Die Diffamierung der Raumfahrt

James Irwin am Mond, 1971

Wir geben jedes Jahr Milliarden Euro aus für Dinge, die wir eigentlich nicht dringend brauchen. Meistens stört es uns aber nicht. Niemand würde auf die Idee kommen, den Verkauf von Eiscreme einzuschränken, weil die Europäer mehr Geld für Eiscreme ausgeben als für Entwicklungshilfe. Oder den Fußballbetrieb einzustellen. Es gibt eine Branche, bei der man aber nicht so zimperlich ist: Die Raumfahrt.

Die Argumente sind immer dieselben: Es gibt auf dem Planeten so viele ungelöste Probleme, warum muss man dann Milliarden ausgeben, um in den Mond oder den Mars zu reisen? Haben wir nichts Besseres zu tun?  Bei „Perspektive 2010“ konnte man lesen: „Auf dem Grabstein für die Menschheit könnten dereinst die Worte stehen: Ihnen war es wichtiger und teurer, mit ihren Körpern zum Mond zu fliegen als mit ihrem Geist auf der Erde anzukommen.“ Die ZEIT brachte am 1. Januar 2011 ein Spezial zu der Frage, was die Raumfahrt dieses Jahr vorhat. Gleich der erste Kommentar verurteilte die Raumfahrt als sinnlose Zeitverschwendung. Auch Zettel findet bemannte Raumfahrt „wahnwitzig“ und „Unfug„. In der SZ sieht der Autor Hans-Arthur Marsirske keinen Sinn an der Raumfahrt.

Das ist natürlich Unfug. Weder schließt Raumfahrt Entwicklungshilfe aus, noch ist Raumfahrt eine völlig sinnlose Angelegenheit. Es ist eher andersrum: Afrika braucht weniger Entwicklungshilfe und mehr Freihandel. Während wir unseren Markt gegen afrikanische Waren abschotten, verkaufen wir unsere überschüssigen Lebensmittel nach Afrika und zerstören die Existenzgrundlage einheimischer Händler. Entwicklungshilfe wird nicht dazu beigetragen, Afrikas Lebensstandard zu verbessern. Die einzigen, die das schaffen können, sind die Afrikaner selbst, und genau das tun sie ja gerade. Während die Argumente für die Entwicklungshilfe also ziemlich schwach sind, gibt es wohl keine andere Technik, die für unsere Zukunft so wichtig ist wie die Raumfahrt.

Hier sind einige Gründe:

1. Die Liste an Erfindungen, die durch die Raumfahrt zustande kamen oder dank ihr den Durchbruch schafften, ist schier endlos: Die gesamte moderne Telekommunikation, der Taschenrechner, feuerfeste Kleidung, Brennstoffzellen und noch vieles andere mehr. Die „nutzlosen“ Satelliten, die in der Erdumlaufbahn kreisen, senden uns täglich Bilder. Dank dieser Bilder können wir Wetterprognosen abgeben und gefährliche Entwicklungen wie Erosion, Versalzung des Bodens und Abholzung beobachten, lange bevor wir diese Entwicklungen wahrnehmen.

2. Der Weltraum liefert viele wirtschaftliche Anreize. Der Mond besitzt gewaltige Helium 3-Vorkommen, die für Kernfusion benutzt werden können. Die Kernfusion kann unsere Energieprobleme dauerhaft lösen. Schätzungen gehen von 1 Million Tonnen aus. Im Marsmond Eros vermuten die Chinesen 20 Milliarden Tonnen Gold im Wert von 828 Billiarden Euro (der Abbau würde 190 Milliarden kosten). Der Mars ist eine unermessliche Rohstoffkammer, Metalle wie Cer, Yttrium und Neodym könnten dort lagern. Und das ist nur unsere nächste Verwandtschaft.

3. Die Erde könnte irgendwann aufgrund von natürlichen oder selbstverschuldeten Katastrophen wie einem Kometeneinschlag, der Ausbruch eines Supervulkans, einen Atomkrieg oder Überbevölkerung nicht mehr in der Lage sein, allen Menschen Unterschlupf zu bieten. Die unendlichen Weiten des Weltraums können das Überleben der Menschheit für Millionen Jahre sichern.

Aber das wollen viele gar nicht. Sie sehen den Menschen als einen bösen Virus an. Wir können nur töten, rauben und zerstören, wir haben unsere Erde krank gemacht und es wäre gar nicht so schlecht, wenn wir alle einfach verschwinden würden. Das sagen sie natürlich nicht so direkt, sondern in Phrasen wie „Der Umwelt ginge es ohne uns Menschen besser“. Zynischerweise benutzen sie dann gleichzeitig Wörter wie „Menschenhasser“, wenn sie über „Rechtspopulisten“ herziehen. Dabei sind sie die einzig wahren Menschenhasser.

Gideon Böss brachte die Einstellung von Menschenhassern nach der Fukushima-Katastrophe auf den Punkt:

Es ist eine seltsame Sehnsucht nach Strafe, die bei vielen Zeitgenossen dazu führt, dass ihre Reaktion auf diese naturgemachte Katastrophe in Selbstgeißelung besteht. Da wird von der „Quittung“ für die „dumme Menschheit“ gesprochen, davon, dass „Welt und Mensch nicht zusammen passen“ und überhaupt die Menschen „bekloppt“ sind und „Parasiten auf diesem Planeten“, die nur „den Tod über Tier und Natur gebracht“ haben. Und, natürlich, „jetzt wehrt sich die Natur“, „schüttelt ab“, „hat die Schnauze voll von uns!

10 Antworten to “Die Diffamierung der Raumfahrt”

  1. Kane Says:

    Ich schätze Zettel sehr, aber seine Meinung zu der Raumfahrt kann ich nicht verstehen. Ich bin aber auch völlig ratlos gegenüber der Skepsis gegenüber der Raumfahrt. Ich bekomme absolut keinen Zugang zu der Denkweise der Ablehnung 😦

  2. shaze86 Says:

    Ich stimme allem komplett überein. Ich kann diese Rumgenörgele an der Raumfahrt auch nicht mehr hören oder lesen.

  3. Yadgar Says:

    „Im Marsmond Eros vermuten die Chinesen 20 Milliarden Tonnen Gold im Wert von 828 Billiarden Euro (der Abbau würde 190 Milliarden kosten).“

    Du meinst wahrscheinlich den Marsmond Phobos… oder doch den Asteroiden (433) Eros?

  4. Hausmann Says:

    Wer mal in einer abgelegenen lichlosen Gegend und bei klarem Nachthimmel dieses überwältigende Gefühl genießen konnte, ein Teil der Kosmos zu sein – der schweigt zu solchem Geplapper.

    • arprin Says:

      Spiritualität ist in der Tat etwas, was jeder empfinden kann, auch ohne Religion. Vielleicht ist es ohne Religion sogar intensiver, da man sich dabei über etwas bewusst ist, was wirklich existiert.

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