Systemkritik und 9/11, Teil 1: „Terror comings home“

Osamas Erbe in New York

Als der Terror nach New York kam

„Keine Kultur kann von außen erobern werden, wenn sie nicht zuvor von innen zerfallen ist“. Dieses Zitat stammt von Will Durant, meinem Lieblingshistoriker. Die Terroranschläge von 9/11 bedeuteten zwar nicht die Eroberung des Westens durch eine andere Kultur. Aber sie haben dem Westen eine schmerzliche Niederlage zugefügt. Für Systemkritiker, die vom Zerfall der westlichen Kultur überzeugt sind, war dies ein willkommener Anlass, um mal richtig die Luft auszulassen. Durants Zitat wurde dabei gnadenlos missinterpretiert.

Die ständige Behauptung, dass 9/11 ein Wendepunkt der Geschichte gewesen sei, lässt sich so einfach nicht bestätigen. Das Attentat von Sarajevo, die Oktoberrevolution, die Machtergreifung der Nationalsozialisten oder der Mauerfall waren Wendepunkte, aber nach 9/11 hat sich die Welt nicht so stark verändert. Die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Veränderungen waren im Vergleich zu den anderen Ereignissen minimal. Die Anschläge bedeuteten nicht den Niedergang der westlichen Kultur, wie es manche gerne hätten.

Die Systemkritiker sahen es anders. Sie sahen die Anschläge vor allem als Widerstand gegen die weltweite Ungerechtigkeit, gegen Kapitalismus, Globalisierung und Imperialismus. Terroristen deklarierten sie zu armen, verzweifelten und unterdrücken Menschen, die, wie Eugen Drewermann es ausdrückte, in der „Ersatzsprache der Gewalt“ mit uns reden wollten, da wir ihre Hilfeschreie sonst nicht hören würden. Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antisemitismus vermischten sich endgültig zu einem Kulturrelativismus, der in den letzten 10 Jahren zum Mainstream geworden ist.

Wir sind schuld, wenn sie uns töten

Der Modemacher Wolfgang Joop sagte in einem Interview einen Monat nach 9/11.

„Ich bedaure nicht, dass das Symbol der Twin Towers nicht mehr steht, weil sie kapitalistische Arroganz symbolisierten… Amerika, das bedeutet neben Freiheit auch Selbstherrlichkeit und Arroganz.“ Die teilweise gewalttätigen Proteste gegen die Globalisierung seien daher „eigentlich Proteste gegen eine weltweite Amerikanisierung“. Über den Afghanistankrieg sagte er: „Ich könnte jeden Tag über dieses schöne, stolze Volk weinen, das jetzt Opfer eines solchen Genozids wird.“

Eine Kommentatorin des WDR kam schon am 14. September folgende Erkenntnis:

„Das World Trade Center und das Pentagon stehen nicht nur für Tausende von unschuldigen Opfern, sondern auch für Tausende von Tätern, die Kriege inszenieren, Waffen verkaufen und Hungersnöte in Kauf nehmen, wenn es den Börsenkursen dient“.

Hannes Stein schilderte zwei Jahre nach den Attentaten seine Erlebnisse an dem Tag:

„Während ich auf meine Suppe wartete, hörte ich, wie am Nebentisch ein Mann in sein Händie sprach, als sei es ein Megaphon: „Bush, der Verbrecher! Die Amis glauben jetzt, sie können sich alles erlauben! Dahinter stecken nur die Israelis! Scharon, dieser Faschist!“ Nun ja, ein Verrückter, dachte ich, und löffelte ungerührt meine Suppe. Dann begann irgendein Fußballspiel. Der nette Kneipenwirt ging nach nebenan und schaltete eine Großbildglotze an. Die Hälfte der Leute verzog sich ins Nebenzimmer. Und das übliche Fußballgegröle war lauter, ostentativer als sonst. Es hatte einen Unterton von: Fuck the US of A – oder bildete ich mir das nur ein? Jedenfalls schmeckte mir meine Suppe nicht mehr, ich zahlte und ging.

Erst dachte ich, mein kleines Erlebnis (wenn man es überhaupt so nennen will) sei nicht besonders wichtig, oder auf neudeutsch: nicht repräsentativ. Das war ein Irrtum. Die Stimme jenes Verrückten am Nebentisch, dessen erste Regung nach dem Massenmord in Manhattan war, Amerika und Israel zu verfluchen – sie wurde im Lauf der nächsten Wochen kein Dezibel schwächer. Sie wurde immer lauter.“

Clemens Heni sprach von einem „Offenbarungseid“ der Linken:

„Was sich an jenem Abend, vor allem aber in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten in der linken „Szene“ in „meiner“ Stadt (und nicht nur dort) abspielte, hat mich (und nicht nur mich) schließlich auf Distanz zu ihr gehen lassen. Abstruse Verschwörungstheorien, nach denen die Attacken des 11. September von den USA höchstselbst inszeniert worden seien (oder, na klar, vom Mossad), machten die Runde und gewannen rasant an Popularität; nicht wenige Linke, die mit Religion sonst nicht das Geringste am Hut hatten, begaben sich in die örtlichen Moscheen, „um den Islam kennen zu lernen“; viele trommelten gegen einen Krieg der USA in Afghanistan, der für sie „Terror mit höherem Budget“ war. Und dann immer wieder dieses eiskalte „Sowas kommt von sowas“, dieses schadenfreudige „Geschieht ihnen recht“, dieses unerträgliche „Selbst schuld“. Es war nicht weniger als ein Offenbarungseid… Ich erinnere mich auch noch an diese gut 1000 DemonstrantInnen in Bremen, die wenige Tage nach diesem Massenmord durch die Strassen dieser Hansestadt liefen und skandierten USA – Völkermordzentrale“.

Wall Street und Pentagon statt den Taliban

Im November 2001 sammelte Henryk M.Broder Stimmen, die man nach 9/11 aus der „us-kritischen“ Szene vernahm:

„Wenn es einen gerechten Krieg gäbe, dann müsste er so aussehen, dass die Wall Street und das Pentagon bombardiert werden.“

„Das Überschwemmen der ganzen Welt mit Cola-Dosen, das musste irgendwann auch zu Gegenreaktionen führen“, erklärte der Erzähler Thomas Hürliman.

Was in New York passiert sei, das hätten die Amerikaner nur in jenen Katastrophenfilmen „erlebt, die im Übermaß produziert worden sind“. Jetzt seien sie „erstaunt, dass ein Bruchteil der Generation, die mit diesen Bildern aufgewachsen ist, zu Terroristen wurde“. Ohne die Katastrophenfilme aus Hollywood wären die Flugzeugentführer sicher friedliche Segelflieger geworden.

Broder resümierte: „Was steckt hinter dieser Pose? Der gute alte Anti-Amerikanismus, wie er sich in den Kampfrufen gegen den Krieg in Vietnam artikulierte („USA-SA-SS“) und wie er heute auf den Plakaten der militanten deutschen Friedensfreunde wieder aufscheint („Terror is coming home“)?“

Zwei Jahre später hatte sich kaum etwas geändert. Broders Artikel „Your wonderful capacity to endlös conflicts“ zitierte u.a. folgende Aussagen:

„Es geht nur um Bodenschätze und das wohl der USA! Die größten Schweine sind nicht bereit was für die Umwelt zu tun. Der Irak wird angegriffen, weil er nukleare u. Biologische Waffen hat, was hat denn die USA??? Ich wäre froh, wenn Kolumbus damals an den Blödmännern vorbei gefahren wäre. Last sie machen was sie wollen, irgendwann sind sie mit sich selbst nicht mehr zufrieden dann haben sie ihre eigenen Probleme zu lösen, und der Rest der Welt hat seine ruhe vor diesem Land ohne jegliche Kultur. ENDLICH!!!!!!!!!“

„Dieser 11. September hat die Welt nicht verändert. Ähnliche und gar noch viel schlimmere Verbrechen gab es leider schon immer in der Menschheitsgeschichte. Jedoch hat noch nie ein Staatsgebilde so viel Kapital aus solch einem Vorfall geschlagen wie die USA.“

Kapitalismus führt zu Terrorismus!

Hier eine Reihe weiterer Stimmen:

Michael Moore:

„Was könnte dich dazu bringen, 3000 Menschen zu töten? …Richtig: Es muss etwas ganz Schreckliches gewesen sein, dass deinen Geist völlig verwirrt hat…Also wenn dir klar ist, wie ein Mensch zu einem Terroristen wird, und du erkennst, dass wir, du und ich, es sind, die ihn zum Terroristen werden lassen, wäre es dann nicht ein Beweis gesunden Menschenverstands, unser bisherigen Verhalten zu ändern?“

„Wie würden die Armen und Verzweifelten dieser Welt von uns denken, wenn wir als das Land bekannt werden würden, das seinen Reichtum mit anderen teilt?… Wer würde uns dann noch umbringen wollen?“

Jürgen Todenhöfer:

“Dem internationalen Terrorismus würde sofort der Boden entzogen, wenn der Westen aufhören würde, die muslimische Welt zu unterdrücken.“

Hagen Rether:

„Stellen Sie sich vor, hier würden dauernd asiatische Rentner nach Deutschland fliegen, um unsere Töchter zu f…, und die Söhne könnten auch nichts machen, denn die müssen Fußbälle nähen für die asiatische Champions League – da gibt’s doch denn einen oder anderen Vater hier im Saal, der sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen möchte.“

Peter Ustinov:

„Terror ist der Krieg der Armen und Krieg ist der Terror der Reichen.“

Gerard Dunkl:

„Wer einen Menschen tötet und behauptet, es im Interesse der Machtlosen getan zu haben, wird »Terrorist« genannt; wer aber im Interesse der Mächtigen Millionen tötet, wird »Held« genannt.“

„Je gewaltsamer jemand das Verbrechen und den Terror bekämpfen will, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er an den Ursachen von deren Entstehung beteiligt ist.“

Die Kirche und 9/11

Aber nicht nur aus dem linken Milieu gab es nach 9/11 vor allem Selbstkritik. Die Kirche sah in den Anschlägen wohl eine Strafe Gottes, auch wenn ihre Würdenträger es nie so offen aussprachen.

Die fortschrittliche Theologin Dorothee Sölle sah in der Zerstörung der Türme des WTC „eine Analogie zum Einsturz des Turms zu Babel“. Beide Bauwerke seien aus den gleichen Gründen zerstört worden: „Weil sich die Menschheit nicht mehr verstanden habe.“

Papst Benedikt XVI. zog vor fünf Jahren ähnliche Schlüsse. Wir -also der Westen natürlich- haben „eine Schwerhörigkeit für Gott“ entwickelt. Die Menschen in Afrika und Asien aber haben sich, trotz Aids, trotz Armut, trotz Diktatur, ihre Hellhörigkeit bewahrt. „Die westliche Kultur zeigt Zerfallserscheinungen. Sie verliert mit ihrer Religiosität die Achtung vor sich selbst. Der aktuelle Kampf der Kulturen hält dem Westen einen unangenehmen Spiegel vor. Denn er entlarvt seinen fehlenden Spiritualismus“, analysierte Benedikt fünf Jahre nach 9/11.

„Das Wiederaufblühen des Islam ist nicht nur durch den materiellen Reichtum islamischer Länder bedingt, seine Ausbreitung erklärt sich auch daher, dass er seinen Anhängern eine lebensnahe, spirituelle Basis bieten kann und genau diese scheint dem Alten Europa verloren gegangen zu sein. Deshalb wird Letzteres, trotz seines politischen und wirtschaftlichen Gewichts, als dem Niedergang geweiht angesehen“, fuhr er fort. „Auch die großen religiösen Traditionen Asiens, insbesondere deren mystische Komponente, die im Buddhismus zum Ausdruck kommt, erheben sich zur spirituellen Macht gegen ein Europa, das von seinen religiösen und moralischen Grundsätzen abfällt“.

Margot Käßmann hatte schon im November 2001 einen guten Vorschlag, wie man gegen Terroristen kämpfen muss: Mit Rasterfahndung (heute will sie ja mit den Taliban beten). Kardinal Meisner rechtfertigte dagegen die Tötung von Osama bin Laden. Immerhin.

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