Die Migrantenfrage

Multikulti in New York: Little Itlay um 1900

Multikulti in New York: Little Italy um 1900

In der deutschen Geschichte wurden schon oft Fragen gestellt und leidenschaftlich diskutiert. Marx stellte die Arbeiterfrage, bei Heydrich gab es die Judenfrage, die wir bekanntlich zu Ende gelöst haben und zuletzt hatten wir unter Klinsmann die Torwartfrage. Jetzt kommt eine weitere Frage dazu: Die Migrantenfrage.

Wenn wir uns mal ansehen, worum es bei diesen Fragen ging und wie sie zustande gekommen sind, fallen zwei Dinge auf: Erstens ging es immer um die zukünftige gesellschaftliche Rolle der betroffenen Gruppen, ob nun die Arbeiter, die Juden oder Oliver Kahn. So nun auch bei den Migranten. Zweitens wurden diese Fragen immer von den Fragestellern instrumentalisiert, wie z.B. die Arbeiterfrage von den marxistischen Revolutionären. Wer aber hat eigentlich die Migrantenfrage gestellt? War es Sarrazin oder waren es die Migranten selber?

Ich bin selbst ein Migrant und beobachte die Integrationsdebatte seit Jahren. Irgendwie fühle ich mich aber nicht angesprochen. Dies liegt wohl daran, dass ich mich einerseits assimiliert fühle und andererseits die Integrationsdebatte in Wirklichkeit ein Bestandteil der Islamdebatte ist. Wenn wir von mangelnder Integration reden, meinen wir damit in 90% der Fällen muslimische Einwanderer. Es gibt also keine wirkliche Migrantenfrage, sie ist nur ein Anhänger der Islamdebatte.

Migranten und Muslime

Warum reden wir aber so oft nur von Muslimen? Wenn wir von Migranten reden, könnten wir uns doch auch mit den Polen, Italienern, Griechen oder den Spätaussiedelern beschäftigen anstatt immer nur mit den Muslimen. Immerhin machen Muslime nur 20% der Migranten aus und die Probleme, die sie verursachen, kann man auch ganz normal kritisieren ohne ständige Talkshows und heuchlerische Debatten, die am Ende nichts mehr verursachen als mehr Frust und Misstrauen bei denen, die sich daran beteiligen.

Der Grund ist, dass schlechte Nachrichten stärker beachtet werden als gute. Integrierte Migranten sind eine Selbstverständlichkeit, deswegen nehmen wir sie in der Öffentlichkeit kaum wahr. Muslime ragen hervor, weil sie größere Probleme bei der Integration haben und sich so oft über Islamophobie beklagen. Dabei sind es ja nicht mal alle Muslime: Iraner, Iraker, Afghanen und Aleviten haben kaum Probleme in der Schule, während die Italiener schlechter abschneiden als die Türken. Und Parallelgesellschaften gibt es auch z.B. bei Japanern oder Vietnamesen. Nur leben sie meistens nicht von Sozialhilfe, dominieren nicht die Kriminalstatistiken und fordern keine „schariabefreite Zonen„.

Die Probleme, die wir den Migranten zuschreiben, sind meistens die Probleme von türkischen oder arabischen Einwanderern. Egal ob nun hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität, mangelnde Deutschkenntnisse oder eine regelrecht rassistische Einstellung gegenüber der deutschen Urbevölkerung. Als Grund für diese Probleme werden oft die Diskriminierung der Türken und Araber genannt. Man würde ihre Kultur nicht akzeptieren, was bei ihnen zu einer Identitätskrise führt und am Ende zu den genannten Problemen. Aber: Sind die Deutschen wirklich schuld an dieser Identitätskrise?

Eine künstliche Identitätskrise

Wenn ich mich mit meinem Namen vorstelle, werde ich immer, wirklich immer gefragt, aus welchem Land ich komme. Mein ausländischer Name reicht aus, um mich für den Rest meines Lebens als Migranten zu identifizieren. Habe ich deshalb eine Identitätskrise? Nein, denn ich weiß, dass ein 100%iger biologischer Deutscher nicht wissen kann, ob ich mich als Deutscher fühle oder Assimilation als ein Verrat gegen mein Geburtsland betrachte. Wenn mich jemand Migrant nennt, heißt das nicht, dass er mich nicht als Deutschen akzeptiert, sondern nur, dass er meine ausländischen Wurzeln erkennt. Es sind übrigens nicht nur die Bio-Deutschen, die mich als Migrant oder Ausländer bezeichnen, sondern auch die Migranten und Ausländer selbst.

Und selbst wenn ich den Leuten sage, dass ich einen deutschen Pass habe und mich als Deutscher fühle, bleibe ich für die meisten ein „Deutscher mit Migrationshintergrund“ oder gar ein Ausländer. Einfach nur „Deutscher“ werde ich nie genannt. Aber auch das ist kein Problem für mich. Warum? Das Wort „Migrationshintergrund“ ist keine Beleidigung. Es heißt nicht, dass ich weniger deutsch bin als einer mit einem rein deutschen Stammbaum. Es weist nur darauf hin, dass ich wie ein Ausländer aussehe, einen ausländischen Namen habe und neben Deutsch noch eine andere Sprache beherrsche. Das ist ein Unterschied gegenüber den anderen Deutschen. Es ist auch nichts Schlechtes, im Gegenteil, eine Zweitnation zu haben ist doch ein Gewinn.

Viele muslimische Einwanderer beschweren sich, dass das Wort „Migrationshintergrund“ die Migranten von den anderen Deutschen ausschließt und dass man sie nicht als Deutsche akzeptieren würde. Da stellt sich für mich die Frage: Worüber jammern die Deutschlandkritiker eigentlich wirklich? Dass man sie zwangsassimilieren will oder dass man sie nicht als Deutsche akzeptiert?

In einem Interview mit Alan Posener fragt Cengiz Dursun:

Und der Begriff “Migrationshintergrund”? Erinnert er die hier lebenden “Migranten”, die ja eigentlich gar keine sind, da vor allem die 3. Generation hier geboren und aufgewachsen ist, nicht immer wieder daran, dass sie eigentlich gar nicht deutsch sind?

Mehmet Daimagüler meint in der WELT:

Dass heute viele über Muslime sprechen und urteilen wie vor kurzer Zeit noch über Juden, spricht nicht gerade für eure Lernfähigkeit aus der Geschichte. Nach 60 Jahren Sendepause kategorisiert ihr ganz ungeniert nach „Deutschen“ und „Deutschen mit Migrationshintergrund“ – oder aber ihr nennt uns gleich Papierdeutsche. Nürnberg lässt grüßen.

Nach mehreren Jahren Islamdebatte habe ich eines kapiert: Muslime wollen in ihrer eigenen Kultur weiterleben. Sie wollen weiter türkische Namen haben, Türkisch sprechen und ihre Religion beibehalten. Das ist ja auch in Ordnung. Dann müssen sie aber auch akzeptieren, dass man ihnen das Wort „Migrationshintergrund“ anheftet. Ist das wirklich so schlimm? Solange Türkisch nicht die Amtssprache ist, ist es eben nicht normal, dass man zuhause Türkisch und nicht Deutsch spricht.

Wenn jemand die Aussagen oder Handlungen anderer als Begründung dafür nimmt, dass er sich nicht mehr als Deutscher fühlen will, dann will er in Wirklichkeit selbst nicht als Deutscher wahrgenommen werden. Eine Identitätskrise kann man nur dann haben, wenn man selbst nicht weiß, wem man sich zugehörig fühlt. Kein anderer kann sie erzeugen, nur man selbst.

Selbstpauschalisierung als Methode

Eine weitere Aussage vom Herrn Daimagüler lautet:

Richte nie über einen Menschen, so lange du nicht zwei Monde lang in seinen Schuhen gelaufen bist, heißt es in einem indianischen Sprichwort. Dieser Satz kommt mir immer in den Sinn, wenn ich den „Integrationsdebatte“ genannten täglichen Wahnsinn verfolge. Es fängt schon damit an, mit welcher Selbstverständlichkeit noch von „wir“ und „ihr“ gesprochen wird.

Als erstes frage ich mich, warum Herr Daimagüler sich überhaupt von der Integrationsdebatte angesprochen fühlt. Fühlt er sich nicht integriert? Es gibt sehr viele integrierte Türken und Araber, ich rechne ihn mal einfach dazu. Diese müssten sich eigentlich nicht von der Integrationsdebatte angesprochen fühlen. Er fühlt sich ja auch bestimmt nicht angesprochen, wenn man über die Gewalt von islamischen Fundamentalisten spricht.

Es ist doch immer wieder dasselbe: Man zeigt einen integrierten Türken oder Araber und schon sollen alle vermeintlichen Vorurteile widerlegt werden. Aber so einfach ist es nicht. Viele Türken beklagen die Pauschalisierung, aber sie sind es, die pauschalisieren, wenn sie jede Kritik an einzelne Angehörige ihres Landes als Kritik an die gesamte türkische Gemeinschaft verstehen. Warum kann ein integrierter Migrant nicht einfach die Klappe halten, wenn man die nicht-integrierten kritisiert?

Herr Daimagüler sagt weiter:

Ich kann euer Integrationsgequatsche nicht mehr ertragen. Ihr wisst ja noch nicht einmal, was ihr damit meint. Wenn mit Integration gemeint wäre, Deutsch lernen zu müssen und die Werteordnung des Grundgesetzes halbwegs verinnerlicht zu haben, dann wäre es ja akzeptabel. Aber das reicht vielen von euch nicht.

Wir sollen uns auch eurer Leitkultur anpassen. Was ist das denn überhaupt? Wie sieht die aus? Ich lehne es ja nicht grundsätzlich ab, am deutschen Wesen zu genesen. Kommt mir jetzt aber nicht mit dem christlich-jüdischen Erbe des Landes. Das wäre einfach nur schäbig! Erst Millionen Juden in die Gaskammern zu treiben und nur ein paar Jahrzehnte später die Überlebenden zu missbrauchen, um sich gegenüber einer anderen Minderheit abzugrenzen und sich selbst als gut zu definieren.

Jetzt pauschalisiert er nicht nur die Türken, sondern auch die Deutschen. Denn den meisten Deutschen reicht es aus, wenn man Deutsch lernt, das Grundgesetz achtet und sich als Deutscher fühlt. Herr Daimagüler kann Deutsch, achtet das Grundgesetz und nennt sich selbst einen „deutschen Patrioten“, von daher ist er integriert. Deswegen muss er sich auch nicht als jemanden darstellen, dem man mangelnde Integration vorwirft. Es werden ja eben nicht solche Leute kritisiert, sondern die, die jubeln, wenn Deutschland beim Fußball verliert, deutsche Schüler rassistisch beschimpfen oder die ihr eigenes Rechtssystem- abseits des Grundgesetzes- haben wollen. Dass Kritik an solchen Zuständen kein Aufruf zur Abschiebung aller Türken ist, sollte Herrn Daimagüler eigentlich klar sein.

Integration und Özil

Zum Abschluss noch ein nettes und beispielhaftes Zitat eines türkischen Transfermarkt.de-Users namens Ataraxie zur Frage, ob Mesut Özil nun ein Deutscher ist oder nicht. Es zeigt, dass es nicht unbedingt die Deutschen sind, die Özil nicht als Deutschen akzeptieren wollen.

„Özil ist Sohn zweier türkischer Menschen, mit 2 türkischen Genitalorganen die durch Reibung aneinander zur Ejakulation des Mannes führen. Die türkischen Samen dringen nun sehr weit in die türkische Gebärmutter ein, wo sie dann auf Eizellen treffen, verschmelzen und von Zysten im Muttermund zur Entwicklung des Embryos aufgenommen werden.

Nach 9 Monaten in türkischem Haushalt, mit türkischen Altmodischen Gardinen an den Fenstern und Atv Dauerbetrieb kommt es zur Geburt, in einem deutschen Krankenhaus. Die Verständigung fällt schwer, da die Ärzte nur deutsch sprechen. Aber am Ende ist es geschafft, die stolzen türkischen Eltern schauen den wirklich riesigen Augen des Özils entgegen.

Özil der stets türkisches Essen isst, wächst und wächst und spricht im Kindergarten immer mit den türkischen Kindern, da er der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Er meidet das Essen dort, weil es stets Fertiggerichte sind, und das Hackfleisch welches als Rind verkauft wird, meistens gemischt ist. Özil ist ein kleiner, glubschäugiger Türke, durch und durch.

In der Grundschule schwänzt er stets den Deutschunterricht und geht stattdessen kicken aufm Bolzplatz, hin und wieder fällt er hin und es blutet knallrot aus seiner Schürfwunde am Knie, türkisches Blut!

Das deutsch sprechen fällt ihm noch immer schwer, aber weil die Mutter ihm immer wieder sagt “Türklerden gezme oglum, hepsi pislik“ – „Häng nicht immer mit Türken ab, die sind alle böse“ sucht sich Özil deutsche Freunde, spielt in einem deutschem Team Fußball und wird dann zum Deutschen war ja klar …

“Ich habe mich für den DFB entschieden weil ich hier mehr Freunde habe“ – Okay Özil, wir sind hier nicht bei Strassenmannschaften wo du dich wegen Freunden für Team A entscheidest statt für B, sondern bei Nationalmanschaften wo man eigentlich da spielt, wo man ursprünglich herkommt.

Denk an die Samen deines Dads Özil!“

2 Antworten to “Die Migrantenfrage”

  1. uwe Says:

    Auch Abraham hatte ganz deutlich einen „Migrationshintergrund“. Er stammte aus Ur und war in Kanaan eingewandert. Offenbar kuemmerte sich niemand um seine „Integration“.

  2. Mehmet Levent Says:

    Der Beitrag stammt von mir, und ich bedanke mich für das Zitat 🙂

    Ataraxie, –

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