Lob der Kleinstaaterei

Das Heilige Römische Reich um das Jahr 1400

„Die Europäische Union muss sich hüten, mit dem groben Hobel der Bürokratie und des „acquis communautaire“ über alle Besonderheiten hinwegzugehen. Das halten die Nationen und die Regionen nicht aus, und schon gar nicht die kleinen Staaten. Es reicht nicht, ihnen bessere Stimmrechte zu geben. In der Behandlung der Kleinen durch die Großen erweist sich demokratische Kultur. Europas Stärke lag immer in seiner Verschiedenheit. Jeder Versuch der Einheit von oben ist gescheitert. Die Europäer haben nicht über 1000 Jahre Repräsentation, Rechtsstaat, Gleichgewicht und Demokratie entwickelt, um nunmehr im Namen Europas damit kurzen Prozess zu machen.“

Das schrieb Michael Stürmer auf prophetische Weise schon vor neun Jahren.

Seitdem hat die EU-Bürokratie Europa immer weiter in den Abgrund gestürzt. Mit dem Fiskalpakt soll nun endgültig die Schuldenunion errichtet werden. Die Zeit der Kleinstaaterei hatte sicher auch gewisse Nachteile. Aber war sie wirklich so schlecht, wie wir heute glauben? Oder handelt es sich dabei um eine historische Übertreibung? Die Wahrheit ist: Deutschland war während der Kleinstaaterei den meisten europäischen Nachbarn politisch, wirtschaftlich und kulturell überlegen. Können wir vielleicht noch was aus dieser Zeit lernen?

Kleinstaaterei- Das beste Erfolgsrezept

Das Heilige Römische Reich gilt als das beste Beispiel für Kleinstaaterei. Historiker betrachten diese Epoche als eine Zeit der Unterdrückung, Not und Willkür. Tatsächlich haben die Fürsten, Grafen und Könige ihre Stände mit Gewalt regiert. Es gab Zeiten, in denen Pest, Hunger und Krieg wüteten. Aber die These, dass es im Heiligen Römischen Reich schlimmer war als im Rest Europas, lässt sich nicht bestätigen. Im Gegenteil, denn wie es der Historiker Bodo-Michael Baumunk ausdrückte, war das HRR „in Politik und wirtschaftlichen Verhältnissen ihren Gegnern, in Kultur hingegen ihren Fürsprechern in der Argumentation willkommen.“

Zwar gehörten kleine Waffengänge zum Alltag, doch war dies im Rest Europas nicht anders. Der Kaiser verfügte praktisch über keine Macht außerhalb seiner Erblande. Das hatte überaus positive Folgen: In vielen der sogenannten „Reichsständen“ genossen die Bürger Religionsfreiheit, vor allem nach dem Augsburger Frieden von 1555, während im zentralisierten Frankreich die Hugenottenkriege, in Spanien die Inquisition und im nicht-kontinentalen Europa der Krieg der drei Königreiche Hunderttausende Menschen töteten. Der Dreißigjährige Krieg wiederum war ein Konflikt aus machtpolitischen Gründen, indem zentralisierte Staaten wie Frankreich, Spanien und Schweden Bündnisse mit verschiedenen Reichsständen eingingen. Im Großen und Ganzen gab es im HRR aber mehr Religionsfreiheit als im übrigen Europa, viele religiös verfolgte wie die Hugenotten flohen sogar ins HRR.

In den Ständen wurden zwar überall Zölle erhoben- doch deshalb waren auch Einkommensteuern nicht notwendig. Die Abgaben waren also gering, während in Frankreich die Könige für alles Mögliche Steuern erhoben. Die Kleinstaaterei, die nach dem Westfälischen Frieden 1648 ihren Höhepunkt erreichte, war auch eine Zeit kultureller Blüte. Frankreich hatte ein, Deutschland aber Dutzende Versailles, um das ganze Reich entlang ehemaliger Hauptstädte verstreut und oft nicht mal viel kleiner (aber billiger) als das Original. Die Landesherren waren im Wettstreit untereinander, auch im kulturellen Bereich. Viele herausragende Künstler, Musiker und Architekten wuchsen in Provinzstädtchen auf und wurden in ganz Europa bekannt. Schon im 15. und 16.Jahrhundert hatte sich im Italien der Renaissance gezeigt, dass die Kunst und Kultur in Kleinstaaterei am besten gedeiht.

Die wirtschaftliche Not war im HRR wesentlich geringer als in den zentralisierten Staaten. Dasselbe traf übrigens auf den niederländischen Staatenbund, das gleichzeitig um seine Existenz kämpfen musste und eine Zeit großer kultureller Blüte erlebte, zu. Es gab zwar auch, vor allem durch Krieg bedingte Hungersnöte, aber kaum vergleichbar mit dem Massenelend in den zentralisierten Super-Staaten. In Spanien schafften es die Könige, trotz des andauernden Gold- und Silberimports aus Amerika allein im 16.Jahrhudert dreimal(!) bankrott zu gehen. In Frankreich forderten Hungersnöte regelmäßig Hunderttausende Tote, die hilflosen Einwohner waren gezwungen, Pferde und Katzen zu essen, um zu überleben, wütende Bürger versammelten sich vor dem Hof und forderten den Kopf des Königs. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. ließ Dutzende Privatleute und Unternehmen mit seinen Schulden und der ewigen Inflation (im HRR gab es naturgemäß eine Währungsvielfalt) in den Abgrund richten. Einige Historiker glauben, dass unter seiner Herrschaftszeit (1661-1715) die Bevölkerungszahl von 21 auf 17 Millionen(!) zurückging. Wie der legendäre Aufklärer Voltaire berichtete, herrschte während der Bestattung des Königs eine Volksfeststimmung („das Volk trank, sang und lachte“).

Das Erbe Ludwigs XVI. waren sieben Jahrzehnte voller weiterer erdrückender Schuldenberge und Abgabenlast für die Bürger im zentralisierten Super-Staat. Im HRR breiteten sich während des Dualismus (preußisch-österreichisch) die Ideen der Aufklärung aus, während die Franzosen aufgrund der Allmacht des Königs weiter unter der Knechtschaft eines absoluten Monarchen leben mussten, bis es zur Revolution kam. Das Erbe des Absolutismus in Frankreich ist bis heute präsent. Kaum ein Staat in Europa hat einen mächtigeren Präsidenten, eine höhere Staatsquote und eine weitverbreiteteren Etatismus. Der Ökonom Leopold Kohr war deshalb der Ansicht, dass man Frankreich in acht völlig selbständige Regionen zerschlagen sollte. Der Niedergang der deutschen Kleinstaaterei wurde schließlich- wie konnte es auch anders kommen- von Frankreich aus bewirkt. Der allmächtige Napoleon brachte den Zentralismus nach Deutschland. Er war zwar der Ansicht, das kein Volk leichtgläubiger sei als die Deutschen, doch kann dies kaum ernst gemeint gewesen sein, wenn man bedenkt, wie sich sein eigenes Volk mehr als zwei Jahrhunderte lang von den Ludwigs knechten ließ.

Nach Napoleon schlossen sich die Fürsten zusammen, um den Wünschen nach einem geeinten Staat zu bekämpfen. Die Folge war eine zunehmende Unterdrückung und die Entfremdung des Volkes mit ihren Herrschern. Die Deutschen wandelten sich radikal von (für damalige Verhältnisse) toleranten Kleinstaatlern zu einem Volk von fanatischen Etatisten, bei denen in den nächsten Jahrzehnten alle Formen von Totalitarismus durchschlagenden Erfolg haben sollten. Bismarck führte den Sozialstaat ein und sicherte somit die begeisternde Gefolgschaft der Deutschen bis in die Schützengräben. Die Geschichte des HRR wurde als eine Zeit von „Ineffizienz, dynastischem Eigennutz und zeremonieller Erstarrung“ geschwärzt. Der Liberalismus und die Werte der Aufklärung gingen der deutschen Mentalität- bis heute- weitgehend verloren.

Die Geschichte zeigt, das zentralisierte Staaten wie Frankreich, Spanien und Russland in politischem und wirtschaftlichen Elend lebten, während Kleinstaatereien wie das HRR, Italien in der Renaissance und die Niederlanden sowie natürlich die Schweiz aufblühten. Weltweit betrachtet war ganz Europa nach dem Ende des Römischen Reichs ein Kleinstaat. Dies war das Erfolgsrezept für den Aufstieg Europas, da sich durch die weniger starke Macht des Staates Eigentumsrechte besser durchsetzen ließen, während in China die Kaiser und im Orient die Sultane regelmäßig den Fortschritt stoppten. Diese Befunde treffen natürlich auch auf die heutige Zeit zu. Erich Weede meint in diesem herausragenden Essay, dass wir auf dem Weg zu den „Vereinigten Narren von Europa“ sind.

Wilhelm Röpke warnte schon kurz nach der Gründung der EWG vor fünf Jahrzehnten:

„Dezentrismus ist in der Tat ein wesentliches Stück des europäischen Geistes. Wenn wir daher versuchen wollen, Europa zentralistisch zu organisieren, einer planwirtschaftlichen Bürokratie zu unterwerfen und gleichzeitig zu einem mehr oder weniger geschlossenen Block zu schmieden, so ist das nichts weiter als Verrat an Europa und am europäischen Patrimonium … Wir zerstören gerade das, was wir zu verteidigen haben und was uns selber Europa ebenso liebenswert wie der ganzen Welt unersetzlich macht. Wenn wir versuchen wollten, Europa zentralistisch zu organisieren und gleichzeitig zu einem mehr oder weniger geschlossenen Block zu schmieden, so ist das nicht weniger als ein Verrat an Europa.“

15 Antworten to “Lob der Kleinstaaterei”

  1. aron2201sperber Says:

    Tatsache ist, dass weder die Bevölkerungen in den Mitgliedstaaten keinen EU-Staat wollen.

    ein solches Projekt gegen den Willen der Bevökerung aufzuziehen, kann nicht finktionieren.

    Was man will, ist eine EU, die den Wohlstand für die Bevölkerungen der Mitgliedstaaten fördert.

    Auf diese alte Funktion der EU sollte man sich zurückbesinnen, statt die ehrgeizige, jedoch unerwünschte und kaum realisierbare Vision eines europäischen Superstaats weiterzuverfolgen

  2. American Viewer Says:

    10/10

    Ich habe vor ein paar Wochen zwei schöne sehr schöne Denkansätze zum Thema Föderalismus gelesen. Der eine Intellektuelle hat dich kürzlich schon stark beschäftigt. Er fängt mit H an und hört mit oppe auf.

    • arprin Says:

      Ich habe mit Hoppe kein Problem, solange er sich mit den Problemen der Gefährdung der Freiheit durch das staatliche Gewaltmonopol auseinandersetzt. Auch finde ich sein Vorwort zu Mises‘ letzter Ausgabe von „Liberalismus“ mit einigen Abstrichen gelungen. Und sein Spruch zur physischen Entfernung von Demokraten und Homosexuellen hat er ja relativiert, indem er meinte, dass es sich nur um Hausordnungen privater Siedlungen handelt.
      Dennoch halte ich nichts von seiner „Alternative“ zur Demokratie.

  3. Wasser99 Says:

    Die Lösung ist doch ganz einfach.
    Man zerlege Deutschland in 16 Einzellteile, gebe jedem Kleinstaat das Stimmrecht 1 : 1 one Man one Vote und wir die Deutschen Staaten hätten wieder die absolute Mehrheit.

    Also die Wiederauferstehung, des alten römischen Reiches Deutscher Nationen wie eben die EU in den Grenzen von damals.

  4. templarii Says:

    Das hat nur wegen dem Christentum funktioniert. Wenn das fehlt, geht es nicht und wird nur zum Zermetzel.

    • arprin Says:

      Ja genau, das Christentum hat ja immer dafür gesorgt, dass es keine Kriege zwischen den Völkern gab.

      • templarii Says:

        Das Christentum ist nicht dazu da, dass es keine Kriege zwischen den Völkern gibt. Das ist auch nicht der Anspruch des Christentums.

      • arprin Says:

        Ich weiß, dass es nicht der Anspruch des Christentums ist. Aber sie sagten dass es ohne Christentum „nur zum Zermetzel wird“, und dem wollte ich einfach widersprechen. Das Christentum hat Europas Geschichte nicht friedlicher gemacht.

      • templarii Says:

        Es ist ein Unterschied ob man Kriegerisch ist, oder einfach nur barbarisch herummetzelt. Vor allem wenn man solch viele interessante Werkzeuge wie jetzt hat.

        Das Heilige römische Reich funktionierte nur mit dem Christentum weil das Christentum bestimmte Triebkräfte des Menschen kanalisiert und umleitet. Etwas was „Aufklärung“ (Die übrigens zum Rassismus, Biologismus, Rassenlehre und Nationalismus der Extraklasse führte) gar nicht kann.

        Templarii

  5. besucher Says:

    Lisson lesen! Was macht die abendländische Kultur aus?
    Sie fußt auf zwei Widerständlern gegen die herrschende Ordnung die dafür mit dem Leben bezahlten mussten, dies auch wussten und wollten:
    Sokrates und Jesus

    • arprin Says:

      Der Westen steht auf drei Hügeln: Golgatha, Akropolis und dem Kapitol. Nur verteidige ich den Westen nicht aus kulturchauvinistischen Gründen, sondern weil der Westen momentan die liberalste Kultur der Welt ist.

      Die „christlich-jüdischen Werte“ sind nicht nur zum Großteil frecher Etikettenschwindel, sondern auch im Ernstfall völlig unbrauchbar, weil sie Marxismus, Kollektivismus und Intoleranz predigen. Ein guter Text zu diesem Thema: http://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html

      Der Westen braucht nicht die stupiden Lehren eines marxistischen Sektenführers vor 2000 Jahren, um weiterzubestehen. Um ehrlich zu sein: Nichts braucht der Westen weniger als mehr Marxismus.

      • besucher Says:

        Es geht nicht um den Sektenführer an sich sondern was letztendlich daraus entstanden ist.
        Aber immer mit Skepsis, dabei hilft dann wiederum Nietzsche lesen und seine Meinungen über das Christentum studieren.

  6. Arturius Says:

    Passend dazu: http://bayernpartei.de 😉

    Regionalismus ist die Zukunft. Nur ist die Frage, wie sehr. Viele kleine Nationalstaaten? Möglich. Oder vielleicht doch eher das große Ganze, aber mit dezentralen Kompetenzen…?

    • arprin Says:

      Ich habe gar nichts dagegen, die aktuellen Nationalstaaten beizubehalten, nur mit dezentralen Kompetenzen. Bei vielen kleinen Nationalstaaten gäbe es zuviel durcheinander.

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