Als Little Boy die Welt veränderte

Das zerstörte Hiroshima

Der 6.August ist ein historischer Tag. In Bolivien feiert man heute den Nationalfeiertag, aber das meine ich diesmal nicht. An diesem Tag begann vor 66 Jahren in der japanischen Stadt Hiroshima das Zeitalter der Atomkraft.

Bis heute wird diese Aktion von vielen Historikern als ein ungerechtfertigtes Massaker angesehen. Die Befürworter dieser Aktion argumentieren, dass die Zerstörung Hiroshimas rein rechnerisch mehr Menschenleben gerettet als vernichtet hat. Das japanische Kaiserreich war zu diesem Zeitpunkt keinesfalls in einer aussichtslosen Lage wie das Deutsche Reich im Januar 1945: Die japanischen Inseln waren noch unangetastet, Millionen Soldaten standen bereit, um bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und große Teile des chinesischen Festlands befanden sich fest unter japanischer Kontrolle. Eine Fortsetzung des Pazifikkriegs und eine Invasion Japans hätte Hunderttausenden US-Soldaten und wahrscheinlich Millionen Japanern das Leben gekostet. Außerdem soll die japanische Regierung selbst an der Entwicklung von biologischen und atomaren Massenvernichtungswaffen gearbeitet haben, um sie gegen die Alliierten einzusetzen. Aber gab es aber wirklich keine Alternative als dieses Blutbad?

Die Frage stellt sich vor allem, wenn man bedenkt, dass drei Tage später auch die Stadt Nagasaki dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das Warten auf den Kriegseintritt der Sowjetunion, eine Demonstration der Bombe und nicht zuletzt der Abwurf der Bombe auf ein militärisches statt ein ziviles Ziel wären andere Wege gewesen, um die Japaner zur Kapitulation zu zwingen. Tatsächlich könnte der Kriegseintritt der Sowjetunion die Japaner mehr beeindruckt haben als die komplette Vernichtung Hiroshimas und Nagasakis, immerhin kosteten beide Aktionen jeweils weniger Opfer als der Luftangriff auf Tokyo fünf Monate zuvor, der mit mehr als 100.000 Todesopfern als der schlimmste aller Zeiten gilt, Japan aber nicht zur Kapitulation zwang. Rückblickend lässt sich sagen, dass obwohl die Amerikaner in diesem Krieg sicher auf der richtigen Seite standen, sie die Alternativen zum Atombombenabwurf nicht gründlich genug untersucht haben. Wenn nicht schon Hiroshima, dann hätte zumindest Nagasaki verschont bleiben müssen.

Auch die Luftangriffe auf Tokyo sind wie die von Dresden moralisch nicht zu rechtfertigen. Eine Entschuldigung dafür seitens der US-Regierung wäre eine große symbolische Geste. General Curtis LeMay, der für den verheerenden Luftangriff auf Tokyo verantwortlich war, traf es auf den Punkt, als er sagte, “Wenn wir den Krieg verloren hätten, dann wäre ich als Kriegsverbrecher angeklagt worden.”

Unabhängig von dieser Diskussion stellt die Atombombe den Höhepunkt der Zusammenarbeit von Militär und wissenschaftlichem Fortschritt dar. Die Eisenzeit hatte zur Folge, dass die Völker, die in der Steinzeit stehen geblieben waren, auf militärischem Wege verdrängt wurden. Die Erfindung von Schießpulver bedeutete das Ende der Ritter auf dem Schlachtfeld. Maschinengewehre, Panzer und Flugzeuge machten die europäischen Kolonialmächte im 19. und frühen 20,Jahrhundert quasi unbezwingbar. Die Atombombe dagegen sorgte nach 1945 nicht zu noch brutalerem Krieg, sondern für jahrzehntelangen Frieden.

Von Becquerel zu Tibbetts bis Khan

Die Geschichte der Atomkraft begann im Jahr 1896, als der französische Physiker Henri Becquerel zufällig die Strahlung von Uranverbindungen entdeckte. Danach wurden diese Strahlungen von Marie Curie zusammen mit ihrem Mann Pierre weiter untersucht. Sie gaben den Strahlungen den Namen Radioaktivität und entdeckten die chemischen Elemente Polonium und Radium. Alle drei bekamen 1903 den Nobelpreis für Physik zugesprochen, Marie Curie wurde zu einem echten Popstar der Wissenschaft, wie außer ihr nur Albert Einstein. Die neuentdeckten Elemente wurden zu begehrten kulturellen Produkten, denen man allerlei wundersame Eigenschaften zusprach. Strahlenschutz war lange Zeit kein Thema.

In den 1920ern und 1930ern war Europa der Mittelpunkt der modernen Physik. Die meisten Forscher, denen bahnbrechende Entdeckungen gelangen, waren Europäer oder in Europa tätig: Werner Heisenberg, Niels Bohr, Lise Meitner, Max Born, Ernest Rutherford, Otto Hahn und Robert Oppenheimer, ein Amerikaner deutsch-jüdischer Abstammung. Am 17.Dezember 1938 gelang Otto Hahn in seinem Forschungslabor eine echte Revolution: Unter dem Beschuss von Neutronenstrahlen “zerplatzte” ein Atom- die erste Kernspaltung der Geschichte war vollbracht. Die Nachricht schlug wörtlich und im übertragenen Sinne ein wie eine Bombe. Am 29.Januar 1939 berichtete die New York Times, dass die Kernspaltung einer “Atom-Explosion” gleiche, bei der 200 Millionen Volt freigesetzt werden. Der mittlerweile in den USA wirkende Albert Einstein schickte am 2.August 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, dem US-Präsident Franklin Roosevelt einen Brief, in dem er vor einer deutschen Atombombe warnte. Das deutsche Atomprogramm, in der u.a. Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker tätig waren, kam jedoch kaum voran und wurde bald eingestellt.

Trotzdem begannen die Amerikaner aus Angst vor einer deutschen Atombombe im Jahre 1942 in der Wüste von New Mexico mit dem “Manhattan-Projekt”, der die Herstellung einer eigenen Atombombe zum Ziel hatte. Dieses wurde am 16.Juli 1945, mehr als zwei Monate nach der deutschen Kapitulation und unter Mitwirkung des genialen Physikers Oppenheimer (der in der McCarthy-Ära aufgrund seiner kommunistischen Vergangenheit nicht mehr für die Regierung arbeiten konnte) erreicht. Zehn Tage später setzte die US-Regierung den Japanern ein Ultimatum: Kapitulation oder völlige Zerstörung. Flugblätter wurden als Warnung über japanische Städte, darunter Hiroshima und Nagasaki, abgeworfen. Schließlich gab der US-Präsident Harry Truman blaues Licht für einen Einsatz der Bombe über japanischem Festland.

Am 6.August 1945, diesem schicksalhaften Tag, klinkte der amerikanische Flieger Paul Tibbetts um 8:16:02 morgens von der Enola Gay aus die Bombe namens “Little Boy” über Hiroshima ab. Im Namen des Friedens wurden über 70.000 unschuldige Zivilisten umgebracht. Die entstellten Überlebenden, die sogenannten “Hibakusha”, wurden in der japanischen Gesellschaft nach Ende des Krieges aus Angst vor der Spätfolgen radioaktiver Verstrahlung diskriminiert. Tibbetts, der im Jahr 2007 verstarb, sagte noch Jahrzehnte darauf, dass er diese Aktion nie bereut und auch nie schlecht geschlafen hätte. Stattdessen würde er jederzeit wieder eine Atombombe über Amerikas Feinde abwerfen. Drei Tage später wurde unter dem Kommando von Charles W.Sweeney die zweite Bombe “Fat Man” über Nagasaki abgeworfen. Oppenheimer, der “Vater der Atombombe”, sagte in einem Hörsaal, dass es ihm leid tue, die Bombe nicht rechtzeitig fertig gestellt zu haben, um sie gegen die Deutschen einzusetzen. In Wirklichkeit war er von Zweifeln geplagt und verurteilte später ihren weiteren Einsatz.

Die Atomkraft diente schon bald nicht nur zu militärischen Zwecken. In den 1950ern entstanden Visionen einer Welt, die sich dank der Atomkraft nie wieder um Energie sorgen müsste. Atomkraftwerke in den USA, der Sowjetunion und Europa hatten einen bedeutenden Anteil an der Energieversorgung. In Deutschland gab es anfangs lediglich Proteste gegen deutsche Atomwaffen, aber nicht gegen Atomkraftwerke. Erst in den 1970ern begann die “Atomkraft? Nein, danke!”-Bewegung, die die Partei der Grünen hervorgebrachte und es in diesem Jahr geschafft hat, die Atomkraft aus Deutschland zu verbannen. Dabei war die Atomkraft nicht nur eine wichtige Energiequelle, sie sicherte auch den Frieden im Kalten Krieg. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion hatten die Möglichkeit, sich gegenseitig zu vernichten. Aber genau diese Einsicht sorgte dafür, dass keine der beiden es darauf ankommen ließ. Das “Gleichgewicht des Schreckens” wirkte optimal als Abschreckung.

Frankreich, Großbritannien und China schafften sich ebenfalls Atomwaffen an, später wohl auch Israel, dass 1948, 1967 und 1973 der Vernichtung durch seine Feinde entkommen war und Indien, dass sich im fortwährenden Konflikt mit Pakistan befand. Später kamen auch Pakistan (1998) und Nordkorea (2006) in den Besitz von Atomwaffen. Wie das Prinzip der Abschreckung funktioniert, kann man besonders in Asien sehen: Im Jahr 1962 kam es zum Krieg zwischen China und Indien, heute wäre das aufgrund der atomaren Bewaffnung beider Länder undenkbar. Eine Gefahr besteht jedoch durch die unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen, die in die Hände von Staaten gelangen könnten, die sie nicht zur Selbstverteidigung gebrauchen wollen. Der Pakistaner Abdul Qadeer Khan verkaufte atomares Know-How nach Nordkorea, Libyen und dem Iran (s.meinen Artikel “Die Geheimnisse des Abdul Qadeer Khan“).

Das “Restrisiko”, dass die Atomkraft mit sich bringt, sorgte in einen einzigen Fall, der Katastrophe von Tschernobyl, zu dem Tod von 55-60 Menschen und zu einer Erhöhung vom Krebsrisiko in den betroffenen Gebieten. Die Opferzahlen werden wohl noch bis in alle Ewigkeit in die Höhe getrieben werden, wie dieser Bericht zeigt. Eine Untersuchung der Ereignisse zeigt, dass die Hauptursache für die Todesfälle nicht der GAU an sich, sondern der menschenverachtende Umgang der sowjetischen Behörden mit ihm war. So wurde am ersten Tag gar nichts gemacht, und selbst als die Evakuierung der herumliegenden Städte begann, wurde kein Kalimiod an die Bevölkerung verteilt. Andere Katastrophen wie in Harrisburg 1979 oder Fukushima 2011 forderten kein einziges Todesopfer, doch sie wurden auf gnadenlose Weise politisch instrumentalisiert, wie der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) zeigt, die als Reaktion auf Fukushima eine Öko-Diktatur in Deutschland errichten wollte.

Grüne Energiepolitik wie Bio-Diesel oder das Verbot von DDT haben mehr Menschen auf dem Gewissen als die Atomkraft, werden aber kaum in Frage gestellt. Dabei kann man Atomkraft durchaus kritisieren, wie dieser Artikel zeigt, der darlegt, dass Atomkraft ohne staatliche Subventionen und Sicherheitsgarantien nicht überlebensfähig wäre. Die deutsche Reaktion auf Fukushima unterschied sich von allen anderen Industrieländern, die Medien vermittelten den Eindruck eines “zweiten Tschernobyls”, während man im Ausland die Sache lockerer sah. Die Verteufelung der Atomkraft von Hiro- bis Fukushima hatte in keinem Land mehr Erfolg als in Deutschland.

“Zuerst spaltete der Mensch das Atom, jetzt spaltet das Atom den Menschen.” (Gerhard Uhlenbruck)

4 Antworten to “Als Little Boy die Welt veränderte”

  1. American Viewer Says:

    Auch die Luftangriffe auf Tokyo sind wie die von Dresden moralisch nicht zu rechtfertigen. Eine Entschuldigung dafür seitens der US-Regierung wäre eine große symbolische Geste.

    Woh, woh, woh. Hold your horses right there. Erst den totalen Krieg wollen und dann rumheulen, wenn man ihn bekommt. Überleg‘ dir mal was du da schreibst. Der zweite Weltkrieg war doch nicht der Käßmannsche Kirchentag. Wie wäre stattdessen ein Dankeschön für die Befreiung? 😉

    • arprin Says:

      Ein Dankeschön wäre natürlich mehr angebracht. Aber es gab auch Verbrechen seitens der Alliierten, obwohl Deutschland und Japan an den Opfern von Dresden und Hiroshima sicher auch eine Mitschuld haben. Aber überleg‘ du mal: 70% der Luftangriffe auf Deutschland fanden nach Januar 1945 statt, als Deutschland schon am Boden war. Zu Hiroshima habe ich nur gesagt, dass man Alternativen zu wenig bedacht hat, nichts mehr. Ein militärisches Ziel anzugreifen wäre doch auch eine Option gewesen.

      „Erst den totalen Krieg wollen und dann rumheulen, wenn man ihn bekommt“
      Die Nazi-Regierung war nicht repräsentativ für jeden einzelnen Deutschen.

  2. American Viewer Says:

    70% der Luftangriffe auf Deutschland fanden nach Januar 1945 statt, als Deutschland schon am Boden war.

    Das ist genau der Punkt, besser hätte ich es auch nicht sagen können. Deutschland war im wahrsten Sinne des Wortes nur noch am Boden tätig. Die Luftabwehr war praktisch nicht mehr vorhanden. Was hätten wir denn machen sollen?! Auf die Luftüberlegenheit verzichten? Was hätten dazu wohl unsere Soldaten gesagt? „Hey GIs passt mal auf, wir können zwar den deutschen Nachschub komplett lahmlegen, aber das machen wir nicht, weil wir haben keine Präzisionsbomben und der Deutsche sagt dann hinterher das wären Kriegsverbrechen. Der Volkssturm ist auch nicht so schlimm. Erobert Deutschland schön Haus für Haus, lasst die deutschen Frauen weiter Granaten basteln, Hauptsache es sterben keine Deutschen im Bombenhagel.“

    Bei aller Liebe, aber das ist nicht vermittelbar.

    Ein militärisches Ziel anzugreifen wäre doch auch eine Option gewesen.

    Was heißt schon militärisches Ziel im zweiten Weltkrieg?! Mach dir das bitte mal klar. Der totale Krieg war ja nicht nur Nazi-Propaganda, der totale Krieg war umgesetzte Realität.

    Die gesamte japanische und deutsche Bevölkerung zwischen ca. 15 und 60 Jahren hat nur noch „kriegswichtige“ Dienste verrichtet. In den großen Städten wurden Tag ein Tag aus Granaten, Munition, Mörser usw. usw. hergestellt. Natürlich auch unter Zwang, natürlich auch von Zwangsarbeitern, aber darauf konnte man keine Rücksicht nehmen. Die Vermittelbarkeit ist nicht gegeben. Oder wie sollte das gehen? So vielleicht:

    Buddy wir mussten dir leider beide Beine amputieren, wegen Granatsplitter. Die Granate kam aus Dresden. Da konnten wir aber leider nicht bombadieren, sonst wären Deutsche und Zwangsarbeiter gestorben. Außerdem wird die Altstadt mal Weltkulturerbe. Du verstehst das sicher.

    Die Deutschen wussten auch ganz genau, dass die großen Städte alle bombadiert werden. Das war Alltag. Wer konnte hat am Stadtrand im Freien geschlafen, Kinder wurden aufs Land verschickt. Die deutsche und japanische Regierung hat ihren Bürgern aber nicht selten strikt verboten, die Städte zu verlassen.

    Man hat bombadiert bis ihr Deutschen und die Japaner sich ergeben haben. Hellseherische Fähigkeiten wann das sein würde, hatte keiner. Dazu waren weite Teile der Bevölkerung einfach zu fanatisch, zu gewillt bis in den Tod zu kämpfen. Und sei es auch nicht so aussichtlos. Das macht es doppelt hart gegen solche Leute zu kämpfen. Und jeden Angriff den die Luftwaffe zur Unterstützung fliegt, empfindet man als Segen.
    Da nimmt man keine Rücksicht, da wird geflogen, was die Kapazitäten hergeben. Nach der Kapitulation haben wir euch sofort beide Arme ausgestreckt. Mehr kann man wirklich nicht machen.

    • besucher Says:

      Auch die Allierten werden ja wohl kaum angenommen haben dass in den historischen Stadtkernen eine kriegswichtige Industrie angesiedelt ist.
      Man sollte aber auch erwähnen dass sie sogenannte Lazarettstädte von der Bombardierung verschonte.

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