Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 9

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die neunte These von Todenhöfer.

These 1, These 2, These 3, These 4, These 5, These 6, These 7, These 8, These 10

These 9: Nichts fördert den Terrorismus mehr als die „Antiterrorkriege“ des Westens. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selber ausfechten.

Wir müssen auch den westlichen Angriffskriegern die Maske vom Gesicht reißen. Angriffskriege sind nicht nur die unmoralischste, sondern auch die unintelligenteste Form, Terror zu bekämpfen. Der islamisch maskierte Terrorismus ist eine Ideologie. Ideologien kann man nicht erschießen. Man muss ihnen die Grundlage entziehen, sie widerlegen.

Ja, genau, der Nationalsozialismus wurde „widerlegt“. Und deshalb müssen die Afghanen die Taliban-Ideologie widerlegen, dann sind die Taliban weg. Ich weiß allerdings nicht, ob es die Taliban interessiert, was die Afghanen von ihrer Ideologie halten. Glaubt Todenhöfer, dass die Taliban sich freiwillig selbst-auflösen werden, wenn sie herausfinden, dass die Afghanen sie nicht mehr mögen? Und was meint er eigentlich mit „die Grundlage entziehen“? Die Grundlagen für den radikalen Islamismus sind die täglichen Hetzorgien in muslimischen Zeitungen, Fernsehen, Moscheen und Schulen. Wie kann der Westen da was ändern?

Der radikale Islamismus war zu Beginn des Jahres 2001 weltweit am Ende. Der Traum, die innenpolitischen Probleme des Iran, Afghanistans oder des Sudan durch radikale Islamisierung zu lösen, war zum Albtraum verkommen. Verbittert realisierten die Muslime, dass die rigorosen Mullahs aus ihren Ländern trostlose (Religions-)Polizeistaaten gemacht hatten. Im Blitzkrieg der USA hat das afghanische Volk die Taliban demonstrativ allein gelassen – in der Geschichte Afghanistans ein ungewöhnlicher Vorgang.

Zuerst heißt es, dass Angriffskriege keine Lösung sind und dann wird als Beispiel der militärische Sturz der Taliban genannt? Todenhöfer sollte wirklich mal seine Logik überprüfen.

Ob der radikale Islamismus im Jahre 2001 wirklich „weltweit am Ende“ war, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben. Aber es spricht vieles dagegen: Die Intifada in Palästina, die Taliban in Afghanistan, die Mullahs im Iran, die al-Qaida – all das kann nicht eine „Reaktion“ auf die Besetzung Afghanistans und des Iraks gewesen sein. Das passt chronologisch nicht so ganz …

Angesichts dieses offenkundigen Scheiterns des radikalen Islamismus war der Angriff von Al-Qaida auf New York und Washington nicht nur ein Racheakt, sondern auch der Versuch eines Befreiungsschlags: Er sollte durch diabolische Kühnheit und geniale mediale Inszenierung den radikalen Islamisten die Sympathien der Massen zurückgewinnen. Er sollte die USA zu einer Überreaktion provozieren, die dem radikalen Islamismus wieder Rückenwind geben würde. Dass die Falken der U.S.-Regierung auf eine solche Gelegenheit gewartet hatten, macht alles noch absurder.

Die Rechnung von Al-Qaida ist voll aufgegangen. Die unzähligen Bomben auf die Häupter talibanmüder afghanischer Zivilisten haben dem am Boden liegenden radikalen Islamismus wieder auf die Beine geholfen. Die Afghanen wollten zwar die von den Geheimdiensten der USA, Saudi-Arabiens und Pakistans geschaffenen Taliban und Al-Qaida gerne wieder loswerden. Aber dass dafür Tausende afghanischer Zivilisten zu Tode gebombt wurden, verstanden sie nicht.

Die al-Qaida wollte also den Krieg in Afghanistan und im Irak provozieren, um dann bei den Opfern der US-Bomben neue Anhänger zu finden? Das war der einzige Grund für 9/11? Es ging nicht darum, Ungläubige zu töten, um in den Himmel zu kommen?

Todenhöfer versucht immer krankhaft, für alles Böse in der islamischen Welt den USA die Schuld zu geben. Deswegen spricht er auch von „den Geheimdiensten der USA, Saudi-Arabiens und Pakistans geschaffenen Taliban und Al-Qaida“. Die Taliban entstanden 1994, fünf Jahre nach dem Ende der sowjetischen Besatzung. Die von den USA, Pakistan und Saudi-Arabien unterstützen Mudschaheddin waren zwar die Vorgänger dieser Organisationen, aber man muss bedenken, dass sie damals nur unterstützt wurden, weil sie gegen die Sowjetunion kämpften und nicht, weil man sich für später einen Feind schaffen wollte. Die al-Qaida wurde im Jahr 1993 gegründet, ohne dass ein CIA-Agent anwesend war.

Es ergibt auch rein rechnerisch keinen Sinn, dass zivile Opfer der NATO den Taliban neue Anhänger verschaffen: Drei Viertel aller afghanischen Zivilisten, die im Jahre 2010 getötet wurden, wurden von den Taliban getötet. Wenn also die Taliban 75 Zivilisten töten, dann schadet es nicht ihrem Ansehen und verschafft der NATO keine neuen Anhänger, aber wenn die NATO 25 Zivilisten töten, dann schaden sie ihrem Ansehen und verschaffen den Taliban neue Anhänger. Das ist die typische Logik vom Herrn Todenhöfer. An allem ist der Westen Schuld. Eine Alternative gibt es für ihn nicht. Die Taliban wurden „von den USA geschaffen“ und ihre Anhänger sind alles traumatisierte Opfer von Bombenangriffen der NATO. Dass die Taliban tatsächlich von radikalen Muslimen gegründet wurden und ihre Anhänger radikale Muslime sind, kommt für ihn nicht in Frage. Denn, wie wir in These vier erfahren haben „kennt der Islam das Wort heilig im Zusammenhang mit Krieg überhaupt nicht“.

In Wahrheit sind nach dem Einmarsch der NATO 3 Millionen afghanische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt, die Männer konnten ihre Bärte abschneiden und die Mädchen endlich wieder zur Schule gehen, was bei den Taliban verboten war. Die wirtschaftliche Lage verbesserte sich, die Afghanen nahmen tagelange Märsche auf sich, um an den Wahlen teilzunehmen. Es kann ja sein, dass die Afghanen die NATO trotzdem nicht mögen, weil sie fremde Besatzer sind, aber die Taliban, die Schulen niederbrennen, ungehorsamen Frauen Nasen und Ohren abschneiden und Kinder mit Sprengstoffgürteln versorgen, werden sie wohl kaum als humanere Alternative betrachten.

Kein einziger der Terroristen, die das World Trade Center angegriffen hatten, stammte aus Afghanistan oder dem Irak. Sie kamen aus Deutschland, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Libanon und Ägypten. Und um Bin Laden, ihr saudi-arabisches ideologisches Oberhaupt in den Bergen des Hindukusch, auszuschalten, hätte es intelligentere Methoden gegeben als die Bombardierung Kabuls.

Es ging nicht nur um die Terroristen vom World Trade Center. Es ging um die Tatsache, dass die al-Qaida von Afghanistan aus operierte. Osama bin Laden befand sich wahrscheinlich noch Jahre nach den Anschlägen in Afghanistan. Ein Angriff auf Saudi-Arabien, dem Heimatland von 15 der 19 Terroristen von 9/11, wäre nicht zielführend, da die saudische Regierung al-Qaida nicht unterstützt, sondern von ihr bekämpft wird. Dasselbe trifft auch auf Pakistan zu. Die Regierung bekämpft dort die Islamisten, sie befinden sich seit 2004 im offenen Krieg gegen die Taliban.

Afghanistan war das einzige Land, dessen Regierung eine Terrororganisation war und anderen Terrororganisationen (wie al-Qaida) Unterschlupf bot. Und mit Verlaub: Welchen „besseren Weg“ hätte es denn geben können, um al-Qaida und die Taliban zu bekämpfen, als sie in ihrem von Terroristen kontrollierten Rückzugsgebiet anzugreifen? Wenn Todenhöfer eine bessere Lösung einfällt, könnte er sie doch einfach sagen.

So konnte der radikale Islamismus, wie bereits beim sowjetischen Einmarsch 1979, erneut weltweit zum Kampf gegen fremde Invasoren und gegen die eigenen autoritären, prowestlichen Regierungen aufrufen. Die Wahlsiege Ahmadinedschads und der Hamas, der Aufstieg des radikalen Islamismus im säkularen Irak und das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan haben viel mit der Brutalität und Torheit der Antiterrorkriege zu tun. Die radikalen Kräfte im Westen und in der muslimischen Welt haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Letztlich sind Bin Laden und Ahmadinedschad die besten Stichwortgeber George W. Bushs und umgekehrt. Wir müssen dieses tödliche Schaukelspiel so schnell wie möglich beenden.

Alles klar: Wenn die radikalen Islamisten ihre eigenen Glaubensbrüder abschlachten, dann ist es den Muslimen egal. Aber wenn fremde Invasoren in ihre Länder einmarschieren, dann sehen die Muslime die radikalen Islamisten als ihren einzigen Ausweg, um die fremden Invasoren zu bekämpfen. Das kenne ich schon. Die Frage ist nur: Glaubt Todenhöfer das eigentlich wirklich? Nein, ich meine: Wirklich wirklich?

Der Westen ist nicht legitimiert, überall auf der Welt militärisch gegen radikal-islamische Bewegungen vorzugehen – genauso wenig wie er legitimiert ist, weltweit links- oder rechtsradikale Organisationen militärisch zu bekämpfen. Er hat nicht das Recht, die Welt in ein blutig-chaotisches Schlachtfeld zu verwandeln, um seine Vorstellungen von der Welt durchzusetzen. Westliche Kampftruppen (und deutsche Tornados) haben im Irak, in Afghanistan oder in Somalia nichts verloren. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selbst ausfechten. Auch dort, wo dieser in Terrorismus abgleitet, ist es vorrangig Aufgabe nationaler Kräfte, ihn zu bekämpfen. Sie sollten nur in extremen Ausnahmefällen mit Zustimmung des UN-Sicherheitsrats durch internationale Polizei-Sonderkommandos verstärkt werden.

Der Schaden ausländischer Interventionen ist auch dort, wo ehrliche humanitäre Motive dahinterstehen, fast immer größer als der Nutzen. Man muss das Gute nicht nur wollen, sondern auch erreichen. Der Kampf gegen den Terrorismus wird weder am Hindukusch noch in Bagdad militärisch entschieden. Die Entscheidung fällt in den Herzen der 1,4 Milliarden Muslime, die in Ost und West, Nord und Süd die Politik des Westens genau beobachten. Mit jedem durch westliche Bomben getöteten muslimischen Kind wächst der Terrorismus. Wir versinken jeden Tag tiefer im Sumpf unserer eigenen Politik.

Es ist nicht „der Westen“, der „die Welt in ein blutig-chaotisches Schlachtfeld verwandelt“. Die islamistischen Terroristen in Afghanistan, Pakistan, Irak, Libanon, Somalia, die brutalen Diktatoren im Sudan, Syrien, Iran, Nordkorea, die Drogenkartelle in Mexiko, Guatemala, Kolumbien und sektiererische in Milizen in Kongo, Ruanda und Burma haben die Welt (zu der nicht nur der Nahe Osten zählt) in ein Schlachtfeld verwandelt. Wer dem Westen für alle Kriege in der Welt die Schuld gibt, ist ein Rassist.

Wenn eine militärische (Terror-)Organisation eine militärische Gefahr darstellt, muss man sie im Ernstfall militärisch bekämpfen. Die IRA, die ETA und die RAF (die im Vergleich zu den Taliban und al-Qaida eine winzige Gefahr darstellten, immerhin stellten sie nie die Regierung eines unabhängigen Landes) hat man ja auch nicht bekämpft, in dem man versuchte die Herzen der Iren, Basken und der westdeutschen Kommunisten zu gewinnen.

Vor allem der Luftkrieg ist als Mittel der Terrorismusbekämpfung kläglich gescheitert. Bin Laden konnte trotz pausenloser Bombenangriffe aus Tora Bora entkommen, weil sich rund um die Höhlen, in denen er vermutet wurde, mehr Journalisten befanden als amerikanische Soldaten. Fast gleichzeitig konnte Taliban-Chef Mullah Omar auf einem Motorrad die lichten Reihen der amerikanischen Truppen durchbrechen. Tora Bora ist das groteske Symbol der Torheit des Antiterror-Kreuzzuges. Ein bizarreres Slapstick-Finale wäre selbst Cervantes, dem Schöpfer Don Quijotes, nicht eingefallen.

Wow, sie können ja tatsächlich auch zynisch sein. Ich dachte, Gutmenschen verstehen gar keinen Humor. Ach, und: Haha!!!

Teil 10 folgt bald …

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