Warum German Angst?

Die deutsche Hyperinflation von 1923

Die deutsche Hyperinflation von 1923

Waldsterben, Vogelgrippe, Google Street View, Dioxin-Eier- Die deutsche Panikindustrie ist grenzenlos. Warum fürchten sich die Deutschen so gerne? Die Antwort auf diese Frage lautet fast immer: Die German Angst stammt aus der Zeit der Inflation in den 1920ern und des Zweiten Weltkriegs, in der so gut wie jeder Deutsche traumatischen Erfahrungen machte. Epigenetiker haben die Theorie aufgestellt, dass „sich die Ängstlichkeit der Deutschen aus jener Zeit bis heute vererbt hat.“ Eine interessante Theorie, doch lässt sie eines außer Acht: Waren nicht eigentlich die Sowjets, die Polen und die Juden noch schlimmer dran als wir?

Der Krieg hat für die Sowjetunion wesentlich mehr Opfer gefordert als für Deutschland. Nicht nur das: Für die Sowjets war der Zweite Weltkrieg nur eine von insgesamt fünf Katastrophen, die sie von 1914 bis 1953 heimgesucht hatte. Erster Weltkrieg, dann Bürgerkrieg, dann Stalin, dann Zweiter Weltkrieg und dann noch mal Stalin. Der Bürgerkrieg von 1917 bis 1921 hatte 8 Millionen Opfer gefordert, 1932 und 1933 waren zwischen 4-7 Millionen Sowjets verhungert, weitere Millionen starben in den Gulags oder während des „Großen Terrors“, 20 Millionen während des Zweiten Weltkriegs und nach 1945 starben immer noch Hunderttausende in den Gulags und 1,5 Millionen in der Hungersnot von 1946/47.

Und was ist eigentlich mit den Japanern, den Chinesen, den Vietnamesen und den Kambodschanern? Müssten die Ostasien aufgrund ihrer Geschichte nicht zu den ängstlichsten Menschen der Welt zählen, wenn schon nicht die Russen, Ukrainer und die Polen? Was ist mit den Hutus und Tutsis, den Irakern, den Bosniern, den Guatemalteken, Honduranern und Salvadorianern? Egal, wo man hinschaut: Bürgerkriege, Genozide und Vertreibungen sind keine deutsche Exklusivität. Eine wirkliche Erklärung für die German Angst liefert die deutsche Geschichte nicht, zumal sie schon von Churchill erwähnt wurde. Welchen anderen Grund könnte es aber geben?

Vielleicht sollten wir uns einmal fragen: Wie speziell ist die German Angst eigentlich? Umfragen haben ergeben, dass die Deutschen schon im Jahr 2007 positiver in die Zukunft geschaut haben als die Briten, Italiener und Franzosen, obwohl diese gerade in einem „jahrelangen, scheinbar endlosen Boom“ schwebten. Das iranische Atomprogramm fürchten die Deutschen auch nicht besonders, obwohl er einen neuen Holocaust und Weltkrieg entfachen könnte. Man kann es so zusammenfassen: Die Deutschen fürchten sich vor allem um Dinge, die völlig ungefährlich und irreal sind, wie z.B. dem Waldsterben, Dioxin-Eiern oder einer humanitären Katastrophe in Gaza. German Angst steht nicht für bloße Angst vor allen möglichen Dingen, sondern für unbegründete Angst.

Warum haben die Deutschen also so viel unbegründete Angst? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es keinen Grund. Nicht jede Charaktereigenschaft einer Nation muss einen historischen Hintergrund haben. Warum sind die Griechen keine pünktlichen Steuerzahler? Warum sind die Briten Experten für schwarzen Humor? Das könnte man auch mal erforschen. Den meisten reicht es ja aus, die „südländische“ oder die „britische Kultur“ als Begründung zu nehmen. Vielleicht  ist das auch die einzige Begründung für die German Angst: Es liegt einfach an der deutschen Kultur.

5 Antworten to “Warum German Angst?”

  1. shaze86 Says:

    Da könnte ich spontan eine These in den Raum werfen:

    Die Deutschen leiden unter Lust-Angst. Es ist in Deutschland einfach zu ruhig und langweilig, besonders in den ländlichen Gebieten. Da ist ein bisschen Zeitvertreib mit einem Angst-treibenden Thema genau das Richtige.

    Eine Angst hast du schon mal vergessen: Die Angst auszusterben.

    • arprin Says:

      Eine ähnliche These hat auch Josef Joffe während der Atom-Panik in der ZEIT formuliert: „Die glücklichen Deutschen haben keine anderen Sorgen, jedenfalls nicht im Vergleich zu den Mit-Europäern.“ (hier)

      PS: Die Veralterung der Gesellschaft könnte durchaus Probleme verursachen, aber wir könnten in den nächsten Jahren sicher kreative Lösungen finden.

  2. Martin Hark Says:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

  3. calndrea Says:

    „Die German Angst stammt aus der Zeit der Inflation in den 1920ern und des Zweiten Weltkriegs, …“

    Mich würde interessieren, auf welche Quellen Du Dich da beziehst, weil ich selbst grad nach dem erstmaligen Aufkommen des Begriffs „German Angst“ suche.

    Würde mich über eine Antwort freuen 🙂 Liebe Grüße!

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