Das schwarze Afrika in den Medien

Afrika während der Kolonialzeit

Afrika während der Kolonialzeit

Die für den 29.November vorgesehenen Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo haben es schwer, in den deutschen Medien mehr beachtet zu werden als die Gruppenphase der Europa League oder, um ein verwandtes Thema zu nennen, die Wahlen in Ägypten. Es gibt zwar einige Berichte wie in der Frankfurter Rundschau, doch sind das eher Ausnahmen. Zur Info: Bei der letzten Wahl vor 5 Jahren hatte die EU noch für die gesamte Logistik und die Sicherheit gesorgt, dieses Mal sind die Kongolesen aber ganz auf sich alleine gestellt. Folglich gibt es heute große Probleme bei der Errichtung von Wahllokalen und Zusammenstößen zwischen verfeindeten Parteien.

Schon die Hungersnot in Somalia war von den Medien bereits nach ein paar Wochen ignoriert worden. Ich fragte mich, ob es nun bei den Wahlen im Kongo, einem Staat, der wohl die wertvollste Rohstoffvorkommen der Welt hat und indem sich seit 15 Jahren die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg abspielt, ähnlich sein würde. Genauso ist es gekommen. Diese beiden Beispiele zeigen: Ob gute Nachrichten oder Katastrophen, das subsaharanische Afrika ist für die deutschen Medien grundsätzlich uninteressant. Dieses Desinteresse überträgt sich auf die Bloggerszene und den üblichen Solidaritätsbekundungen von Gruppen, die sich für Menschen im Ausland einsetzen. Der ivorische Journalist Charles Gnaléko erinnerte sich an einen Gespräch mit einem Deutschen, der das plumpe Afrikabild des Westens wiederspiegelt:

„Afrika ist doch ein hoffnungsloser Kontinent.“ „Ja? Warum?“, fragte ich ihn und er sagte: „Ihr bekommt von uns Entwicklungshilfe seit 50 Jahren. Milliarden haben wir euch gegeben, um euch zu helfen, unsere Steuergelder. Was ist heute dabei heraus gekommen? Elend, Armut, Aids, Massenerkrankungen, Diktatoren, Korruption, Bürgerkrieg. Schau mal nach Nigeria, Ruanda, Sierra Leone und was-weiß-ich-noch. Ihr kloppt euch dauernd, macht viele Kinder und seid nicht mal in der Lage für euch selbst zu sorgen. Ihr habt keine vernünftigen Dächer über dem Kopf, kein Trinkwasser, keinen Strom. Ihr seid total unfähige Menschen. Echt. Das Schlimmste bei der Sache ist, wir müssen euch hier noch als Sozialhilfeempfänger, Asylbetrüger und Drogendealer ertragen.“

Afrika- der „dunkle Kontinent“ in den Medien

Wenn die deutschen Medien über Afrika berichten, dann geschieht es meistens auf ziemlich oberflächliche Weise und praktisch nur über negative Sachen. Die Realität wird vollkommen verzerrt dargestellt. Das fängt schon an mit der Bezeichnung „Afrika“- es wird nicht unterschieden zwischen den einzelnen Regionen, als ob ganz Afrika ein Land wäre. In Europa unterscheidet man sehr wohl zwischen Westen und Osten, in Amerika zwischen Norden und Süden und auch Asien wird natürlich nicht als ein einziges Bündel von Istanbul bis Tokio wahrgenommen. Afrika bleibt für den Leser der „dunkle Kontinent“. Lutz Mükke vom Deutschlandradio berichtet:

„Krieg, Krisen und Konflikte – das sind die drei großen „Ks“, auf die deutsche Medien das Bild von Afrika zuallererst reduzieren. „Namenlose Massen“, die „in die Steinzeit verdammt“ in der „Hungerfalle“ sitzen, sind typische Sprachstereotype dafür.

Aber auch, was darüber hinaus vermeldet wird, unterliegt engen Mustern. Es muss in der Regel einen Bezug zu Deutschland oder deutschen Akteuren haben. Berichte aus der Alltagsperspektive – von Kunst, Kultur, lokaler Wirtschaft oder gar von Erfolgen; aus Geschichte, Religion und Wissenschaft kommen so gut wie gar nicht vor. Die Zivilgesellschaft bleibt fehlt fast komplett. Beobachtet hat Mükke zudem regelrechte handwerkliche Fehler. Dazu zählen falsche Angaben über den Aufenthaltsort von Korrespondenten oder das unüberprüfte Zitieren von Pressemeldungen, die von Hilfsorganisationen herausgegeben wurden.“

In über 90% der afrikanischen Ländern herrscht Frieden, Afrika ist kein „von Bürgerkriegen zerrissener Kontinent“, wie man es oft hört. 80% der Afrikaner sind nicht unterernährt, 97% sind nicht HIV-positiv und 70% keine Analphabeten. In Ländern wie Kamerun oder Gabun sind seit Jahrzehnten keine Menschen verhungert oder verfeindete Stämme aufeinander losgegangen. Die Masse der Afrikaner hat mit den Problemen, die in den Medien das Stereotyp Afrikas repräsentieren, nicht zu kämpfen. Sie sind damit beschäftigt zu leben, nicht damit, zu sterben.

Die afrikanische Kultur und Zivilgesellschaft wird im Westen überhaupt nicht wahrgenommen. Während indische Filme, japanische Mangas und lateinamerikanische Musik durchaus bekannt sind, berichtet kaum ein deutsches Medium über Nollywood, der nigerianischen Filmindustrie, die die drittgrößte der Welt ist, kaum einer weiß was über die afrikanische Literatur oder den afrikanischen Hip Hop.  Auch über gesellschaftliche Probleme wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus schweigt man sich aus, offenbar passt das nicht zu der These, dass die Weißen die einzigen Rassisten in Afrika seien.

Afrikas unbeachteter Aufstieg

Gute Nachrichten aus Afrika kommen selten bis gar nicht vor. Die Medien wären auch nicht an sie interessiert, denn das Klischee von Afrika als Hunger-, Kriegs- und Aidskontinent muss aufrecht erhalten werden, um den Selbsthass zu pflegen (da der böse Westen durch den Kolonialismus daran Schuld ist) und sich mit heuchlerischen Spendengalas in eine Position moralischer Überlegenheit zu versetzen. Für sozialistische Hardliner dürfte die Vorstellung, dass es in Afrika dank des Kapitalismus vorangeht, einfach nicht mit ihrem Weltbild vereinbar sein. Afrika ist zwar immer noch der mit Abstand ärmste Kontinent der Welt ist und hat immer noch mit Hunger, Krankheiten und Kriminalität zu kämpfen. Doch es herrscht kein Stillstand, seit Mitte der 1990er Jahre geht es bergauf.

Die Medien bringen ständig Wachstumsmeldungen aus China, Indien und Brasilien, doch das subsaharanische Afrika boomt ebenfalls: Die Wirtschaft Schwarzafrikas wuchs  im Jahr 2003 um 3,7% im Vergleich zu 2,9% Jahr 2002, und dieser Trend der wirtschaftlichen Entwicklung wurde 2004 auf 4,5% fortgesetzt. Ab dem Jahr 2005 lag das Wirtschaftswachstum bei 6% jährlich, auf demselben Niveau wie Lateinamerika. Durch die Finanzkrise ging das Wachstum auf 1,5% zurück, doch für das Jahr 2010 wurde wieder ein Wachstum von 4% prognostiziert- erstaunlich, wenn man bedenkt, dass westliche Länder Rezessionen erlebt haben. Der internationale Handel macht jetzt 60 Prozent des afrikanischen Bruttosozialprodukts aus (weit über dem Niveau von Lateinamerika), ausländische Direktinvestitionen haben sich seit dem Jahr 1998 auf einen Wert von 15 Milliarden Dollar jährlich mehr als verdoppelt und machen nun 5% des BIP’s aus. Seit dem Jahr 1990 hat sich die Anzahl der Börsen in Afrika verdreifacht und der Umsatz ist von praktisch 0 auf 245 Milliarden Dollar gestiegen.

Dieses Wachstum hat auch die Gesellschaft verändert. Die Armut ist zurückgegangen, der Bildungs- und Gesundheitszustand der Bevölkerung hat massive Fortschritte gemacht. Die Mittelklasse ist in den letzten Jahren um 10% gewachsen, der Zugang zu Elektrizität hat sich fast verdreifacht, genauso wie der Erdölverbrauch. Viele Afrikaner kaufen sich nun Kühlschränke, Autos und Fernseher, es gibt 400 Millionen Handys in Afrika. Der Bildungsgrad ist enorm gestiegen:  Der Anteil von Kindern, die Grundschulen besuchen, ist von 2000 auf 2008 um 48% gestiegen, in Sekundarschulen um 65% und in Universitäten um 80%. Die HIV-Neuinfektionsrate ist von 2,3 Millionen jährlich 2001 auf 1,9 Millionen im Jahr 2008 zurückgegangen. Warum erfahren wir so wenig davon? Wo sind die Berichte der deutschen Medien über den rasanten Fortschritt in Afrika? Stattdessen berichtet man nur über Kriege, Hunger und Krankheiten. Ist das berechtigt?

…und Afrikas unbeachtete Probleme

Dabei ist es nicht so, dass die schlechten Nachrichten, die es durchaus gibt, den deutschen Michel auch wirklich interessieren. Die Hungersnot in Somalia, der bis jetzt mindestens 29.000 Kinder zum Opfer gefallen sind, macht weniger Schlagzeilen als der jüdische Siedlungsbau in Gilo. Das größte Flüchtlingslager der Welt, Dabaab, ist den meisten Deutschen völlig unbekannt. Die Somalier sind den meisten doch ziemlich egal, es sei denn, man kann mit ihrem Leid den Kapitalismus verteufeln. Hauptursache für die Hungersnot sind die Ernteausfälle in der Region verbunden mit der nicht existierenden politischen Ordnung. Der Terror der mit der al-Qaida verbündeten somalischen Al-Shabbab hat mittlerweile zu einer kenianischen Militärintervention in Somalia geführt.

Auch der Terror der Boko Haram („Bildung ist Sünde“) in Nigeria, der auch zu einer Bedrohung für den Westen werden könnte, die Gewalt in Äthiopien, die Rebellentätigkeiten im Sudan und Uganda, die ungeklärten Konflikte in Cabinda, Casamance und Westsahara und die Spannungen im neuen Staat Südsudan bleiben in den deutschen Medien unsichtbar. Leider berichten auch die meisten politischen Blogs wie z.B. die Achse des Guten oder Zettels Raum so gut wie nie über Afrika.

Die Wahlen im Kongo sind nicht das einzige, das man über dieses Land berichten könnte. Es gibt Dinge, die uns direkt betreffen. Der ruandische Kriegsverbrecher Ignace Murwanashyaka, dessen Truppen im Kongo aktiv waren, versteckte sich jahrelang in Deutschland. Im Jahr 2009 wurde er gefasst, in diesem Jahr wird ihm der Prozess gemacht. Als einzige der MSM berichtet die taz ausführlich über diesen für Deutschland historischen Prozess. Die meisten Deutschen werden wohl nie erfahren, dass einer der schlimmsten Kriegsverbrecher des letzten Jahrzehnts seine Taten von Mannheim aus befehligte.

Warum die Medien Afrika ignorieren

Das Deutschlandradio stellte folgendes fest:

„Die Befragung der Korrespondenten erhellt denn auch schnell, warum die Berichterstattung so ist, wie sie ist. Zum einen bestimmen knappe Ressourcen den Alltag vor Ort. Ein Journalist ist im Durchschnitt für 33 Länder verantwortlich. Das erklärt, warum nur eingeschränkt differenziert berichtet werden kann und einige Länder fast vollständig ausgeblendet werden.

Hinzu kommen erschwerte infrastrukturelle Bedingungen. Für einen vierstündigen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Darfur etwa müssen zehn Reisetage eingeplant werden – ein enorm hoher Zeit- und Kostenaufwand. Wie und worüber die Korrespondenten berichten können und müssen, entscheiden zum anderen aber auch die Erwartungshaltungen der Heimatredaktionen. Und denen attestiert der Autor ein „weitreichendes Desinteresse“ und eine „institutionelle Inkompetenz“, wenn es um Afrika geht.“

Sicher spielt auch die fehlende Infrastruktur einheimischer Medien eine Rolle, aber der Hauptgrund bleibt das Desinteresse. Auch die afrikanische Diaspora konnte das nicht ändern.

Die ARD bringt unseres „Afrika in den Köpfen“ auf den Punkt: „Der Sohn Kindersoldat, die Mutter an Aids gestorben, der Vater in einer Nussschale übers Meer geflohen. Und das alles vor traumhafter Kulisse: ewiger Sand, majestätisch dahin schreitende Löwen, grandiose Sonnenuntergänge. Ja, so ist Afrika!“

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