Syrien = Sri Lanka

Hamza Al-Khateeb jagt Assad- Karikatur von Carlos Latuff

Der Aufstand in Syrien zeigt immer mehr die Merkmale eines Bürgerkriegs. Noch ist es ein Gemetzel der syrischen Armee und den Sicherheitskräften, die seit einigen Monaten ebenfalls von Gewalttaten islamistischer Gruppierungen oder Deserteuren beantwortet werden. Aber sollte Assad noch lange auf Gewalt setzen, könnte sich das ändern. Die Opposition ist momentan noch gegen den bewaffneten Kampf, doch viele Demonstranten scheinen keinen anderen Ausweg zu sehen, als sich Milizen anzuschließen.

Die aktuelle Lage zeigt einige erstaunliche Parallelen zum Vorgehen der sri-lankischen Armee beim Bürgerkrieg gegen die Tamil Tigers. Vom Januar bis Mai 2009 besiegte sie in einem umfassenden Militäreinsatz die Tamil Tigers-Rebellen. Für diesen Einsatz wurden sorgfältig alle ausländischen Journalisten des Landes verwiesen- genauso wie in Syrien. Präsident Rajapaksa sagt bis heute, dass kein einziger Zivilist getötet wurde- Assad sagt, dass es zumindest kein Befehl gab, Zivilisten zu töten.

In Wirklichkeit schätzte man die Zahl der Toten auf 7-9.000, andere gingen von 40.000 aus. Diese Zahl wurde auch in einer Dokumentation der BBC genannt. Manche gehen sogar von der doppelten Anzahl aus, also 80.000. In Syrien geht die UNO mittlerweile von 5.000 Toten aus, sagt aber gleichzeitig, dass es noch viel mehr sein könnten. Regimekritiker hatten schon im August die Zahl von 5.360 Toten aus, ein Deserteur schätzte Ende desselben Monats in einem Interview mit der ZEIT die Zahl auf 12.000. Eine weitere Parallele: Die Verbrechen werden von westlichen Sofastrategen regelrecht gefeiert.

In der WELT liest man noch heute Kommentare wie:

Ja sagt einmal, was hat man denn gedacht, wie die Regierung diesen Krieg gewonnen hat? Mit guten Worten? Und der Schlussteil ist völlig richtig, was passiert denn im Irak oder in Afghanistan? Oder in Syrien? Den Betroffenen kann es herzlich egal sein, wer sie wofür tötet, auch wenn wir aus der Ferne feingeistige Unterschiede machen.

oder:

Und was wäre die Alternative gewesen? Eine Verlängerung des Bürgerkriegs um weitere 50 Jahre ? Und dann hätten vielleicht die Tamilen die Oberhand bekommen?

Im Spiegel liest man über Assads Vorgehen gegen Deserteure:

Waffenschmuggel gehört bestraft. Und in Fällen kriegerischer Auseinandersetzungen (auch im Bürgerkriegsfall) sowieso. In D würde auch nicht anders reagiert werden. Was es bedeutet, nicht konsequent gegen gewalttätige Ausschreitungen vorzugehen, hat Libyen gezeigt.

oder:

Es ist weltweit nichts ungewöhnliches, wenn Deserteure erschossen werden. Insbesondere dann, wenn sie zum Feind überlaufen. Da ist ziemlich viel Heuchelei dabei. Bis vor wenigen Jahren waren hier in der Bundesrepublik Deserteure aus dem WKII noch verfemt und verurteilt.

Die Assad-Fans widersprechen sich ständig: einerseits wird das Horrorszenario einer islamistischen Machtübernahme an die Wand gemalt, da die Tunesier und Ägypter gezeigt haben, was bei freien Wahlen in arabischen Ländern herauskommt, andererseits werden die Demonstranten als „vom Ausland bezahlte Terroristen“ dargestellt- ja, was denn nun? Sind die Syrer mehrheitlich hinter Assad oder würden sie Islamisten an die Macht bringen? Gerade wenn Assad diese Gefahr an die Wand malt, handelt es sich um pure Heuchelei: Mit wem ist denn Assad befreundet? Iran, Hisbollah, Hamas… die müssen sich bestimmt peinlich berührt fühlen, wenn Assad vor Islamisten warnt, oder?

Wenn Assad weiterhin mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgeht, dann droht durchaus ein Bürgerkrieg, oder ein zweites Hama-82′-Style-Massaker. Der einzige, der es verhindern könnte, ist Assad- wenn er endlich einen Demokratisierungsprozess startet. Er könnte danach noch immer als Politiker weitermachen, obwohl er eigentlich sofort nach Den Haag gehört. Die Islamisten würden in Syrien eine große Opposition gegen sich haben- Kurden, Christen, Assad-Anhänger- ein ägyptisches Szenario droht nicht, eher ein tunesisches. Das ist aber allemal besser als ein Bürgerkrieg.

Ulbricht 1940, junge Welt 2012

Walter „Niemand hat die Absicht…“ Ulbricht war in seinem Exil 1940 gegen den Krieg gegen Nazi-Deutschland:

http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Ulbricht#Zwischen_1933_und_1945

„1940 verurteilte Walter Ulbricht in der von ihm herausgegebenen Stockholmer Zeitschrift „Welt“ jedoch die Vorschläge anderer Widerständler, England im Weltkrieg gegen Deutschland zu unterstützen. Er schrieb, dass fortschrittliche Kräfte nicht „den Kampf gegen den Terror und gegen die Reaktion in Deutschland führen“, nur um stattdessen dem „englischen Imperialismus” zum Sieg zu verhelfen. Ulbricht verteidigte den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und erklärte als Reaktion, das Hitlerregime werde unter anderem wegen der Stärke der Roten Armee nun im Gegensatz zu England notgedrungen einen friedlichen Weg einschlagen. „Die deutsche Regierung erklärte sich zu friedlichen Beziehungen zur Sowjetunion bereit, während der englisch-französische Kriegsblock den Krieg gegen die sozialistische Sowjetunion will“, so Ulbricht.“

Die junge Welt schreibt in derselben Tradition über das syrische Mordregime:

Wir fordern, daß die Bundesregierung

– die Embargomaßnahmen gegen den Iran und Syrien bedingungslos und sofort aufhebt;

– klarstellt, daß sie sich an einem Krieg gegen diese Staaten in keiner Weise beteiligen und die Nutzung deutscher Einrichtungen für eine Aggression durch USA und NATO nicht gestatten wird;

– sich auf internationaler Ebene für die Beendigung der Politik der Erpressung und Kriegsdrohung gegen den Iran und Syrien einsetzt.

Das iranische und syrische Volk haben das Recht, über die Gestaltung ihrer politischen und gesellschaftlichen Ordnung allein und souverän zu entscheiden. Die Erhaltung des Friedens verlangt es, daß das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten konsequent eingehalten wird.

Zu der Zeit, in der Ulbricht Hitlers „friedliche Beziehungen zur Sowjetunion“ lobte, waren die deutschen Kommunisten schon im KZ, aber ihm war es wichtiger, gegen England zu sein, als gegen eine totalitäre Regierung zu kämpfen. Bei den heutigen Linken ist es ähnlich: Lieber gegen die “Zionisten” und den “amerikanischen Imperialismus” als für die Demonstranten in Syrien (auch, wenn sie nicht immer friedlich sind). Man hasst den Westen mehr, als man die Freiheit liebt. Es gibt ein Begriff für sowas: Westophobie.

2 Antworten to “Syrien = Sri Lanka”

  1. Besucher Says:

    Assad hat einer Verfassungsreform für März bereits zugestimmt, lesen Sie mal nach, darin wird die Baath-Partei wohl ihre Führungsrolle abgeben.

    Aber ich fresse einen Besen wenn die Islamisten nicht wieder einen Haufen Kohle und logist. Unterstützung aus den Golf-Staaten bekommen…wir werden ja sehen.
    Im Nachhinein ist das Geschrei mal wieder groß: Och, die wollten doch keine Demokratie…so was aber auch.

    • arprin Says:

      Wenn Assad es jetzt mit dem Referendum ernst meint, dann ist es gut. Nur der Glaube, dass er es tut, fehlt mir total.

      Alles ist besser als ein Bürgerkrieg. Selbst wenn die Muslimbrüder die Wahlen gewinnen (was wahrscheinlich ist). Sie hätten, genauso wie in Tunesien, eine starke Opposition gegen sich: Kurden, Christen, Alawiten, machen alleine schon etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. Und dann sind ja noch die sunnitischen Assad-Anhänger.

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