Henryk, William, Anders und Osama: Geistige Brandstifter und ihre physischen Nachfolger

Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Anders Breivik mochte Henryk M. Broder. Das kann man nicht leugnen. Es gibt zwar sicherlich auch Meinungen von Broder, die Breivik nicht geteilt hat, aber dass ihm Broders Warnung an die europäische Jugend, den Kontinent zu verlassen, bevor es zu spät ist, ans Herz gegangen ist, steht außer Frage. Broder ist also ein „geistiger Brandstifter“, während Breivik ein physischer ist. Er hat, egal ob berechtigt oder nicht, solange den Islam und die Linken verteufelt, bis einer seine Thesen so ernst nahm, dass er zur Waffe griff. So sagen es zumindest seine Gegner.

Gemäß dieser Definition ist William Blum ebenfalls ein geistiger Brandstifter. Der amerikanische Buchautor veröffentlichte im Jahr 2000 das Buch „Schurkenstaat“, indem er, berechtigt oder nicht, die USA als Schurkenstaat bezeichnete und schlussfolgerte, der Terrorismus gegen die USA sei eine Folge des amerikanischen Imperialismus. Seine Thesen wurden von einem saudischen Multimillionär ernstgenommen, der als der Führer einer militanten Organisation im Nahen Osten galt und vor drei Monaten bei einem illegalen, imperialistischen Einsatz der USA getötet wurde. In einer Videobotschaft, die der arabische Fernsehsender Al-Jazeera am 19. Januar 2006 ausstrahlte, hatte dieser gesagt: „Es ist nützlich für euch, das Buch „Schurkenstaat“ zu lesen.“

Vor Osamas Äußerung war das Buch auf Platz 205.736 auf der Amazon-Verkaufsliste. Am darauffolgenden Tag belegte es Platz 26. In der Videobotschaft zitierte Osama eine Aussage Blums wörtlich, die allerdings aus seinem Buch Freeing the World to Death: Essays on the American Empire von 2004 stammt:

Wenn ich Präsident wäre, könnte ich Terrorangriffe auf die Vereinigten Staaten innerhalb weniger Tage für immer unterbinden. Zuerst würde ich mich – öffentlich und sehr ernsthaft – bei all den Witwen und Waisen, bei den Verarmten und den Gefolterten und bei den vielen weiteren Millionen Opfern des amerikanischen Imperialismus entschuldigen. Anschließend würde ich in jedem Winkel der Welt verkünden, dass die Zeit der amerikanischen Militärinterventionen für immer beendet ist.

Als man den Autor fragte, ob er erstaunt über Osamas Lob für das Buch sei, antwortete er:

Ich war froh. Ich wusste, dass es das Buch verkaufen würde, und mir war es egal von wem das Lob kommt. Wenn er genau wie ich einige bestimmte Punkte der US-Außenpolitik nicht mag, dann unterstütze ich jede positive Hervorhebung des Buches durch ihn. Ich finde es gut, dass er diese Ansichten teilt und ich bin nicht negativ davon berührt.

(Quelle)

Blum findet es also gut, dass ein Massenmörder und Terrorist sein Buch gut findet und es öffentlich lobt. Stellen wir uns mal vor, Broder hätte dasselbe getan. „Wenn Breivik genau wie ich einige bestimmte Punkte des Islam/ismus nicht mag, dann unterstütze ich jede positive Hervorhebung meiner Schriften durch ihn. Ich finde es gut, dass er diese Ansichten teilt und ich bin nicht negativ davon berührt“ – ein bisschen pietätlos, oder? Broders Reaktion war lediglich „Ich würde es heute wieder genauso sagen“, ziemlich harmlos. Das hätte auch Blum sagen können, er musste sich weder von all seinen Thesen distanzieren noch Osama loben. Aber das kam ihm wohl nicht in den Sinn.

4 Antworten to “Henryk, William, Anders und Osama: Geistige Brandstifter und ihre physischen Nachfolger”

  1. aron2201sperber Says:

    glänzender Beitrag.

    nur an der Überschrift könnte man feilen 😉

  2. „Broder und Breivik“ vs. „Bin Laden und Blum“ « Aron Sperber Says:

    […] bei Arprin Advertisement GA_googleAddAttr("AdOpt", "1"); GA_googleAddAttr("Origin", "other"); […]

  3. aron2201sperber Says:

    zu hinterfragen, warum Breivik sich auf Broder bezieht, ist durchaus legitim.

    genau dasselbe habe ich auch bei Bin Laden und Chomsky gemacht:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/09/25/warum-empfiehlt-uns-bin-laden-chomsky/

    daraus eine „geistige Mittäterschaft“ für den Terror-Wahnsinn zu konstruieren, ist hingegen jenseitig mies:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/07/29/misik-und-die-geistige-mittaterschaft/

    bei Chomsky wäre auch kein seriöser Journalist auf diese Idee gekommen.

    Völlig „Anders“ als bei Breivik und Broder…

    • arprin Says:

      Das weiß ich doch. Es war nur als Beispiel gemeint. Aber linke Intellektuelle empfinden einen Lob von Osama wohl als Ritterschlag, während Lob von Rechtspopulisten – zurecht – als Gift fürs Image gilt. Osama bekommt mehr Verständnis als Breivik – das ist das Verrückte …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: