Gemeinschaften und das Zwei-Welten-Theorem

Es ist wieder Zeit für Fußball

Kaum etwas ist so gemeinschaftsstiftend wie Fußball

Kaum etwas ist im Fußball so wichtig wie das Gemeinschaftsgefühl. Die Mannschaft muss ein „Teamgeist“ haben, die Fans eint eine kollektive Begeisterung, Symbole, Parolen und Rituale haben eine große Bedeutung, die Emotionen von Zehntausenden verschmelzen im Stadion und vor dem Fernseher zu einem gemeinsamen Erlebnis. Ist Fußball dementsprechend anti-individualistisch? Ja, aber das macht nichts. Obwohl ich natürlich ein Verfechter von Individualismus und Selbstverantwortung bin, müssen Gemeinschaften nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sein. Sie werden erst dann schlecht, wenn alle in eine künstliche Gemeinschaft (Volksgemeinschaft, Sozialstaat) hineingezwungen werden und nach ihren Regeln leben müssen. Das wäre der schlimmste Totalitarismus, den man sich vorstellen kann, obwohl Gemeinschaften wie z.B. Familien oder Klöster an sich wunderbare Institutionen sein können (auch wenn es natürlich viele Ausnahmen gibt).

Es ist normal, wenn man sich zu seiner Familie anders verhält als zu einem unbekannten Konkurrenten. Wer würde schon auf die Idee kommen, Märkte auf Familien oder Kloster auszudehnen oder Freundschaften und Beziehungen nach Marktregeln zu führen? In der Familie borgt oder teilt man sich Güter, man hat mehr Vertrauen, ist auch mal bereit zu verzeihen und hilft einem Mitglied, wenn er in Not ist. Das tut man freiwillig. Bei fremden Menschen würde das dagegen praktisch niemand freiwillig tun, außer vielleicht Menschen mit einem Helfersyndrom. Es mag zwar Menschen geben, die auch ohne Familie oder Freunde auskommen, doch die Mehrheit unserer Spezies ist doch ein zoon politikon – ein soziales Wesen. Es ist für viele Menschen das Schönste im Leben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sich jeder auf den anderen verlassen kann. Solange Gemeinschaften freiwillig bleiben und somit jederzeit verlassen werden können, ist nichts gegen sie einzuwenden. Besonders treffend wird das Dilemma der menschlichen Gemeinschaften in Friedrich August von Hayeks Zwei-Welten-Theorem formuliert.

Das Zwei-Welten-Theorem

(sinngemäß wiedergegeben von Roland Baader)

„Einige hunderttausend Jahre lang, nämlich während seiner Vor- und Frühgeschichte, lebte das Menschengeschlecht in kleinen urzeitlichen Horden von Jägern und Sammlern, in Sippen- und Stammesgemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. Es galten dort hierarchische Rangordnungen und Regeln des gemeinschaftlichen Verhaltens, wie wir sie teilweise von Tierpopulationen kennen und auch bei den uns nächstverwandten Primaten noch im einen oder anderen Detail beobachten können. Dazu gehörte auch, schon aus Gründen des Überlebens, das Teilen der Jagd- und Sammelbeute. Diese Verhaltensmuster sind tief in unsere Instinkte und unser genetisches und stammesgeschichtliches Erbe eingeprägt.

Die Menschen der vormodernen Zeit lebten also in der einen Welt der engen, überschaubaren face-to-face-Gemeinschaft. Der moderne Mensch hingegen ist gezwungen, in zwei Welten zu leben: Zum einen im kleinen Kreis der Familie und Freunde (und vielleicht noch der Sippe), wo sich jene urzeitlichen Verhaltensmuster noch in mehr oder weniger strenger Form leben lassen und auch sinnvoll und nützlich sind; und zum anderen in der großen, anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaft, in welcher völlig andere Regeln und Verhaltensweisen gelten – und auch notwendig sind. Dieses Leben in zwei Welten, wovon letztere menschheitsgeschichtlich nur einen winzig kleinen Zeitraum umfaßt, bereitet uns große Schwierigkeiten. (Der Humanethologe und Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt hat hierüber umfangreiche und bahnbrechende Arbeiten verfaßt).

Als besonders verhängnisvoll erweisen sich hierbei unsere atavistischen Neigungen, die Regeln der kleinen, „warmen“ Welt auf die große, „kalte“ Welt der Großgesellschaft übertragen zu wollen. Dieser biologisch tief verwurzelte Steinzeit-Instinkt ist wohl der hauptsächliche Urquell für den aller Erfahrung und aller Vernunft widersprechenden und geradezu unausrottbaren Hang unserer Spezies zu sozialistischen Gesellschaftsmodellen. Das entscheidende und verhängnisvolle an diesen Sehnsüchten und den entsprechenden politischen Versuchen besteht in der Tatsache, daß jede der beiden Welten unabwendbar zerstört wird, sobald man die Verhaltensregeln der jeweils anderen auf sie anwendet.

von Hayek führt dazu aus: „Unsere Schwierigkeit besteht zum Teil darin, daß wir unser Leben, unsere Gedanken und Gefühle unentwegt anpassen müssen, um gleichzeitig in verschiedenen Arten von Ordnungen und nach verschiedenen Regeln leben zu können. Wollten wir die unveränderten, uneingeschränkten Regeln des Mikrokosmos (d. h. die Regeln der kleinen Horde oder Gruppe oder beispielsweise unserer Familien) auf den Makrokosmos (die Zivilisation im großen) anwenden, wie unsere Instinkte und Gefühle es uns oft wünschen lassen, so würden wir ihn zerstören. Würden wir aber umgekehrt immer die Regeln der erweiterten Ordnung auf unsere kleineren Gruppierungen anwenden, so würden wir diese zermalmen. Wir müssen also lernen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben.“

5 Antworten to “Gemeinschaften und das Zwei-Welten-Theorem”

  1. besucher Says:

    Koan Titel ! FC Bayern verliert mit Leihspielern gegen Italien im EM-Halbfinale. Bei einer so mittelmäßigen Einstellung und einem schlechten Trainer nicht weiter verwunderlich .

  2. American Viewer Says:

    Sehr schöner Artikel. Habe wieder etwas gelernt.

  3. foundnoreligion Says:

    Ich hätte eine kleine Frage an dich. Wie stehst du zum Weltbürgertum?

    • arprin Says:

      Ich fände es gut, wenn die Menschheit ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln würde, was gar nicht im Widerspruch zum Patriotismus steht. Die Menschheit kann stolz auf sich sein. Wir haben mit unseren begrenzten Mitteln Unglaubliches erreicht, wir werden vielleicht eines Tages die Geheimnisse des Universums entschlüsseln.

      Auch bin ich für ein konsequentes Recht auf Freizügigkeit und gleichen Rechten für alle Menschen, egal aus welchem Land, Kultur oder Religion. Man sollte dies jedoch nicht mit Multikulturalismus und einen weltweiten Sozialstaat verwechseln.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: