Systemkritik und 9/11, Teil 6: Amerikas „Überreaktion“

Osamas Erbe in New York

Als der Terror nach New York kam

Musste man wirklich so überreagieren? Ok, 3000 Tote sind schlimm, aber es sterben doch mehr Menschen an den Folgen von Autounfällen, Terroristen kann man besser mit Rasterfahndung bekämpfen und überhaupt: Wir waren doch selbst schuld daran mit unserem Verhalten, wie es die mutigen Wortführer Jürgen Todenhöfer, Hagen Rether und Volker Pispers immer wieder betonen.

Freiheiten wurden eingeschränkt, zwei Kriege geführt und Osama bin Laden getötet. Alles wegen 9/11. Ein Spiegel-Leser sagte dazu: „Dieser 11. September hat die Welt nicht verändert. Ähnliche und gar noch viel schlimmere Verbrechen gab es leider schon immer in der Menschheitsgeschichte. Jedoch hat noch nie ein Staatsgebilde so viel Kapital aus solch einem Vorfall geschlagen wie die USA.“ Hat er damit Recht?

Der Vergleich zu Breiviks Utoya-Massaker wird unter US-Kritikern immer beliebter. Die Norweger reagierten auf den Terror mit noch mehr Toleranz, noch mehr Respekt, noch mehr Weltoffenheit, noch mehr Liebe. Hätte Bush das nicht auch machen können? Nun, er hätte es natürlich. Die Flugzeugkontrollen hätten so bleiben können wie vor 9/11, für bin Laden hätte ein Haftbefehl bei Interpol ausgereicht und unsere beste Antiterrormaßnahme wäre, so beschreibt es William Blum, folgende gewesen: „Zuerst würde ich mich – öffentlich und sehr ernsthaft – bei all den Witwen und Waisen, bei den Verarmten und den Gefolterten und bei den vielen weiteren Millionen Opfern des amerikanischen Imperialismus entschuldigen. Anschließend würde ich in jedem Winkel der Welt verkünden, dass die Zeit der amerikanischen Militärinterventionen für immer beendet ist.“ (dafür bekam er in einer Videobotschaft Lob von bin Laden höchstpersönlich). Osama bin Laden als Chance, als Kulturkritik, als Ansporn, um uns zu ändern?

Dies wäre eine Alternative gewesen, sicherlich. Aber hätte es wirklich was gebracht?

Als erstes muss man natürlich festhalten, dass das Utoya-Massaker nicht mit 9/11 vergleichbar ist. Anders Breivik war im Gegensatz zur Atta-Clique kein Ausländer, deshalb fallen Maßnahmen im Ausland als Reaktion auf den Attentat schon mal aus dem Tisch. Die Amerikaner konnten die Täter nicht im eigenen Land stellen und zur Rechenschaft ziehen, wie z.B. sechs Jahre zuvor den Oklahoma-Bomber Timothy McVeighn. bin Laden befand sich im Ausland und es war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Taliban-Regierung ihn nicht preisgeben würde. Die al-Qaida konnte in Afghanistan schalten und walten, der Sturz der Taliban diente der Sicherheit der USA und der ganzen Welt. Der Irakkrieg ist nicht als Folge des 11.Septembers zu betrachten, es gab für ihn ganz andere Begründungen.

Während Breiviks Tat tatsächlich ein Einzelfall war- es kam in den letzten Jahren nicht so oft vor, dass ein Westeuropäer 77 Menschen abschlachtete- war der islamistische Terrorismus im Jahr 2001 und noch heute eine der größten Bedrohungen für die muslimischen und westlichen Gesellschaften. Der radikale Hass auf die USA, Israel und den ganzen Westen speiste sich nicht aus den Ungerechtigkeiten, die die Muslime durch den Westen zu erleiden hatten, sondern aus der täglichen Hetze in Medien, in den Schulen und in Moscheen. Die USA haben vor 9/11 nur einmal im Nahen Osten interveniert: Als Saddam Hussein den souveränen Kuwait annektierte. Die Massaker von Saddam, von Khomenei und die ganzen Bürgerkriege in Algerien, Libanon, Irak oder im Jemen wurden nicht von den USA ausgelöst. Die meisten Muslime, die unter gewalttätigen Einwirkungen zu Tode kamen, wurden von Muslimen getötet. Das gilt auch heute noch. Osama bin Laden und der al-Qaida waren die Armen und Unterdrückten der Welt egal. Es ging ihnen nur um ihre Ideologie.

Der „Krieg gegen den Terror“ wird oft mit Vergleichen wie die, dass mehr Menschen durch Autounfälle ums Leben kommen als durch Terrorismus, ins Lächerliche gezogen. Man stelle sich mal vor, jemand würde auf diese Weise den Kampf gegen den Rechtsextremismus kritisieren: „Es sterben mehr Ausländer durch Autounfälle als durch die NPD…“ Zu diesem Argument: Im Jahr 1970 starben 30.000 Deutsche durch Autounfälle, 40 Jahre später waren es 5.000. Hat die Regierung einen „Krieg gegen Autounfälle“ geführt? Nein, aber man hat alles unternommen, um den Bürgern die größtmögliche Sicherheit zu geben. Dasselbe versucht man mit Antiterrorgesetzen oder Aufklärungskampagnen gegen die NPD. Die Schreckensvision eines „Überwachungsstaats“ wird von vielen übertrieben, hätte man Flugzeugkontrollen genauso belassen wie vor 9/11, wäre dass doch eine Einladung für neue Anschläge gewesen. Es kann durchaus sein, das einige Maßnahmen übertrieben waren, aber die Schäden waren dadurch viel niedriger als der Nutzen.

Nach den Anschlägen von Utoya waren die Reaktionen wesentlich irrationaler als die nach 9/11. Zwar hat der norwegische Ministerpräsident noch mehr Toleranz und Liebe versprochen, aber hier in Deutschland begann eine Hexenjagd gegen Islamkritiker, die man als Breiviks „geistige Mittäter“ bezeichnete. Das wäre in etwa so, als würde man William Blum oder Noam Chomsky als geistige Mittäter von bin Laden bezeichnen, da sie von ihm höchstpersönlich gelobt wurden. Kein Islamkritiker hat Verständnis für die Tat gezeigt und keiner hat die Ursachen für die Tat bei den Muslimen gesucht, wie Blum oder Chomsky nach 9/11.

Die „Überreaktion“ hat zur Folge gehabt, dass al-Qaida praktisch besiegt wurde und es keinen zweiten Anschlag wie 9/11 in den USA mehr gab, obwohl es oft versucht wurde. Ist das kein Lob wert?

4 Antworten to “Systemkritik und 9/11, Teil 6: Amerikas „Überreaktion“”

  1. American Viewer Says:

    Der „Krieg gegen den Terror“ wird oft mit Vergleichen wie die, dass mehr Menschen durch Autounfälle ums Leben kommen als durch Terrorismus, ins Lächerliche gezogen.

    Das ist lustig, dass dir das auch aufgefallen ist. Das geht bei mir gerade im Bekanntenkreis herum.

    Nach meinem Recherchenstand haben ähnlich absurde Vergleiche bisher die Herren Pispers, Schramm und Rether angestellt. Außerdem Bill Maher.

    Natürlich immer ein bisschen anders: Einer nimmt Verkehrstote, der ander Alkoholtote, der andere Raucher usw.

    Gerade versuche ich nachzuvollziehen, wer genau was gesagt hat.

    Das „intellektuelle“ Publikum ist jedenfalls immer begeistert. Der Rest des Volkes guckt ja die „dummen“ Sendungen, die wahre Intelligenz guckt in Deutschland „Kabarett“ auf 3sat oder bei uns Bill Maher auf HBO. Wobei Maher nicht ganz so peinlich ist wie die Deutschen. Jedenfalls nicht immer.

  2. American Viewer Says:

    Wobei der Vergleich in meinen Beispiel nicht der War on Terror ist, sondern 9-11 selber.

    Die sagen das wirklich so: Was sind schon 3000 Tote, in Deutschland sterben jedes Jahr XY Menschen an einem Herzinfarkt.

    Die Meister der DIfferenzierung kennen plötzlich den Unterschied zwischen Mord, Unfall und Krankheit nicht mehr.

    Jetzt verstehe ich auch besser, warum Mörder und Sexualstraftäter bei euch immer so lächerlich kurz weggesperrt werden. Die erfolgreiche Verteidigungrede geht ungefähr so:

    „Ja gut Herr Richter, natürlich habe ich XY vergewaltigt und umgebracht, aber denken sie mal lieber an die ganzen Verkehrsunfälle! Was ist da schon mein Mord???“

    Und der Richter sagt: „Recht haben Sie, ist ja nicht meine Tocher, die da zerstückelt wurde. Die Chance, dass das überhaupt jemanden passiert, ist extrem klein, das fällt gar nicht weiter auf. Außerdem lebe ich im sicheren Villenviertel und meine (nicht vorhandene) Tochter wird überall hingefahren! Deren Risiko ist also noch einmal um ein Vielfaches kleiner. Die Herzinfarkte sind in der Tat das Problem. Wie wär’s mit 10 Jahren und in 5 wieder raus?“

    So funktioniert das System Deutschland.

    • arprin Says:

      Diese Vergleiche sind politisch motiviert. Keiner verharmlost die Gefahr durch Rechtsextreme oder der Atomkraft auf diese Weise. Wenn es um Straftäter geht, sind die meisten Deutschen ja für höhere Strafen. Von daher: Das System Deutschland repräsentiert nicht die Vorstellungen aller Deutschen. Die meisten kennen tatsächlich den Unterschied zwischen Mord, Unfall und Krankheit.

  3. aron2201sperber Says:

    diejenigen, die solche Vergleiche anstellen, muessten dann eigentlich auch fuer eine gesetzliche Gleichstellung von Mord und fahrlaessiger Toetung eintreten.

    aber konsequentes Denken einzufordern, ist bei jenen Menschen sicher zu viel verlangt.

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