Den Sündenstolz überwinden

Das Verhindern eines neuen Holocausts gehört zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik

Kein Volk auf der Welt hat ein Verbrechen aus seiner Geschichte so gründlich aufgearbeitet (nachdem man in den ersten zwei Jahrzehnten noch alles totgeschwiegen hatte) und dennoch solch falsche Schlüsse gezogen wie Deutschland. Irgendwie sind alle unzufrieden: Die einen meinen, man könne die deutsche Geschichte nicht als Rechtfertigung nehmen, um bis in alle Ewigkeit an Israels Seite zu stehen, die anderen können nicht verstehen, dass man sich nicht mehr für Israel einsetzt, da ihnen ständig mit Vernichtung gedroht wird. Eins ist klar: Die Deutschen haben eine Obsession mit Juden und Israel insbesondere, da es sich hierbei um den einzigen Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit handelt.

„Wir haben aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat Israel“ ist eine beliebte Floskel deutscher Politiker. Aber was ist denn eigentlich das Besondere an den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel? Ich persönlich fühle in keinster Weise eine „besondere Verantwortung“. Warum sollte ich mich mehr um die Sicherheit Israels kümmern als um die Ruandas oder Darfurs? Haben die Briten eine besondere Verantwortung für Indien und Pakistan? Die Franzosen für Algerien und Westafrika? Die Spanier für Lateinamerika? Ich denke nicht. Und das ist auch gut so. Denn ich halte weder die Briten für gute Indienexperten noch die Deutschen für gute Israelexperten.

Deutschland, Israel und der Sündenstolz

Was tun wir denn, um unserer angeblichen Verantwortung nachzugehen? Eigentlich nur eines: Wir erkennen das Existenzrecht Israels an. Aber ist das nicht eigentlich was völlig selbstverständliches? Sind wir nicht auch für das Existenzrecht von Guatemala, Usbekistan oder Tansania? Ansonsten interpretieren wir unsere besondere Verantwortung für Israel insbesondere dadurch, dass wir Israel für jede noch so kleine Korinthenkackerei verurteilen, während uns die Massaker im Kongo, Darfur und Sri Lanka kein Stück interessieren. Sind ja keine Juden am Werk, da hört unsere besondere Verantwortung auf.

Wer kann sich erinnern, wann der Bundestag das letzte Mal einen parteiübergreifenden Beschluss gefasst hat? Neben der Rehabilitierung von Kriegsverrätern während der NS-Zeit geschah das in den letzten Jahren nur einmal: CDU, SPD, FDP, Linke und Grüne forderten gemeinsam eine Aufhebung der Blockade des Gazastreifens (dabei liefert Israel selbst ständig Waren in die Region, die Blockade dient lediglich der Verhinderung von Waffenlieferungen an die Hamas). Der deutsche Volkswille ist mehr als eindeutig: 65% der Deutschen halten Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden, 49% glauben, Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser und 40.5% bejahten die Ansicht: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reichen mit den Juden gemacht haben.“

Im Klartext: Deutschland ist einerseits ein extrem antiisraelisches Land, andererseits aber wie besessen, die Erinnerung an den Holocaust hochzuhalten. Wie kommt es zu diesem scheinbar widersprüchlichen Phänomen? Nun, ganz einfach: Der Holocaust wird gegen Israel ausgespielt. Da wir unsere Geschichte aufgearbeitet haben, sind wir verpflichtet, gegen jede Art von Rassismus oder Gewalt auf der Welt einzustehen. Und da die Juden am meisten unter uns gelitten haben, liegt unser Hauptaugenmerk auf den jüdischen Staat Israel. Wie ein verurteilter Bankräuber, der nach seiner Haftentlassung gegen die Gier der Banker demonstriert: „Ich muss es ja wissen, ich war selber mal ein Dieb!“. Der Holocaust wird zu einem deutschen Privileg. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, könnten wir ihn nicht aufarbeiten und dann „gerade als Deutsche“ den anderen vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben.

Die Erinnerung an den Holocaust liefert eine moralische Rechtfertigung, um Israel zu hassen. „Die Israelis sind die Nazis von heute“- diese Behauptung ist in etwa so zutreffend wie das Nordkorea eine lupenreine Demokratie ist. Aber für einen geschichtsbewussten Deutschen ist diese Behauptung sehr nützlich, denn obwohl man gar keine Schuld mehr für den Holocaust empfindet, was ja auch verständlich ist, waren seine Großeltern eben doch Nazis, und deshalb muss er jetzt, um seine Lektion zu lernen, gegen Israel sein. Die Gefühle, die die Deutschen bei der Erinnerung an den Holocaust empfinden, gingen von Scham und ehrlicher Schuld zur heutigen Phase über: dem Sündenstolz. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex brachte es auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen“.

Die Lehren des Holocaust

Die Lehre des Holocausts sollte aber weder sein, dass man auf ewig auf der Seite Israels stehen, noch dass man sich jetzt als Schutzengel der Palästinenser aufspielen muss, während uns das Schicksal der Kurden, Tschetschenen oder Kopten nicht zu interessieren braucht. Man stelle sich mal vor, die Belgier würden von einer besonderen Verantwortung für den Kongo schwadronieren und deshalb ständig die Verbrechen kongolesischer Rebellen mit denen der belgischen Kolonialherren vergleichen- das wäre reine Heuchelei. Unsere Geschichtsaufarbeitung ist zwar immer noch besser als die der Türken oder Japaner, aber weit davon entfernt, vorbildlich zu sein. Wie wir mit Israel umgehen sollten, sollte die derzeitige Situation bestimmen:

Es ist heute so, dass in den muslimischen Ländern ein genozidaler Hass gegen Juden und den Staat Israel propagiert wird. Es ist heute so, dass jüdische Schulen in Deutschland wie Hochsicherheitstrakte ausgestattet werden müssen und das Wort „Jude“ als ein Schimpfwort gebraucht wird. Es ist heute so, dass Juden in den Niederlanden, Schweden und Ungarn auswandern wollen, weil sie den täglichen Antisemitismus nicht mehr ertragen können. Und vor allem: Es ist heute so, dass Israel der einzige Staat im Nahen Osten ist, der freie Wahlen abhält, ein Mehrparteiensystem besitzt, wo regierungskritische Demonstranten nicht niedergeschossen und kritische Organisationen nicht verfolgt werden, Frauen und Homosexuelle nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, ethnische und religiöse Minderheiten weitgehend gleichberechtigt sind und wo es den Palästinensern- trotz der übertrieben Märchen vom Gegenteil- noch am besten geht.

Wir sollten nicht aus Gründen der Vergangenheit für Israel sein, sondern aus Gründen der Gegenwart. Wenn es nicht Israel wäre, dem man das Existenzrecht absprechen und mit der Vernichtung drohen würde, sondern Dänemark, dann sollten wir uns für Dänemark einsetzen. Wenn es nicht Juden wären, die in Europa durch den alltäglichen Rassismus in Massen auswandern würden, sondern Muslime, dann sollten wir uns für die Muslime einsetzen. Wenn nicht Israel, sondern Jordanien der einzige demokratische Staat im Nahen Osten wäre, dann sollten wir uns für Jordanien einsetzen. Die Vergangenheit sollte da überhaupt keine Rolle spielen.

Aber vielleicht sollten wir Deutschen doch lieber gar nichts tun. Wir haben nicht den Genozid in Ruanda verhindert, wir haben bei den Massenmorden in Darfur zugesehen, bei Srebrenica, in Sri Lanka und in Libyen. Wir haben sogar Saddam die Chemiewaffen geliefert, mit denen er dann später Tausende Kurden ermordet hat, und heute machen wir Milliardengeschäfte mit den nächsten potenziellen Völkermördern, den iranischen Mullahs. Auf uns ist kein Verlass, wir werden nicht mal mit Piraten vor der somalischen Küste fertig. Wir sollten uns einfach raushalten. Die Israelis können sich selbst verteidigen. Sie haben ihre Lektion gelernt, sie nehmen die Vernichtungsdrohungen von verrückten Diktatoren ernst, anstatt sie zu verharmlosen, und das ist doch das Wichtigste. Genauso wie eine Bank sich nach einem Überfall um bessere Sicherheitsvorkehrungen bemühen anstatt auf den Rat eines ehemaligen Bankräubers hören sollte, der nach seiner Freilassung gegen den Finanzkapitalismus demonstriert.

2 Antworten to “Den Sündenstolz überwinden”

  1. Endlich mal was vernünftiges zu dem Thema Says:

    Ich finde das ist auf jeden Fall ein vernünftiger Ansatz. Weder in die eine noch in die andere Richtung sollte uns die Vergangenheit beeinflussen. Ich befürworte z.B. auch die U-Boot-Lieferung an Israel zur atomaren Abschreckung. Dennoch gibt es keinen Grund, die Zustände in den pal. Gebieten zu verharmlosen.

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