Fußball – Die friedlichste Religion der Welt?

Es ist wieder Zeit für Fußball

Das runde Leder fasziniert Menschen überall auf der Welt

Es ist der 29. Juli 2007. Im Irak hat die Polizei ein Fahrverbot verhängt. Die Sicherheitskräfte sind besorgt. In den nächsten Stunden stürmen Menschenmassen die Straßen von Bagdad, Basra und Kirkuk. Sie schießen mit ihren Gewehren, singen Lieder, die Polizei ist machtlos. Was war passiert? Der Irak hatte an diesem Tag mit einem Sieg gegen Saudi-Arabien die asiatische Fußballmeisterschaft gewonnen. Sunniten, Schiiten und Kurden feiern ausgelassen auf den Straßen. Die Gewehre geben Freudenschüsse ab. In den nächsten Stunden werden sieben Menschen durch Querschläger getötet. Für die Iraker war dieser Sieg dennoch das freudigste Ereignis der letzten Jahre. Seit Jahren oder Jahrzehnten hatten die Menschen nicht mehr so ausgelassen gefeiert, ähnliches hatte Deutschland nach dem sensationellen Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 („Wunder von Bern“) erlebt.

Es gibt nur eine Sportart auf der Welt, die so viele verschiedene Menschen, Länder und Kulturen aus den entferntesten Winkeln der Erde in den Bann zieht: Fußball. Als der FC Barcelona im Jahr 2009 alle möglichen Titel gewann, stieg die Geburtenrate in der Stadt um 45%. In Deutschland stieg die Zahl der Herzinfarkte während der WM-Spiele 2006 um das 2,7-fache. In Brasilien sanken die Einnahmen des Einzelhandels während der WM vor zwei Jahren um mehr als 50%, die Verluste beliefen sich auf umgerechnet 55 Milliarden Dollar. In Saudi-Arabien wurden Tests während der WM 2006 verboten, weil die Noten der Schüler abstürzten. In Bolivien bekamen die Schüler während der WM 1994 sogar komplett schulfrei. In Honduras wurde der Tag, an dem man sich zum zweiten Mal für eine WM qualifizierte, zum Feiertag ausgerufen. In Trinidad&Tobago unterbrach das Parlament eine Sitzung, als sie von der Qualifikation für die WM erfuhren, und rief später einen Feiertag aus. In Bangladesch streikten Studenten, um WM-frei zu bekommen. Sie könnten nicht nachts die WM-Spiele im Fernsehen anschauen und sich dann tagsüber auf ihr Studium konzentrieren, argumentierten die Demonstranten.

Vince Ebert vergleicht den Fußball gar mit einer Religion: „Fußball und Religion haben verblüffende Gemeinsamkeiten. Ihre Anhänger entscheiden sich in einer Lebensphase, in der sie jung, unerfahren und schlecht informiert sind. Dann ist für jeden ernsthaften Fan der jeweilige Verein für alle Zeiten heilig. Ohne jedoch zu realisieren, dass die Entscheidung ob Bayern oder Schalke, ob Islam oder Judentum mehr mit dem Breiten- als mit dem Wahrheitsgrad zu tun hat. Während der heiligen Messe – beim Fussball auch „Spiel“ genannt – stärkt man das Gemeinschaftsgefühl durch das Absingen von Liedern, die von Generation zu Generation überliefert wurden. Das berühmte „Ole Ole Oleee“ entspricht hierbei dem „Großer Gott wir loben Dich“. In der Bibel hieß es: Und er scharte 12 Apostel um sich. Im Fussball: 11 Freunde sollt ihr sein. In jedem Club gibt es eine handvoll Fanatiker, die vor den Kathedralen bzw. Stadien Glaubenskriege führen, indem sie sich gegenseitig die Birne einhauen. Kern der ganzen Idee ist ein immaterielles Wesen, das die jeweiligen Anhänger als „Gott“ bezeichnen. Bei den Germanen hatte der Fußballgott sogar einen Namen: Thor.“

Die schönste englische Erfindung

Wer hat den Fußball erfunden? Varianten des Ballspiels wurden schon in China (Tsü-küh), Japan (Kemari), Griechenland (Episkyros), Rom (Harpastum), bei den Inuit (Araurak oder Aqijut), in Mittelamerika (Ulama, Tlachtli) sowie in Italien (Calcio), Frankreich (Soule) und England (Folk Football). Man kann schon fast sagen: die Weltgeschichte und die Fußballgeschichte gehen Hand in Hand miteinander. Doch der  moderne Fußball hat seinen Ursprung eindeutig in England – sie sind die „wahren“ Erfinder des Sports. Dieser wurde sich mit den Jahrzehnten zum größten Exportschlager des Landes, viel mehr als die englische Sprache, die immer noch von mehr als der Hälfte der Welt nicht verstanden wird. Während es beim Christentum 300 Jahre dauerte, um Europa zu erobern, brauchte der Fußball nur wenige Jahrzehnte, um die ganze Welt zu erobern. Im Mutterland England ist der Fußball bis heute noch die größte Leidenschaft des Landes. Nick Hornby sagte einmal: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden …“

Fußball entwickelte sich quasi aus Rugby. Die Geburtsstunde des Sports war die Gründung der „Football Association“ (FA) im Jahr 1863, die einheitliche Regeln für den Fußball festlegte, dass sich damit endgültig vom Rugby trennte. Mit der Zeit schwang sich Fußball trotz des Widerstands in Teilen der Oberschicht zum beliebtesten Sport in England auf. Von England aus verbreitete sich der Sport dann zuerst über ganz Europa – in Frankreich, der Schweiz, Schweden, Deutschland und Spanien – bevor die reisefreudigen Europäer den Sport in der ganzen Welt ausbreiteten. Zweifellos spielte auch die Tatsache, dass die Europäer sich damals einen Großteil der Welt als Kolonien hielten, eine Rolle beim Siegeszug des Fußballs. Der Hauptgrund für den Erfolg des Fußballs war und ist aber der, dass er von jedem Menschen in jedem Ort, ob in Stadien, Bolzplätzen, Parks oder Straßen, gespielt werden kann. Man braucht nur einen Ball und einen offenen Platz. Diese Einfachheit bietet kein anderer Sport auf der Welt. Fußball ist der demokratischste Sport von allen.

In seiner Geschichte hat sich der Fußball oft als friedensstiftende Maßnahme erwiesen. In vielen Fällen hat er den Nationalismus und die Klassenkämpfe vom Schlachtfeld aufs Stadion transportiert. Die Engländer und die Deutschen tragen ihre Auseinandersetzungen nicht mehr mit Soldaten, sondern mit Fußballspielern aus. Dies kann man als Fortschritt bezeichnen. Viele Katalanen streben keine Unabhängigkeit mehr an, es reicht wenn der FC Barcelona am Ende vor Real Madrid landet. Die Katholiken und die Protestanten in Schottland schlagen sich nicht mehr gegenseitig den Kopf ab, sondern feuern im Stadion Celtic oder Rangers an. Die Arbeiterklasse und die Mittelschicht in Argentinien tragen ihre Differenzen beim „Superclásico“ zwischen Boca Juniors gegen River Plate aus. Aber man sollte sich nicht zuviel davon versprechen. Denn Fußball ist letzten Endes ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und wenn diese sich in einer Krise befindet, wird der Fußball negativ instrumentalisiert.

Gewalttätige Ausschreitungen in Derbys gehören zum Alltag, dabei kommt es auch zu Toten, vor allem in Lateinamerika. In Europa sind gewaltbereite, rechtsextreme Hooligans ein großes Problem, insbesondere in Italien und Osteuropa. Da Fußball als besonders männlicher Sport gilt, ist Homophobie weitverbreitet. Bis jetzt hat sich kein einziger Spieler in Deutschland geoutet. Totalitäre Diktaturen machten aus dem schönen Spiel ein Kampf um Leben und Tod oder benutzten ihn als Propagandainstrument. Mussolini während der WM 1934, die argentinische Militärdiktatur während der WM 1978 oder die arabischen Staaten, die regelmäßig Israel boykottieren und Turniere nach Selbstmordattentätern benennen. Im Irak hatte Saddams Sohn Udai nach der verpassten WM-Qualifikation 1997 Spieler auf brutalste Weise foltern lassen. Auch in Nordkorea sollen Spieler bei Misserfolgen gefoltert worden sein.

Fußball zu Zeiten der Weltkriege

Eine der ersten dokumentierten friedensstiftenden Maßnahmen des Fußballs erlebten deutsche und englische Soldaten während des Ersten Weltkriegs. Im Dezember 1914 waren bereits 300.000 Deutsche und 160.000 Engländer durch den Krieg umgekommen. Am Weihnachtsabend vereinbarten Deutsche und Engländer einen „Weihnachtsfrieden“. Als Teil dieses Friedens trugen Sachsen und Schotten ein Fußballspiel aus. Die Sachsen brachen jedes Mal in Gelächter aus, wenn ein Schotte zeigte, dass er keine Wäsche unter dem Rock trug. In den nachfolgenden Jahren bekämpfte der Fußball den Rassismus in Südamerika. Bei der Südamerikameisterschaft 1916 besiegte Uruguay Chile mit 4:0. Die chilenische Mannschaft legte am nächsten Tag Protest beim südamerikanischen Fußballverband ein, weil Uruguay mit zwei Schwarzen, Isabela Gradin und den zweifachen Torschützen Juan Delgado, gespielt hatte. Das Spiel wurde jedoch nicht annulliert. Uruguay hatte damals die einzige Nationalmannschaft, in der schwarze Spieler auftreten durften.

Zwei Jahre später fand die Südamerikameisterschaft in Brasilien statt. Die brasilianische Mannschaft durfte nur mit weißen Spielern auftreten. Eine Ausnahme bildete der deutschstämmige Mulatte Arthur Friedenreich. Er wurde prompt zum Star des Turniers und führte die brasilianische Auswahl zum ersten internationalen Titel ihrer Karriere. Einige dunkelhäutige Spieler glätteten ihr Kraushaar oder beschmierten sich mit Reismehl, um wie Weiße auszusehen. 1921 befahl Präsident Epitacio da Silva Pessoa aus Sorge vor einem „Ansehensverlust“ seines Landes, dass keine Dunkelhäutigen bei der Südamerikameisterschaft spielen durften. Der sportliche Erfolg blieb aus und die Öffentlichkeit protestierte gegen die rassistische Verordnung, die bald darauf zurückgenommen wurde. Damit hatte der Fußball einen wichtigen Schritt zur Überwindung des Rassismus in der brasilianischen Gesellschaft beigetragen. Heute spielen dunkelhäutige Spieler in der brasilianischen Nationalmannschaft eine tragende Rolle. Brasilien gewann übrigens ein Jahr später, 1922, zum zweiten Mal die kontinentale Meisterschaft. Friedenreich gilt für einige bis heute als der beste Fußballer aller Zeiten, 1925 krönte ihn die FIFA zum „König des Fußballs“.

Es folgte jedoch die unrühmlichste Phase in der Geschichte des Fußballs: Die Zeit des Faschismus. Die Nationalsozialisten machten auch beim Fußball keinen Halt, sie verordneten eine „Arisierung“. Im Jahr 1932 hatte der heutige Rekordmeister Bayern München zum ersten Mal die deutsche Meisterschaft gewonnen, aber der Präsident und der Trainer waren Juden. Nach 1933 mussten sie den Verein verlassen. Bei der Weltmeisterschaft 1934 traten sowohl der Gastgeber Italien als auch die deutsche Auswahl mit dem faschistischen Gruß auf. Die Schiedsrichter schenkten den Italienern, in der einige wiedereingebürgerte Emigranten aus Argentinien mitspielten, mit skandalösen Entscheidungen, vor allem im Viertelfinale gegen Spanien, den Titel. Deutschland wurde überraschend Vierter. Zwei Jahre später plante Hitler bei den Olympischen Spielen in Berlin einen Propagandasieg, doch er hatte keinen Erfolg: Die deutsche Fußballauswahl unterlag gleich im ersten Spiel den Norwegern mit 0:2, Italien konnte das Turnier erneut für sich entscheiden.

Die WM 1938 fand in Frankreich statt. Hitler verordnete nach dem „Anschluss“ Österreichs, eine „großdeutsche Mannschaft“ zusammenzustellen. Der Plan ging nach hinten los: Die deutschen und österreichischen Spieler verstanden sich nicht, die Mannschaft unterlag im Achtelfinale der Schweiz. Italien konnte diesmal auf sportlichem Wege den Titel sichern, man bezwang sogar den Gastgeber im Viertelfinale. Als weitere Anekdote aus der Zeit des Faschismus gilt das Spiel einer ukrainischen Betriebsmannschaft gegen eine deutsche Flakelf am 9. August 1942. Obwohl sie um ihren Tod fürchten mussten, gewannen die Ukrainer, die schon zuvor einige Spiele gegen die Wehrmacht gewonnen hatten, das Spiel vor Zehntausenden Zuschauern mit 5:3. Nach dem Spiel posierten deutsche und ukrainische Fußballer gemeinsam. Später wurden acht Spieler in KZ’s deportiert, die Hälfte davon starb. Das Spiel, das später von den Kommunisten propagandistisch ausgeschlachtet wurde,  ging als „Todesspiel“ in die Geschichte ein und ist in der Ukraine bis heute präsent.

Fußball als nationale Identifikation

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Fußball immer wieder ungewollt eine politische Dimension. Die drei deutschen WM-Titel sind allesamt mit der politischen Lage ihrer Zeit verbunden. Im Jahr 1954 wurde das „Wunder von Bern“, der völlig überraschende Finalsieg der deutschen Elf gegen die haushohen Favoriten aus Ungarn (ihre Mannschaft galt als „Wunderelf“, hatte seit drei Jahren nicht verloren und die deutsche Mannschaft in der Vorrunde mit 8:3 geschlagen), zu einem. Zwanzig Jahre später gewann Deutschland die WM auf eigenen Boden. In der Vorrunde musste man jedoch eine schmachvolle 0:1-Niederlage gegen die DDR hinnehmen, das erste und einzige deutsch-deutsche Duell. Während der WM 1990 befand sich ganz Deutschland in einer emotionalen Hochphase: Die „Wende“ brachte die Mauer zum Einsturz, die Wiedervereinigung stand kurz vor dem Abschluss. Von dieser Stimmung mitgetragen, holte die deutsche Mannschaft ihren dritten WM-Pokal. Es war das „Jahr der Deutschen“.

Auch die letzten beiden Weltmeisterschaften hatten eine besondere Bedeutung für Deutschland. Bei der Heim-WM 2006 schwang zum ersten Mal seit langem wieder eine patriotische Welle durch Deutschland, vier Jahre später weckte die multikulturelle Mannschaft im Ausland das Bild eines „neuen“ Deutschland. Ähnliches hatte die französische Nationalmannschaft mit ihrem Triumph bei der Heim-WM 1998 erreicht. Das Erbe des Zweiten Weltkriegs zeigt sich noch bis heute, wenn Deutschland auf England oder die Niederlande trifft. Die Engländer sind stolz, dass sie „zwei Weltkriege und eine Weltmeisterschaft“ gegen Deutschland gewonnen haben, wobei der Sieg gegen Deutschland im Finale 1966 aufgrund zweier gravierender Fehlentscheidungen des Schiedsrichters nicht regelkonform war. Dieser Erfolg blieb für die Engländer aber der einzige in ihrer langen Fußballgeschichte. Die deutsche Auswahl dagegen konnte die Engländer 1970, 1972, 1990, 1996 und 2010 gleich fünf Mal aus Welt- und Europameisterschaften werfen. Besonders schmachvoll dürfte die Niederlage von 1996 gewesen sein, da England auf heimischen Boden spielte, die englische Presse die Stimmung mit Kriegssymbolik massiv angeheizt hatte und Deutschland sich im nächsten Spiel zum Europameister krönte.

Ein weiterer politisch-sportlicher Rivale der Engländer ist Argentinien. Nach dem Falklandkrieg 1982 gilt das Duell zwischen den beiden Nationen als „Derby“. Die Argentinier haben bis jetzt die Nase vorn behalten: 1986 und 1998 konnten sie die Engländer aus dem Turnier schmeißen. Nach dem Triumph im Achtelfinale 1998 interviewte das Fernsehen Kriegsveteranen, die Zeitungen meldeten „Die Malvinen sind wieder argentinisch!“. Es ist dasselbe wie gegen Deutschland: Die Engländer gewannen den Krieg, verloren aber im Fußball. Für die Argentinier hat der Fußball quasi-religiöse Züge angenommen. Es gibt sogar eine eigene „Maradona-Kirche“ mit über 40.000 Anhängern. Der Soziologe Pablo Alabarces beschreibt in seinem Buch „Für Messi sterben? Die Erfindung der argentinischen Nation“, wie der Fußball entscheidend dazu beitrug, dass die Einwanderernation ein eigenes Nationalgefühl („Argentinität“) entwickelte.

Fußball zwischen Krieg und Frieden

Der Fußball hat nicht nur Nationalismus und Klassenkampf befriedet, sondern auch Kriege gestoppt. 1969 tourte der FC Santos, der Klub der brasilianischen Legende Pelé, durch Afrika. Auf dem Plan stand auch ein Spiel in Nigeria, das sich damals im Krieg mit Biafra befand. Vor der Reise beruhigte ein Agent Pelé mit den Worten: „Mach dir keine Sorgen, der Krieg wird unterbrochen“ – und tatsächlich: Für 48 Stunden schwiegen die Waffen. In seiner Autobiografie erinnert sich Pele: „Es hieß, man habe nur wegen uns einen vorübergehenden Waffenstillstand vereinbart. Meine Mannschaftskameraden erinnern sich daran, dass in den Straßen weiße Fahnen wehten. Außerdem gab es Schilder, auf denen geschrieben stand, dass nur Frieden herrschte, damit man Pelé spielen sehen konnte“. Schiedsrichter und Gegner gratulierten ihm mitten im Spiel, wenn er mal wieder zauberte.

Es gibt aber auch traurige Geschichten des Fußballs. Im Juli 1969 kam es zum sogenannten „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador. Der Krieg brach aus, nachdem es nach einem WM-Qualifikationsspiel zwischen den beiden Ländern zu tödlichen Ausschreitungen gekommen war. Der eigentliche Grund war natürlich ein anderer, und zwar der Streit um die Wirtschaftsflüchtlinge aus El Salvador, die seit längerem von der honduranischen Bevölkerung für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich gemacht und angefeindet wurden, aber das Spiel wurde zum Auslöser. Der Krieg forderte über 2.000 Tote. Im Vorfeld der WM 1974 sollte die Sowjetunion ein entscheidendes Qualifikationsspiel gegen Chile austragen. Kurz zuvor hatte der General Pinochet die Macht übernommen, die Stadien wurden zu Folterlagern für politische Gefangene umgewandelt. Aus Protest gegen diese Gewalt boykottierten die Sowjets das Spiel, die Chilenen kamen kampflos weiter.

Im Turnier nahm mit Zaire (heute: DR Kongo) auch zum ersten Mal eine schwarzafrikanische Mannschaft statt. Querelen zwischen Mannschaft und Funktionären führten dazu, dass sich die Mannschaft komplett blamierte, das zweite Spiel gegen Jugoslawien ging mit 0:9 verloren – die zu dem Zeitpunkt höchste WM-Niederlage aller Zeiten. Nach dieser Niederlage schickte der zairische Diktator Mobutu seine bewaffneten Wachen in das Mannschaftshotel und ließ sie eine persönliche Mitteilung an die Spieler vorlesen: „Ihr alle seid Abschaum und Hurensöhne. Ihr habt Schande über unser ganzes Land gebracht. Eurer Führer ist von euch angewidert. Wenn ihr gegen Brasilien mehr als 3 Tore kassiert, werdet ihr Zaire und eure Familien nie mehr wiedersehen.“ Die Brasilianer brauchten ironischerweise genau drei Tore. Das Spiel wurde für die zairische Mannschaft zu einem Todesspiel. Ilunga Mwepu sagte später: „Wir spielten um unser Leben“. Brasilien gewann – mit 3:0.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 fand in Argentinien statt, als in dem Land eine brutale Militärdiktatur herrschte. Die argentinische Mannschaft kaufte sich wahrscheinlich den Sieg gegen Peru, um sich für das Finale zu qualifizieren. Nach dem 3:1-Sieg gegen die Niederländer feierten die Menschen im Land. Es kam vor, dass politische Häftlinge und Gefängniswärter sich das Spiel gemeinsam im Fernsehen ansahen und auch gemeinsam jubelten, der Fußball hatte einen kurzen Sieg über die Politik getragen. Einige Häftlinge wurden für kurze Zeit freigelassen, um die Jubelfeiern mit anzusehen. Die FIFA ist bekannt dafür, sich nicht um Menschenrechte zu kümmern, wenn es ums Geschäft geht. Begründet wird das mit der Behauptung, dass Fußball und Politik voneinander getrennt werden sollten. Manchmal geht es aber sogar der FIFA zu weit, so dass man Südafrika während der Apartheid-Zeit ausschloss. Dies war jedoch eine Ausnahme, nicht die Regel. Für die WM im Jahr 2022 bekam Katar den Zuschlag, was Sepp Blatter veranlasste, Homosexuelle für die Zeit des Turniers um Enthaltsamkeit zu bitten, da man ja sonst im Gefängnis landen könnte.

Fußball im Nahen Osten

In keiner anderen Region der Welt wurde der Fußball so massiv für Propagandazwecke missbraucht wie im Nahen Osten. Der panarabische Nationalismus führte dazu, dass die israelische Fußballnationalmannschaft von allen arabischen Ländern „boykottiert“ wurde. Das hatte zur Folge, dass die Israelis in verschiedenen Kontinenten antreten mussten, zeitweise sogar in Ozeanien. Die Feindschaft ist bis heute präsent: Ein iranischer Funktionär wurde entlassen, nachdem er dem israelischen Fußballverband versehentlich Neujahrsgrüße verschickt hatte. Libyen hatte sich für die WM 2010 beworben und im Vorfeld klargemacht, dass eine Teilnahme Israels nicht akzeptiert werden würde. Seit den 1990ern ist Israel UEFA-Mitglied. Aber auch in der UEFA wird Israel nicht gerade vorbildlich behandelt. In der israelischen Auswahl wiederum spielen Juden, Araber und sogar ein Druse aus den Golan-Höhen gemeinsam, obwohl es bei Teilen der jüdischen Bevölkerung Ressentiments gegen Minderheiten gibt. Doch für die meisten Israelis spielt die Herkunft keine Rolle: Der Araber Walid Badir war israelischer Kapitän, Abbas Suan wurde nach seinem Tor gegen Irland zum Volkshelden.

Der Ölreichtum der Araber und ihre Liebe zum Fußball bilden eine Wechselwirkung. Immer mehr Scheichs kaufen sich Fußballklubs (Manchester City, FC Malaga, Paris Saint-Germain) und stecken Hunderte Millionen in den Verein, während ältere Weltstars mit Millionengehältern gelockt werden, um ihre Karriere im Persischen Golf ausklingen zu lassen. Die Scheichs kauften sich nun auch die WM 2022, die in Katar stattfinden wird. Der „Arabische Frühling“ genoss tatkräftige Unterstützung vom Fußball. Beim Umsturz in Ägypten spielten die Fußball-Ultras eine wichtige Rolle. Ein Dissident sagte sogar: „Die Ultras spielten eine wichtigere Rolle als jede politische Partei“. Das machte auch Eindruck bei den Nachbarn: Nach dem sich die Stadien in Ägypten zu geradezu revolutionären Treffpunkten entwickelten, wurde der Spielbetrieb in Libyen vorsichtshalber eingestellt. Es hat aber nicht geholfen. Libysche Spitzenfußballer und -Trainer kündigten dem Diktator Gaddafi die Gefolgschaft und schlossen sich den Rebellen an.

Aber bei den Islamisten ist Fußball weniger beliebt. Sie sehen den Sport als „unislamisch“ an. In Saudi-Arabien war Fußball noch bis zum Jahr 1951 verboten. Heute zählt Fußball zu den größten Leidenschaften des Landes und so mancher Kleriker beschwert sich, dass die Kinder mehr über Fußball wissen als über den Islam, was zu ewigen Qualen führen kann. Die Al-Shabaab sieht den Fußball als „satanistischen Akt“ und hat den Somaliern unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich die Spiele der WM 2010 anzusehen. In Uganda starben im Juli 2010 bei einem Bombenanschlag über 70 Menschen, die sich versammelt hatten, um sich das WM-Finale anzusehen. Der Dschihad wird auch gegen den Fußball geführt. Im Iran ist Fußball zwar erlaubt und äußerst beliebt (Achmedinedschad wollte im Jahr 2006 die WM in Deutschland besuchen), aber er bleibt nicht von religiösen Einschränkungen verschont: So dürfen Frauen kein Stadion betreten und die Frauenfußballnationalmannschaft darf nur mit Kopftuch auftreten (in Saudi-Arabien dürfen Frauen überhaupt kein Fußball spielen). Vor einigen Wochen wurden zwei Fußballer gesperrt, weil sie ein Tor mit einem Po-Klatscher bejubelt hatten.

Die Lieblingsklubs der Diktatoren und Terroristen

Osama bin Laden – Arsenal London. Nachdem er in den 1990ern ein Spiel im Highbury besucht hatte, wurde der al-Qaida-Chef zu einem von vielen unwürdigen Anhängern des englischen Traditionsvereins.

Muammar al-Gaddafi – FC Liverpool. In Gaddafis Villa wurde nach seinem Sturz eine Liverpool-Tasse gefunden. Schon zuvor gab es Gerüchte, dass Gaddafi ein Liverpool-Fan sei. Sein Sohn Saadi plante sogar ein Investment bei den Reds. Andere Gerüchte besagen, dass Gaddafi in Wirklichkeit ein Everton-Fan war, nachdem die Toffees im Jahr 1979 Libyen besucht hatten.

Radovan Karadzic – Inter Mailand. Der serbische Völkermörder hatte eine bekannte Leidenschaft zum italienischen Spitzenklub Inter Mailand. In der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ sagte sein Neffe, dass sein Onkel sich oft in Italien aufgehalten und Fußballspiele von Inter Mailand besucht hatte.

Carlos der Schakal – Arsenal London. Die Zeitung The Sun berichtete, dass der venezolanische Terrorist ein begeisterter Arsenal-Anhänger ist.

Paul Kagame – Arsenal London. Auch der ruandische Präsident, dem schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, ist ein Fan von Arsenal. Zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 2007 wurde ihm ein Banner mit allen Unterschriften der Mannschaft sowie ein persönlicher Brief von Arsène Wenger überreicht. In der letzten Woche verkündete er aber: “Ich unterstütze Arsenal sehr. Aber um ehrlich zu sein, Wenger sollte sich jetzt einem anderen Team zuwenden und Arsenal einen neuen Trainer bekommen.”

2 Antworten to “Fußball – Die friedlichste Religion der Welt?”

  1. foundnoreligion Says:

    Da fällt mir ja der eine Spruch von Bill Shankley ein, seinerzeit Manager bei Liverpool: “ Die Leute sagen dass es beim Fusball um Leben oder Tod geht. Ich mag diese Einstellung nicht. Die Sache ist um einges ernster.“

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