Überflussgesellschaften

Mehr als die Hälfte des Essens, das bei uns produziert wird, landet im Müll, während 1 Milliarde Menschen auf der Welt hungern. Wir sind eine Konsum-, Überfluss- und Wegwerfgesellschaft und alle ein Stück mitschuldig, wenn ein Kind in Somalia verhungert. Diese Botschaft vermitteln globalisierungskritische Filme wie “We Feed The World”, “Let’s Make Money” und jetzt “Taste The Waste”:

Die Dependenztheorie besagt, dass unser Wohlstand nur auf der Ausbeutung der Ärmeren basiert. Wir leben auf den Kosten der Armen. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler drückt es so aus:

Infolge der globalisierten, wild wütenden Kapitalmärkte ist eine Weltordnung entstanden, die den Lebensinteressen der großen Mehrheit zuwiderläuft. Von 6,2 Milliarden Menschen leben 4,8 in einem der 122 so genannten Entwicklungsländer, meist unter unwürdigen Bedingungen. 100 000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Dieser tägliche, stille Völkermord geschieht auf einem, Planeten, der von Reichtum überquillt. Dabei könnte die Erde problemlos 12 Milliarden Menschen hinreichend ernähren. Hunger ist kein Schicksal. Hinter jedem Opfer steht ein Mörder. Wer Geld hat, isst und lebt; wer keines hat, hungert, wird invalid oder stirbt.

Ziegler bezeichnet sich selbst als Kommunist im Sinne der Redewendung von Karl Marx Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, zeigt sich solidarisch mit der Castro-Diktatur in Kuba, gilt als Mitbegründer des Gaddafi-Menschenrechtspreises und ist, wie es der Textauszug schon deutlich macht, ein erbarmungsloser Gegner der Globalisierung. Hat er mit seinen Ausführungen Recht? Wird wirklich jedes Kind, das an Hunger stirbt, von westlichen Kapitalmächten umgebracht? Ist die Globalisierung Schuld am Welthunger? Nein, natürlich nicht.

Der Mythos von unserer Schuld am Hunger in Afrika

Manche Menschen scheinen zu glauben, dass das Wegwerfen unseres Essens Kinder in Afrika tötet. Das ist falsch. Man sollte sich mal die Frage stellen, wer trotz weniger Bevölkerung mehr Essen produziert. Die Menschheit könnte 12 Milliarden ernähren, aber die Afrikaner können sich nicht selbst ernähren, während die Europäer gegen Übergewicht kämpfen müssen. Wir produzieren also viel mehr, das ist das Problem. Anstatt unseren Überschuss den Afrikanern zu geben, sollten wir ihnen helfen, ihre eigene Produktion zu erhöhen.

Wenn wir stattdessen den ganzen Überschuss nach Afrika auslagern würden, würden wir die Lage in Afrika drastisch verschlimmern. Das sieht man schon heute: Europäer verkaufen ihren Überschuss zu Dumpingpreisen in Afrika und vernichten damit die Existenzgrundlage von einheimischen Händlern. Gleichzeitig müssen afrikanische Händler hohe Zölle bezahlen, um ihre Waren in Europa zu verkaufen. Die naive Vorstellung, wir könnten mit unserem Überschuss den Hunger in Afrika besiegen, ist nicht nur vollkommen falsch, sondern auch gefährlich- für Afrika. Afrika muss sich in erster Linie selbst helfen. Was wir tun können ist, unseren Markt für ihre Waren zu öffnen, also mehr Freihandel zu ermöglichen. Wenn wir Essen wegwerfen, hat das keine Folgen für den Hungertod eines Afrikaners, weil dieses Essen mit 99%iger Wahrscheinlichkeit nicht in Afrika gelandet wäre- und wenn doch, dann hätten einheimische Händler darunter gelitten.

Ziegler und die Globalisierung

Erinnern wir uns noch mal, Ziegler sagte: “Infolge der globalisierten, wild wütenden Kapitalmärkte ist eine Weltordnung entstanden, die den Lebensinteressen der großen Mehrheit zuwiderläuft.” Was die Globalisierung wirklich anrichtet, zeigt die aktuelle Entwicklung in der Dritten Welt: Obwohl Afrika immer noch der mit Abstand ärmste Kontinent der Welt ist, geht es seit Mitte der 1990er Jahre bergauf. Die Wirtschaft Schwarzafrikas wuchs  im Jahr 2003 um 3,7% im Vergleich zu 2,9% Jahr 2002, und dieser Trend der wirtschaftlichen Entwicklung wurde 2004 auf 4,5% fortgesetzt. Ab dem Jahr 2005 lag das Wirtschaftswachstum bei 6% jährlich, auf demselben Niveau wie Lateinamerika. Durch die Finanzkrise ging das Wachstum auf 1,5% zurück, doch für das Jahr 2010 wurde wieder ein Wachstum von 4% prognostiziert- erstaunlich, wenn man bedenkt, dass westliche Länder Rezessionen erlebt haben.

Der internationale Handel macht jetzt 60 Prozent des afrikanischen Bruttosozialprodukts aus (weit über dem Niveau von Lateinamerika), ausländische Direktinvestitionen haben sich seit dem Jahr 1998 auf einen Wert von 15 Milliarden Dollar jährlich mehr als verdoppelt und machen nun 5% des BIP’s aus. Seit dem Jahr 1990 hat sich die Anzahl der Börsen in Afrika verdreifacht und der Umsatz ist von praktisch 0 auf 245 Milliarden Dollar gestiegen. Dieses Wachstum hat auch die soziale Situation verbessert: Die Mittelklasse ist gewachsen, der Bildungsgrad ist enorm gestiegen, die HIV-Neuinfektionsrate ist zurückgegangen. Das sind die nüchternen Fakten. Wie haben die das nur hingekriegt, Herr Ziegler? Könnte es nicht sein, dass die Globalisierung, die sie so gnadenlos bekämpfen, dieses Wunder vollbracht hat?

Hier sind weitere Fakten, die Herr Ziegler verschweigt: Im Jahre 1991 lebten noch 22,2% aller Chinesen in „extremer Armut“, zehn Jahre später waren es nur noch 8,0%, im Jahre 1990 waren noch 15,9% der über 15-jährigen Analphabeten, 2000 waren es nur noch 6,7%, auch die Zahl der Hungernden nahm rapide ab. Nach Angaben der Weltbank hatten im Jahr 2001 weltweit ca. 1,1 Mrd. Menschen (entspricht 21 % der Weltbevölkerung) weniger als 1 US-Dollar in lokaler Kaufkraft pro Tag zur Verfügung und galten damit als extrem arm. Zum Vergleich: 1981 waren es noch 1,5 Mrd. Menschen, damals 40 % der Weltbevölkerung; 1987 1,227 Mrd. Menschen, entsprechend 30 %; 1993 1,314 Mrd. Menschen, entsprechend 29 %. Die Anzahl der Menschen, die unterernährt sind, ist zwar gestiegen und liegt bei 1 Milliarde, doch der prozentuelle Anteil an der Weltbevölkerung ist um fast ein Viertel von 19,8% auf 15,1% gesunken.

Zieglers Behauptung, dass ein Kind, das durch die Folgen von Mangelernährung stirbt, ermordet wird, ist dennoch richtig. Schauen wir uns das Beispiel Somalia an. Die Globalisierung ist dort weit weg, dafür treiben islamistische Milizen ihr Unwesen. Als die Hungersnot ausbrach, der nach Schätzungen der UNO in den nächsten Monaten 750.000 Menschen zum Opfer fallen könnten, behaupteten die Milizen, dass es keine Hungersnot gäbe und verhinderten Hilfslieferungen an die Bevölkerung. Das sind die wahren stillen Mörder, von denen Ziegler spricht.

Jäger und Sammler als die ersten Überflussgesellschaften

Der Vorwurf der „Überflussgesellschaft“ begrenzt sich auf die westlichen Industrieländer. Bemerkenswert ist, dass in unserer modernen Gesellschaft die Menschen weniger Freizeit haben als in den primitiven Jäger- und Sammlergesellschaften. Untersuchungen haben in den 1960ern und 1970ern erstaunliches zu Tage gebracht: Die Buschmänner der Kalaharisteppe brauchten nur 12 bis 19 Stunden pro Woche, um sich alles Lebensnotwendige zu besorgen. Die Angehörige des Hadzapi-Stammes verwendeten in den 1970ern nur 2 Stunden pro Tag, um auf Nahrungssuche zu gehen. Den Rest ihrer Zeit verbrachten sie mit rituellen und zeremoniellen Aktivitäten. Und nicht nur das: Diese Gesellschaften waren auch recht gut auf schlechte Zeiten vorbereitet. Als in Botswana im Jahr 1966 aufgrund einer Dürreperiode eine Viertelmillion Rinder starben, wurden abgelegene Stämme, die von der Landwirtschaft lebten, von den Buschmännern gerettet, die ihnen den zeigten, wo man Nüsse und wilde Pflanzen finden konnte. Eine Mongono-Nuss enthält dieselbe Proteinmenge von einem 400-Gramm-Fleischstück.

Wenn man Reichtum an der Zeit messen würde, die man für private Aktivitäten übrig hat, dann wären die primitiven Gesellschaften die reichsten der Welt. Allerdings sind die meisten Jäger- und Sammlergesellschaften, die heute noch existieren, aus ihren fruchtbaren Gebieten vertrieben worden und leben nun in unwirtlichen, kargen Gebieten, oft an der Grenze zum Verhungern. Von ihrer gewalttätigen Kultur ganz zu schweigen. Da ist Freizeit vielleicht nicht immer wünschenswert.

Wir leben heute im Überfluss, aber wir arbeiten auch mehr. Ist unsere Überflussgesellschaft also wirklich so schlimm? Viele Philosophen und Intellektuellen befürworten ja eine “Kultur des Weniger”. Das würde Jean Ziegler sicher auch begrüßen. Prokonsumistische Stimmen entgegnen, dass der Konsum uns lehrt, die Welt zu lieben. Man kann auf jeden Fall sagen: Unser Überfluss ist definitiv nicht Schuld am Mangel der Ärmeren, und jeder sollte selbst entscheiden, wie er sein Leben lebt. Mit Konsum oder ohne.

2 Antworten to “Überflussgesellschaften”

  1. American Viewer Says:

    Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

    Marxisten scheinen Oxymora zu lieben.

    Ich hab mal in We Feed the World reingezappt. Ein Interview mit dem Nestle-Chef, ein Interview mit Ziegler hinterher. Das Interview mit dem Nestle-Chef wurde regelrecht zerhackstückt, alle paar Sekunden ein Schnitt. Der Ziegler-Gaddafi durfte dagegen ungeschnitten reden.

    Vor Monaten eine ähnliche Szene auf 3sat: CDU-Pharmalobbyistin in einer Art Dunkelkammer wie im Polizeiverhör. Die Fragen hat sie alle gekonnt gemeistert. Das Gespräch war zu Ende, die Kamera lief aber noch ewig weiter. Die Frau wurde natürlich unruhig auf ihrem Stühlchen und blickte fragend in die Kamera: „Kommt noch was?“ Ja es kam noch was: Eine Off-Stimme, die später eingefügt wurde. Dann Schnitt zu einem SPD-MdB in einem strahlend weißen, lichtdurchflutenden Klassenzimmer. Nette Fragen, keine Schnitt, sofortiger Cut nach freundlicher Verabschiedung.

    Diese primitivste Art von „Journalismus“ breitet sich immer mehr aus. Das Faszinierende ist: Die Leute merken es nicht einmal.
    Das zeigt zum Beispiel der Erfolg der Moore-Filme, die meines Wissens gerade auch in Deutschland ein Renner sind.

    • arprin Says:

      Den Einfluss von solchen Filmen sollte man nicht unterschätzen. Ich musste mir in der Schule auch We Feed The World anschauen. „Erzieherisch wertvoll“. Jetzt zeigen die bestimmt Eine unbequeme Wahrheit oder Kapitalismus- Eine Liebesgeschichte.
      Mich würde mal interessieren, was die konservative Variante des 400 Pfund schweren Konsumkritikers so alles zu sagen hat. Sein Name ist James O’Keefe, soweit ich mich erinnere. In den deutschen MSM habe ich nur diesen Artikel über ihn gefunden. Typisch für den heutigen Journalismus. Vielleicht weißt du ja mehr über ihn.

      Jean Zieglers Freundschaft zu Gaddafi soll übrigens nach bestimmten Vorfällen in diesem Jahr nachgelassen haben…

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