Der Mann, der Afghanistan hätte retten können

Das Grab von Ahmad Shah Massoud, dem afghanischen Nationalhelden

Es ist der 9.September 2001. Ein arabisches Fernsehteam hat ein Interview mit Ahmad Shah Massoud, dem Anführer der afghanischen Nordallianz, verabredet. Massoud, seine Begleiter und sein Dolmetscher betreten den Raum. Plötzlich explodieren die Kameras, Massoud wird in Fetzen gerissen. Der Raum füllte sich mit Blut, Körperteile fliegen umher. Die arabischen Reporter waren al-Qaida-Agenten, die von Osama bin Laden geschickt wurden, um seinen größten Widersacher zu beseitigen. In den internationalen Medien findet die Tat nur wenig Beachtung. Wer wusste damals schon, wer Massoud oder bin Laden waren? Nur einer ahnt die Dimension der Ereignisse. Am 10. September 2001 erzählt der Terrorismusexperte John O’Neill zwei Freunden: „Wir sind fällig. Und wir sind fällig für etwas Großes … Einige Dinge sind in Afghanistan passiert (bezugnehmend auf die Ermordung Massouds). Ich mag nicht, wie sich die Dinge in Afghanistan entwickeln. … Ich spüre eine Veränderung, und ich denke bald wird etwas passieren. … bald.“

Einen Tag später stirbt O’Neill in New York, als der Südturm des World Trade Center zusammenbricht. Die USA rufen den Krieg gegen den Terror aus, Afghanistan wird in den folgenden Monaten besetzt und die Taliban-Herrschaft vorerst beseitigt. Wer war Ahmad Shah Massoud? Dieser Mann, zu dessen Beerdigung, obwohl sie im ländlichen Panjshir-Tal stattfand, Hunderttausende Afghanen teilnahmen, dessen Porträt noch heute viele Wohnzimmer in Afghanistan ziert, der 2002 für den Friedensnobelpreis nominiert, von der europäischen Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine “Pol der Freiheit in Afghanistan” genannt und vom afghanischen Präsidenten Hamid Karzai zum “Nationalheld der afghanischen Nation” erklärt wurde?

Massoud war ein Mudschaheddin, der drei Jahrzehnte lang gegen die Kommunisten, die sowjetischen Besatzer, die Taliban und al-Qaida kämpfte. In den 1990ern waren bis zu 1 Million Afghanen vor den Taliban in die von Massoud kontrollierten Gebiete geflohen. In seinem Gebiet errichtete Massoud demokratische Institutionen, achtete die Rechte der Frauen und forderte demokratische Wahlen für ganz Afghanistan, die von den Taliban immer abgelehnt wurden. Im April 2001 besuchte Massoud das Europäische Parlament. Er forderte humanitäre Hilfe für sein Land, erklärte, dass die Taliban und al-Qaida eine “sehr falsche Interpretation des Islam” eingeführt hätten und dass sie ohne Hilfe der Pakistaner innerhalb eines Jahres besiegt werden könnten. Außerdem warnte er vor einem großen Anschlag, der nach seinen Geheimdienstinformationen unmittelbar in den USA bevorstünde.

Im Westen ist er kaum bekannt, doch die Afghanen haben ihn nie vergessen. Er ist und bleibt der größte Held, den die afghanische Nation je hervorgebracht hat.

Wie Massoud zum Mudschaheddin wurde

Massoud wurde in der Provinz Panjshir im Nordosten Afghanistans geboren. Er besuchte in Bazarak die Schule. Dies war für die meisten Afghanen ein Privileg, vor 1978 waren nur 3% der Bevölkerung alphabetisiert. Afghanistan war das drittärmste Land der Welt. Sein Vater wurde zum Polizeichef von Herat. Massoud war sehr begabt, er beherrschte fünf Sprachen (Paschtu, Persisch, Hindi, Urdu, Französisch). Nach seiner Schulzeit besuchte er das Polytechnische Institut für Ingenieurwesen und Architektur in Kabul. Aber er wurde bald in die politischen Wirren der damaligen Zeit hineingezogen. Der letzte Monarch Mohammed Sahir Schah (1933-1973) versuchte, das Land zu modernisieren, dabei war ihm zwischenzeitlich auch das Dritte Reich sehr behilflich. Im Zuge politischer Reformen wandelte Afghanistan sich 1964 in eine konstitutionelle Monarchie um, die Opposition bestand jedoch hauptsächlich aus Kommunisten und Islamisten. Massoud schloss sich der islamischen Organisation Jamiat-i Islāmi an, die den Sturz der Regierung zum Ziel hatte. Im Jahr 1973 stürzte der General Mohammed Daoud Khan den König und begründete die Republik Afghanistan.

Bald war Massoud gezwungen, sein Land zu verlassen und nach Pakistan zu gehen, wo er eine militärische Ausbildung absolvierte. Nach seiner Rückkehr galt er als ein “Moderater” und wurde deshalb von den Islamisten bekämpft. So entkam er 1975 erstmals einem Attentat. Als im April 1978 während der “Saur-Revolution” die Regierung von Daoud Khan gestürzt wurde, kam die prosowjetische, kommunistische “Demokratische Volkspartei Afghanistan” (DVPA) an die Macht. Ihre Vorstellungen für die politische Zukunft ihres Landes stießen auf wenig Gegenliebe der einheimischen Bevölkerung. Islamistische Milizen begannen, sie zu bekämpfen. In 24 von 28 Provinzen brachen Aufstände aus. Die Kommunisten reagierten mit brutaler Gewalt: Zwischen April 1978 und Dezember 1979 wurden 100.000 Menschen ermordet, darunter allein 27.000 im Pul-e-Charkhi-Gefängnis in Ostkabul. Massoud kehrte zu seinem Geburtsort im Panjshir-Tal zurück und begann erstmals, einen militärischen Widerstand zu organisieren. Am 27.Dezember 1979 marschierten schließlich sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um die kommunistischen Regierung bei ihrem Kampf zu unterstützen.

Der „Löwe von Panjshir

Kaum ein anderes Land der Welt ist so oft erfolglos von fremden Armeen besetzt worden wie Afghanistan. Die Eindringlinge- ob nun Perser, Russen, Briten oder Sowjets- scheiterten vor allem an den schwer einzunehmenden Berglandschaften, aber auch am fanatischen Widerstand der Stämme. Der russische Journalist Vladimir Snegirjow meint: „Es liegt den Afghanen im Blut – Fremde, die mit der Waffe kommen, können sie nicht ertragen. Sie wehren sich aufopferungsvoll. Afghanistan lebt nach anderen Regeln. Kommt der Ausländer mit Geld und Wirtschaftsprojekten, wird er freudig begrüßt. Kommt er mit der Waffe, ist er der Feind. Man wird ihm vielleicht ins Gesicht lächeln, ihm aber in den Rücken schießen.“ Der Feldmarschall Frederick Roberts, der 1879 im zweiten englisch-afghanischen Krieg Kabul eroberte, äußerte: „Je weniger sie von uns sehen, umso weniger werden sie uns hassen.“ Er zog ab. Zwischen 1839 und 1919 führten die Briten drei Kriege gegen Afghanistan, mussten dann aber schließlich die Unabhängigkeit des Landes anerkennen. Für viele gilt Afghanistan als das “Grab der Imperien”. Auf die Sowjetunion traf diese Beschreibung zu.

Im Februar 1980 standen bereits 85.000 sowjetische Soldaten im Land. Am 21.März schlossen sich die verschiedenen Widerstandsgruppen in der “Islamische Allianz für die Freiheit Afghanistans” zusammen. Die nachfolgenden 9 Jahre waren von rücksichtsloser Gewalt und Brutalität gekennzeichnet. Zwischen 1-2 Millionen kamen ums Leben, 3 Millionen wurden verwundet, 5-10 Millionen wurden zu Flüchtlingen. Aber es gelang den Mudschaheddin nicht, die großen Städte einzunehmen. Die Hauptstadt Kabul blieb weitgehend in den Händen der Kommunisten. Im Jahr 1985 war eine Patt-Situation erreicht. Die Sowjets begannen, über einen Abzug zu verhandeln. Von entscheidender Bedeutung waren die militärischen Erfolge von Ahmad Shah Massoud und seiner Miliz, die Jamiat-i Islāmi. Neun Großoffensiven der Roten Armee mit Zehntausenden Soldaten scheiterten in Panjshir. Massoud hatte jedoch auch keine Skrupel, mit den Sowjets zu verhandeln. Das Wall Street Journal widmete Massoud 1989 eine Titelgeschichte, in der er als “der Afghane, der den kalten Krieg beendete”, bezeichnet wurde.

Aber nicht nur seine militärischen Erfolge machten ihn zum Helden. Er galt als ein gerechter, demokratischer Staatsmann. Der Spiegel beschrieb ihn 1992 so: „Massud, 39, „der Löwe von Pandschschir“ genannt, ähnelt mit seiner Hakennase und seinen wachen Augen eher einem Falken. Der Offizierssohn hat die Polytechnische Hochschule in Kabul besucht, spricht englisch und französisch. Bis auf einen Abstecher zu Verhandlungen im pakistanischen Peschawar verbrachte Massud den Krieg bei seinen Mudschahidin in den Bergen Afghanistans. Im Pandschschir-Tal, nordöstlich von Kabul, das er gegen neun Offensiven der Russen und dann gegen Nadschibullahs Eliteeinheiten halten konnte, formte er einen islamischen Mini-Staat und baute Straßen, Kliniken, Schulen. Für das ganze Land strebt Massud, den der einstige Afghanistan-Kämpfer und heutige Jelzin-Vize Ruzkoi einen „Meisterstrategen“ nannte, eine aufgeklärte islamische Gesellschaft an.“

Die Milizen, die gegen die Kommunisten und die sowjetischen Besatzer gekämpft hatten, waren allesamt islamistisch, auch die Jamiat-i Islāmi, die von den Muslimbrüdern beeinflusst wurde. Massoud selbst war jedoch nie ein Islamist. Da sich die USA im Kalten Krieg befanden, waren ihnen alle Mittel recht, um die Sowjets zu bekämpfen. Außerdem hatte der sowjetische Einmarsch in der gesamten islamischen Welt für Empörung gesorgt. Deshalb unterstütze ein amerikanisch-pakistanisch-saudisches Bündnis die Mudschaheddin (das Wort leitet sich von “Dschihad” ab). Die finanziellen Beiträge zum Krieg stammten zur Hälfte aus den USA und Saudi-Arabien. Die Waffen kamen u.a. aus Großbritannien, Frankreich, Kanada, China, Israel, Ägypten, Indonesien und Malaysia. Die CIA lieferte sie nach Pakistan, von wo aus der pakistanische Geheimdienst (ISI) sie an die Mudschaheddin verteilte. Allein zwischen 1984 und 1987 wurden 80.000 Mudschaheddin in Pakistan ausgebildet. Arabische Freiwillige strömten aus allen Ländern begeistert nach Afghanistan, um in den “Dschihad” zu ziehen, darunter ein gewisser Osama bin Laden. Einer der größten Profiteure der ausländischen Unterstützung war Massouds größter Gegenspieler: Gulbuddin Hekmatyar. Er hatte bereits in den 1960ern Bekanntheit erlangt. Er und seine Anhänger sollen mit Motorrädern an Universitäten vorbeigefahren und unverschleierten Studentinnen Säure ins Gesicht geschüttet haben (das bezeichnete er 2007 in einem Interview mit dem Stern als “kommunistische Propaganda”). 1975 war er beim Attentat auf Massoud beteiligt. Nach 1989 verärgerte er die USA damit, dass er im Golfkrieg für Saddam Partei ergriff. Später verkaufte er symbolisch Waffen an den Iran.

Massoud gegen Hekmatyar- Der Kampf um Kabul

Im März 1989 zogen sich die letzten sowjetischen Truppen aus Afghanistan zurück. 14.453 sowjetische Soldaten waren umgekommen. In den nächsten drei Jahren konnten sich die Kommunisten noch an der Macht halten. Großangelegte Offensiven der Mudschaheddin scheiterten. Die Mudschaheddin waren demoralisiert, doch der kommunistische Machthaber Mohammed Nadschibullah war schließlich bereit, gemäß dem UN-Friedensplan, sein Amt niederzulegen. Nach einer Rebellion des Generals Rashid Dostum begann die Regierung auseinanderzubrechen. Am 27.April 1992 wurde das nahezu unzerstörte Kabul den Mudschaheddin übergeben. Nadschibullah gelang es jedoch nicht, rechtzeitig zu fliehen, er hielt sich bis zu seinem gewaltsamen Tod im UN-Gebäude von Kabul auf. Am 26.April einigten sich mit Ausnahme der vom Iran unterstützten schiitischen Hizb-i Wahdat und Hekmatyars Hizb-i Islāmi alle Bürgerkriegsparteien auf einen Friedensvertrag (Abkommen von Peshawar). Bereits im Jahr 1984 hatte Massoud einen Aufsichtsrat, den Shura-e Nazar, gegründet, der über 130 Kommandeure aus verschiedenen Provinzen, politischen Parteien und ethnischen Gruppen umfasste. Alle Parteien des Peshawar-Abkommens waren islamistisch, was für die gebildete Elite und vor allem die Frauen eine Zeit der Unterdrückung einläutete. Tausende wurden entführt, vergewaltigt und ermordet, sie verschwanden aus dem öffentlichen Leben.

Am 28.April wurde eine Übergangsregierung gebildet. Massoud wurde zum Verteidigungsminister ernannt. Massouds langjähriger Begleiter, Burhanuddin Rabbani, übernahm das Amt des Präsidenten und rief im Dezember den „Islamischen Staat Afghanistan“ aus. Hekmatyars Miliz begann bereits Monate zuvor mit einer massiven Bombardierung der Hauptstadt. Kabul wurde in den folgenden Jahren vollkommen zerstört: Zwischen 1992 und 1996 starben in Kabul mehr als 50.000 Zivilisten, die Infrastruktur wurde vernichtet, Wasser, Strom und Lebensmittel wurden knapp, es gab keine funktionierende Polizei und kein funktionierendes Rechtssystem. Die zuvor zerstörten ländlichen Gegenden des Landes blieben immerhin verschont. Sechs verschiedene Milizen, darunter Massouds Shura-e Nazar, kämpften in Kabul unter fragilen Bündnissen um die Vorherrschaft (s.Stellungen in Kabul nach dem Zusammenbruch der Regierung Nadschibullahs). Während Massouds Allianz in der Lage gewesen wäre, eine Regierung zu bilden, ging es Hekmatyars Allianz nur darum, eine Stabilisierung des Landes zu verhindern, wozu er die ständige Bombardierung ziviler Wohnviertel einsetzte. Hekmatyar lehnte wiederholt einen Posten in der Regierung ab, er forderte einen Rücktritt Massouds. Um die Zivilbevölkerung zu schonen, ging Massoud dieser Bitte für kurze Zeit nach, kehrte jedoch zurück, als Hekmatyar die Bombardierung Kabuls nicht beendete. Im März 1993 wurde Hekmatyar nach einem Friedensabkommen zum Premierminister ernannt. Da der General Rashid Dostum um seine Machtposition fürchtete, ging er ein Bündnis mit Hekmatyar ein, doch auch dieser neuen Allianz (Shura-e Hamāhangi) gelang es nicht, Massoud zu besiegen.

In den Jahren 1994 und 1995 erlebte Kabul die schlimmste Phase des Krieges. Das „Afghanistan Justice Project“ kam 2005 bei seinen Untersuchungen zum Schluss, das keine Massaker von Massoud angeordnet wurden: „Es gibt kein Indiz dafür, dass ranghohe Shura-e Nazar Führer Misshandlungen angeordnet haben.“ Auch Human Rights Watch fand keine Anzeichen dafür, dass Massoud in Kriegsverbrechen involviert war. Es kam zwar zu Fällen von Kriegsverbrechen seiner Verbündeten, doch diese handelten auf eigene Faust. Das blutigste Massaker von Truppen, die mit Massoud verbündet waren, war das Massaker von Afshar, dem im Februar 1993 Hunderte Angehörige der Hazara zum Opfer fielen. und wurden in einigen Fällen von Massoud bestraft, wenn er davon erfuhr. Als ihm die Grausamkeiten der wahhabitischen und von Saudi-Arabien unterstützten Miliz Ittihad-i Islami von Abdul Rasul Sayyaf zu Ohren kamen, die sie gegen die schiitische Bevölkerung verübte, ließ er Sayyaf (der an dem Attentat an Massoud beteiligt gewesen sein soll) zu sich zitieren und setzte einen schiitischen Kommandeur, Hussain Anwari, ein, der die schiitische Bevölkerung beschützen sollte.

Ethnische Konflikte spielten beim Bürgerkrieg ebenfalls eine Rolle. Nachdem Ende der kommunistischen Regierung befürchteten nicht wenige ein Auseinanderbrechen des Landes. Die größte Volksgruppe bilden die Paschtunen, sie stellen 35-40% der Bevölkerung. Das Volk der Paschtunen hat die Geschichte Afghanistans entscheidend mitgeprägt. Der Paschtune Ahmad Shah Durrani begründete im Jahr 1747 ein von Persien unabhängiges Reich. Dies gilt heute als die Geburtsstunde des Landes. Afghanistan bedeutet auf Paschtu „Land der Paschtunen“. Ethnische Minderheiten bilden u.a. die Tadschiken (33%), sowie Usbeken (12%) und die schiitischen Hazara (9%). Die meisten Milizen waren ethnisch homogen. Massoud war ein Tadschike, er war einer der wenigen, dem es gelang, Angehörige verschiedener Ethnien zu vereinen. Seiner Allianz gelang es schließlich, Hekmatyar aus der Provinz Kabul zu vertreiben. Massoud begann einen politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischer Wahlen, an der sich ein Großteil der afghanischen Provinzen beteiligte. Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus vielen Teilen Afghanistans statt. Aber damit war Massouds unermüdlicher Kampf nicht beendet. Eine neue, mörderische Miliz machte sich auf dem Weg, um Afghanistan in ein neues Chaos zu stürzen.

Die Machtergreifung der Taliban

Das nicht enden wollende Chaos in Afghanistan schien dem Nachbarland Pakistan nicht zu gefallen. Sie entschlossen sich, eine kleine Miliz zu bewaffnen und an die Macht zu verhelfen: Die Taliban. Diese Organisation war wahrscheinlich im August 1994 vom religiösen Eiferer Muhammad Mullah Omar gegründet worden. Er und eine Gruppe von 30 Mitstreitern hatten angeblich zwei Mädchen, die von einen Milizenführer entführt und vergewaltigt  worden waren, befreit und den Mann an einem Panzerrohr gehängt. Am 12.Oktober begann ihre militärische Offensive. Im November übernahmen sie die Herrschaft über die Stadt Kandahar, bis zum Ende des Jahres erlangten sie die Kontrolle über weitere Städte und Provinzen des Landes. Sie wurden sehr wahrscheinlich gezielt von Pakistan aufgerüstet, anders lassen sich ihre spektakulären militärischen Erfolge kaum erklären. Pakistanische Studenten strömten aus den Madrasas (religiösen Schulen) und halfen den Taliban, die bis zum Februar 1995 die Kontrolle über 12 von 31 Provinzen übernommen hatten. Die Taliban, die gleichzeitig gegen die schiitische Hizb-i Wahdat kämpften, begannen, Kabul zu belagern, doch sie wurden abgewehrt. Im Sommer 1995 hatten Massoud und Rabbani die völlige Kontrolle über ganz Kabul, die damit erstmals seit Anfang 1992 keine belagerte Stadt mehr war.

Die Pakistaner begannen daraufhin, die Taliban stärker zu bewaffnen als zuvor. Die ISI und auch Saudi-Arabien halfen mit logistischer Unterstützung, sie stellten neue Waffen und Fahrzeuge zu Verfügung, Tausende Pakistaner schlossen sich ihnen an, auch Rashid Dostum lief zu den Taliban über. Am 5.September nahmen die Taliban kampflos die Stadt Herat ein, was zum Wendepunkt des Krieges wurde. Unter dem Druck der anrückenden Feinde einigte sich die Regierung von Rabbani auf ein neues Bündnis mit Hekmatyar, der zum Premierminister wurde. Da die Einwohner Kabuls Hekmatyar als den Hauptverantwortlichen für ihr Leid ansahen, verlor die Regierung mit diesem Schritt an Ansehen. Zu allem Überfluss erließ Hekmatyar islamistische Dekrete, wie es später die Taliban tun sollten. Im September 1996 starteten die Taliban eine Offensive auf Kabul, die am 26.September mit der Einnahme der Stadt endete. Sie kontrollierten nun zwei Drittel des afghanischen Territoriums. Massoud wollte zivile Opfer vermeiden und zog sich deshalb ins Panjshir-Tal zurück, von wo er aus die Taliban besser bekämpfen konnte.

Mit dem Sieg der Taliban brach eine Zeit der Dunkelheit in Kabul und den übrigen von den Taliban beherrschten Gebieten ein. Als erste Amtshandlung wurde der ehemalige kommunistische Präsident Nadschibullah, der sich immer noch im UN-Gebäude von Kabul aufhielt, auf die Straßen gezerrt und öffentlich gelyncht. Es folgte die strengste Interpretation der Scharia, die es jemals gegeben hatte. Die Frauen bekamen ein komplettes Berufsverbot, sie mussten einen Schleier vom Kopf bis zum Zeh tragen und durften ihr Zuhause nicht ohne Erlaubnis eines männlichen Verwandten verlassen. Alle Männer wurden gezwungen, sich einen langen Bart wachsen zu lassen. Steinigungen, Auspeitschungen und Hand-Abhacken wurden als Strafen eingeführt. Musik, Fernsehen und Kinos, sogar Drachensteigen wurden verboten. Die Taliban begannen einen beispiellosen Vernichtungsfeldzug, einen regelrechten Amoklauf gegen die afghanische Kultur, der mit der Zerstörung der jahrtausendealten Buddha-Statuen von Bamiyan im März 2001 seinen Höhepunkt fand. Im Mai 2001 wurde ein Gesetz erlassen, der die wenigen im Land verbliebenen Hindus zwang, sich einen gelben Stoffflecken an die Kleidung zu heften, um sich von der muslimischen Mehrheit zu unterscheiden- genauso, wie es die Nazis mit den Juden gemacht hatten.

Die „Nordallianz“

Am 10.Oktober 1996 schlossen sich Massouds Anhänger mit einigen Milizen, darunter Dostums Junbish-i Milli und der schiitischen Hizb-i-Wahdat zum „Obersten Rat zur Verteidigung des Vaterlandes“ zusammen. Diese Allianz wurde auch „Vereinigte Front“, in den westlichen Medien aufgrund ihrer Lage „Nordallianz“ genannt. Rabbani wurde ihr politischer, Massoud ihr militärischer Führer. Der „National Geographic“ kam bei seiner Dokumentation „Inside the Taliban“ zum Schluss: „Das einzige, was zukünftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Shah Massoud.“ Bis zu 1 Million Zivilisten flohen vor den Taliban in die Gebiete der Nordallianz. Sie vereinigte Angehörige aller ethnischen Gruppen und politischen Parteien des Landes, etablierte demokratische Institutionen und achtete die Rechte der Frauen. Massoud forderte demokratische Wahlen für das ganze Land, doch die Taliban lehnten ab. Während die Nordallianz den Rückhalt der Bevölkerung hinter sich hatte, konnten die Taliban ohne die Hilfe des Auslands nicht überleben. Von den 45.000 Soldaten, die gegen die Nordallianz kämpften, waren nur schätzungsweise 14.000 Afghanen. 28.000 kamen aus Pakistan, davon waren 20.000 Soldaten der pakistanischen Armee, die vom damaligen Verteidigungsminister Pervez Musharraf geschickt wurden, und 8.000 Milizionäre. Die einzigen drei Länder, die die Taliban als die afghanische Regierung anerkannten, waren Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Flagge der „Nordallianz“

In den Jahren 1997 und 1998 kam es zu schweren Kämpfen zwischen den verfeindeten Parteien. Die Taliban begangen systematischen Massaker. Amnesty International spricht von mindestens 15 Massakern zwischen 1996 und 2001. In der Stadt Mazar-i-Scharif wurden 5-6.000 Angehörige der schiitischen Hazara umgebracht, dies führte zu einer diplomatischen Krise zwischen Iran und den Taliban. Die Iraner waren entschiedene Gegner der Taliban, sie unterstützten Massoud. Leider kam es auch zu Massakern auf Seiten der Nordallianz, doch nicht von Massoud, sondern von Dostums Truppen, die 1997 3.000 Taliban-Kämpfer exekutierten. Die Nordallianz konnte den Taliban schwere Verluste hinzufügen, doch mit Hilfe Pakistans konnten sich diese immer wieder erholen. Nicht nur Pakistaner, auch Dschihadisten aus arabischen Ländern („Arab-Afghanen“) und Zentralasien unterstützten die Taliban. Im Mai 1996 war Osama bin Laden vom Sudan nach Afghanistan zurückgekehrt. Er befehligte eine Truppe von 2-3.000 Mann, die sogenannte „055 Brigade“. In dieser Zeit organisierte er diverse Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen und plante den 11.September. Er hatte ein enges Verhältnis zu Mullah Omar. Im Juni 2000 führte Massoud ein kurzes Interview mit dem Spiegel, indem die Reporter ihn auch nach bin Laden fragten. Im April 2001 besuchte Massoud das EU-Parlament in Brüssel, wo er um humanitäre Hilfe warb und vor einem großen Anschlag warnte, der nach seinen Geheimdienstinformationen unmittelbar in den USA bevorstünde.

Massoud erklärte außerdem, dass die Taliban und al-Qaida eine „sehr falsche Interpretation des Islam“ eingeführt hätten und dass sie ohne Hilfe der Pakistaner innerhalb eines Jahres besiegt werden könnten. Der Vormarsch der Taliban hatte Dostum und die Hizb-i-Wahdat zur Kapitulation gezwungen. Der Frontverlauf hatte sich von 1996 zu 2000 zu Gunsten der Taliban geändert. Mullah Omar bot Massoud an, einen Regierungsposten in seinem Staat, dem „Emirat Afghanistan“, zu übernehmen. In seinem letzten Interview im August 2001 antwortete er: „Die Taliban sagen: ‚Komm und akzeptiere das Amt des Ministerpräsidenten und schließe dich uns an‘, und sie würden das höchste Amt im Land, die Präsidentschaft, behalten. Aber für was einen Preis?! Der Unterschied zwischen uns liegt darin, wie wir über die grundlegendsten Prinzipien der Gesellschaft und des Staates denken. Wir können nicht ihre Konditionen für einen Kompromiss akzeptieren, sonst müssten wir die Prinzipien einer modernen Demokratie aufgeben. Wir sind fundamental gegen das System welches sich „das Emirat Afghanistans“ nennt… Es sollte ein Afghanistan geben, indem sich jeder Afghane und jede Afghanin glücklich fühlen kann. Und ich denke, dies kann nur durch eine Demokratie, die auf Konsens basiert, gesichert werden.“

Einen Monat später, am 9.September 2001, wurde er von al-Qaida-Agenten ermordet. Selbstmordattentate waren damals in Afghanistan, im Gegensatz zu heute, kaum verbreitet. Er hinterließ eine Frau und sechs Kinder, die heute im Iran leben. Zwei Tage danach folgte der Massenmord in New York und Washington. Die Warnungen Massouds hatten sich auf schreckliche Weise erfüllt.

Afghanistan nach Massouds Tod

Die USA warfen Osama bin Laden und seiner al-Qaida vor, hinter den Anschlägen zu stecken. Die US-Regierung forderte die Taliban auf, bin Laden auszuliefern. Mullah Omar lehnte dies als „unislamisch“ ab. Am 7.Oktober startete eine von den USA angeführte internationale Koalition mit Unterstützung der Nordallianz die Befreiung Afghanistans. Die Hauptstadt Kabul fiel am 13.November. Die Afghanen feierten ausgelassen auf den Straßen, die Männer konnten sich wieder ihre Bärte rasieren, die Mädchen durften wieder zur Schule gehen. 4 Millionen Flüchtlinge kehrten nach Afghanistan zurück. Der vom Exil zurückgekehrte Dostum organisierte blutige Racheakte an die Taliban. Im November und Dezember 2001 sollen bis zu 3.000 Kriegsgefangene der Taliban in LKW-Containern erstickt und anschließend auf die Reste Tausender zuvor dort vergrabener Reste anderer Massaker gebettet worden sein. Die US-Truppen sahen tatenlos zu, bis heute wurden die Verbrechen nicht aufgeklärt. Das eigentliche Ziel, die Beseitigung al-Qaidas, wurde weitgehend erreicht. In Tora Bora wäre bin Laden beinahe geschnappt worden, er floh anschließend in die afghanische Provinz Kunar, hielt sich dann aber seit 2003 in Pakistan auf.

Die Besatzer etablierten ein neues Regime unter der Führung von Hamid Karzai, einem ehemaligen Widerstandskämpfer gegen die Sowjets und die Taliban. Die „Islamische Republik Afghanistan“ wurde gegründet, in den Jahren 2004 und 2009 wurde Karzai im Amt bestätigt. Die internationale Schutztruppe (ISAF) hat ihre Stärke mittlerweile auf 130.000 Soldaten erhöht, davon sind 90.000 US-Soldaten. Sie bemühen sich, eine nationale Armee und Polizei auszubilden. Das afghanische Militär hat seine Stärke von 6.000 Mann im Jahr 2003 auf 164.000 im April 2011 erhöht (bis Oktober 2014 sollen es 260.000 sein), die Polizei von 0 auf 122.000 Mann. Die grassierende Korruption, der sprunghafte Anstieg des Opiumanbaus, die offensichtlichen Wahlfälschungen bei den Wahlen 2009 und die Rückkehr der Taliban haben die Mission der internationalen Gemeinschaft in Verruf gebracht. Die Reste der Taliban zogen sich nach Pakistan zurück, von wo aus sie sich langsam wieder erholten und ab dem Herbst 2002 wieder militärisch in Erscheinung traten. Sie kontrollieren inzwischen wieder einige Teile des Landes.

Die Taliban in Afghanistan setzen sich aus diversen Milizen zusammen, die ihre Kommandozentralen in Pakistan haben. Die wichtigsten unter ihnen sind das Haqqani-Netzwerk und die von Mullah Omar geführte Quetta Shura. Hekmatyars Hizb-i-Islami Gulbuddin ist nicht mit den Taliban im Bunde, er gilt als „Moderater“. Sie stellen zusammengerechnet 30.000 Kämpfer, also um ein vielfaches weniger als die ISAF und die afghanische Armee. Friedensverhandlungen mit einigen ihrer Anführer sind bis jetzt ergebnislos verlaufen. Der pakistanische Geheimdienst (ISI) wird vom afghanischen Geheimdienst und auch von den USA verdächtigt, die Taliban zu unterstützen. Am 20.September 2011 wurde Massouds langjähriger Begleiter und ehemaliger Präsident Rabbani bei einem Attentat ermordet.

Massouds Erbe

Am 16.September 2001 nahmen Hunderttausende Afghanen an der Beerdigung von Ahmad Shah Massoud im Panjshir-Tal teil. Er gilt heute in Afghanistan als Volksheld, auch im Iran und Tadschikistan genießt er ein hohes Ansehen. Im Jahr 2003 gründeten ehemalige Weggefährten Massouds die Massoud Foundation, als eine unabhängige und überparteiliche Hilfsorganisation. Sie unterstützt und unternimmt Projekte im Bereich der Bildung, Gesundheitsversorgung sowie im Bereich der Kultur und des Wiederaufbaus. Ein Analyst berichtete vor den Wahlen 2004: „Ein Mann hat ein stärkeres politisches Gewicht als alle 18 lebenden afghanischen Präsidentschaftskandidaten. Obwohl bereits seit drei Jahren tot … Seit seinem Tod am 9. September 2001 … wurde Massoud von einem Mudschahid zum Nationalheld – wenn nicht sogar einem Heiligen. Bilder Massouds (in den Straßen, Gebäuden und Haushalten Afghanistans) … übertreffen die eines jeden anderen Afghanen bei weitem inklusiver derer (des Präsidenten) Karzais.“

Die Beerdigung Massouds:

Viele Journalisten aus der Region und aus dem Westen haben Massouds Leben in Büchern und in Dokumentationen gewürdigt. Seine Frau, Sediqa Massoud veröffentlichte im Jahr 2005 zusammen mit zwei Freundinnen und Frauenrechtlerinnen das Buch „Pour l’amour de Massoud“ über ihr Leben mit Massoud. Sie beschreibt ihn als einen sehr ehrbaren und liebevollen Ehemann und Vater. Die Argentinierin Marcela Grad verfasste 2009 das Werk „Massoud. An intimate portrait of the legendary Afghan leader“. Robert D.Kaplan würdigte in The Soldiers of God (1991) seine militärischen Erfolge: „Man muss Ahmad Shah Massoud zu den größten Führern der Widerstandsbewegungen im 20. Jahrhundert zählen. Massoud bezwang seinen Gegner genau wie es Marschall Tito, Ho Chi Minh und Che Guevara taten. Massoud kontrollierte ein größeres Gebiet, das aus militärischer Sicht viel schwieriger zu halten und unter ständigem Beschuss durch den Feind war. Das Gebiet, das unter seiner Kontrolle war, wurde im Vergleich zu den Gebieten, die unter der Kontrolle der Widerstandsbewegung von Marschall Tito, Mao Tse Tung, Ho Chi Minh und Che Guevara standen, stärker durch den Feind angegriffen.“

Nein, Massoud war kein lupenreiner Demokrat. Die Jamiat-i Islāmi war eine islamistische Organisation und er konnte leider nicht verhindern, dass unter seiner Herrschaft Tausende Frauen entführt, vergewaltigt und ermordet wurden und mit ihm verbündete Truppen in Ashraf ein Massaker anrichteten. Für einige Afghanen gilt er als Agent des Auslands (mal der Sowjets, mal der CIA) und Kriegsverbrecher, die Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA) kritisierte seine Nominierung für den Friedensnobelpreis aufs Schärfste. Aber Massoud hätte mit Hilfe des Westens die Pakistaner endgültig aus seinem Land vertreiben und zumindest einen Demokratisierungsprozess starten können. Die aktuelle Zukunft sieht düster aus: Die Taliban sind in den letzten Jahren immer stärker geworden. Es droht ihre Machtergreifung nach dem Abzug der ISAF im Jahr 2014. Afghanistan würde heute ganz anders aussehen, wenn Massoud heute noch leben würde.

5 Antworten to “Der Mann, der Afghanistan hätte retten können”

  1. Cengiz Dursun Says:

    Vielen Dank. Ein sehr interessanter Beitrag, den ich mit Vergnügen gelesen habe!

    LG

    Cengiz Dursun

  2. aron2201sperber Says:

    Kann mich dem Lob nur anschließen.

  3. honui Says:

    Ahmad Shah Massoud wurde von Bebekannten ermordet, wobei die Kamera in der Schweiz gestohlen wurde und auch Interpol und das FBI nicht herausfinden konnte, wie die Kameria nach Afghanistan kam. Hekmatyār, könnte genauso der Auftragmörder gewesen sein.

  4. Said Says:

    Bitte entschuldigt mir derjenge,der diesen Artikel geschrieben und veröfffentlichte. Er muss vorsichtig mit einer äußerung sein. entweder er hat keine Ahnung von dem grossen persischen Held und äußert sich durch westliche qellen, oder er will es so sagen.
    Massoud hat niemals die westen um unterstutzung gebeten, er hat immer gesagt, die westen solle sich in diese situation nicht einmischen.
    der Täter der 11 September ( kein Osama und sonst was) hat Massoud umgebracht für seine Zwecken!!!!!

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