Mohamed Bouazizi: So begann der Arabische Frühling

Es ist schwer was los in Arabien

Wir erleben zurzeit unfassbare Dinge. Seit dem Untergang des Kommunismus in Osteuropa hat sich die Welt nicht mehr innerhalb so kurzer Zeit so gründlich verändert. In der DDR begann die Wende mit Protesten gegen die offensichtlichen Wahlfälschungen und mündeten in der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Doch wie begann eigentlich der Arabische Frühling? Nun, die Antwort lautet: Ein tunesischer Gemüsehändler, der sich eigentlich nicht um Politik interessierte, begang Selbstmord und brachte damit das Volk auf die Straße. Doch seine Geschichte wurde von den Revolutionären instrumentalisiert. Die Proteste gegen den Diktator Ben Ali begannen mit einer Lüge.

Sidi Bouzid: Die arabische Bastille

In der Stadt Sidi Bouzid ging am 17.Dezember 2010 ein Feuer auf- wörtlich und im übertragenen Sinne. Die Revolutionäre verbreiteten folgende Version der Ereignisse: Mohamed Bouazizi war ein unverheirateter Hauptverdiener einer achtköpfigen Familie, der sein Abitur abgeschlossen hatte und dennoch arbeitslos war. An diesem schicksalshaften Tag zog er um 10 Uhr seinen lizenzierten Obstkarren durch den Markt, als plötzlich Polizisten begannen, sich unerlaubt an seinen Früchten zu bedienen. Wie in ganz Tunesien kommandierten die Polizisten die Zivilisten in Sidi Bouzid herum und plünderten sie oft rücksichtslos aus. Bouazizi und sein Onkel wollten sich dagegen wehren, doch die Polizistin Fadiya Hamdi hörte nicht auf die Ermahnungen, auch nach dem Bouazizis Onkel sich bei der örtlichen Polizeistation beschwert hatte. Stattdessen schlug sie ihn mit ihrem Schlagstock. Bouazizi weinte und bettelte. Als er sie fragte, warum sie ihm das antat, hatten sich rund 50 Personen auf dem Markt versammelt. Hamdi gab Bouazizi daraufhin eine Backpfeife.

Bouazizi empfand persönlich eine so große Demütigung, dass er beschloss, sich aus Protest gegen diese Ungerechtigkeiten selbst zu verbrennen. Um 11:30 übergoss er sich mit einer entzündbaren Flüssigkeit, zündete ein Streichholz an und stand bald darauf in Flammen. Ein Anruf bei der Polizeistation blieb wirkungslos, erst nach eineinhalb Stunden kam ein Krankenwagen und brachte ihn in ein Krankenhaus für Verbrennungsopfer in der Hauptstadt Tunis. Kurz nachdem die Tat öffentlich geworden war, begangen Krawallen in Sidi Bouzid- der Anfang der Revolution. Die Proteste wurden mit Video aufgezeichnet und bei Facebook hochgeladen. Dies entfachte weitere Proteste, zuerst in Sidi Bouzid und dann im ganzen Land. Die Polizistin Hamdi wurde verhaftet, Präsident Ben Ali besuchte sogar Bouazizi am 28.Dezember und empfing seine Familie in seinem Präsidentenbüro.

Am 5.Januar 2011 starb Bouazizi an den Folgen der Verletzungen, die er sich durch seine Selbstverbrennung zugefügt hatte. Bei seiner Beerdigung waren 5.000 Menschen dabei, sein Grab wurde zum Pilgerort. Die Besucher schwörten, seinen Tod zu rächen.

Mythos und Wahrheit

Das ist die offizielle Version. Erst nach mehreren Monaten kam jedoch heraus, dass vieles an der Geschichte des angeblichen Gemüsehändlers mit Abitur nicht stimmt. Bouazizi war nämlich kein arbeitsloser Hochschulabsolvent, wie zunächst verbreitet wurde, sondern nur ein armer Straßenhändler. Und er wurde wahrscheinlich auch nicht von einer städtischen Ordnungshüterin gedemütigt und geschlagen. „In der Tat, wir haben uns das alles ausgedacht“, sagte ein tunesischer Gewerkschaftsangehöriger der französischen Tageszeitung „Libération“. Mit der Geschichte vom „diplomierten Opfer“ sollte das tunesische Bildungsbürgertum zu Protesten gegen das Regime motiviert werden, mit der von einer schlagenden Beamtin die konservative Landbevölkerung. Die Polizisten Hamdi wurde bereits freigesprochen. Nach den ersten Protesten wussten die späteren Revolutionäre, dass das Regime verwundbar war und versuchten jede Demonstration zu einem Protest gegen das Regime umzuwandeln. Das Internet machte ihn zum politischen Märtyrer. Bouazizi war jedoch selbst nicht an Politik interessiert, berichteten Freunde.

Umso ironischer ist das, was nach seinem Tod folgte: In Tunesien und Ägypten wurden zwei Diktatoren gestürzt, in Libyen brach ein Bürgerkrieg aus und in Jemen, Bahrain und Syrien ereigneten sich revolutionäre Massenaufstände. In Algerien, Marokko, Jordanien, Irak und dem Oman gab es große Demonstrationen, und sogar in Mauretanien, Westsahara, dem Sudan, Saudi-Arabien, Kuwait und Libanon ging das Volk auf die Straße. Und all das wurde ausgelöst durch die Tat eines ganz normalen Bürgers, der nicht nur sich selbst, sondern die ganze arabische Welt in Brand steckte. Er veränderte damit die Welt mehr als jeder andere arabische Politiker. In der arabischen Welt gibt es nun sogar T-Shirts von ihm.

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