Wunder, dass er die jüdischen und christlichen Propheten in seine Prophetenliste aufgenommen hat. Aber so ganz trifft dieses Gerede von „eine wunderbare Nacherzählung der zentralen Botschaften der Bibel“ ja nicht zu: Die Torah und die Evangelien gelten in der muslimischen Theologie zwar auch als Offenbarungen Gottes, aber mit einem Haken: Die ursprüngliche Botschaft dieser Bücher wurde nach islamischer Lesart von den Juden und Christen verfälscht.

Die Behauptung, Mohammed sei kein Fanatiker und kein Extremist gewesen, steht auf tönernen Füßen. Mohamed war jemand, der aufgrund von epileptischen Anfällen prophetischen Visionen Krieg führte und Menschen töten ließ – passt das nicht in die Definition von „Fanatiker“ und „Extremist“?

Als Mohammed im Jahr 628 nach der Kapitulation Mekkas die Kaaba betrat und – im Stile der Tempelreinigung Jesu – eine Götzenstatue nach der anderen zerschmetterte, verschonte er voller Respekt nur das Bildnis Jesu und seiner Mutter Maria. Beide waren für ihn rein und unantastbar. Immer wieder kündigte Mohammed die Auferstehung Jesu vor dem Jüngsten Gericht an: „Wie glücklich werdet ihr sein, wenn der Sohn Marias zu euch herabsteigen wird“, erklärte er. Jesus und Maria werden im Koran äußerst liebevoll als „Zeichen für alle Welt“ beschrieben (Sure 21,91). Auch die großen jüdischen Propheten, allen voran Moses, werden im Koran als Vorbild dargestellt. „Ein Muslim, der nicht an Mohammeds Vorgänger Moses und Jesus glaubt, ist kein Muslim“ (Mahmoud Zakzouk).

Ist es in Ordnung, Götzenstatuen zu zerschmettern, weil man andere religiöse Vorstellungen hat? Nein, religiöse Intoleranz ist nicht in Ordnung. Auch nicht, wenn Mohamed oder Jesus es getan haben.

Bei den Beziehungen zwischen Muslimen mit Christen und Juden geht es doch nicht um theologische Fragen. Es geht darum, dass Muslime Christen und Juden deshalb tolerieren müssen, weil sie Menschen sind. Die Hindus und Buddhisten haben keine Erwähnung im Koran – wäre es deshalb in Ordnung, sie weniger zu tolerieren als Christen und Juden?

Der heutige Terrorismus ist eine absurde Entstellung der Lehren Mohammeds. Er ist ein Verbrechen gegenüber dem Islam. Islam heißt Gottergebenheit und Frieden. Die muslimische Welt darf nicht zulassen, dass ihre große, stolze Religion mit ihrem Ethos der Humanität und Gerechtigkeit durch blindwütige Terroristen in den Schmutz gezogen wird. Niemand hat dem Ansehen des Islam in seiner fast tausendvierhundertjährigen Geschichte mehr Schaden zugefügt als der islamisch maskierte Terrorismus. Die muslimische Welt muss ihm die religiöse Maske vom Gesicht reißen. Sie muss den Götzen Terrorismus genauso zerbrechen, wie Mohammed die Götzen der vorislamischen Zeit zerbrach.

Islam heißt eigentlich „Unterwerfung“ oder „völlige Hingabe“. Nix da „Frieden“. Dass Terroristen sich genauso wenig wie aufrechte Demokraten auf den Koran berufen können, kann schon sein. Aber sie tun es halt. Von einer „absurden Entstellung der Lehren Mohammeds“ würde ich aber nicht sprechen, da Mohamed nicht unbedingt bei der Internationale der Kriegsdienstverweigerer tätig gewesen ist.

Teil 9 folgt bald …

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