Kapitalismus, Demokratie, der Westen und seine „Kritiker“, Teil 2

Das schöne Abendland, geht es bald unter?

Fortsetzung von Teil 1

4. Demokratie, Menschenrechte und Kulturrelativismus

Laut Freedom House sind im Jahr 2011 von 194 Ländern der Welt 87 frei (45%), 60 teilweise frei (31%) und 47 unfrei (24%). Die meisten freien Länder gibt es natürlich in Europa. Die USA, Kanada, Australien, Indien, Japan, Südkorea zählten ebenfalls zu den freien Ländern, Russland und China galten als unfrei. In Lateinamerika ergibt sich ein gemischtes Bild, in Afrika sind gerade mal ein Fünftel der Länder frei. Im Nahen Osten gibt es nur ein freies Land: Israel. Diese Tatsache ist deshalb erstaunlich, weil es im Westen, wenn es um das Thema Menschenrechte geht, eigentlich nur zwei Länder leidenschaftlich kritisiert werden: Die USA und Israel. Der Grund für diese Einstellung ist der Kulturrelativismus, die in demokratischen Ländern seit ewigen Zeiten traditionelle Verharmlosung totalitärer Diktaturen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Kriegs fanden sich immer Intellektuelle, die die Gefahr des Faschismus bzw. des Kommunismus verharmlosten.

Natürlich ist keine Demokratie perfekt, auch nicht die USA und Israel. Ich bin kein Befürworter des Irakkriegs oder des jüdischen Siedlungsbaus (wenn auch nicht aus moralischen, sondern aus strategischen Gründen). Tatsache ist aber, dass die USA und Israel das kleinste Problem im Nahen Osten sind, wenn man sich vor Augen führt, dass kein muslimisches Land eine Demokratie ist und die Gewalt nicht von der US Army oder der IDF in die Region gebracht wurde, sondern ein ständiger Begleiter der Geschichte war. In Afghanistan und im Irak wurden mehr Zivilisten von den Taliban und dem „irakischen Widerstand“ getötet als von westlichen Soldaten, aber westliche Intellektuelle und Menschenrechtsorganisationen kritisieren fast ausschließlich die USA. Der Westen ist in den Augen der Kulturrelativisten immer schuld: Wenn ein muslimischer Diktator seine Bevölkerung abschlachtet, ist der Westen daran Schuld, weil er es zulässt oder sogar Geschäfte mit ihm macht. Wenn man mit Sanktionen gegen das Regime vorgeht, ist es auch falsch, weil die Bevölkerung darunter leidet. Und wenn man den Diktator militärisch zu Fall bringt, ist es ein imperialistisches Massaker. Der Westen ist natürlich auch Schuld am 11.September und an den Selbstmordattentaten in Bagdad. Es kommt nicht darauf an, ob etwas falsch oder richtig ist, sondern wer es unternimmt.

4.1 Warum wird die Freiheit nicht geschätzt? Eine kurze Einführung in Moynihans Gesetz

Der amerikanische Soziologe Daniel Patrick Moynihan formulierte eines der wichtigsten Gesetze, die zum Verständnis der westlichen Berichterstattung über die Weltpolitik beitragen.

Moynihans Gesetz:

Die Menge an Verstößen gegen Menschenrechte in einem Land ist umgekehrt proportional zu der Menge an Beschwerden über Menschenrechtsverstöße, die man von dort hört. Je größer die Menge an Beschwerden ist, die öffentlich geäußert werden, desto besser sind Menschenrechte in diesem Land geschützt.

Nehmen wir an, auf einem Planeten gibt es freie Gesellschaften, die geringfügige Verbrechen verüben, und unfreie Gesellschaften, die große Verbrechen verüben. Welche werden häufiger kritisiert? Die Antwort, vielleicht überraschend, lautet: Die freien Gesellschaften.

Also: Desto mehr Kritik über Menschenrechtsverletzungen man aus einem Land hört, desto besser sind die Menschenrechte in diesem Land geschützt. Das beste Beispiel dafür liefert der Nahe Osten, wo ständig nur Israel und die USA kritisiert werden, während die wahren faschistischen, rassistischen Apartheidstaaten wie der Iran, Syrien, Saudi-Arabien oder Pakistan verhältnismäßig gut wegkommen.

Natürlich gibt es auch Verbrechen auf Seiten Israels und der USA, doch diese beiden Staaten sind dennoch in keinster Weise mit den islamischen Diktaturen zu vergleichen. Nach dem Gazakrieg führte Israel über 400 Prozesse gegen Armeeangehörige, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden- die Hamas keinen einzigen (siehe hier). Stattdessen wurden angebliche „Kollaborateure“ hingerichtet, einige davon sogar in Krankenhäusern.

Aber: Warum ist das so? Moynihans Gesetz liefert auch hierfür eine Antwort:

Die unfreie Gesellschaft erlaubt keine Selbstkritik. Die freie Gesellschaft erlaubt Selbstkritik und Kritik von ausländischen unfreien Gesellschaften. Aber die Leute schreiben über das, was sie wissen und sie interessieren sich für Leute, die so sind, wie sie. Also wird um eine Größenordnung mehr über ihre eigene Gesellschaft geschrieben als über ausländische unfreie Gesellschaften.

Die Gesellschaften, die am häufigsten kritisiert werden, sind laut Definition diejenigen, die sich am besten benehmen. Was haben diese Gesellschaften getan, um für Kritik auserwählt zu werden? Sie waren nicht gewissenlos genug. Wenn sie gewissenlos, brutal und unfrei wären, dann würden sie nicht so stark kritisiert werden. Es ist aufgrund der Geringfügigkeit ihrer Verbrechen, dass sie öfter kritisiert werden.

In einer unfreien Gesellschaft druckt das Regime (mit Freuden) die Kritiken der freien Gesellschaften an sich selbst. Keine Kritik an den unfreien Gesellschaften wird gedruckt. Viele Menschen in der unfreien Gesellschaft wissen nichts anderes und könnten sogar zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die freie Gesellschaft fehlerhafter ist als ihre eigene. Zum Beispiel werden im arabischen Mittleren Osten vor allem Israel und Amerika kritisiert, anstatt die eigenen Gesellschaften, die erheblich fehlerhafter sind.

Die Gewalt von Zivilisierten macht mehr Schlagzeilen als die Gewalt von Barbaren. Die „Protestkultur“ von Stuttgart 21, Fukushima und die Wutbürger sind nur möglich, weil wir in einer demokratischen Gesellschaft leben. Wenn es nicht so wäre und wir wirklich unter einem repressiven Regime leben würden, würden sich diese ganzen heuchlerischen Demonstranten nicht trauen, ein einzelnes Wort der Kritik zu äußern.

4.2 Beispiele für westlichen Kulturrelativismus

4.2.1 Die falsche Sicht westlicher Intellektueller auf den Nahen Osten

Nach der Tötung Osama bin Ladens schrieb Malte Lehming im „Tagesspiegel“ einen hervorragenden Artikel, der den heuchlerischen Kulturrelativismus westlicher Intellektueller und den Mut prowestlicher muslimischer Demonstranten beschreibt:

Ganz so kontaminiert, wie uns die Verächtlichmacher aus den eigenen Reihen einreden wollen, scheint das westliche System in den Augen vieler Muslime folglich nicht zu sein. Vielleicht wissen diese Muslime einfach nur – im Unterschied zu unseren Besserwissern -, dass Guantanamo im Vergleich zu den Folterkellern der iranischen Mullahs, des syrischen Diktators und des libyschen Despoten eine Art Club Méditerranée ist. Vielleicht verstehen sie, dass gezielte Drohneneinsätze allemal humaner sind als etwa der Giftgasgebrauch Saddam Husseins gegen das eigene Volk. Vielleicht sind sie zwar erbost über die Untaten von Abu Ghraib, bewundern aber eine Gesellschaft, die darüber ebenfalls empört ist und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht. Mit anderen Worten: Vielleicht haben sich die Muslime jene Maßstäbe bewahrt, die dem Westen selbst im internen Diskurs immer weiter verloren gehen.

In der Tat bilden die Menschenrechtsverletzungen der westlichen, demokratischen Länder im weltweiten Vergleich eine unerhebliche Menge. Die USA haben im Irak und Afghanistan sicher Menschenrechtsverletzungen begangen, aber es ist dennoch so, dass in beiden Kriegen der sogenannte „Widerstand“ wesentlich mehr Menschen getötet hat. In Afghanistan wurden im Jahr 2010 76% aller getöteten  Zivilisten von den Taliban getötet. Im Irak haben Selbstmordattentäter ebenfalls mehr Blut an den Händen als die US Army. Überhaupt mangelt es nicht an gewalttätigen Konflikten im Nahen Osten. Die Amerikaner haben in ihrer Geschichte viermal im Nahen Osten interveniert: 1991 im Irak, 2001 in Afghanistan, 2003 im Irak und 2011 in Libyen, aber die Muslime waren auch ohne amerikanische „Provokationen“ ziemlich kriegerisch.

Die Kriminalgeschichte des Islams in den letzten 50 Jahren ist sehr lang und blutig. Im Sudan sind durch mindestens vier Völkermorde zwischen 1955 und 2005 etwa 4 Millionen Menschen getötet worden, vor allem christliche und animistische Afrikaner. Im Jahr 1971 haben muslimische Pakistaner zwischen 1-3 Millionen Hindus in Bangladesch getötet. Die Herrschaft von Saddam Hussein kostete, ohne den Krieg gegen den Iran mitzurechnen mindestens 300.000 Menschenleben (s.Iraqi Holocaust Files), der Iran-Irak-Krieg hat 1 Million Menschen getötet. In Westpapua wurden seit 1969 100.000 Menschen von indonesischen Militärs getötet. In Somalia sind seit dem Jahr 1991 Hunderttausende durch den Bürgerkrieg umgekommen, in Algerien kostete der Bürgerkrieg von 1991 bis 2006 100.000 Menschenleben. Der Bürgerkrieg im Libanon von 1975 bis 1990 forderte 200.000 Opfer, vor allem Christen. In Jemen starben von 1962 bis 1970 200.000 Menschen. Dem Kurdenkonflikt fielen allein in der Türkei 40.000 Menschen zum Opfer. Die Taliban-Herrschaft in Afghanistan kostete ebenfalls Tausenden Menschen das Leben. Und jedes Jahr sterben etwa 9.000 Menschen durch terroristische Attentate im Nahen Osten. Im Jahr 2009 starben 9.140, ein Jahr später 9.175 Menschen durch Terroranschläge.

Interessant ist auch der Vergleich der Lage von Minderheiten im Westen mit dem der Minderheiten in der muslimischen Welt. Im Westen beklagt man die grassierende „Islamophobie“. Wo bleibt aber die Empörung des Westens über die Christophobie in der muslimischen Welt? Die Christen im Nahen Osten werden massiv unterdrückt. Am schlimmsten ist es in Saudi-Arabien, wo es nicht mal erlaubt ist, eine Bibel zu besitzen oder eine Kirche zu bauen. Im Irak sind seit Beginn der Besatzung im Jahre 2003 mehr als die Hälfte der Christen ausgewandert, da sie immer öfter zum Ziel von terroristischen Anschlägen werden. In Ägypten häufen sich Fälle von Entführungen und Zwangsverheiratungen von jungen Christinnen, in den letzten Wochen seit dem Sturz des Präsidenten Mubaraks gab es auch öfters Anschläge auf Christen. In Nigeria sind Massaker an Christen seit Jahren nichts Besonderes mehr. In der Heimatstadt Jesu, Bethlehem, ist der christliche Bevölkerungsanteil in den letzten 20 Jahren von 60% auf 15% gesunken, da sie die Diskriminierungen seitens der palästinensischen Muslime nicht mehr ertragen konnten. In der Türkei werden Christen juristisch benachteiligt, es gab in den letzten Jahren auch viele Morde an katholischen Priestern. In Pakistan gab es ebenfalls Anschläge auf Kirchen, die christliche Bevölkerung muss außerdem aufgrund eines Blasphemiegesetzes fürchten, wegen geäußerter Kritik am Islam mit dem Tode bestraft zu werden. Und: In so gut wie keinem muslimischen Land ist es erlaubt, Missionierung zu betreiben oder zu einer anderen Religion zu konvertieren.

4.2.2 Relativismus durch historische Vergleiche

Die blutige Vergangenheit des Westens wird oft benutzt, um die Verbrechen in der muslimischen Welt zu verharmlosen. Ja, westliche Länder waren zwischen 1850 bis 1950 viel blutiger als die muslimische Welt. Das betont Jürgen Todenhöfer, der Meister des Kulturrelativismus, immer wieder gerne. Aber was spielt das denn für eine Rolle bei der Beurteilung der Verbrechen, die in unserer Zeit in den muslimischen Ländern begangen werden? Die Muslime waren in ihrer Geschichte auch nicht gerade zimperlich bei ihren Eroberungskriegen in Indien (laut dem Historiker K.S. Lal zwischen 50-80 Millionen Tote) oder dem Sklavenhandel in Afrika (17 Millionen Tote). Historisch betrachtet liegen ja sowieso die Ostasiaten mit Mao, Pol Pot, Kim Il-Sung und Jong-Il, Japan im Zweiten Weltkrieg und den Mongolen im Mittelalter ganz weit vorne.

4.2.3 Relativismus durch aktuelle Vergleiche

Die Kulturrelativisten bedienen sich nicht nur in der Vergangenheit, sondern schaffen es auch, mit unsinnigen Vergleichen den Westen moralisch herunterzustufen. Das seiht dann so aus:

200.000 Tote in Darfur- Irak, Afghanistan, Palästina
Islamistischer Terrorismus- ETA, IRA, Breivik
Unterdrückung der Frau- Frauen verdienen weniger als Männer
Ehrenmorde- Familiendramen
Regimekritiker werden verhaftet- Julian Assange
Demonstrationen werden niedergeschlagen- Stuttgart 21
Hasspropaganda in den Medien- Sarrazin, Minarettverbot, PI News
KZ’s für politische Gefangene- Guantanamo
Schariabefreite Zonen- Vatikan, radikale Evangelikale
Verfolgung von Homosexuellen- Homosexuelle Fußballer dürfen sich nicht outen

Diese Argumente sind natürlich Blödsinn. Der islamistische Terrorismus tötet jedes Jahr 9.000 Menschen, in Europa starben im Jahr 2010 7 Menschen durch Terrorismus. Breivik ist da ein statistischer Ausreißer. In demselben Monat, in dem Brevik seine Tat begang, gab es Dutzende Terroranschläge in der muslimischen Welt. Die Tatsache, dass Frauen weniger verdienen als Männer, kann man nicht mit der Unterdrückung der Frauen in der muslimischen Welt gleichsetzen (s.hier: Frauenrechte im Iran und Saudi-Arabien). Homosexuelle können in Europa sogar in der Politik tätig werden, im Iran droht ihnen die Todesstrafe. Die rassistische Hetze in den muslimischen Ländern ist Mainstream, in Europa muss man dafür im Internet suchen.

Die Aufregung um das amerikanische Gefangenenlager in Guantanamo Bay ist ein gutes Beispiel für „Moynihans Gesetz“. Die weltweiten Medien schenkten den Zuständen in dem amerikanischen Lager große Aufmerksamkeit, jahrelang diskutierte man sowohl in den USA als auch in Europa und auch im Nahen Osten über den „moralischen Verfall“ Amerikas. Doch in Guantanamo gibt es noch ein anderes Gefängnis, dass von der kubanischen Regierung geleitet wird. Die Zustände sind viel schlimmer als im amerikanischen Lager. Dort werden nicht etwa mutmaßliche Terroristen eingesperrt, sondern Kriminelle und politische Gefangene. Hier sind einige Beschreibungen über die Zustände im kubanischen(!) Gefängnis von Guantanamo. Das „Combinado Guantanamo“ ist viel brutaler und menschenunwürdiger als das US-Lager in Guanatanamo Bay, aber es hatte so gut wie kein einziges Medienecho in der westlichen Welt. Wie viele wissen überhaupt, dass es existiert? Das Beispiel Guantanamo war ein Extremfall, da hier besonders deutlich wird, wie Moynihans Gesetz funktioniert. Aber es gibt noch viel mehr Beispiele: Wie viele Schlagzeilen gab es über die chinesischen Arbeitslager (1,5 Millionen Insassen) oder den nordkoreanischen KZ’s (200.000 Insassen) im Vergleich zu Guantanamo Bay? (Siehe auch hier: Die Geschichte von zwei Zäunen, ein Beitrag über den israelischen Sicherheitszaun von Gal Luft, den ich bei Henryk M.Broders Homepage fand).

„Amerika hat seinen Anspruch auf moralische Überlegenheit aufgegeben“- sagte der Spiegel nach den Enthüllungen von Guantanamo. Wirklich? In Amerika bekommen Regimekritiker den Oscar verliehen, in China oder Nordkorea werden sie niedergemetzelt oder in Lager gesperrt, in Amerika werden Synagogen und Moscheen gebaut, in Saudi-Arabien ist sogar der Besitz einer Bibel verboten, in Amerika gibt es den St.Christopher Street Day, im Iran oder Sudan steht unter Homosexualität die Todesstrafe. Sind die Amerikaner wirklich auf dieses Niveau gesunken?

4.2.4 Antisemitismus im 21.Jahrhundert

Nach der Gründung des Staates Israel gab es nicht nur palästinensische Flüchtlinge, sondern auch rund 850.000 jüdische, die als Kollektivstrafe aus den muslimischen Ländern vertrieben wurden. Einige muslimische Länder sagen heute stolz von sich, dass sie „judenrein“ sind. Die antisemitische Hetze in den muslimischen Ländern ist auf schon längst auf Stürmer-Niveau. In den Zeitungen, Fernsehen, Schulen und Moscheen wird der Bevölkerung der Hass gegen Juden und Israel eingetrichtert (Video).

Auch hier schaut der Westen weg. Stattdessen wird Israel immer zum Mittelpunkt der Kritik. Nazi- und Apartheid-Vergleiche, Boykottaufrufe gegen israelische Waren und Demonstrationen, in denen „Tod den Juden“ gerufen wird, sind nichts Seltenes mehr im modernen Europa. Das Leid der Palästinenser ist für die heuchlerischen Palästinafreunde aber nur dann wichtig, wenn Israel daran schuld ist. In Libanon, Jordanien oder Ägypten geht es den Nachfahren der palästinensischen Flüchtlinge viel schlimmer als in den von Israel kontrollierten Gebieten, doch davon hört man so gut wie nichts. Die immer wiederkehrende Floskel, dass Deutschland aufgrund des Holocausts eine „besondere Verantwortung“ für Israel trägt, endet groteskerweise damit, dass man sich an der Dämonisierung Israels beteiligt, um die Israelis vor den selben Fehlern zu „warnen“, die die Nazis begangen haben. Wir brauchen keine besondere Beziehung zu Israel, die über die zu Ruanda oder Libyen hinausgeht, es reicht, wenn wir eine normale haben. Israel muss nicht aus historischen Gründen verteidigt werden, sondern aus Gründen der Gegenwart.

Besonders widerlich ist der Antisemitismus bei der UNO. Muslimische Länder schaffen es immer wieder, eine Mehrheit gegen Israel zu organisieren und es zu verurteilen, während sie selbst regelmäßig ungestraft davonkommen. 82% aller UN-Dringlichkeitssitzungen der letzten 50 Jahre betrafen Israel, keine einzige betraf die Völkermorde in Kambodscha, Ruanda oder Darfur. 53% aller Resolutionen des UN-Menschenrechtsrats betrafen Israel. Im Jahr 2010 kritisierte die UN-Generalversammlung Menschenrechtsverletzungen einzelner Länder, 78% davon betrafen Israel. Im Jahr 2001 organisierte die UNO die sogenannte „Antirassismuskonferenz“ in Durban. Man verdammte den israelischen Zionismus als gegenwärtige Form des Nazismus und der Apartheid, aber auch den „weißen Furor“, der „mit dem Menschenhandel, der Sklaverei und dem Kolonialismus in Afrika einen Holocaust nach dem anderen verursacht hat“. Israel sollte verschwinden, seine Politiker sollten vor einem internationalen Strafgerichtshof ähnlich dem von Nürnberg verurteilt werden. Antisemitische Karikaturen machten die Runde, Exemplare von „Mein Kampf“ und der „Protokolle der Weisen von Zion“ wurden herumgereicht: Unter einem Foto Hitlers hieß es, dass Israel niemals existiert hätte und die Palästinenser ihr Blut nicht hätten vergießen müssen, wenn er gesiegt hätte. Einige Delegierte wurden physisch bedroht, man rief „Tod den Juden“. Im Jahr 2009 wurde eine zweite Konferenz veranstaltet, in einigen Tagen soll sie zum dritten Mal stattfinden.

Jürgen Todenhöfer sagt, dass der Westen die muslimische Welt genauso fair behandeln muss, wie er Israel behandelt. Das würde folgendes bedeuten:

– In der UNO würde so gut wie jeder muslimische Staat, von der Türkei bis Saudi-Arabien, über 200 UN-Resolutionen bekommen. Der UN-Menschenrechtsrat wäre jeden Tag pausenlos beschäftigt, Dutzende Resolutionen gegen muslimische Staaten zu erlassen und einseitige Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Auftrag zu geben.
– Muslimische Waren würden weltweit boykottiert werden. Es gäbe etliche Kampagnen mit dem Motiv „Kauft nicht bei OIC-Ländern“.
– Muslime, die im Ausland leben, würden permanent für die Politik der OIC-Staaten verantwortlich gemacht werden. Moscheen müssten ständig von Polizisten überwacht werden, Tausende Muslime würden die Schikanen nicht ertragen und in ein OIC-Land umziehen.
– Es müsste einen eigenen OIC-Fußballverband geben, da sich viele Länder weigern würden, ihre Fußballnationalmannschaften gegen OIC-Länder spielen zu lassen.
– Muslimische Staaten würden ständig das Existenzrecht abgesprochen bekommen. Man würde u.a. feststellen, dass die Gründung der Republik Türkei „eigentlich“ ein Unrecht war, da während dieser Zeit mehr als 2 Millionen Armenier, Griechen, Assyrier, Chaldäer und Aramäer getötet wurden.
– Alle anderen Länder, in denen es Menschenrechtsverletzungen gibt, würden fast komplett ignoriert werden. Die Medien würden jede Woche einen Brennpunkt zu einem Konflikt in einem OIC-Land senden. Aber trotzdem würde ständig behauptet werden, dass die Medien von den Muslimen kontrolliert werden und die „Islam-Lobby“ jede Kritik an Muslimen abschmettert.
– Im Internet würden die wildesten Verschwörungstheorien über Muslime kursieren.

Der Antisemitismus geht meistens einher mit Antiamerikanismus und Antikapitalismus und ist damit zu einer sehr gefährlichen Ideologie verkommen. Gaddafi, Achmedinedschad, Castro, Chavez, die NPD oder die Linke- egal welche Differenzen sie haben, sie sind sich alle einig, dass Israel, Amerika und der Kapitalismus schlecht sind und bekämpft werden müssen. Das Internet ist zu einem Sammelsurium für jüdisch-amerikanisch-kapitalistische Weltverschwörungen geworden, die für alles Übel dieser Welt einer kleinen Elite in den USA und Israel (Banker, Politiker und Militärs) die Schuld geben. In einer komplexen Welt sind einfache Weltbilder bequemer als die Realität.

4.2.5 Relativismus im Kalten Krieg

Das Phänomen des Relativierens der Verbrechen diktatorischer Staaten hatte es schon im Kalten Krieg gegeben. Malte Lehming beschreibt:

Auch im Kalten Krieg gab es stets willige westliche Intellektuelle, die beim damals beliebten „Systemvergleich BRD/DDR“ auf beiden Seiten Licht und Schatten sahen, was im Ergebnis zum moralischen Patt führte. Und jeder Dissident, der aus Osteuropa oder der Sowjetunion auf derartig maßstabslose Nivellierer traf, wunderte sich. Alexander Sinowjew, der vor fünf Jahren starb, beschrieb das trefflich in seinem 1980 in München geschriebenen Essay „Über die Eierschale und den Untergang des Westens“. Die Sowjetbürger hätten sich in stinkend schmutzigen Kneipen oder einer jämmerlich engen Wohnung getroffen, mit Wodka betrunken, „der einem den Magen umdreht“, und resümiert: „Ja, Freunde, wir leben schlimmer als die Schweine.“

Als Sinowjew dann in den Westen kam, erlebte er kurioserweise das: „Da treffen sich ein paar Westler in einem Restaurant oder in einer Wohnung, wie sie sich der Sowjetbürger nicht träumen lassen würde. Sie essen sich satt an Dingen und betrinken sich mit Weinen, deren Existenz der Sowjetbürger nicht einmal vermutet, und dann nicken sie einander verständnisinnig zu und sagen mit so einem nachsichtig spöttischen Lächeln: ,Ja, Herrschaften, da kann man nichts machen, der Westen geht unter.

In der Achse des Guten hat Hannes Stein die Tradition des westlichen Kulturpessismismus zusammengefasst: „Zwei Drittel der jüngeren Intelligenz (Oberschüler, Abiturienten, Studenten), lese ich in Gerd Koenens Buch “Das rote Jahrzehnt”, fühlten sich laut einer Umfrage aus dem Jahr 1969 nicht mehr mit dem demokratischen Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland verbunden. Acht Prozent erklärten, sie würden eventuell eine kommunistische Partei wählen, 20 Prozent eine links von der SPD stehende Partei, zehn Prozent eine radikaldemokratische Partei (Rätesystem und so). 18 Prozent waren bereit, eine national orientierte Partei zu wählen.“

Es folgte der Aufstieg von eurokommunistischen Parteien, später der hysterisch-apokalyptischen „Friedensbewegung“, die Jugend verehrte Massenmörder wie Mao, Lenin oder Che Guevara. Wer damals die Lage analysiert hätte, wäre auf die Vermutung gekommen, dass Europa verloren sei und bald zu den Sowjets überläuft. Bekanntlich ist es anders gekommen. Der Ostblock ging unter, der Westen triumphierte. Wie ist es dazu gekommen? Hannes Stein schlussfolgert:

1. Die Pessimisten ignorierten, dass die eigene Seite auch über die eine oder andere Abwehrwaffe verfügte.
2. Sie ignorierten, dass die Osteuropäer den Kommunismus gründlich satt hatten.
3. Sie verstanden nicht, dass die verschiedenen linken Sekten einander spinnefeind waren; zum Beispiel hätte ein Maoist lieber mit jemandem von der CDU gefrühstückt als mit einem DKP-Mitglied.
4. Sie unterschätzten die demoralisierende Kraft des Werbefernsehens, der Drogen und des Rock`n´Roll.“

Auf heute umgewandelt würde es wohl heißen:

1. Die Pessimisten ignorieren, dass die US Army und die NATO auch über die eine oder andere Abwehrwaffe verfügen.
2. Sie ignorieren, dass die Muslime den Islamismus gründlich satt haben.
3. Sie verstehen nicht, dass die verschiedenen islamistischen Gruppierungen einander spinnefeind waren.
4. Sie unterschätzen die demoralisierende Kraft von IPhones, Rolexuhren und Pornoheften.

5. Die unsinnige Kritik an der „westlichen Konsumgesellschaft“

„Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe“So beschrieb der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie, der von einem iranischen Rechtsgelehrten wegen Beleidigung des Islams zum Tode verurteilt wurde, einmal die westlichen Werte. Rushdies Zitat klingt wie ein Lob. Doch die Kritik an der westlichen Lebensweise und Gesellschaftsordnung gehören zu den Lieblingsthemen von pessimistischen Pseudo-Intelektuellen. Richard David Precht meint: „Wir haben viel zu viele Dinge, die wir nicht brauchen. Wir müssen wieder lernen, zu verzichten.“ Eine weise Einsicht, die er freilich nicht für seine Bucherlöse anwendet, da hört’s mit dem Verzichten auf. Aber im Ernst: Ist unsere Lebensweise wirklich so schlecht, wie es oft dargestellt wird?

Der angebliche Verfall der Moral wird immer wieder angeprangert. Schuld daran ist nach einstimmiger Meinung von Philosophen und Soziologen natürlich das Fernsehen. Das Fernsehen würde unsere niedersten Instinkte bedienen, es macht uns fett, dumm und amokläuferisch und sei Schuld an dem schlechten Abschneiden bei den PISA-Tests (als ob die Menschen in Finnland weniger Fernsehen schauen würden). Auch Videospiele und Lieder werden von den „Kulturkritikern“ verteufelt. In Wahrheit handelt es sich in diesen Themen um faktenfreien Medien-Hype, den es schon seit ewigen Zeiten gibt. Ich würde mir zwar auch nie das Dschungelcamp anschauen, aber für mich ist die Sendung kein Anzeichen für den Untergang des Abendlandes, genauso wenig wie DSDS oder Oliver Geißen. Das Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium, und da die Menschen verschiedene Geschmäcker haben, gibt es auch verschieden Programme. Was ist mit guten Krimis und Sitcoms, oder mit Phoenix, N-TV und Arte? Was ist daran schlimm? Und ist das, was sich die Kinder im Iran und Nordkorea ansehen müssen, wirklich besser?

Wer behauptet, dass Ego-Shooter zu Amokläufen führt, hat die öffentliche Meinung hinter sich. Nicht erwähnt wird, dass Amokläufer so gut wie immer psychische Probleme haben. Oft stellt sich heraus, dass sie keine gewalttätigen Videospiele konsumiert haben. Die Medien sind nicht an ihren Taten Schuld. Amok ist keine Erfindung des modernen Westens, dieses Syndrom wurde schon bei steinzeitlichen Jägern im indonesischen Papua dokumentiert. Untersuchungen widerlegen auch die vermeintliche „sexuelle Verwahrlosung“ der Jugend, sie lassen sich heute mehr Zeit beim ersten Mal und achten mehr auf Verhütung als in früheren Zeiten. Gerade der Vatikan beweist ja, dass Aufklärung und öffentlicher Umgang besser sind als Abschreckung und Tabuisierung. Das Beklagen des angeblichen Moralverfalls der Jugend gehörte schon immer zur Kulturkritik. „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“- hatte schon Sokrates vor 2300 Jahren gesagt.

5.1 Ökologismus als neue Ersatzreligion

Umweltschutz ist gerade so angesagt wie Stone Washed Jeans in den 1980ern. Die Ökologisten halten ihre Mission für absolut notwendig: Der Wald stirbt aus, die Gentechnik und die Atomkraft gefährden die Gesundheit des Menschen und die Globale Erwärmung bedroht den ganzen Planeten, behaupten sie. Schuld daran sei der Mensch mit seiner Lebensweise. Um die Umwelt zu retten, müssten wir dringend unsere Lebensweise ändern. Die Folge davon sind u.a. Bio-Lebensmittel, Biosprit und das Kyoto-Protokoll.

Für die Ökologisten scheint die Umwelt wichtiger zu sein als der Mensch. Sie werden einwenden, dass der Mensch ein Teil der Umwelt ist, aber für die Ökologisten ist es nicht so. Unsere moderne Lebensweise mit ihren technischen Errungenschaften gehört nicht zur Umwelt, sondern zerstört sie. Und da der Mensch sie erschaffen hat und in ihr lebt, gehört er per Definition nicht zur Umwelt. „Wenn der Mensch verschwinden würde, ginge es der Erde besser“ ist ein beliebter Spruch der Ökologisten. Unter „Umwelt“ verstehen die Ökologisten nur das edle, gute, unberührte Leben in den Wäldern. Aber die Natur besteht auch aus Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Flutkatastrophen. Die Zivilisation ist ein ewiger Kampf gegen die Natur, wir haben Städte erschaffen, um aus der Natur zu verschwinden.

Die meisten Maßnahmen zum Schutz der Umwelt sind völlig sinnlos und machen die Umwelt keineswegs besser. Ein Beispiel: Gentechnik und Atomkraft werden verteufelt, dabei sind die Alternativen noch schädlicher für die Umwelt. Schweine leiden unter ökologischem Anbau mehr als unter dem herkömmlichen. Bio-Lebensmittel sind keineswegs gesünder als die normale Kost. Biosprit, also die Verarbeitung von Getreide zu Kraftstoffen, führt zu Lebensmittelknappheit in der Dritten Welt. Die Sonnenenergie ist ein einziges finanzielles Desaster, Windräder sind zur Todesfalle für Vögel geworden.

Die meisten apokalyptischen Visionen von Umweltschützern haben sich als falsch erwiesen (s.Top five enviromental disasters that didn’t happen). In den 1980ern glaubten die Ökologisten, dass der Wald kurz vor dem Aussterben steht. In dieser Zeit nahm die Waldfläche in Wahrheit zu. Eine neue UNO-Studie zeigt, dass die Wälder in Europa kräftig wachsen. Dies gilt auch für andere Regionen der Welt (s.hier, hier, hier, hier) außer in Südostasien, da dort im Namen von Biosprit Wälder in Massen gerodet werden. Das wichtigste Thema für die Ökologisten ist die Globale Erwärmung. In den 1970ern hatten Klimaforscher noch Angst vor einer neuen Eiszeit, aber schon damals sollen die meisten von einer künftigen Erwärmung überzeugt gewesen sein. Wie auch immer, selbst wenn das Szenario der Globalen Erwärmung zutreffen sollte, gibt es keinen Grund für Hysterie. Den Meeresspiegelanstieg von 1-2 Meter könnte man, falls er denn wirklich kommt, ganz einfach mit höheren Dämmen bekämpfen, wie es der Umweltforscher Björn Lomborg vorschlägt, anstatt Billionen Dollar zur Reduzierung von CO2-Emissionen auszugeben. Wer von den Folgen der Globalen Erwärmung spricht, sollte nicht nur von den schlechten Folgen sprechen. Falls die globale Temperatur steigt, werden weite Regionen wieder fruchtbar werden, in Sibirien könnte man z.B. wieder Wein anbauen. Die Anzahl der Kältetoten in Europa würde mehr sinken als die der Hitzetoten zunehmen. Außerdem gibt es andere wichtige Probleme wie die Bekämpfung von Krankheiten oder Hunger, für die man mit dem Bruchteil des Geldes schon heute viel mehr ausrichten könnte. Wer von „nachhaltiger Entwicklung“ redet, sollte nämlich wissen: die Welt gehört den Lebenden!

Ob es nun einen anthropogenen Klimawandel gibt oder nicht, darüber maße ich mir kein Urteil an. Man sollte jedoch eine gewisse Skepsis haben, denn viele Phänomene, die man der Globalen Erwärmung zurechnete, haben sich als falsch erwiesen. Die globale Temperatur ist in den letzten 10 Jahren trotz steigender CO2-Emissionen nicht gestiegen. Die Malediven oder Tuvalu werden nicht im Meer versinken, trotz des Asylantrags der Regierung der Pazifikinsel Tuvalu, die ihre ganze Bevölkerung aus Angst vor dem Meeresspiegelanstieg nach Neuseeland umsiedeln wollte. Auch die Eisbären sterben nicht aus, sondern haben sich in den letzten 50 Jahren verfünffacht(!). Das antarktische Meereis hatte im Jahr 2007 seine größte Ausdehnung. Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“ enthält so viele Fehler, dass er in britischen Schulen nicht unkommentiert gezeigt werden darf.

6. Die Waffen der Demokratie

6.1 Demokratie macht frei, aber unglücklich

Demokratie und Kapitalismus sind zwar die mit Abstand besten politischen und wirtschaftlichen Systeme der Welt, doch sie sind nicht perfekt. Es bleiben immer Mängel übrig. Und dann ist es so, wie es Odo Marquard ausdrückt: „Dort, wo zivilisatorische Fortschritte wirklich Erfolg haben, wird das Elend, das übrig bleibt, gerade weil es noch da ist, schlimmer empfunden.“ Eine Mischung aus Moynihans und Marquards Gesetz und der Binsenweisheit „Erst wenn man etwas verliert, merkt man, wie gern man es hat“ erklärt, warum so viele Menschen, die in Freiheit und Demokratie leben, diese so wenig wertschätzen. Das ist auch der Grund, warum ausgerechnet das 20.Jahrhundert so blutig war, obwohl die Menschheit in dieser Zeit auch den größten Fortschritt vollbracht hat. Michael Miersch resümiert, dass der einzige Grund gegen den Kapitalismus ist, dass er unglücklich mache:

„Freie Märkte führen trotz ihrer Krisen zu mehr Wohlstand. Doch Wohlstand macht nicht glücklich. Tendenziell nimmt das Glücksgefühl sogar ab. In den reichen, entwickelten Ländern ist die Zahl der Schwermütigen und Zukunftsängstlichen wesentlich höher als in armen aufstrebenden Gesellschaften. Denn das subjektive Glücksempfinden funktioniert ein bisschen wie die Börse. Käufer reißen sich nicht um Aktien solider, alter Firmen, sondern erwarten Traumgewinne von Neugründungen. Nicht, was ist, macht glücklich, sondern was wir erhoffen. Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2003 blicken nur 13 Prozent der Deutschen mit Optimismus in die Zukunft. China dagegen ist die optimistischste Nation. 54 Prozent der Chinesen glauben, die Zukunft werde besser als die Gegenwart. Je mehr Probleme gelöst sind, desto schärfer fällt der Blick auf die verbleibenden.

Totalitäre Diktaturen haben die Angewohnheit, sich selbst als das perfekte und fehlerlose Paradies darzustellen und ihre Kritiker und Gegner als das Böse schlechthin. Liberale Demokratien neigen dagegen bisweilen zu exzessiver Selbstkritik und sind ständig damit beschäftigt, nach „Alternativen“ zu suchen, wie es Charles Moore und Frank Schirrmacher derzeit tun. Andere wie Jean Ziegler geben dem Westen die Schuld an wirklich allem: Armut, Hunger, Krieg, Terrorismus, Umweltverschmutzung.

Die Menschen, die unsere Gesellschaft verachten und einen Umsturz wollen, wie die RAF, die den „faschistischen Konzernstaat“ beseitigen wollte oder der Vatikan, der die Französische Revolution rückgängig machen will, benutzen bei ihrem Kampf gegen das „System“ Mittel, die nur möglich waren, weil es dieses System gibt. Das Handy ist nicht nur ein technisches Produkt, da steckt die gesamte Aufklärung mit drin: Gutenberg, Heine, Spinoza, Kant, Hegel und viele andere. Man kann nicht das Produkt akzeptieren, aber seine Entstehungsgeschichte nicht. Wer also unsere moderne Gesellschaft nur schlimm und ungerecht findet, der sollte auch nicht die modernsten technischen Errungenschaften benutzen, die sie hervorgebracht hat. Das gilt übrigens auch für die, die mit Hilfe der Gentechnik den „perfekten Menschen“ züchten wollen, weil ihm der herkömmliche nicht gut genug ist.

Der Komiker Dieter Nuhr sagte nach dem Attentat von Anders Breivik in Norwegen: „Was wäre die Welt für eine wundervolle, wenn es nicht ständig Verrückte gäbe, die meinen, sie retten zu müssen.“ Warum können wir nicht einfach mal zufrieden sein?

6.2 Bilanz und Ausblick

Weder Sozialismus noch Nationalismus, noch der Islam oder das Christentum haben je etwas an der Lage der Menschen verbessert. Diese menschenvernichtenden Ideologien müssen endlich überwunden werden. Sie haben den Geist der Menschen jahrhundertelang vergiftet und Leichenberge angehäuft, die man noch im Himmel riechen könnte. Historiker schätzen, dass es in der Geschichte der Menschheit 14.400 Kriege mit 3,5 Milliarden Toten gab. Der amerikanische Soziologe Dean Babst wies nach, dass frei gewählte Regierungen unabhängiger Staaten keine Kriege gegeneinander führen. Kriege gibt es immer nur, wenn einer der beteiligten Länder eine Diktatur ist. R.J. Rummel wies in seinem Buch „Das Blaubuch der Freiheit- Wie man Hunger, Armut, Demozide und Kriege beenden kann“ nach, dass liberale Demokratien keine Kriege gegeneinander führen, sie ermorden nicht ihre eigene Bevölkerung, in ihnen gibt es keine Hungersnöte und keine Massenarmut, sie erzeugen stattdessen mehr Wohlstand für alle. Der indische Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen hat nachgewiesen, dass es in einem unabhängigen demokratischen Land mit Pressefreiheit noch nie eine große Hungersnot gab. Zu Hungerkatastrophen kam es immer nur in Diktaturen und unterdrückten Kolonien. Demokratie und Kapitalismus führen zu Frieden, Freiheit und Wohlstand, während Ideologien in Krieg, Unterdrückung und Armut enden.

Wir werden in den nächsten Jahrzehnten sicher nicht alle Probleme der Menschheit lösen und auch kein „Ende der Geschichte“ erleben. Aber die größten Probleme der Menschheit sind lösbar, wenn wir es nur richtig angehen würden. Anstatt den Kapitalismus abzuschaffen, sollten wir den Sozialismus abschaffen. Anstatt die demokratischen Länder zu verteufeln, sollten wir die autoritären, menschenverachtenden Diktaturen bekämpfen, die noch immer unter uns weilen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist die Welt reich genug für eine Welt ohne Armut, zum ersten Mal leben mehr Menschen in freien Ländern statt in Diktaturen. Die größten Bedrohungen für die Verbreitung der Demokratie in der Welt sind die iranische Achse im Nahen Osten (Iran, Syrien, Hisbollah, Hamas), die sozialistische Achse in Lateinamerika (Venezuela, Kuba, Bolivien, Nicaragua) und eine Reihe anderer Länder wie Nordkorea, Myanmar, Pakistan, Sudan oder Simbabwe. Um die Demokratie zu verbreiten, sollten wir nicht einfach wahllos Kriege gegen alle Diktaturen führen, sondern versuchen, die Vorteile unseres Lebensstils in der Welt zu demonstrieren.

Einen „Kampf der Kulturen“ gibt es nicht, nur ein Kampf zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Freiheit und Unterdrückung, zwischen Wissenschaft und Mystik. Demokratie und Kapitalismus sind kein Kulturkreis, sondern zivilisatorische Fortschritte. Die westliche Kultur besteht seit rund 1200 Jahren, aber erst in den 1970ern hat sich die Demokratie flächendeckend verbreitet. Sobald ein Land demokratisch wird, spielt der Kulturkreis keine Rolle. Der Westen ist mit Japan, Südkorea und Indien verbündet, die einem vollkommen anderen Kulturkreis angehören, ohne dass dies ein Problem darstellt. Demokratisierungen sind selbstverständlich auch in der muslimischen Welt möglich. Es könnte nur noch eine Weile dauern. Der einzige Nachteil: Dann werden noch mehr Menschen frei, aber unglücklich sein.

4 Antworten to “Kapitalismus, Demokratie, der Westen und seine „Kritiker“, Teil 2”

  1. Kritiker Says:

    Guter Artikel, 2 kleine Kritikpunkte:
    1. „Der amerikanische Kriminologe Dean Babst wies nach“
    Ich wusste nicht, dass Dean Babst Kriminologe war. Laut Wikipedia war er Soziologe. Kann das sein?
    2. „Das gilt übrigens auch für die, die mit Hilfe der Gentechnik den „perfekten Menschen“ züchten wollen, weil ihm der herkömmliche nicht gut genug ist.“

    Diesen Satz kann man durchaus so zustimmen.
    Man sollte dazu vielleicht erwähnen, dass die meisten Transhumanisten nicht so drauf sind und die westliche Werte durchaus bejahen. Ich denke, dass die Behandlung dieser Thematik weit komplexer ist und nicht ganz in diesen Rahmen fällt. Manche Transhumanisten argumentieren so damit, dass das menschliche Gehirn mit den komplexer werden mathematischen Problemen der Mathematik und anderer Wissenschaften wie Soziologie, VWL und Physik bald nicht mehr mithalten kann und daher zum Wohle aller eine Alternative gefunden werden muss.
    Das ist erstmal weder eine menschenverachtende (im landläufigen Sinne) noch eine antiwestliche Position, sondern berührt einen anderen Themenbereich.

    • arprin Says:

      Stimmt, ich hab mich mit Babst vertan. Er war tatsächlich ein Soziologe, ich werde es korrigieren.

      Zu 2.: Ich weiß natürlich und habe auch in dem Artikel geschrieben, dass die Gentechnik auch viel Gutes bewirken kann. Der Agrarawissenschaftler Norman Borlaug, der mit der Entwicklung neuer Weizensorten Millionen Menschen gerettet hat, hat sich auch für die Gentechnik ausgesprochen. Aber ich wollte auch klarstellen, das nicht jeder Fortschrittsgläubige gute Absichten hat. Ich habe einen Link aus der ZEIT gepostet, der die Vision eines gezüchteten Menschen ohne freien Willen beschreibt, den manche verrückte Genforscher leider haben.

  2. Essener Says:

    zur Ergänzung:

    http://www.bpb.de/publikationen/AELMZW,0,Der_arabische_Fr%FChling_und_das_Ende_der_Antithese_des_11_September_Essay.html

    http://www.bpb.de/publikationen/8CJGZ8,0,Der_11_September_als_globale_Z%E4sur_Wahrnehmungen_aus_Lateinamerika_Nahost_Russland_und_Indonesien.html

  3. Landschaft & Oekologie Says:

    Ökologismus und Blut-und-Boden-Ideologie…

    Während Konservative der Ökologiebewegung vorwerfen, links zu sein, sehen linke und liberale Kritiker oft eine Nähe des Denkens dieser Bewegung zur nationalsozialistischen Weltanschauung, und zwar wegen der Idee einer Einheit von Mensche…

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