Systemkritik und 9/11, Teil 2: „Terroristen töten Osama bin Laden“

Osamas Erbe in New York

Als der Terror nach New York kam

Wir schreiben den 2.Mai 2011. „Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt?“, fragt ein Kommentator in den ARD-„Tagesthemen“, und er beantwortet die Frage gleich selbst:

Die USA sind ein Land, das sich heute nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage anderer… Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie haben sich darauf verständigt, dass Verbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden. Es mag naiv klingen angesichts der Umstände, aber mein Verständnis von einem Rechtsstaat ist nicht, dass Mörder einfach abgeknallt werden. Bleibt die Frage: Wem nützt der Tod bin Ladens? Die Amerikaner haben einen neuen Märtyrer geschaffen; die Anhänger bin Ladens werden neue Rache suchen. Ist die Welt heute also sicherer geworden? Nein. Aber Obama steht im Wahlkampf; er hat sich als Law-and-Order-Politiker profiliert. Ist er seiner Wiederwahl heute näher gekommen? Ja. Ich fürchte, so einfach ist die Rechnung.“

Während Pseudo-Philosophen und Intellektuelle Verständnis dafür finden, wenn „arme, verzweifelte und unterdrückte“ Muslime sich aus vermeintlichem Protest gegen die weltweite Ungerechtigkeit selber in die Luft sprengen, zeigt man kein Verständnis, wenn ein Massenmörder unschädlich gemacht wird. Bricht eine Person, die Tausende unschuldige Menschen tötet, nicht etwa das Menschen- und Völkerrecht? Warum findet man, wie im ersten Teil demonstriert, soviel mehr Verständnis für Osama bin Ladens Morde als für Barack Obamas? War Osama bin Laden nicht auch ein Multimillionär(und damit gemäß sozialistischer Definition schuldig der unverzeihlichsten aller Verbrechen)?

Die Empörung über den Mord an Osama bin Laden überstieg teilweise die über 9/11. Als die türkische Armee dagegen im August dieses Jahres 100 kurdische Rebellen tötete, konnte man die Empörung der westlichen Intellektuellen nicht mal mit den allerbesten Seismographen messen. Die PKK hat eben keine so große Lobby wie die al-Qaida(oder die Hamas). Sie kämpfen zwar gegen die Unterdrückung und Bevormundung durch vier Staaten(Türkei, Irak, Syrien, Iran), aber diese sind eben keine westlichen Staaten. Ansonsten würde man den „Freiheitskampf“ der Kurden ein bisschen mehr Beachtung schenken- und für ihren Terror Verständnis zeigen, wenn nicht gar glorifizieren.

„Tod eines Familienvaters…“- Die Top 15 der Osama-Trauerredner

15. Es fängt erstmal sanft an:

Sicher, es gibt eine Menge strategische Gründe, die aus Sicht Barack Obamas gegen eine Gefangennahme bin Ladens gesprochen haben: Ein Prozess hätte den Präsidentschaftswahlkampf 2012 überlagert, allein der Ort des Verfahrens – Den Haag, Guantánamo, USA? – wäre zum Politikum geworden. Racheakte, Anschläge, Geiselnahmen, Befreiungsversuche, all das, was Deutschland in der RAF-Zeit erlebt hat, hätte Amerika bevorgestanden.
Man hätte es um des Rechtsstaates willen in Kauf nehmen müssen.
(Zeit)

14. Menschen- und Völkerrecht verbietet Osama-Mord:

Einer am Menschenrecht orientierten Politik würde es besser zu Gesicht stehen, auf der Einhaltung des Völkerrechtes zu bestehen, anstatt Beifall zu spenden, wenn Staaten in ihren Kampfformen völkerrechtswidrige Methoden verwenden, indem sie ohne Gerichtsprozess töten.
(Fischer-Lescano in der SZ)

13. Verletzung religiöser Gefühle:

ARD-Korrespondent Jörg Armbruster glaubt allerdings nicht, dass es den USA damit gelungen ist, eine Verletzung religiöser Gefühle zu verhindern. Denn eine Seebestattung sei nur bei Notfällen auf einem Schiff zulässig.
(Tagesschau)

12. Eine gute Frage:

Eine Seebestattung entspricht nicht den Gepflogenheiten und der Begräbniskultur des Islam. Kommt Osama bin Laden trotzdem ins Paradies, weil er als Märtyrer gestorben ist?
(SZ)

11. Obama ist wie Osama!

Gerade die sogenannten zivilisierten Industriestaaten müssten es doch eigentlich besser wissen. Ohne Anklage und Prozess kann doch nicht kurzerhand getötet werden. Damit stellt sich Obama direkt auf eine Stufe mit Osama – mit nur einem Buchstaben Unterschied.
(Alltagsirrin)

10. Obama ist Mittelalter!

Das sind Rachegedanken, die man nicht hegen sollte. Das ist Mittelalter.
Eine willkürliche Tötung ist nach dem internationalen Pakt über bürgerliche und politische Freiheiten nicht erlaubt. Es besteht eine außerordentlich schwierige rechtliche Gemengelage, die differenziert aufgearbeitet werden muss. Das Prinzip, der Zweck heiligt die Mittel, ist keine juristische Grundlage. Wir brauchen genaue rechtliche Regeln. Hier sind die Vereinten Nationen gefordert, endlich verbindliche Regeln zu schaffen. Es muss glasklar sein, was geht und was geht nicht.
(Siegfried Kauder in der Passauer Neuen Presse)

9. Godwins Gesetz:

Kurz vor der endgültigen Kapitulation Hitler-Deutschlands im Frühjahr 1945 hatte Winston Churchill über die Nazigrößen geäußert, ihm wäre es am liebsten, man würde „die Bastarde“ kurzerhand erschießen. Tatsächlich wollten die Alliierten aber nicht den leisteten Verdacht riskieren, mit ihrem Kriegsgegnern auf einer Stufe zu stehen. Erst nach dem Richterspruch des Nürnberger Tribunals sollten sie zu Kriegsverbrechern erklärt und bestraft werden. Das Recht triumphierte über dessen gewissenlose Missachtung, die Zivilisation über die Barbarei, die Gesittung über den Gesinnungstäter. Wer Obama den Tod Osamas verkünden sieht, der weiß, wie lange das her ist und wie unwiderruflich vorbei.
(Lutz Herden in Der Freitag)

8. Christen dürfen nicht den Tod eines Menschen feiern:

Als Christin kann ich nur sagen, dass es kein Grund zum Feiern ist, wenn jemand gezielt getötet wird.
(Katrin Göring-Eckardt in der BZ)

7. Was ist mit dem fünften Gebot?

Angela Merkel ist eine Pfarrerstochter und die Vorsitzende einer Partei, die sich christlich nennt. Man sollte also meinen, dass die zehn Gebote ihr als Richtschnur dienen. Zum Beispiel das fünfte: Du sollst nicht töten. Wie aber passt das zur Aussage der Kanzlerin: ‘Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.’? Sie freut sich über den gewaltsamen Tod eines Terroristen, aber immerhin doch auch eines Menschen. War sie gerade Kreide holen, als im Pfarrhaus das fünfte Gebot durchgenommen wurde?
(FR)

6. Aus Opfern wurden Täter:

Wenn die Tötung eines Menschen, wie groß auch seine Verbrechen sein mögen, von westlichen Politiker/innen mit “Erleichterung” aufgenommen und gefeiert wird, begeben sie sich auf das Niveau derjenigen Terroristen, denen ein Menschenleben nichts wert ist.
(Bundesausschusses Friedensratschlag)

5. Johan Galtung vs. Noam Chomsky!

Wenn er nun unbewaffnet im Schlafzimmer gewesen ist (wie es in der bisher letzten Version geheißen hat) und das Feuer nicht eröffnet hat, dann kommt seine Tötung einer außergerichtlichen Hinrichtung gleich. Diejenigen, die so etwas feiern, legitimieren eine Vorgangsweise, der sie selbst einmal zum Opfer fallen könnten.
Die Verurteilung der westlichen Reaktion als mittelalterlich tut eigentlich dem Mittelalter unrecht. Es ist nämlich die westliche Zivilisation, die im Untergang begriffen ist und nun ihre wichtigsten Errungenschaften ablegt – wie z. B. keine Bestrafung ohne Gerichtsverfahren – kein Verfahren ohne Gesetz und Anhörung der Beschuldigten.
Osamas Terrorismus ist selbstverständlich völlig unakzeptabel und verletzt auch die Lehren des Korans über Gerechtigkeit. Ihn aber zu töten, schafft seine Motive nicht aus der Welt. Im Gegenteil, auf dieser Weise wird nur noch mehr Terrorismus als Rache provoziert. Außerdem wird Obamas massive Verletzung von Pakistans Hoheitsgebiet nicht ohne Folgen bleiben.
(via Achse des Guten)

Es wird immer deutlicher, daß die Operation ein geplanter Mord war, der elementare Normen des internationalen Rechts vielfach verletzte. (…) In Gesellschaften, die sich zu einem gewissen Respekt gegenüber dem Gesetz bekennen, werden Verdächtige festgenommen und einem fairen Gerichtsverfahren unterworfen. Ich betone „Verdächtige“. (…) … Obama hat schlicht gelogen, als er in seiner Ansprache im Weißen Haus sagte, daß „wir bald erfuhren, daß die Anschläge von 9/11 von der Kaida verübt worden waren“.
Wir könnten uns fragen, wie wir reagieren würden, wenn irakische Kommandos in George W. Bushs Anwesen landen, ihn ermorden und seine Leiche in den Atlantik werfen würden. Es ist unstrittig, daß seine Verbrechen diejenigen Bin Ladens weit übertreffen; und er ist kein „Verdächtiger“, sondern unstrittig der „Entscheider“, der die Befehle gab, das „äußerste internationale Verbrechen“ zu begehen, das „sich von anderen Kriegsverbrechen nur darin unterscheidet, daß es das angesammelte Böse des Ganzen umfaßt“ (Zitat aus dem Nürnberger Prozeß), wofür Naziverbrecher gehängt wurden.
(via Zettels Raum)

4. Osama-Mord bedeutet Ende der Zivilisation (dann kann die Globale Erwärmung einpacken):

Ob sich Osama bin Laden wirklich gewaltsam einer beabsichtigten Festnahme widersetzte oder ob er nicht Opfer einer gezielten extralegalen Tötung wurde, bleibt zu klären. So oder so – die Neue Richtervereinigung verurteilt auf jeden Fall die beschämende, ausdrücklich und öffentlich ausgesprochene Freude über seinen gewaltsamen Tod seitens der Bundeskanzlerin, des Bundespräsidenten und des Bundesinnenministers.
Osama bin Laden war einer der gewalttätigsten Verbrecher nach den Weltkriegen. Die Erklärung eines schmutzigen Krieges durch Terrororganisationen vermag es aber nicht zu legitimieren, auf derselben Ebene zu agieren. Wie jeder Verbrecher hätte er vor Gericht gestellt werden müssen. Dies ist ein Eckstein der Zivilisation. Bin Laden in einem rechtsstaatlichen Verfahren zur Verantwortung für seine Taten zu ziehen, hätte daher eine große Stunde für die Rechtsstaatlichkeit werden können. Sollten die USA sich für den barbarischen Weg einer gezielten extralegalen Tötung entschieden haben, wäre dies eine große Niederlage für die Zivilisation.
Die international zu ächtende Todesstrafe hätte im Rahmen der Werteordnung des Grundgesetzes gegen ihn weder verhängt, noch vollstreckt werden dürfen.
(Neue Richtervereinigung)

3. Jubelnde Amerikaner wie terrorbejubelnde Palästinenser:

Für europäische Beobachter haben diese Kundgebungen in der Tat etwas Peinliches, denn sie zeigen eine Form unreflektierter Naivität, haben etwas Provokatives. Aber es waren nur wenige Amerikaner, die ihre seelischen Empfindungen so ungeniert demonstriert haben, genauso wie es 2001 nur wenige Muslime waren, die sich über die Tausenden Toten der Anschläge freuten.
(Herfried Münkler im Spiegel)

2. „Tod eines Familienvaters“:

Volksfeststimmung in Washington, jubelnde Menschen auf den Straßen, Euphorie in den Nachrichtenstudios: Nein, heute ist kein Heilmittel gegen AIDS gefunden worden, keines gegen Krebs und kein Rezept für den Weltfrieden. Die Euphorie galt dem Tod eines 54-jährigen Familienvaters.
(WDR)

1. Die Nummer 1 ist aber, wie könnte es anders sein, für die junge Welt reserviert:

Terroristen töten Osama bin Laden.
(junge Welt)

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