Zur Ungleichheit in Deutschland

Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

„Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer.“ Das ist der Standardspruch derer, die den Neoliberalismus für die verheerendste Ideologie seit dem Nationalsozialismus halten. Nicht nur, dass die Ungleichheit und die Armut zunimmt, die Mittelschicht ist vom massenhaften Absturz bedroht. Wenn es so weitergeht, ist der Zusammenhalt der Bundesrepublik gefährdet. Es gibt nur eine Lösung: Wir brauchen ein neues System, am besten eine Art ökologisch-sozialgerecht transformierte Gesellschaft. Auf welche Statistiken berufen sich diese Gleichheitsfanatiker?

Die OECD berichtete in diesem Monat, dass die Lohnungleichheit in Deutschland erneut gestiegen ist. Es heißt dort wörtlich: „Zwischen 1985 und 2008 stiegen die Einkommen des oberen Zehntels jedes Jahr durchschnittlich um 1,6 Prozent, während Arbeitnehmer im unteren Zehntel ihre Einkommen im gleichen Zeitraum jedes Jahr im Schnitt nur um 0,1 Prozent steigern konnten.“ Das bedeutet: Die Reichen werden immer reicher, die Armen aber auch. Nur eben weniger stark als die der Reichen. Die Armen werden nicht ärmer, ähnlich wie in der Mittelschicht ist ihr Einkommen in den letzten Jahren weitgehend gleich geblieben.

Der Hauptgrund für die Ungleichheit bei den Haushaltseinkommen ist die deutliche Zunahme an Single-Haushalten. Aber keiner ist dazu verdammt, seine Kinder alleine zu erziehen, die Menschen trennten sich heute schneller und häufiger als in früheren Zeiten. Jedes zweite Hartz-IV-Kind wächst mit nur einem Elternteil auf. Der zweite wesentliche Grund ist, dass Migranten in Deutschland mehr Kinder bekommen als Deutsche und ihr Bildungsgrad oft unterdurchschnittlich ist. In beiden Fällen hilft nur bessere Bildung und eine Verringerung des Sozialstaats. Es gibt auch keinen massenhaften Absturz der Mittelschicht. Zwar ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung von 2000 bis 2010 von 66,5% auf 61,5% gesunken. Doch seit 2006 ist der Anteil der Mitte stabil geblieben und zuletzt sogar wieder gestiegen, trotz der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Ehemalige Durchschnitts- und Besserverdienende sind bei Hartz IV nur ein Randphänomen.

Die Entwicklung der letzten Jahre

Wir befinden uns überhaupt nicht in einer „katastrophalen“ Situation. Die deutsche Wirtschaft boomt, der Konsum steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Und die, die glauben, dass die Arbeitslosenzahlen „getürkt“ sind, sollten wissen, dass die deutsche Arbeitslosenstatistik zu den transparentesten der Welt zählt. Die Einkommen sind insbesondere vor Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 drastisch auseinandergegangen (von 1991 bis 2004 stieg der Gini-Koeffizient von 0,27 auf 0,29), während sie sich seit 2006 wieder annähern. Es war außerdem wahrscheinlich schon vor 20 oder 30 Jahren so, dass 50% der Bevölkerung nur 2% des Einkommens hatten. Der Gini-Koeffizient besagt, dass die Einkommen in Deutschland gerechter verteilt sind als im übrigen Europa. Die reichsten 10% besitzen in Deutschland 8-mal so viel wie die ärmsten 10%. In Italien, Großbritannien, Japan und Südkorea verdient das obere Zehntel 10-mal so viel wie das untere Zehntel, in den USA, Israel und der Türkei sind es das 14-fache.

Bildung ist wichtiger geworden. Ein Auszug aus einem ZEIT-Artikel: „Die Gehaltsunterschiede zwischen hoch und gering qualifizierten Arbeitnehmern seien immer größer geworden. Während die Gehälter von Universitätsabsolventen seit Mitte der achtziger Jahre inflationsbereinigt um 22 Prozent gestiegen seien, liege das reale Lohnplus bei Ungelernten im gleichen Zeitraum bei null.“ Niemand hindert Arbeiter- oder Migrantenkinder, gute Leistungen an den Schulen zu erzielen. Wie man hier lesen kann, sind es oft die Eltern, die ihren Kindern keine Disziplin beibringen und ihnen so ihre Zukunft versauen.

Das wahre Elend der Unterschicht

Schon im Jahr 2004 berichtete Stern in einer ausgezeichneten Reportage über die Zustände in der Essener Unterschicht. Wir lesen dort u.a. folgendes:

„Die Unterschicht ist von allen chronischen Krankheiten überdurchschnittlich stark betroffen“, sagt Andreas Mielck vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München. (…) Früher waren mangelnde ärztliche Versorgung und krankmachende Arbeitsbedingungen die Gründe dafür. Heute nicht mehr. Es gibt nur einen Grund: falsches Verhalten.

Mielck hat die Beweise zusammengetragen: Ehemalige Hauptschüler rauchen fast doppelt so oft wie ehemalige Gymnasiasten. Schon 12- bis 13-jährige Hauptschüler trinken annähernd doppelt so viel Alkohol wie gleichaltrige Gymnasiasten. Fast ein Drittel der Unterschichtsfrauen haben starkes Übergewicht (32 Prozent), viermal so viel wie Oberschichtsfrauen (8 Prozent). Fast Food ist die Nahrung der Unterschicht. Und 25- bis 39-jährige Angehörige der Unterschicht haben dreimal so oft Bewegungsmangel wie Angehörige der Oberschicht. (…)

Armut macht also nicht krank. Der schlechte Gesundheitszustand der Unterschicht ist keine Folge des Geldmangels, sondern des Mangels an Disziplin. Disziplinlosigkeit ist eines der Merkmale der neuen Unterschichtskultur. Es gibt noch mehr: Konsumforscher haben ermittelt, dass die Unterschicht zu „demonstrativem Konsum“ neigt, die angesagtesten Klamotten, das neueste Handy, das Auto mit dem fettesten Auspuffrohr. Und wenn das Geld ausgegeben ist, werden Schulden gemacht. Wofür? Vor allem für Unterhaltungselektronik, sagen Verbraucherschützer.

Es ist also nicht Geld, sondern mangelnde Disziplin, was der Unterschicht fehlt. Da diese Aussage politisch höchst inkorrekt, ja geradezu nach Lebensraum klingt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, das sich in Zukunft was daran ändern wird. Eher erleben wir die ökologisch-soziale Transformation.

7 Antworten to “Zur Ungleichheit in Deutschland”

  1. aron2201sperber Says:

    „Am 22. August 1996 unterschreibt Bill Clinton im Einklang mit den Republikanern ein Gesetz, das den überkommenen Sozialstaat abschafft. Bis dahin war Clinton noch das Idol der amerikanischen Linken, jetzt schallt ihm überall „Rassist!“ entgegen. Warum tut der Präsident das? Der Sozialstaat verhält sich widersinnig, ja regelrecht absurd. Obwohl Amerika pro Kopf immer reicher wird und immer höhere Summen an seine Armen überweist, geraten immer mehr Menschen in Armut. Dabei soll das seit 1935 geltende Familiengesetz unschuldig in Not geratene Mütter befähigen, auch weiterhin die Erziehung ihrer Kinder abzusichern. Schützen soll es die kinderreiche Witwe eines vom Gerüst gestürzten Dachdeckers oder eines sonst wie ums Leben gekommenen Ernährers.“

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/02/09/die-dunkle-seite-der-sozialstaats/

    • arprin Says:

      Diesen oder einen ähnlichen Text habe ich im Artikel verlinkt.

      Heinsohn schreibt wirklich geniale Texte, wie diesen zum „Bruderkriegsindex“ der arabischen Aufstände.

      Für die Linken gilt er natürlich als ein faschistischer Sozialdarwinist, siehe hier:

      „Die Kinder von Hartz IV-Empfängern sind minderwertig, sie sind dümmer und fauler als die Kinder von anderen deutschen Müttern und ihre Ausbildungsfähigkeit steht in Frage. Sie werden in Zukunft den hohen Qualifikationsanforderungen der Gesellschaft nicht mehr genügen. Diese Kinder entstammen einer Unterschicht, die sich durch Sozialhilfe immer mehr vergrößert und hemmungslos vermehrt und den Leistungsträgern auf der Tasche liegt. Das ist eine Gefahr für Deutschland. Während sich die Unterschicht so vermehrt, bekommen die deutschen Frauen der Leistungsträger zu wenig Kinder. Der Staat muss also das weitere Kinderkriegen der Unterschicht verhindern, indem man deren Angehörigen die Lebensgrundlage entzieht. Deutschland braucht diese minderwertigen Kinder nicht, sondern es braucht die sozial wertvollen Kinder der Karrierefrauen.“

      • American Viewer Says:

        „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer.“

        Zu diesem Thema wollte ich auch schon lange etwas schreiben. Das ist ja ein Dauerbrenner. Ich finde es so faszinierend wie man mit so simplen Floskeln die Menschen seit Jahrzehnten für seine Zwecke einspannen kann. Ein ähnliches Mem lautet bekanntlich: „Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander“.

        Klasse Artikel von dir jedenfalls. Eine wahre Goldgrube.

        Und dann noch heise/Telepolis mit seiner Volksverhetzungsnummer gegen Heinsohn! Ist ja irre.

      • arprin Says:

        Es gab tatsächlich allein in Bremen über 50 Anklagen gegen Heinsohn wegen Volksverhetzung:

        http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-keine-anklage-gegen-heinsohn-4441.php

        Und hier (Original bei Readers Edition) der Höhepunkt der Hetzkampagne gegen ihn:

        Vor­ge­stellt werden in dem Gast­bei­trag des Pro­fes­sors men­schen­ver­ach­tende Pläne für mehr als 20 Mil­lionen Men­schen in Deutsch­land… Der Plan sieht vor, Men­schen die Grund­lagen für eine wirt­schaft­liche Exis­tenz dieser Men­schen sys­te­ma­tisch zu ent­ziehen und nach einer wirt­schaft­li­chen Exis­tenz­ver­nich­tung der realen Exis­tenz­ver­nich­tung zu zuführen.

        Auf mög­li­cher­weise kata­stro­phale Folgen, die mit sol­chen Menschen-​verachtenden Plänen drohen können, etwa Bürger-​Krieg in Deutsch­land, mas­siver und sprung­hafter Anstieg von Gewalt, Mord und Tot­schlag im täg­li­chen Kampf um das Über­leben bis hin zum glo­balen 3. Welt-​Krieg geht der viel­be­ach­tete Pro­fessor und Buch-​Autor aus Bremen nicht ein, obgleich diesem auf­grund seiner his­to­ri­schen Ver­bin­dungen, sein Vater war U-​Boot-​Kommandant in der Nazi-​Terror-​Diktatur in den Jahren 1933 bis 1945 und auf­grund seines über viele Jahre hinweg erar­bei­teten Fach­wis­sens mög­liche Folgen sehr gut bekannt sein sollten.

        Bei einem mas­siven Anstieg von nicht natür­lich künst­lich, erzeugtem Terror, Gewalt, Mord und Tot­schlag müssen auch deut­sche Poli­zisten künftig damit rechnen, die jetzt viel­leicht noch das Leben des Pro­fes­sors schützen müssen, öfters als bisher zur Ziel­scheibe von Men­schen zu werden, die sich im Kampf “Jeder gegen jeden befinden – nur der Stär­kere überlebt.”

  2. shaze86 Says:

    Guter Artikel.

    Ist bei der Prozentangabe schon die Inflation rausgerechnet?

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