Die Mutter aller Schlachten

kl

Demonstranten im Tahrir-Platz im Februar 2011

Eine Verteidigung des Arabischen Frühlings

55 Millionen Menschen mussten sterben, um uns zu demokratisieren. Hat es sich gelohnt? Nun, seit mehr als 60 Jahren hat es in Deutschland keinen Putsch, keinen Bürgerkrieg, keinen Völkermord und keine Konzentrationslager mehr gegeben. Die Bundesrepublik Deutschland ist eine stabile, parlamentarische Demokratie, in der Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit und Reisefreiheit garantiert sind. Trotzdem: Waren die 55 Millionen Tote wirklich notwendig? Diese Frage scheint zynisch, aber man muss sie mit ja beantworten. Demokratisierung führt meistens über Blutbäder. Man denke nur an die Französische Revolution oder an den Bürgerkrieg in den USA, die beide ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Demokratie waren.

Warum ist das so? Weil Diktaturen immer ein schweres Erbe hinterlassen. Ein Land, der keine demokratische Tradition hat, kann sich nicht von Tag über Nacht in eine lupenreine Demokratie verwandeln. Es dauert normalerweise Jahrzehnte. Aber man muss diesen Weg gehen, egal wie blutig er endet. Vor 9 Jahren waren sich die Konservativen sicher, dass auch im Irak eine Demokratie möglich ist. Dafür wurde ein laizistischer Diktator gestürzt, es folgte die Zeit der Islamisten, die massive Vertreibung der Christen und allgemeines Chaos- also genau das, was gerade in Ägypten passiert. Aber während die Konservativen Bushs Projekt dennoch lobten, kritisieren sie nun das eigenständige Projekt der arabischen Völker. Ich aber sage: Lasst die Araber diesen Weg gehen! Egal, wie blutig er noch wird. Es wird Zeit, dass sie ihn beschreiten.

Was wäre denn auch die Alternative? War der Nahe Osten vor 2011 wirklich so viel besser als das, was uns jetzt bevorsteht? Die arabischen Länder wurden nicht von friedlichen, säkularen Camp David-Politikern regiert, sondern von einem Haufen nationalistischer, antisemitischer Massenmörder. Statt im Namen des Islams wurde die Bevölkerung im Namen des arabischen Nationalismus oder Sozialismus unterdrückt. Ethnische Minderheiten wie z.B. die Kurden wurden wie Menschen zweiter Klasse behandelt, von Meinungsfreiheit hielten auch die säkularen Herrscher nicht viel. Der Kampf gegen Israel war für die arabischen Nationalisten nicht weniger verpflichtend als für die Islamisten. Zumindest für Israel wird es wohl nicht schlimmer, sondern höchstens genauso schlimm kommen. Säkularismus führt auch nicht automatisch zu mehr Demokratie. Die Nazis waren säkular, aber nicht weniger schlimm als die Muslimbrüder oder Salafisten unserer Zeit.

Die zivilisatorische Krise der islamischen Welt

Wie kommt es, dass bei demokratischen Wahlen totalitäre Parteien an die Macht kommen? In der deutschen Geschichte gibt es dafür bekanntlich ein großes Forschungsexperiment. Warum haben die Deutschen die NSDAP gewählt? Die meisten Deutschen waren wohl keine genozidlüsternen Faschisten. Der Grund war einfach: Die Deutschen fühlten sich als Verlierer. Sie empfanden eine mörderische Wut auf die Siegermächte und waren durch die Wirtschaftskrise zusätzlich gedemütigt. Die Muslime fühlen sich heute ebenfalls zum großen Teil als Verlierer. Statt den Siegermächten hasst man die USA und Israel. Die großen wirtschaftlichen Probleme sind durchaus vergleichbar mit denen zur Zeit der Weimarer Republik, wenn nicht schlimmer. Genauso wie Deutschland während der Weimarer Republik haben die muslimischen Länder heute keine oder nur eine sehr kleine demokratische Tradition. Wenn sich große Teile eines Landes als Verlierer fühen, blüht die Anhängerschaft der Populisten, die den ganzen Frust der Bevölkerung verkörpern. In der Weimarer Republik waren es die Nationalisten, in der muslimischen Welt sind es die Islamisten.

Schauen wir uns einige Fakten zur arabischen und muslimischen Welt an, die die Rückständigkeit gegenüber dem Westen verdeutlichen: Die gesamte ökonomische Leistung der arabischen Welt fällt ohne die Öleinnahmen weniger ins Gewicht als die des finnischen Telefonkonzerns Nokia. Es werden jährlich weniger Bücher ins Arabische übersetzt als ins Griechische. In den letzten 400 Jahren haben die Araber keine nennenswerte Erfindung hervorgebracht. Muslime machen 20% der Weltbevölkerung aus, haben aber nur 0,2% der Nobelpreise abgeräumt. Die intellektuellen Debatten drehen sich u.a. darum, wie fest man seine Frau schlagen soll oder ob es in Ordnung ist, beim Geschlechtsverkehr völlig nackt zu sein. Der saudische Scheich Ibn Baz erklärte in einem seiner Bücher aus dem Jahr 1982, dass die Sonne um die Erde rotiert. Im irakischen Fernsehen wurde noch 2007 eine Debatte über die Frage abgehalten, ob die Erde eine Scheibe ist.

Den Aufstieg des Islamismus habe ich bereits in diesem Artikel beschrieben. Nach dem Ende des Osmanischen Reichs  kamen in den neu entstandenen Staaten säkular orientierte Herrscher an die Macht. Doch weder den Nationalisten noch den Sozialisten gelang es, die Rückständigkeit der muslimischen Welt gegenüber dem Westen dauerhaft zu überwinden. Die als demütigend betrachteten Niederlagen gegen Israel und vor allem die wirtschaftliche Stagnation trugen dazu bei, dass der „panarabische Sozialismus“ für die einheimische Bevölkerung immer unattraktiver wurde. Der Islamismus wurde zu einer attraktiven Alternative. Die Scharia wurde ab den 1970ern in vielen Ländern wieder zur Rechtsgrundlage erklärt. Der islamistische „Marsch durch die Institutionen“ begann in den 1960ern und führte dazu, dass der Säkularismus immer weiter ausgehöhlt wurde. Diese Entwicklung begann längst vor dem Arabischen Frühling.

Der Mythos vom säkularen und friedlichen Nahen Osten

Die Behauptung, dass der Nahe Osten vor 2011 mehrheitlich säkular gewesen ist, ist falsch. In Ägypten galt gemäß Artikel 2 der Verfassung die Scharia als Grundlage der Rechtsordnung. Viele Minister waren Muslimbrüder. Es war Christen verboten, zu missionieren, Kirchenbau war nur eingeschränkt möglich. Homosexualität war verboten, es kam regelmäßig zu Verhaftungen und Folterungen. Polygamie war erlaubt, Frauen hatten keine Reisefreiheit, sondern mussten ihrem Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie verreisen wollten. Das Baath-Regime in Syrien gilt für viele Analysten als „Beschützer“ der christlichen Gemeinschaft im Land. Tatsache ist aber, dass es auch in Syrien für Christen verboten ist, zu missionieren und Apostasie bei Muslimen bestraft wird. Die Frauen sind nicht vollkommen gleichberechtigt: Polygamie ist erlaubt und ein Gesetz ermöglicht es Männern, die eine weibliche Verwandte getötet haben, der Bestrafung zu entkommen, falls die Tat während eines „spontanen Wutanfalls“ geschah. Homosexualität ist ebenfalls verboten.

Auch in Gaddafis Libyen hat es eine starke Islamisierung gegeben, obwohl man Gaddafi heute als säkularen Herrscher in Erinnerung hat. Der Koran war laut Artikel 2 die Rechtsgrundlage der Verfassung. Im Personen-, Familien-, Erb- und Strafrecht galt die Scharia. Polygamie war erlaubt, Homosexualität strafbar. Zina (Ehebruch und Unzucht) wurde mit 100 Stockhieben bestraft, auch die Verleumdung wegen Zina war strafbar. Ein Christ musste konvertieren, wenn er einen Muslim heiraten wollte. Christliche Missionierung war verboten, bei Apostasie folgte die Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Es gab ein islamkonformes Zinsverbot. Egal wo man hinschaut, der Islam spielte schon vor 2011 in der muslimischen Welt eine größere Rolle als man es von säkularen Staaten erwarten würde. Mit Ausnahme der Türkei und Tunesien war Polygamie in jedem muslimischem Land erlaubt. In keinem muslimischen Land war christliche Missionierung erlaubt, Apostaten mussten rechtliche Diskriminierungen erleiden. Homosexuelle Handlungen waren auch in Staaten wie Tunesien, Algerien, Marokko und Jemen verboten. Selbst in der Türkei sind Christen und Aleviten nicht völlig gleichberechtigt.

Auch die Gewalt gehörte schon vor 2011 zum Alltag. Es gab kaum ein Land, das nicht von blutigen Massakern heimgesucht wurde. Ob Marokko (Westsaharakonflikt), Algerien (Bürgerkrieg in den 1990ern), Libyen (Krieg gegen Tschad und Ägypten, Terroranschläge im Ausland), Ägypten (Kriege gegen Israel), Libanon (Bürgerkrieg 1975-90), Jordanien (Schwarzer September 1970), Irak (Saddams Gewaltherrschaft) oder Jemen (Bürgerkrieg 1962-70). Waren die säkularen Tyrannen Saddam, Assad und Gaddafi besser als Khomeini, Nasrallah und Mullah Omar? Nein, weder für ihre eigene Bevölkerung noch für Israel. Ägypten und Jordanien schafften es sogar, Friedensverträge mit Israel zu schließen und in den Medien weiter gegen Israel zu hetzen. Warum also wird der „säkulare“ Nahe Osten vor 2011 als etwas besseres angesehen als der islamistische nach 2011? Und eine Frage ist da noch: Wie groß ist überhaupt die Gefahr, dass die Islamisten jetzt überall in der arabischen Welt die Macht übernehmen werden?

Wie groß ist die islamistische Gefahr?

Wenn es den Populisten nicht gelingt, die wirtschaftliche Lage ihrer Bevölkerung zu verbessern, nimmt ihr Rückhalt in der Bevölkerung schnell ab. Sie können sich dann nur durch die Anwendung von Gewalt an der Macht halten. Ein Beispiel dafür liefert der Iran. Wirtschaftlich ging es mit dem Iran unter den Mullahs bergab, das Pro-Kopf-Einkommen ist heute um ein Drittel niedriger als 1978. Die heutige Jugend hat längst die westliche Popkultur angenommen und den Mullahs den Rücken gekehrt. Die meisten Iraner sind überhaupt keine Israelhasser, die Grüne Bewegung wird nicht von Islamisten beherrscht, aber repräsentiert einen großen Teil der iranischen Bevölkerung. Die Mullahs können sich nur mittels Gewalt an der Macht halten. Inwiefern lässt sich die Situation im Iran mit der in Ägypten vergleichen? Wir können davon ausgehen, dass es weder den Muslimbrüdern noch den Salafisten gelingen wird, die immensen wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen. Und da es auch bei den Arabern heißt „It’s the economy, stupid!„, werden die islamistischen Kräfte schnell den Rückhalt der Bevölkerung verlieren.

Doch in einer Hinsicht lässt sich die damalige Entwicklung im Iran nicht mit der in Ägypten vergleichen. Die Mullahs begannen sofort, eine antiamerikanische und antiisraelische Außenpolitik zu betreiben. Die Ägypter können es sich aber nicht leisten, den Frieden mit Israel zu brechen, man ist abhängig von amerikanischer Entwicklungshilfe und die IDF wird nicht tatenlos zuschauen, wenn Ägypten zum Krieg aufrüstet. Bevor Ägypten eine militärische Bedrohung für Israel wird, ist man schon dreimal hintereinander bankrott gegangen. Die Lage in Ägypten lässt sich eher mit der in Pakistan Anfang der 1990er Jahre vergleichen. Genauso wie in Ägypten war Pakistan in den vorangehenden Jahrzehnten zunehmend islamisiert worden. Die äußerst brutalen Hadd-Strafen wurden wieder eingeführt und ein Abschluss an einer Madrasa (religiöse Hochschule) dem einer staatlichen Universität gleichgesetzt. Genauso wie in Ägypten war auch in Pakistan das Militär die treibende politische Kraft. Im Jahr 1990 geschah dann das, was nun in Ägypten geschehen ist: Eine islamistische Parteienallianz kam an die Macht. Was kam danach?

Nach nur zwei Jahren war die islamistische Allianz auseinandergebrochen. Die Gründe waren eine zu lasche Auslegung der Scharia- die auch zu Konflikten zwischen Muslimbrüder und Salafisten führen könnte- und die Tatsache, dass man sich keine antiamerikanische Außenpolitik leisten konnte- genauso wie es in Ägypten der Fall sein wird. Die Folge: Der Wahlerfolg der Islamisten blieb ein statistischer Ausreißer, in den nachfolgenden Wahlen spielten sie keine Rolle mehr. Die derzeit wichtigsten Parteien- die PPP, PML und die MQM- gelten als säkular. Es besteht keine große Gefahr eines islamistischen Umsturzes. Und dass, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung die Todesstrafe für Ehebrecher und Apostaten sowie das Hand abhacken für Diebe befürwortet. Ein Grund für die Ablehnung der Islamisten dürfte sein, dass sich die Armee im Nordwesten des Landes in einem Krieg mit radikalen Islamisten befindet, dem Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind und 3,4 Millionen zu Flüchtlingen gemacht hat. Zwar unterstützten Teile des pakistanischen Geheimdienstes (ISI) die Taliban und al-Qaida, doch handelt es sich beim ISI um einen „Staat im Staate“, der oft auf eigene Faust handelt.

Das Vefallsdatum der Islamisten

Ein weiteres Beispiel für den Verfallsdatum der Islamisten liefert der Irak. Im Irak bekamen islamistische Parteien bei den ersten demokratischen Wahlen des Landes im Jahr 2005 rund 60% der Wählerstimmen. Die Christen wurden gejagt, die Infrastruktur brach zusammen, die al-Qaida rekrutierte Tausende Jugendliche. Die Iraker merkten jedoch, dass es gerade die Islamisten waren, die mit ihren ständigen Selbstmordattentaten, Entführungen und gegenseitigem Morden für ihr Leid verantwortlich waren. Bei den nächsten Wahlen stimmte bereits die Mehrheit für säkulare Parteien. Die Islamisten verloren den Rückhalt der Bevölkerung, die Amerikaner konnten sie militärisch in die Knie zwingen. In diesem Monat zeigt eine Umfrage, dass 70% der Iraker der Meinung sind, dass Religion keine Rolle in der Politik spielen sollte. Die Demokratisierung des Irak hatte mit denselben negativen Nebenerscheinungen zu kämpfen wie es Ägypten gerade durchmacht. George W.Bush sagte Ende 2003 dennoch selbstbewusst: „Die irakische Demokratie wird gelingen, und dieser Erfolg wird von Damaskus bis Teheran die Botschaft verbreiten, dass Freiheit die Zukunft jeder Nation sein kann. Die Errichtung eines freien Irak im Herzen des Nahen Ostens wird ein Wendepunkt in der globalen demokratischen Revolution sein.“

Interessant ist auch ein Blick nach Afghanistan. Die Afghanen haben sicher andere Wertevorstellungen als die Menschen im Westen- aber sie sind keine Anhänger der Taliban. In Afghanistan herrschten nach dem Sturz der kommunistischen Regierung 1992 neun Jahre lang islamistische Milizen, unter ihnen die Taliban, über das Land- sie plünderten, mordeten, vergewaltigten. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Afghanen nicht die Taliban, sondern den säkularen, demokratisch orientierten Staatsmann Ahmad Shah Massoud bewundern. Mehr als 1 Million Menschen flohen vor den Taliban in die von Massoud kontrollierten Gebiete- was beweist, dass die Afghanen die Taliban abgelehnt haben. Massoud errichtete demokratische Institutionen, unterschrieb die Deklaration für Frauenrechte und förderte die nationale Kultur. Nach der Befreiung durch die NATO jubelten die Menschen in Kabul ausgelassen auf der Straße. In den nächsten Jahren kehrten mehr als 4 Millionen Flüchtlinge in das Land zurück (sie waren teilweise noch während der sowjetischen Besatzung geflohen).

Eine Umfrage aus dem Jahr 2010 zeigte, dass nur 4% der Afghanen eine positive Meinung zu den Taliban hatten (79% hatten eine sehr schlechte Meinung), während 63% die Stationierung von US-Truppen befürworteten und 59% der Meinung sind, dass der Präsident Karzai der Bevölkerung ein besseres Leben ermöglicht. (Quelle) Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll: Wenn demokratische Wahlen stattfinden, kommen zuerst Islamisten an die Macht, ob in Pakistan, Algerien, Irak, Gaza oder Ägypten- doch sie verlieren sehr schnell den Rückhalt der Bevölkerung. Die Gründe dafür sind verschieden. Manchmal, wie in Pakistan, können die Islamisten ihre Wahlversprechen einfach nicht erfüllen. In anderen Fällen, wie z.B. im Irak, führt ihre rücksichtslose Gewaltanwendung dazu, dass sich die Islamisten unbeliebt machen. Aber was passiert, wenn die Islamisten doch an der Macht bleiben? Dann muss man sie mit allen möglichen Mitteln bekämpfen, notfalls auch mit militärischen.

Wie man Islamisten eindämmen kann

Wie lässt es sich verhindern, dass die Islamisten eine totalitäre Diktatur errichten, wenn sie an die Macht kommen? Es muss vor allem eine starke Opposition vorhanden sein. Die Mullahs im Iran oder die Taliban in Afghanistan sind nicht demokratisch an die Macht gekommen und hatten deshalb auch keine gegnerische Opposition. In Tunesien ist das anders. Die Ennahda-Führer werden das Land sicher islamischer machen, aber nicht in einen neuen Iran verwandeln. Es wurde bereits angekündigt, dass weder die Scharia noch andere religiöse Konzepte in die Verfassung aufgenommen werden. Die Übergangsregierung in Tunesien hatte als erstes Land in Nordafrika die Todesstrafe abgeschafft, die Zensur gelockert und der Ausnahmezustand aufgehoben. Auch in Syrien dürfte eine starke Opposition von Kurden, Christen, Alawiten und sunnitischen Assad-Anhängern die Islamisten in Schach halten können. Das Programm des oppositionellen syrischen Nationalrats erwähnt weder den Islam noch die Scharia. Zwei Länder, indem Islamisten schon seit Jahrzehnten an den Wahlen teilnehmen, ohne dass sie ihr Land in ein zweites Iran verwandelt hätten, sind Marokko und Jordanien. Die Islamisten haben sich dort mit der gewaltlosen Koexistenz mit der Monarchie verständigt. In Marokko gewannen die Islamisten bei den letzten Wahlen 27%.

Die Islamische Aktionsfront (IAF), der jordanische Zweig der Muslimbrüder, existiert seit 1945. Der König hatte 1958 alle Parteien bis auf die Islamisten verboten. Sie errichteten ein Netzwerk von Krankenhäusern, Schulen, Zeitungen und Unternehmen. Die Bevölkerung profitierte sicherlich davon. Die Islamisten auch. Im Gegensatz zu Ägypten oder besonders Syrien ist in Jordanien kein einziger Muslimbruder hingerichtet worden, es gab keinen gewaltsamen Umsturzversuch. Die Islamisten wissen, dass sie im Falle einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Regime eine vernichtende Niederlage einstecken müssten. Im Jahr 1989 führte der König im Zuge der damaligen weltweiten Demokratisierungsphase ein Mehrparteiensystem ein. Die Islamisten entschieden sich, bei den Wahlen anzutreten, selbst, wenn sie nur als Minderheit in einer Koalitionsregierung enden. Die Bilanz der IAF liest sich eher bescheiden: 1993 erreichte man 17 von 80 Sitzen im Parlament. 1997 boykottierte man die Wahlen, 2003 erreichte man mit 14,5% das bisher beste Ergebnis, 2007 waren es aber nur 5,5%- eine herbe Pleite.

Ein Grund könnte der Schock sein, den die Selbstmordattentate in Amman 2005 auslösten. Im Jahr 2002 befürworteten 43% der Jordanier Selbstmordattentate auf Zivilisten, 2007 waren es 23%. Die Wahlen 2010 wurden wiederum boykottiert, weil man Manipulationen befürchtete. Das Ziel der IAF ist immer noch ein islamischer Staat, das steht außer Frage. Sie bezeichnen noch heute den Friedensvertrag mit Israel als „Verrat“, hetzen in Medien gegen Israel und beglückwünschen die Iraner bei Fortschritten in ihrem Atomprogramm. Frauen, religiöse Minderheiten, Palästinenser und Homosexuelle müssen in Jordanien Diskriminierungen erleiden, die Pressefreiheit ist begrenzt. Aber im Vergleich zu seinen Nachbarn ist das Königreich momentan ein Hort der Freiheit und Vernunft. Syrien mag zwar im Gegensatz zu Jordanien ein säkularer Staat sein, dafür aber auch ein viel schlimmerer Polizeistaat. Die Demonstrationen, die Jordanien im Rahmen des Arabischen Frühlings erfassten, wurden vom König ausdrücklich erlaubt, in Syrien hat der Aufstand offiziell 6.000 Menschen das Leben gekostet. Und während Assad Palästinenser auf die israelische Grenze schickte, ging ein geplanter „Marsch der Millionen“ auf die israelische Botschaft in Amman aufgrund der Bereitstellung jordanischer Sicherheitskräfte gründlich in die Hose.

Es gibt keinen Kampf der Kulturen

Auf Dauer wird die Menschheit sowieso nicht darum herum kommen, die muslimische Welt zu demokratisieren. Die Muslime werden nicht einfach verschwinden, weder durch Konversion noch auf demografischem Wege. Bis zum  Jahr 2025 oder 2030 wird der Islam die größte Religionsgemeinschaft der Welt sein. Der Koran wird die Bibel als das meistverkaufte Buch der Welt ablösen, das Opferfest Weihnachten als das höchste religiöse Fest, Mekka Jerusalem als die wichtigste Stadt für Gläubige und Mohamed Jesus als den bekanntesten Prophet der Welt. Für die meisten wird Jesus nur ein Ankündiger Mohameds sein- ein Gedanke, bei dem der Papst sicher Übelkeit verspürt. Viele Menschen empfinden regelrechte Panik über diese Entwicklung, denn sie hegen Zweifel, dass die Muslime überhaupt zu Demokratie fähig sind. Diese sind sicher nicht unbegründet. Die blutige Jagd auf Christen in Nigeria, der immer stärker werdende Fundamentalismus in Russland und Zentralasien, die Wahlsiege der Islamisten in der arabischen Welt, Terrorzellen, Scharia-Gerichte und schariabefreite Zonen in Europa und Nordamerika. Aber sie irren sich. Demokratie ist kein Kulturkreis, sondern ein zivilisatorischer Fortschritt. Japan und Indien können genauso demokratisch sein wie Deutschland und die USA.

Schauen wir uns mal die historische Entwicklung des Islams und des Westens an. Die westliche Kultur existiert seit mehr als 1200 Jahren, doch erst seit den 1970ern gibt es demokratische Gesellschaften, die diesen Namen wirklich verdienen. Die islamische Kultur brachte während des Mittelalters viele Errungenschaften hervor, die bis heute von großer Bedeutung sind, muslimische Intellektuelle stellten öffentlich die Existenz Gottes in Frage und die Muslime waren die Imperialisten der damaligen Zeit. Ab dem 13.Jahrhundert ging diese goldene Zeit des Islams allmählich zu Ende. Will Durant drückte es so aus: „Astronomie war wieder zur Astrologie, Chemie zur Alchemie, Medizin zur Magie und Geschichte zum Mythos geworden.“ Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der Islam am Ende. Die westliche Kultur hatte einen totalen Sieg davongetragen. Es gab nur vier unabhängige muslimische Staaten (Persien, Arabien, Marokko, und das Osmanische Reich), allein im britischen Kolonialreich lebten mehr als ein Viertel der Muslime. Die Anzahl der Christen übertraf die der Muslime bei weitem. Die islamischen Länder waren für die Europäer nur einer von vielen Spielbällen imperialistischer Interessen. Diese zivilisatorische Krise hält bis heute an, aber der Islam kann sie überwinden. Ein anderes Beispiel: China wird noch immer von einer totalitären Partei regiert, doch die politische Entwicklung in Taiwan zeigt, dass die Chinesen zur Demokratie fähig sind. Wer würde das Gegenteil behaupten?

Wir erleben aktuell nicht einen gegenseitigen Kampf der verschiedenen Kulturkreise, sondern lediglich eine Zeit der Aggression des islamischen Kulturkreises. Davon betroffen ist der westliche Kulturkreis genauso wie der hinduistische (Massaker zwischen Hindus und Moslems in Indien) und der afrikanische (so z.B. im Sudan und in Nigeria) und teilweise sogar der asiatische (in einigen südostasiatischen Ländern). Es gibt übrigens einige kleine Anzeichen dafür, dass der Islam als politischer Machtfaktor in den nächsten Jahren abnehmen könnte. Obwohl die Muslime auch in den nächsten Jahrzehnten die am stärksten wachsende Religion sein werden, nimmt ihre Geburtenrate weltweit betrachtet dramatisch ab. Im Iran sank sie in den letzten 30 Jahren von 6,5 auf 1,7. Auch Muslime im Westen bekommen immer weniger Kinder. Umfragen in der islamischen Welt zeigen einen leichten Rückgang von fundamentalistischen Einstellungen. Netanyahu sagte vor dem US-Kongress treffend: „Der militante Islam bedroht die Welt. Er bedroht den Islam. Ich habe keine Zweifel, dass er am Ende besiegt werden wird. Er wird am Ende den Kräften von Freiheit und Fortschritt unterliegen. Aber wie andere Fanatismen, die zum Scheitern verurteilt waren, könnte der militante Islam vor seinem unvermeidlichen Untergang einen fürchterlichen Preis von uns allen fordern.“

Warum der Weg zur Demokratie so blutig ist

Als der französische König Ludwig XVI. von dem wild gewordenen Pöbel enthauptet wurde, ahnten wohl nur wenige, was den Franzosen in den nächsten Jahren bevorstand. Die Terrorherrschaft des wahnsinnigen Robespierre, der Genozid in der Vendee und schließlich die Machtergreifung Napoleons. Die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde übrigens erst 80 Jahre später zum Motto der Revolution erklärt. War die Revolution deswegen falsch? Sie ging in die falsche Richtung, aber dennoch war sie notwendig, denn Frankreich wäre sonst möglicherwiese bis heute eine absolutistische Monarchie, in der nur die Geburt über die soziale Stellung aller Menschen entscheidend ist und eine winzige Minderheit auf Kosten des ganzen Landes lebt. Irgendwann musste was passieren. Die Errungenschaften der Revolution waren u.a. die Nationalversammlung, die Deklaration der Menschenrechte, die „Judenemanzipation“ und der Code Civil. Das Jahr 1789 stellte den Beginn eines langen Kampfes in Europa dar, der schließlich Verfassungen, Parlamente, Parteien sowie Religions- und Meinungsfreiheit hervorbrachte. Das war es wert.

Natürlich könnten die Könige oder Diktatoren versuchen, ihr Land aufzubauen und die Gesellschaft zu modernisieren. Aber die Geschichte zeigt uns, dass sie meistens lieber ihr Land ausbeuten als ihrem Volk zu helfen. Ein Diktator kann sein Land nicht demokratisieren, nur das Volk kann es. Dafür müssen sie auch mal die falschen Entscheidungen treffen, so verheerend sie auch sein mögen. Am Anfang sind es immer die falschen, denn wenn die Demokratie über Jahrhunderte unterdrückt wurde, kann sie nicht einfach beim ersten Mal funktionieren. Frankreich 1789, Irak 2003, Ägypten 2011- Demokratisierung führt oft über Blutbäder. Wie viel Blut wurde im Westen auf dem Weg zur Demokratie vergossen? Viele Male wurden liberale Revolutionen von totalitären Despoten „gestohlen“ und in eine Katastrophe geführt. Aber irgendwann wird jeder Despot gestürzt und die Demokratie zieht ein. Diesen Prozess hat jede Demokratie durchgemacht. Es ist die Mutter aller Schlachten.

Man kann es mit einem Gleichnis ausdrücken: Wenn jemand eine Infektion hat, kann er versuchen, die Schmerzen jahrelang mit Medikamenten zu bekämpfen. Er kann sich aber auch für die noch schmerzhaftere Operation entscheiden, die den Eiter beseitigt. Das tut zwar weh, aber auf Dauer hat man weniger Schmerzen. In Europa war diese Operation äußerst schmerzhaft, aber sie hat sich gelohnt. Es wird für die Muslime Zeit, die Operation durchzuführen. Vielleicht ist sie am Ende sogar weniger schmerzhaft als die Infektion. Und wenn dann der Eiter (der Islamismus) tatsächlich verschwunden ist, sind wir dem Ende der Geschichte ein großes Stück näher gekommen.

11 Antworten to “Die Mutter aller Schlachten”

  1. shaze86 Says:

    Ich bin auch für die Demokratisierung der arabischen Welt bzw. der ganzen Welt. Den Assad sollte man davon jagen!

    Doch ich kann mich der These „Demokratie um jeden Preis“ nicht anschließen. Das Ziel muss es seien die Demokratisierung menschen-schonend zu erreichen.

    Außerdem bin ich seit langem der Meinung: Nicht der Zweck heiligt die Mittel. Sondern die Mittel heiligen den Zweck.

  2. Besucher Says:

    „Nun, seit mehr als 60 Jahren hat es in Deutschland keinen Putsch, keinen Bürgerkrieg, keinen Völkermord und keine Konzentrationslager mehr gegeben.“

    Also soweit ich weiß gab es dass zwischen 1848 und 1914 auch nicht in Deutschland (in den Grenzen des Bismarckschen Orbits)
    und das waren immerhin 66 Jahre.

    „ie Bundesrepublik Deutschland ist eine stabile, parlamentarische Demokratie, in der Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit und Reisefreiheit garantiert sind.“

    Garantiert werden kann viel, aber wie sieht die Realität aus?

    In einem Land in dem ein Horst Mahler länger im Gefängnis sitzt als ein 32jähriger Lehrer der mit einer 14jährigen schläft (der wird nicht mal belangt), da ist es nicht weit her mit der Meinungsfreiheit, oder? Da ist es generell mit der Justiz nicht so gut bestellt, oder?

    Im Grunde argumentieren sie wie ein Trotzkist der sein großes Ziel vor Augen hat und nicht merkt wie er über Leichenberge marschiert.
    Aber vielleicht loben sie die französische Revolution mal nicht zu sehr: Sie hat einen Napoleon hervorgebracht ohne den wiederum der deutsche Nationalstaat undenkbar gewesen ist, gelle?

    • arprin Says:

      Ihr widerlicher Kulturrelativismus ist unerträglich.

      Es wird immer Justizpannen, Korruptionsskandale und Kriminalität geben, aber wollen sie wirklich leugnen, dass die BRD das rechtsstaatlichste Konstrukt der deutschen Geschichte ist?

      Ein Land muss nun mal auf dem Weg zur Demokratie die Totalitären, die diesen Prozess unterbrechen oder stehlen, bekämpfen (Trotzki ist selbst ein Totalitärer). Das geht manchmal nur mit Gewalt.

  3. Besucher Says:

    Zu Syrien empfehle ich mal diesen Artikel zu lesen:

    http://fjordman.wordpress.com/2011/10/19/syrien-im-wurgegriff-%E2%80%9Eschmutziges-spiel%E2%80%9C/

    • arprin Says:

      Warum sind eigentlich Linksextreme und Rechtsextreme gleichermaßen für Assad?

      Tja, gleich und gleich gesellt sich gern.

      Der echte Amina Abdallah, Tom MacMaster, ist übrigens ein antiamerikanischer, antiisraelischer, islamophiler, linker US-Student in Schottland:
      http://hurryupharry.org/2011/06/13/the-anti-israel-propagandists-who-faked-the-amina-arraf-gay-girl-blog/
      http://www.exmuslime.at/goldenebanane/414-tom-islam-ist-friede-macmaster

      Hunderte syrische Aktivisten wurden von Sicherheitskräften und dem Militär getötet. Und ihr leugnet das einfach. Damit macht ihr euch zu Mittätern.

      • Besucher Says:

        „Aktivisten“ ist gut. Sind das die mit den Sprengbomben, aus dem Artikel?

        Wenn sie schon von Mittätern schreiben nur weil man die Berichterstattung anders sieht als von ARD und ZDF, RTL etc. vorgekaut, dann sind sie genausogut Mittäter an denen von Ihnen als „Kollateralschäden“ in Kauf genommenen Opfern der sogenannten arabischen Revolutionen (Christen, Säkulare etc.) „für die Demokratie“, dem hohen Ziel untergeordnet.

        Mit ihrer Denkweise „Sehnsucht nach dem hohen Ziel“ könnten Sie sich mit den Sowjetmenschen die Hände reichen.

      • arprin Says:

        Ja genau, alle Demonstranten sind Terroristen. Alle Videos von friedlichen Demonstranten sind gefaked, alle Videos von Terroristen echt. Die westlichen Medien lügen, das syrische Staatsfernsehen sagt die Wahrheit. Und Assad ist ein lupenreiner Demokrat, genauso wie Gaddafi, Putin und Fidel Castro…

      • Besucher Says:

        Von allen war ja gar nicht die Rede…es ist nur nicht so wie es uns hier in den Medien weisgemacht werden soll.

        Assad der absolut böse, die Opposition das schöne wahre Gute.
        Dämonisierung und Schwarz-Weiß-Malerei, so kriegt man jedes Eingreifen legitimiert. (siehe Kosovo)

  4. Silem Says:

    aprin ich möchte mich bei dir bedanken. Ich selbst fühle mich in einem ewigen Kampf gegen Radikalismus in Foren und der Öffentlichkeit. Vorallem die Sache mit Syrien treibt mir regelmäßig die Wut in mein Gesicht, ich sehe Bilder von Toten und Videos von toten Aktivisten und muss lesen wie sowas geleugnet wird.

    Danke das ich nicht alleine dabei bin für Demokratie zu schreiben

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