Ehrenmord/Familiendrama: Wirklich dasselbe?

Hat der Islam nichts mit Ehrenmorden zu tun?

Hat der Islam nichts mit Ehrenmorden zu tun?

Einer der gängigsten Methoden, mit denen mittelalterliche Familienriten bei Teilen von muslimischen Migranten verharmlost werden, ist der Vergleich von einem Ehrenmord mit einem Familiendrama. Wenn ein Deutscher seine Familie abschlachtet, dann nennen wir es „Familiendrama“, wenn ein Türke seine Schwester tötet, dann nennen wir es „Ehrenmord“, heißt es.

In einem Gastbeitrag in der WELT sagte Mehmet Daimagüler:

Ihr zeigt euch ganz besorgt über „Ehrenmorde“, aber ihr schweigt schamlos über eure eigenen Ehrenmorde. Ja, die gibt es bei euch auch, sogar viel öfter als bei uns! Ihr nennt eure „Ehrenmorde“ verniedlichend Familientragödie. Ein weiterer Unterschied: Eure Männer machen kurzen Prozess und knallen nicht nur die Frau, sondern gleich auch die Kinder ab.

Ekrem Senol schrieb im Jahre 2009 im „Migazin“ einen Artikel, indem sie den Medien, der Politik oder wem auch immer vorwarf, Ehrenmorde bei Muslimen auszuschlachten. Er sagte wörtlich:

Der Begriff „Ehrenmord“ ist (…) untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt (…) Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein.

Unterschiede zwischen „Ehrenmord“ und „Familiendrama“

Solche Argumente kommen meistens von denen, die Islamophobie mit Antisemitismus gleichsetzen wollen. Sie missachten dabei, dass sich das Motiv bei einem Ehrenmord komplett von einem sogenannten Familiendrama unterscheidet. Natürlich muss beides gleich stark bestraft werden, aber Ehrenmorde sind ein explizit muslimisches Phänomen.

Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der „aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden“. Ein Ehrenmord findet also (meistens) mit Einwilligung der Familie statt und wird nicht aus Gründen wie Eifersucht begangen, sondern weil das Opfer gegen die „Familienehre“ verstoßen hat, indem sie sich z.B. zu westlich kleidete, vorehelichen Sex hatte oder homosexuell war.

Wenn ein Türke ein Familienmitglied tötet, dies aber nicht aus kulturellen Gründen geschieht, dann nennt man es auch nicht Ehrenmord, sondern genau wie bei Deutschen „Familiendrama“.

Hier einige Beispiele:

-Im März 2004 tötete der Türke Ali Göbelek in Augsburg vier Mitglieder seiner Familie und einen ihrer Mitbewohner. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im September 2007 tötete der 44-jährige Selahattin Y. seine Frau und seine Tochter in Augsburg. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im Juni 2009 erschoss ein 38-jähriger in Adana acht Angehörige seiner Familie. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im März 2011 tötete ein 24-jähriger in Adana vier Angehörige seiner Familie. Die Medien sprachen nicht von einem Ehrenmord, sondern von einem Familiendrama.

– Im Mai 2009 wurden aufgrund eines Familienstreits während einer Hochzeit im osttürkischen Sultanköy 41 Menschen getötet. Die Frankfurter Online sprach von einem Familiendrama.

Die Häufigkeit von Ehrenmorden und Famliendramen

Herr Daimagüler sagte in der WELT, dass Ehrenmorde bei Deutschen viel öfter vorkommen als bei Muslimen. Auch dies ist falsch. Allein in Deutschland hat es zwischen 1996 und 2005 109 Ehrenmorde gegeben (dabei waren 43,1% aller getöteten Personen Männer und nahezu immer waren die Täter im Ausland geboren). Wenn man bedenkt, das die Muslime nur 5% der deutschen Bevölkerung ausmachen, dann müssten im gleichen Zeitraum 2.180 deutsche Familiendramen stattgefunden haben, um auch nur denselben prozentuellen Anteil zu haben.

Im Jahre 2007 gab die türkische Familienministerin Nimet Cubukcu an, dass in den vergangenen sechs Jahren 1800 Frauen Opfer sogenannter „Ehrenmorde“ wurden, mehr als bisher vermutet. Nicht eingerechnet in den Zahlen sind die rund 900 Selbstmorde von Frauen – viele von ihnen wurden wahrscheinlich von männlichen Familienangehörigen in den Freitod getrieben. Nach Polizeiangaben aus Ankara wurden von 2000 bis 2005 um die 500 Frauen und 700 Männer ermordet.

Und noch schlimmer: In der türkischen Gesellschaft werden Ehrenmorde von einem nicht kleinen Teil der Bevölkerung befürwortet. Bis zu 30% der jungen Türken halten Ehrenmorde für legitim. Einer Umfrage von Todays Zaman aus dem Jahr 2009 nach befürworten 26,2% der Eltern und 25,9% der Studenten in der Türkei solche Morde. Auch in Deutschland haben Lehrer festgestellt, dass einige muslimische Schüler an Ehrenmorden nichts auszusetzen hatten.

In Pakistan dürfte die Ehrenmordrate noch viel höher sein. Shelmaz Bokhari, Vorsitzende der Vereinigung fortschrittlicher Frauen in Pakistan (The Pakistan Progressive Women Association), hat allein in den drei großen Krankenhäusern von Islamabad und Rawalpindi von 1994 bis 2001 über 4.000 Fälle erfasst, bei denen Frauen zu lebendigen Fackeln geworden waren.

Fazit

Ehrenmorde haben also eine völlig unterschiedliche Motivation und kommen durchschnittlich wesentlich öfter vor als Familiendramen. Deswegen sollte man auch nicht beides miteinander vergleichen, denn damit verharmlost man diese Vorfälle. Familiendramen gibt es bei Deutschen und Muslimen, Ehrenmorde dagegen sind ein rein muslimisches Phänomen.

Es spielt auch keine Rolle, ob Ehrenmorde mit dem Islam vereinbar sind oder nicht. Wenn es danach ginge, dann müsste sich die katholische Kirche ja auch nicht mit den Pädophilenskandalen beschäftigen, denn in der Bibel wird nicht zur Pädophilie aufgerufen. Die Islamverbände müssen sich mit Ehrenmorden auseinandersetzen, genauso wie sie sich gegen Islamophobie einsetzen. Dies sollte für sie eine Selbstverständlichkeit sein, immerhin sind sie ein wichtiges Sprachrohr der 4 Millionen Muslime in Deutschland.

6 Antworten to “Ehrenmord/Familiendrama: Wirklich dasselbe?”

  1. American Viewer Says:

    Schöner Artikel. Ein paar Anmerkungen:

    1. Die Motivation von Menschen wie Daimagüler und Senol ist mir nicht ganz klar, wenn sie schreiben sie sähen zwischen Ehrenmorden und „Familientragödien“ keinen Unterschied. Es ist ja kaum anzunehmen, dass sie den Unterschied nicht wüssten. Sie stellen sich (wohl) nur dumm und die Medien lassen es ihnen durchgehen.

    2. Die deutschen Begriffe „Familiendrama“ bzw. „Familientragödie“ erscheinen mir verharmlosend. Das könnte eine Erklärung sein, warum Daimagüler und Senol unbedingt in diese Kategorie wollen. Wir sagen „Crimes of passion“. Nicht viel besser, aber immerhin ist es klar als Verbrechen bezeichnet und nicht als „tragedy“.

    3. Ehrenmorde sind kein rein muslimisches Phänomen wie du behauptest. Ehrenmorde gibt es heute auch noch in Indien, Südostasien, Süd/Mittelamerika oder Afrika. Bis vor vielleicht 150 Jahren gab es das im Westen auch, in sehr ländlichen Regionen sowieso noch länger. Sizillien zum Beispiel. Ehrenmorde sind ein Zeichen aller rückständigen Gesellschaften, die Frauen als ihren Besitz betrachten. Natürlich ist da der Islam schon immer ganz weit vorne mit dabei und sicherlich heute auf Platz 1, aber ganz allein ist er nicht und war er auch nie.

    • arprin Says:

      1. Sie wollen halt nicht, das muslimische Migranten kritisiert werden.

      2. Stimmt, man sollte wirklich einen neuen Begriff dafür benutzen. „Drama“ oder „Tragödie“ klingt ziemlich verharmlosend.

      3. Schon klar, ich meinte Ehrenmorde in Deutschland.

  2. Markus Says:

    Bei islamischen Ehrenmorden gilt der Täter hinterher in seiner Familie bzw. in seinem sozialen Umfeld als HELD!

    Ausserdem ist es doch im Moment so: Immer dann, wenn es darum geht, Moslems wegen „Ehrenmorden“ zu kritisieren, heißt es: „Was wollt ihr denn, das ist doch das Gleiche wie bei euch Deutschen ein ‚Familiendrama‘.“

    Wenn es aber darum geht, dass der Täter eines Ehrenmordes eventuell mildernde Umstände bekommen soll, so, wie das z.B. der ehemalige Richter Winfried Hassemer fordert, dann ist keine Rede mehr davon, dass „Ehrenmorde“ das Gleiche sind wie deutsche „Familiendramen“. DANN soll gerade die Tatsache der „kulturellen Besonderheit“ zu den „mildernden Umständen“ wegen des „Verbotsirrtums“ führen. Was für eine Heuchelei!

    • arprin Says:

      Ja, das stimmt, das ist ein immer wiederkehrender Widerspruch bei den Islamverbänden.

      Mir fällt auch auf: Zuerst heißt es „Ehrenmorde sind doch wie Familiendramen“, aber wenn sie dann passieren, heißt es „Ehrenmorde gibt es auch in Indien, Afrika Südamerika“. Das stimmt sogar (wenn auch nicht im selben Umfang), aber es zeigt: Sie wissen sehr wohl, das es einen Unterschied zwischen Ehrenmorden und Familiendramen gibt. Das geben sie aber nur zu, wenn sie gleichzeitig sagen können „Das gibt es auch woanders“.

  3. shaze86 Says:

    Das mit der Herkunft stimmt nicht ganz, da die Jesiden noch häufiger Ehrenmorde begehen. Ehrenmorde ist ein problem des islamischen Kulturkreises (der wiederum natürlich vom Islam geprägt ist).

    Nur 25,9% der Studenten befürworten den Ehrenmord – Das ist irre.

  4. Yadgar Says:

    Ein rein islamisches Phänomen? Familienehre als Mordmotiv, das gibt es auch auf diversen gut katholischen bzw. orthodoxen Mittelmeerinseln (Kreta, Sizilien, Sardinien) oder auch im nur zur Hälfte muslimischen Albanien, ebenso in Teilen Georgiens (Swanetien!) – es muss etwas mit abgelegenen Gebirgsgegenden zu tun haben, ich würde mich für die ersten Jahrhunderte der Neuzeit in den Alpen auch nicht über Blutrache wundern (und in Niederbayern soll es ja noch in den 1920er Jahren einen Fall gegeben haben)…

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