Günter Grass- der neue Sarrazin

Günter Grass- Der neue Held der Leserforen

Günter Grass- Der neue Held der Leserforen

Das Gedicht von Günter Grass hat in der deutschen Medienlandschaft massive Kritik hervorgerufen. Mit Ausnahme der Süddeutschen Zeitung hat jede Zeitung die Thesen von Grass- oder, wie einige ihn nun nennen: GraSS- kritisch überprüft. Die deutschen Medien sind zwar weitgehend anti-israelisch eingestellt, Grass‘ Gedicht war aber so eindeutig antisemitisch, dass nicht mal die deutschen Medien ein gutes Wort dafür finden konnten. Unabhängig davon, ob man nun seinen Thesen zustimmt oder nicht, ähneln die Reaktionen auf das Gedicht den Reaktionen auf Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen Grass und Sarrazin. Aber eines war gleich: In den Leserforen haben beide große Zustimmung erhalten.

Diese Tatsache ist ein Grund, warum ich kritisch gegenüber sogenannten „Tabubrechern“ bin. Es ist erstmal nichts Schlechtes, das es in einer Gesellschaft Tabus gibt. Ein Problem wird es nur dann, wenn sie die Meinungsfreiheit einschränken. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Jeder kann sich israel- und islamkritisch äußern, wenn er will. Die Tatsache, dass Israelkritik weit stärker verbreitet ist als Islamkritik, hat mit der persönlichen Meinung der Journalisten zu tun, es gibt keine obere Instanz, die entscheidet, wer was schreiben darf oder nicht. Wenn jemand etwas gegen den Mainstream sagt, dann wird er kritisiert- aber nicht zensiert. Weder Sarrazin noch Broder wurden je Opfer von Zensur, im Gegenteil, ihre Bücher wurden zu Bestsellern (wobei Broders Bücher natürlich um einiges qualitativer sind als Sarrazin). Nicht nur das: Bundeskanzlerin Merkel erklärte Multikulti für gescheitert, Horst Seehofer forderte eine Beschränkung für Einwanderung aus „fremden Kulturkreisen“.

Der durchschnittliche Deutsche ist ein Amerika- und Israelhasser, hat eine schlechte Meinung zum Islam, ist gegen die Atomkraft und will den Kapitalismus abschaffen. Aus diesem Grund ist es nicht unbedingt etwas Lobenswertes, die „Mehrheit des Volkes“ hinter sich zu haben. Die Politiker machen natürlich vieles falsch, aber das Volk würde es nicht immer besser machen (obwohl ich grundsätzlich für direkte Demokratie bin). Ein Beispiel: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen die Griechenland-Hilfen, aber nicht, weil sie Anhänger der Österreichischen Nationalökonomie sind, sondern weil sie einfach kein Geld für Griechenland ausgeben wollen. Die Krise in Griechenland wiederum entstand auch deshalb, weil das Volk ungerechtfertigte Lohnerhöhungen forderte und sie auch bekam.

Was lernen wir daraus? Wer für sich in Anspruch nimmt, ein Tabu zu brechen, hat meistens nichts Gutes im Sinn. Kritik an Israel, den USA, den Kapitalismus und der Atomkraft sind in Deutschland weitverbreitet, andererseits glauben viele Deutsche, es sei „politisch inkorrekt“, etwas gegen Israel, die USA, den Kapitalismus und die Atomkraft zu sagen. Der durchschnittliche Deutsche hält sich für einen Tabubrecher, obwohl das, was er sagt, schon seit Jahrzehnten die Medienlandschaft dominiert! Dieselben, die damals Sarrazin zujubelten, jubeln jetzt Grass zu. Islamkritik zwar weniger im Mainstream ist als Israelkritik, aber wer den Islam auf seriöse Weise kritisieren will, kann das tun, und wird nicht selten zu Talkshows eingeladen. In Wirklichkeit haben weder Sarrazin noch Grass ein Tabu gebrochen.

10 Antworten to “Günter Grass- der neue Sarrazin”

  1. aron2201sperber Says:

    doch Sarrazin hatte zumindest bei 50 % recht.

    bei Grass sind es höchstens 0,5 %

    • arprin Says:

      Ja Sarrazin hatte mehr Recht als Grass. Aber darum geht es nicht! Es geht um dieses Gerede vom „Tabubruch“ und „Antisemitismuskeule“, der einfach nicht stimmt, weder bei Sarrazin noch bei Grass, mit dem sich jedoch beide rühmen und dann dafür in den Leserforen abgefeiert werden.

      Und zu Sarrazin: Ich habe mich durch sein Buch gequält, er hatte höchstens in 25% Recht.

  2. Besucher Says:

    Aber das wird man doch mal sagen dürfen!

    Auch dass eine Nation die einen Ministerpräsidenten wie Benjamin Netanjahu nötig hat schon sehr arm dran sein muss.
    Naja, besser arm dran als arm ab.

  3. American Viewer Says:

    Hm. Ich muss einer Aussage des Artikels widersprechen. Aus meiner Sicht haben sowohl Grass und Sarrazin gewaltige Tabus gebrochen.

    Sarrazin hat zum ersten Mal als bekannter Politiker, als Mann der „Mitte“ medienwirksam über Probleme gesprochen, die Deutschland mit gewissen Migranten zu haben scheint. Willst du behaupten, das wäre kein Tabu gewesen? Hinzu kommt noch, dass er zum ersten Mal Dinge aus den Bereichen IQ, Bildung, Genetik und Armut angesprochen hat. Auch hier gilt wieder: medienwirksam. Sein Buch und seine Äußerungen in der Presse waren schon voller Tabubrüche.

    Und auch Grass hat natürlich gewaltige Tabus gebrochen. Eine so offen antisemitische „Israelkritik“ von einem Mann in seiner Position (darauf kommt es an), ist mir aus Deutschland nicht erinnerlich. Weltbekannter Literaturnobelpreisträger. SPD-Urgestein. Linkes, moralische Gewissen der Nation. Und dann solche Äußerungen. Wenn das kein Tabubruch ist, dann frage ich mich ganz ehrlich, was bei dir ein „Tabubruch“ ist.

    • arprin Says:

      Die Integrationsdebatte war im Jahr 2010 alles andere als neu. Viele andere haben das Thema Integration und Zuwanderung schon zuvor besprochen. Broder schrieb seinen Bestseller „Hurra, wir kapitulieren“ vier Jahre vor Sarrazins Buch, Necla Kelek und Seyran Ates waren auch schon bekannt, Rüttgers „Kinder statt Inder“… Also ja, ich behaupte, das war kein Tabu. Sarrazins eigentliches Tabu war seine Kritik an der Unterschicht. So deutliche Kritik hatte es zuvor kaum gegeben. In seinem Buch kam dann alles zusammen- Integration, Unterschicht, IQ. Das Thema Intelligenz als solches ist auch kein Tabu, es gibt doch Dutzende Bücher zum Thema Intelligenzforschung.

      Grass‘ Kritik ist für Süddeutsche Verhältnisse auch kein Tabubruch. Sollte es, ist es aber nicht. Was dort über Israel geschrieben hat dasselbe Niveau wie das, was Grass geschrieben hat. Und nicht nur dort, in der ZEIT ging auch dieser Artikel durch: „In Israel blicken alle auf die Bedrohung durch den Iran – und ignorieren das eigentliche Problem des Landes: Die Besatzung.“ Also dieselben Verharmlosung des Iran und Dämonisierung Israels wie bei Grass. Ein „Tabubruch“ waren Hohmann und Möllemann, aber nicht Grass.

      Außerdem: Beide behaupten ja, das ihr „Tabubruch“ die Kritik am Islam bzw. Israel ist. Und das ist doch schwachsinnig. Es gibt keinen „Verdikt Antisemitismus“ für Israelkritik und auch kein Maulkorb für Islamkritiker.

  4. DGG Says:

    Wirre Ansichten. Da springt man von Grass Gedicht zur (vermeintlichen) Verblendung des durchschnittlichen Deutschen und wirft den hiesigen Medien mal wieder vor antiisraelisch zu sein. Nur irgendwie bleibt jeder den Beweis schuldig. Alleine schon die Springer-Presse steht hinter jeder Entscheidung Israels als wäre es die ihrer Mutter und Springer macht einen Großteil der deutschen Presselandschaft aus. Zeit, FAZ etc. sind auch nicht gerade verdächtig antiisraelisch zu sein. Ist die TAZ jetzt tonangebend, oder doch das NPD Parteiblatt? Was ist denn nun die deutsche Presse, lass es uns wissen!

    Aber die Grenze zum Antiisraelismus wird ja immer wieder neu von Broder gesteckt und zwar noch ein Stückchen weiter als die Maximalforderung von Netanjahu. Alles was dahinter zurückbleibt ist purer (deutscher) Hass auf Israel (oder die Juden, wie es gerade passt)! Denn wer alles und jeden irgendwann mit einem WWII Vergleich plattmacht, der kann nur gewinnen, denn schlimmer als Hitler geht nimmer (aktuell wieder Ahmadinedschad; „Hitler wurde anfangs auch als Maulheld bezeichnet“). Ich mag seine Bücher und seine Show, aber dass er sich zu allem und jedem mit einem solchen Vergleich auslassen muss, verstehe ich nicht.

    Scheinbar haben sowohl Sarrazin, als auch Grass so manches Tabu gebrochen, sonst würde sich nicht jeder kleine Blogger herausgefordert fühlen, ausserhalb seiner Gewichtsklasse zu boxen. Jeder Kolumnist war plötzlich gefragt die „Wahrheit“ hervorzukramen und Staatslenker hier wie dort kommentieren Bücher und Gedichte. Können bloße, oft gehörte Banalitäten soetwas auslösen?

    Das Problem ist doch, dass es keine Seite zu einer wirklichen Diskussion kommen lässt. Nicht nur, aber im Speziellen, was den
    Nahostkonflikt betrifft. Jede Seite hört doch nur solange zu, wie sein Gegenüber die „richtige“ Meinung vertritt. Danach werden nur die alten Argumentationsgeschütze in Stellung gebracht und losgeschossen.

    Der Nahostkonflikt interessiert mich im Grunde nicht wirklich, mich stört aber die selbstgerechte Art beider Seiten. Mal ist Israel ein ganz normales Land, in dem Homosexuelle an der Promenade Tel Avivs flanieren und einen schönen Burger bei Agadir essen, während sie von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machen, dann wiederum ist es ein einzigartiges Land, das einzige, dessen Existenzrecht offen abgesprochen wird (was ist mit Taiwan, Tibet, den USA…) und sich auch durch Mossad-Kommandos und Erstschläge auf Atomanlagen ohne völkerrechtliche Legitimation schützen darf, da es nur von Feinden umringt ist.

    Auf der anderen Seite ist es ähnlich. Da beschiesst man Israel und wundert sich dann, dass darauf eine Reaktion folgt. Man greift Israel gemeinschaftlich an und wundert sich nach der Niederlage über (geringe) Gebietsverluste. Man wählt die möglichst radikalsten „Vertreter“, aber wirft Israel vor, nicht gesprächsbereit zu sein. Alle paar Monate gab es einen Selbstmordanschlag, seit dem die Mauer steht kaum noch, dennoch sei sie völlig unverhältnismäßig…

  5. American Viewer Says:

    Sarrazins eigentliches Tabu war seine Kritik an der Unterschicht. So deutliche Kritik hatte es zuvor kaum gegeben.

    Also doch ein Tabubruch.

    Das Thema Intelligenz als solches ist auch kein Tabu, es gibt doch Dutzende Bücher zum Thema Intelligenzforschung.

    Ich sagte ja mehrmals: Medienwirksam. Es kommt immer darauf an, wer etwas sagt und wie es ankommt. So ziemlich alles steht schon irgendwo in einem Buch. Aber wenn es kaum jemand liest und bemerkt, ist es auch kein Tabubruch. Der Bruch eines Tabus muss als solcher wahrgenommen werden.

    Ein “Tabubruch” waren Hohmann und Möllemann, aber nicht Grass.

    Ja das stimmt. Das waren auch Tabubrecher. Genau wie Grass. Es ist schon interessant, dass du diese Leute als Tabubrecher empfindest, Grass aber nicht. Es gab auch schon lange vor Hohmann und Möllemann solche Äußerungen. Immer wieder. Man hat es nur wieder vergessen. Die Aufmerksamkeitsspanne in unserer Gesellschaft scheint sehr, sehr kurz zu sein. Vielleicht ist das ein Trend, der stärker wird, vielleicht war es aber auch schon immer so. (Vielleicht wird die Erinnerung sogar länger, wer weiß.)

    Jedenfalls werden diese Tabubrüche bisher immer recht schnell wieder vergessen und dann kann man das „Tabu“ aufs Neue brechen. Ist doch toll.

    • shaze86 Says:

      Da muss ich dir Recht geben. Es kommt leider darauf an wer etwas sagt. Hätte statt Sarrazin eine Putzfrau dieses Buch geschrieben, hätte es wahrscheinlich wesentlich weniger aufmerksamkeit erhalten. Wobei ein Buch mit einem Teilschwerpunkt Intelligenz-Vererbung, Unterschichtenkritik und Einwanderungskritik ich schon als Tabu-Themen empfinde.

      Bei Grass weiß ich nicht ob es ein Tabu-Bruch war. Wahrscheinlich war das Gedicht in dieser Form wirklich ein Tabu.

      • American Viewer Says:

        Wahrscheinlich war das Gedicht in dieser Form wirklich ein Tabu.

        Ein Tabubruch ist wohl ziemlich subjektiv. Da sehr viele Menschen so reagiert haben wie sie reagiert haben, muss man ganz klar sagen: Ja es war offenbar (für diese Menschen) ein gewaltiger Tabubruch. Da bricht etwas aus, was einfach hinaus „musste“. Ich finde das durchaus positiv. Jetzt wird endlich mit offenen Visieren diskutiert. Und nicht mehr so verlogen wie vielleicht bisher.

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