Gewalt und Zivilisation- Eine These

Osamas Erbe in New York

Geht die Gewalt zurück oder steigt sie an?

Die These von Steven Pinker

Der Linguist Steven Pinker hat eine interessante These zur Frage, ob die Gewalt in unserer Gesellschaft immer mehr zunimmt oder ob wir immer friedlicher und zivilisierter werden. Sein Fazit lautet:

„Tatsächlich haben Gewalt und das Ausmaß an Mord und Krieg im Laufe der Menschheitsgeschichte abgenommen; und zwar am meisten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts leben wir in einem ungewöhnlich „langen Frieden“, wie es Pinker nennt.“

Trotz Weltkriege, Holocaust, Kommunismus, Amokläufern und scheinbar endlosen Bürgerkriegen, Revolutionen und Guerillakriegen in der Dritten Welt? Ja, denn Pinker zählt nicht einfach die Toten. Er rechnet die Gewaltopfer im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Bevölkerung und kommt deshalb zu folgendem Schluss:

„Pinker (belegt) in einer vergleichenden Analyse und mit wissenschaftlichen Daten, dass etwa moderne Kriege weniger allumfassend, also weniger gewalttätig und tödlich für die breite Bevölkerung waren als die Auseinandersetzungen früherer Stammesgruppen. Wenn durch die Kriege im 20. Jahrhundert der gleiche Anteil der Bevölkerung getötet worden wäre wie durch die stets die gesamte Gruppe umfassenden Stammeskämpfe, dann wären in ihnen zwei Milliarden und nicht 100 Millionen Menschen umgekommen. Oder: Überträgt man den prozentualen Anteil der Opfer auf die heutige Bevölkerung, hätte der Fall Roms im dritten bis fünften Jahrhundert nicht acht Millionen Menschen das Leben gekostet, sondern über 105 Millionen, doppelt so vielen wie der Zweite Weltkrieg.“

Außerdem rechnet Pinker vor, dass die Mordrate in Europa seit dem 15. Jahrhundert um das 30-fache gesunken ist:

„Pinker zeigt auch auf, dass die Abnahme von Kriegen insgesamt eine Abnahme anderer Gewalttaten nach sich zieht. Die Analyse von Kriminalstatistikern zeigt, dass im 15. Jahrhundert in Europa 41 Morde auf 100.000 Menschen pro Jahr kamen, im 20. Jahrhundert aber waren es 1,4 Morde, was auf verbesserten Einsatz von Polizei und Medizin hinweist, aber auch auf einen Zusammenhang zwischen dem gestiegenen allgemeinen Wohlstand und weniger Gewalt. Im Mittelalter hatten 10 bis 20 Prozent der Mordfälle eine unmittelbare Verbindung zu einem Eigentumskonflikt; dagegen helfen moderne Rechtsstrukturen heute, solche Konflikte unblutig zu lösen.“

Als Grund für diese Entwicklung führt Pinker auf:

„Das Fazit von Pinkers Reise durch die Weltgeschichte: Quer durch Raum und Zeit sind friedlichere Gesellschaften im Allgemeinen auch reicher, gesünder, gebildeter, besser regiert, respektvoller gegenüber Frauen und treiben häufiger Handel. Es seien die Veränderungen unseres kulturellen und materiellen Umfeldes, die unseren friedlichen Motiven im Verlauf der Menschheitsgeschichte zur Vorherrschaft verholfen hätten.“

Klingt zu schön, um wahr zu sein. Und ist es leider auch. Denn obwohl natürlich die Mordrate gesunken ist, so hat das 20. Jahrhundert eine Reihe von nie dagewesenen Katastrophen gesehen, die man nicht einfach mit vergleichenden Analysen abtun kann. 20 Millionen Tote unter Stalin, 50 Millionen unter Mao, Millionen Tote in Bangladesch, Vietnam, Kambodscha, Ruanda und Kongo, die Gewalt im Nahen Osten. Pinker rechnet zwar vor, dass der Aufstand von An Lushan im 8. Jahrhundert über 30 Millionen Tote gefordert haben soll. Wenn man dieselbe Todesrate auf den Zweiten Weltkrieg anwendet, hätte er umgerechnet 429 Millionen Tote gefordert. Aber dieses Beispiel eignet sich nicht, denn der An Lushan-Aufstand war nicht repräsentativ für die ganze Geschichte vor dem 20. Jahrhundert.

Die These von Marquard und Enzensberger

Das 20. Jahrhundert hat die Gewalt keineswegs beseitigt, aber es hat sie verändert. Es sind neue Ideologien entstanden wie der Nationalismus, der Kommunismus oder der Faschismus. Und damit kommen wir zu dem Zitat des deutschen Philosophen Odo Marquard, der eine Erklärung dafür bieten könnte:

„Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf jene Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz: der Reste. Je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative, das übrig bleibt.

Je mehr Probleme gelöst sind, desto schärfer fällt der Blick auf die verbleibenden. Das wäre eine schlüssige Erklärung, warum ausgerechnet das 20. Jahrhundert so blutig war, obwohl die Menschheit in dieser Zeit auch den größten Fortschritt vollbracht hat.

Die Unzufriedenheit steigt mit dem Wohlstand mit, und damit auch die potenzielle Gewaltbereitschaft der sich selbst als deklassiert betrachteten Menschen, die Hans-Magnus Enzensberger in einem Essay die „radikalen Verlierer“ nennt (das obige Zitat von Marquard stammt von dort). Jemand, der sich als Verlierer fühlt, empfindet mörderische Wut, in ihm schlummert ein ungeheurer großes Vernichtungspotenzial. Die Kommunisten, die sich von den Kapitalisten ausgebeutet fühlten, die Nationalsozialisten, die die Niederlage des Ersten Weltkriegs als Schmach empfanden bis zu den Islamisten von heute, für die die Rückständigkeit der muslimischen Welt unerträglich ist. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt bedeuten nicht nur eine Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der meisten Menschen. Sie bringen auch neue Möglichkeiten zur massenhaften Vernichtung von Menschen.

Beispiele für den „Marquardismus“ (eine Wortschöpfung von mir) finden sich aber überall in der Geschichte: Die Französische Revolution geschah zu einem Zeitpunkt, in der es eine immer mehr größere Mittelschicht in Frankreich gab. Armut und Hunger hatte es in Frankreich in einem viel größerem Ausmaß schon Jahrhunderte vor 1789 gegeben, der französischen Bevölkerung ging es unter Ludwig XIV. schlimmer als unter Ludwig XVI. Aber damals gab es noch kein Sturm auf die Bastille, keine Nationalversammlung und keinen wahnsinnigen Robespierre. Soziale Ungleichheit gab es schon immer, aber erst im 19. Jahrhundert gab es Marx und den Wunsch nach einer Diktatur des Proletariats – zu einem Zeitpunkt, in der in Europa die Lebenserwartung stieg, die Kindersterblichkeit sank und Hungersnöte verschwanden. Antisemitismus gab es schon unter den Römern, aber erst das 20. Jahrhundert brachte einen Eichmann hervor. Die Nazis ermordeten zwischen 1941 und 1945 mehr Juden als während des gesamten Mittelalters.

Hier noch einige einprägsame Zitate von Enzensberger zum „radikalen Verlierer„:

Die Enttäuschbarkeit der Menschen mit jedem Fortschritt zugenommen.

Jede noch so bornierte Art von Sektierertum ist in der Lage, die latente Energie des radikalen Verlierers zu mobilisieren.

Je aussichtsloser sein Projekt, desto fanatischer hält er an ihm fest.

Das Projekt der radikalen Verlierer besteht darin, wie derzeit im Irak und in Afghanistan, den Selbstmord einer ganzen Zivilisation zu organisieren.

Aktuell ist es so, dass der weltweite Wohlstand immer mehr zunimmt. Die Menschen werden gesünder, ernährter, wohlhabender, gebildeter und freier. Vor allem in China, Indien, Lateinamerika und Afrika. Und gerade deshalb besteht die Gefahr, dass der Marquardismus zurückkehrt. Wir hatten zweimal beinahe ein Ende der Geschichte: Einmal um das Jahr 1900 und nach 1991. Beim ersten Mal siegte der Marquardismus und es folgten 70 Jahre Kriege, Genozide und Unterdrückung, die in der Weltgeschichte einzigartig waren. Nach 1991 schien sich der Traum vom Ende der Geschichte zu erfüllen, doch der Aufstieg des Islamismus hat diesem Traum ein Ende gesetzt.

Der Komiker Dieter Nuhr sagte nach dem Attentat von Anders Breivik in Norwegen: „Was wäre die Welt für eine wundervolle, wenn es nicht ständig Verrückte gäbe, die meinen, sie retten zu müssen.“ Warum können wir nicht einfach mal zufrieden sein?

2 Antworten to “Gewalt und Zivilisation- Eine These”

  1. American Viewer Says:

    Noch so ein toller Artikel. Muss deinen Blog öfter lesen. 😉

  2. American Viewer Says:

    Es ist wichtig, dass Pinker auch in Deutschland verteidigt wird. So Einfaltspinsel wie Hannes Stein machen leider das glatte Gegenteil.

    (Ja ich mag Hannes Stein nicht, aber das ist gut begründet. Den ersten guten Artikel von Stein kreuze ich mir im Kalender rot an.)

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