Warum Sozialismus so anziehend ist

Obwohl er noch sehr lebendig ist, hat Karl Marx auch ein Grab

Einer Umfrage der Bertelmannsstiftung nach wünschen sich 88% der Deutschen ein „neues Wirtschaftssystem“. Das derzeitige System berücksichtige weder den Schutz der Umwelt, noch den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen oder den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft genügend. Eine andere Umfrage zeigte, dass nur 46% der Deutschen vom Kapitalismus überzeugt sind. Noch düsterer sieht es in Frankreich aus: Nur 15% der Franzosen sind vom Kapitalismus überzeugt, 33% sind der Meinung, man müsste ihn abschaffen.

Kritik am System ist natürlich legitim, aber wer kann ernsthaft den Kapitalismus als Ganzes abschaffen wollen? Es gibt keine vergleichbare Alternative zum Kapitalismus. Der Kapitalismus ist eine der, wenn nicht sogar die beste Erfindung der Menschheit. Auch wenn manche Menschen über die „schlimmen“ Verhältnisse hier meckern, so ist es zweifelsfrei so, dass der Lebensstandard der Bevölkerung nirgendwo auf der Welt flächendeckend so hoch ist wie in den Ländern mit der größten kapitalistischen Tradition.

Die einzige Alternative war der Sozialismus. Die Marxisten erleben besonders seit der Finanzkrise ein großes Comeback. Man sehnt sich nach einer Ideologie, die 100 Millionen Tote gefordert hat. Normalerweise ist es so, dass wenn ein Plan 50-mal schief geht, man sich lieber einen anderen sucht. Ein Sozialist denkt sich aber: Egal – vielleicht wird’s beim 51. Versuch besser. Welche Gründe gibt es dafür, dass so viele Menschen im Sozialismus trotz der historischen Erfahrungen noch immer was Gutes sehen?

1. Das Ziel klingt gut: Gleichheit für alle.

Oft hört man ja, dass Sozialismus „eigentlich“ etwas Gutes sei, nur nicht umsetzbar. Der Kapitalismus hat es nicht geschafft, alle Menschen gleich reich zu machen. Er hat zwar den Wohlstand in allen Klassen gesteigert, aber die Ungleichheit ist geblieben. Und das ist auch der Grund, warum so viele Philosophen und Soziologen ihn ablehnen: Sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der jeder, gleich welche Fähigkeiten er besitzt, dasselbe verdient und der Wettbewerb abgeschafft ist.

Dabei wird übersehen, dass Gleichberechtigung nicht Gleichheit bedeutet: Gleichberechtigung bedeutet, dass jeder dieselben Chancen hat. Aber völlige Gleichheit kann es schon deshalb nicht geben, weil die Menschen von Natur aus verschieden sind. Eine Gesellschaft, in der alle gezwungen werden, gleich zu sein, ist die ungerechteste, die man sich vorstellen kann (wer den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichheit nicht kennt, sollte mal in diesem Beitrag über Frauenquoten nachlesen). Der Wunsch nach Gleichheit führt im Kommunismus/Sozialismus/Marxismus letztlich dazu, dass alle gleich arm werden. Wie Winston Churchill es ausdrückte: „Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: Die Verteilung der Güter. Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: Die gleichmäßige Verteilung des Elends.“

2. Im Gegensatz zu den beiden anderen großen Ideologien – Religion und Nationalismus – ist er scheinbar für alle da.

Religiöse Ideologien schließen die Ungläubigen aus, nationalistische die Angehörige anderer Nationen. Aber der Sozialismus kann von allen in Anspruch genommen werden. Russland, China, Kuba, Angola, Äthiopien, Kambodscha, Nordkorea, Jugoslawien, Jemen, Algerien- der Sozialismus wurde überall ausprobiert.

3. Die Verbrechen der Sozialisten wurden nicht gründlich genug aufgearbeitet.

Die Nazis sind nach ihrem Untergang vor Gericht gestellt worden, die sozialistischen Massenmörder blieben so gut wie immer verschont: Stalin starb 1953, ohne jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden, dasselbe gelang Mao, Kim Il-Sung, Kim Jong-Il, Pol Pot, sogar Honecker. Die meisten bekamen sogar ein Staatsbegräbnis, in der die Massen weinend Abschied von ihrem großen Führer nahmen.

Das Institut Forsa hat das DDR-Bild der Bevölkerung in Brandenburg analysiert. Ergebnis: Bei den 14-34-jährigen betrug die Summe der positiven Assoziationen 50%, die der negativen Assoziationen 35%, bei den 35-44-jährigen war das Verhältnis 54 zu 37, bei den 45-59-jährigen 87 zu 29 und bei denjenigen Befragten, die 60 Jahre oder älter waren, betrug es 96 zu 27. Eine Umfrage in Russland aus dem Jahr 2006 ergab, dass 25% der Russen Stalin wählen würden, wenn er noch am Leben wäre. Weniger als ein Drittel sieht in ihm einen mörderischen Tyrannen. Im Juli 2007 äußerten sich 54% der russischen Jugend gut über Stalin, die Hälfte der 16- bis 19-jährigen hält ihn für einen „weisen Führer“. Bei einer landesweiten TV-Umfrage landete Stalin auf Platz 3 der „besten Russen aller Zeiten“.

13 Antworten to “Warum Sozialismus so anziehend ist”

  1. shaze86 Says:

    Ich stimme fast allem überein. Nur glaube ich nicht, dass die Marxisten profitieren. Dann müsste die Linke und KPD bei 20% liegen und nicht bei 6-8%.
    Allerdings gibt es so etwas wie einen gesellschaftlichen Linksruck, da inzwischen auch ehemalige Konservative den Kapitalismus verteufeln.

    Zu Punkt 3: Die Presse hat sich nach dem zweiten Weltkrieg von dem Nationalsozialismus getrennt. Nach dem Fall der Sowjetunion sind kommunistische Gedanken aber geblieben.

    • arprin Says:

      Die Linke profitiert zwar nicht, aber der Antikapitalismus in der Gesellschaft hat zugenommen. Außerdem wird der Bundestag ab 2013 nur aus linken Parteien bestehen.

      Die meisten rechtspopulistischen Parteien sind übrigens auch antikapitalistisch, in Deutschland (NPD) genauso wie im Ausland (Jobbik, BNP, Front Natinal).

  2. Karl Says:

    1. In Deutschland habe ich sehr stark das Gefühl das große Teil der „Intellektuellen“ sehr stark antikapitalistisch eingestellt sind. Das ist sicher auch noch eine Folge der 68er Marxismus-Renaissance. Die Auswirkungen die das über die Medien und die Kultur auf den Bürger hat sind sicher auch wichtig.

    2. Der Punkt mit dem fehlenden Wissen über kommunistische Verbrechen ist richtig. Ich glaube auch das Vielen nicht bewusst ist wie stark die Armut in vorkapitalistischen Zeiten war.

    3. Eine weitere Erklärung ist möglicherweise auch das wir unserer biologischer Evolutionsprozess in egalitären Kleingruppen mit ausschließlich Nullsummenspielen stattfand, so dass hieraus eine Aneigung gegen Ungleichheit entsteht.

  3. foundnoreligion Says:

    Dass der Kapitalismus die beste Erfindung der Menschheit ist, kann aus einem einzigen Grund nicht stimmen. Er ist eben keine Erfindung, sondern eine Grundhaltung, dass jedes Individuum und daraufhin auch die Gemeinschaft durch die Freisetzung aller ihrer Energie, sprich durch Arbeit reich und glücklich werden. Den Kapitalismus gab es in jeder Gesellschaft, in der es Handel gab.
    Grundsätzlich habe ich trotz meines niedrigen Alters herausgefunden, dass die Menschheit folgende Stadien durchlaufen hat, Jäger und Sammler>Nomaden>Bauern>Arbeiter>Händler, wobei für mich Jäger und Sammler die niedrigste und Händler die höchste Form der Gesellschaft darstellt.
    Die Menschen sind von Natur aus ungleich ist genauso falsch dass sie von Natur aus gleich sind. Von unserer Körperstatur und einigen physischen Merkmalen sind wir unterschiedlich, auch haben wir alle unterschiedliche Fähigkeiten, aber in unseren Bedürfnissen sind wir alle gleich. Oder willst du sagen, dass es Menschen gibt, die keinen Hunger haben oder Durst. Diese Diskrepanz ermöglicht und macht Arbeitsteilung nötig, auf die der Kapitalismus eben beruht. Gleichheit im Sinne von Gleichschaltung lehne ich ab, Gleichheit im Sinne von einer größtmöglichen Gleichbehandlung dagegen nicht.
    Ich wünsche dir noch Alles Gute zum Neuen Jahr und weiter tolle Beiträge.
    mfg Foundi, Kämpfer gegen Irrationalismus und Aberglaube

  4. aron2201sperber Says:

    @foundnoreligion

    sehr guter Punkt.

    Kapitalismus bedeutet schlicht und einfach Geld-Handel.

    keine komplexe Zivilisation hat es bisher geschafft diese Errungenschaft zu überwinden.

    Auch im realen Sozialismus floß der Rubel.

    ohne böse Zinsen würde wohl niemand das Risko auf sich nehmen, irgendwem Geld zu borgen – was wiederum zu Verkrustung und Stillstand führen würde.

  5. foundnoreligion Says:

    Danke Aron ich wünsche dir ebenfalls Alles gute im Neuen Jahr

  6. American Viewer Says:

    Du bringst ein komplexes Thema wunderbar auf den Punkt ohne dabei ins Banale oder fälschlich Verkürzende abzugleiten. Super!

  7. foundnoreligion Says:

    @Arprin, etwas ist merkwürdig mit dem Kapitalismus. Obwohl er anerkennt, dass die Menschen von ihren Fähigkeiten her ungleich sind- vor dem Gesetz sind alle mündigen Bürger gleich-, schafft er doch eine mehr oder weniger versteckte Gleichheit unter den Bürgern. In den Staaten, in denen der Sozialismus herrschte, war die Diskrepanz zwischen Armen und Reichen viel höher. Wenn ich mich nicht irre, waren in allen diesen Staaten lediglich das Politbüro wohlhabend, das einfache Volk musste hungern. In kapitalistischen Staaten jedoch ist der Unterschied zwischen Arm und Reich weniger hoch als im Sozialismus. Daraus ergibt sich, dass Freiheit immer irgendwann auch zu niedrigen Niveauunterschieden führt, während Gleichheit in Form von Gleichschaltung immer zur Unfreiheit und Resignation führen muss, sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

    • arprin Says:

      Ja, genauso ist es. Kapitalismus schafft Gleichberechtigung, Sozialismus diktatorische Gleichheit.

      Im Sozialismus werden alle gleich arm, weil sie praktisch keine Aufstiegschancen haben. Der Kapitalismus gibt allen dieselben Chancen, was auch bedeutet, dass arbeitsfaule Menschen weniger verdienen. Aber meistens ist die Ungleichheit geringer.

  8. Alreech Says:

    Einer der Gründe warum sich so viele Linke für den Sozialismus begeistern ist das Versprechen das der Wohlstand gerecht verteilt wird.
    In der jetzigen Marktwirtschaft haben die Kapitalgeber und die von ihnen eingesetzten Manager die Macht über die Verteilung des Wohlstandes.

    In einem Sozialismus würden bessere, gerechtere Menschen diesen Wohlstand verteilen, Menschen mit einer höheren Moral.
    Und diese höhere Moral legitimiert jedes Mittel, um den Sozialismus zu Sieg zu verhelfen.

    Die meisten Linken werden natürlich nach dem Sieg des Sozialismus zu denen gehören, die den Wohlstand verteilen.
    Kaum einer wird an der Werkbank stehen, und den zu verteilenden Wohlstand erwirtschaften.
    Einer der Gründe, warum sich Linke häufig in Berufen tummeln, die nicht unmittelbar mit der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen zu tun haben, und einer der Gründe warum linke Ideologie unter Arbeitern nicht mehr ankommt.

    Es ist toll sich für eine gerechte Verteilung des Wohlstandes zu engagieren wenn man Philosoph, Künstler oder Beamter ist.
    Wer auch nach dem Sieg des Sozialismus an der Werkbank steht, tauscht nur einen Ausbeuter gegen den Anderen.

  9. Kapitalist Says:

    @aron2201sperber
    Natürlich würde ich jemandem ohne Zinsen Geld leihen. Warum auch nicht? Und zwar mit einer Gebühr. Die beste Alternative zu Zins und Zinseszins. Natürlich haben die Banken da im Moment kein Interesse dran, Geld aus dem Nichts zu erschaffen ist halt attraktiver und lukrativer. 😉

  10. Weder links noch rechts Says:

    Ihr habt alle einen Denkfehler: ihr setzt „reich sein“ mit „Geld haben“ gleich. Ihr betrachtet den Kapitalismus aus kapitalistischer Sicht. Selbstverständlich kann das dann nur positiv ausfallen.

    Eine Gesellschaft, die per tinder von Date zu Date eilt, sich nicht binden will, bloß keine Kinder will (e l e m e n t ar!), weil man sonst die Karriere aufgeben muss und die Großeltern lieber am Gardasee ihren Ruhestand geniessen und schlicht keinen Bock haben auf Enkel (Kitas gibt es eh keine…), ist in meinen Augen eine verdammt erbärmliche Gesellschaft.

    Wenngleich muss ich sagen: ich bin Rechtsanwalt und freue mich schon tierisch auf mein neues 60k Auto. Bin also selbst in dieser erbärmlichen versklavten Gesellschaft gefangen, die Glück wohl nur über Geld definiert.

    Ein Genie ist der, der eine wirkliche Alternative aufzeigt….:/

    • arprin Says:

      Niemand zwingt andere Menschen zu tindern, jeder kann sein Partner auf den Weg suchen den er will.

      Und eine „dritte Alternative“ wurde schon genug versucht. Warum nicht das nehmen, was funktioniert?

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