Gedanken zum deutschen Fußball

Die DFB-Elf- auf dem Weg zum Titel 2012?

Dreimal Weltmeister

Die Enttäuschung nach dem EM-Aus hielt sich bei mir in Grenzen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens war es nicht das Finale und nicht zuhause. Zweitens war die Niederlage nicht unverdient. Und drittens haben wir das Spiel nicht in der Nachspielzeit oder im Elfmeterschießen verloren. Die Niederlage gegen Chelsea war viel schlimmer, viel überflüssiger, viel brutaler. Gegen Italien konnte man sich nach dem 0:2 auf die Niederlage einstellen. Dennoch war auch dieses Ausscheiden bitter, denn wir galten als die Favoriten und haben nun schon 16 Jahre ohne Titel hinter uns. Die Argumente, die jetzt hervorgekramt werden, um zu erklären, warum wir keine Titel mehr holen, gehen für mich aber am Thema vorbei.

Nein, wir brauchen keine Wadenbeißer/Führungsspieler/Eier/Kampfschweine etc. Man kann auch ohne Wadenbeißer Titel holen, und man kann mit Wadenbeißern titellos bleiben, wie Kahn, Effenberg, Ballack und Frings bewiesen haben. Nein, wir spielen nicht zu schön. Mit Rumpelfußball gewinnt man keine Titel, sondern kommt höchstens ins Finale, wie 1982, 1986, 2002 und 2008. Das Gegenbeispiel- dass man mit schönem Fußball Titel holen kann- zeigte in der Vergangenheit der FC Barcelona mehrmals. Und nein, wir sind nicht zu zufrieden mit dem zweiten oder dritten Platz. Die Mannschaft wurde 2006 gefeiert, weil es eine Heim-WM war und 2008, weil sie ins Finale kam. Das geht in Ordnung und ist kein rein deutsches Phänomen. Ein Halbfinaleinzug, wie 2010 oder 2012, wird dagegen nicht gefeiert.

Woran liegt es? Dazu müssen wir etwas in die Vergangenheit schauen. Der deutsche Fußball war in den 1990ern zu gesättigt. Jahrzehntelang hatte man ohne große taktische Innovationen Erfolg gehabt, man setzte einfach auf die „deutschen Tugenden„: Zweikämpfe gewinnen und mehr laufen als der Gegner. Doch eines Tages war das nicht mehr genug. In den 1980ern und 1990ern setzte eine Taktikrevolution ein, die in Deutschland komplett verschlafen wurde. Während in anderen Ländern in der Jugendausbildung  wie selbstverständlich großer Wert auf taktische Schulung gelegt wurde, wurde Rangnick nach seinem Versuch, die Viererkette zu erklären, als „Fußball-Professor“ verspottet. Diese deutsche Einstellung brachte Matthias Sammer so auf den Punkt: „Wir Deutschen haben keine Ahnung von Taktik.“

Der deutsche Fußball hinkte jedoch nicht nur in der Taktik hinterher, auch die individuelle Qualität der Spieler ging zurück. Im Vereinsfußball gelang es Dortmund und Bayern noch bis zum Jahr 2001 mit weitgehend deutschen Spielern wie Kahn, Scholl, Effenberg, Jeremies, Linke, Basler, Tarnat, Babbel, Kohler, Reuter, Sammer und Möller, von denen viele auch Europameister geworden waren, die Champions League zu gewinnen. Nach 2002 fiel man in der Fünfjahreswertung hinter Italien zurück, sieben Jahre lang erreichte keine Mannschaftmehr ein Finale, Bundesliga-Topklubs schieden gegen Mannschaften aus Rumänien, Dänemark oder Ukraine aus, in der Fünfjahreswertung rutschte man immer weiter ab. Die Bundesligamannschaften setzten überdies immer weniger deutsche Spieler ein.

Nach der EM 2004 kam die Katastrophe mit dem Namen Klinsmann. Klinsmann gelang es nicht nur nicht, für einen Qualitätssprung zu sorgen, er zerstörte auch das, was seit Jahrzehnten zu den Grundpfeilern des deutschen Fußballs zählte: die „deutschen Tugenden“. Der Grund dafür war, dass er dem deutschen Publikum für die Heim-WM attraktiven Fußball bieten wollte. Dafür wurde ein Offensivfußball verordnet und die Defensive vernachlässigt. Die Folge: Allein im Länderspieljahr 2005 bekam man 22 Gegentore in 15 Spielen, im Confederations Cup 2005 waren es 11 in 5 Spielen. Niemand hätte wohl jemals gedacht, dass Deutschland jemals ein Abwehrproblem haben könnte, doch Klinsmann brachte es fertig. Er spielte mit der Devise: Keine taktischen Anweisungen, es reicht einfach die Spieler „heiß zu machen“. Dass er dann trotzdem das Halbfinale erreichte, täuschte über seinen Misserfolg hinweg und ließ den deutschen Fußball weiter in Stagnation verharren.

Wer nach 2006 oder 2008 der deutschen Mannschaft eine rosige Zukunft prophezeite, war ein reiner Zweckoptimist. Welche „Talente“ hatte Deutschland damals? Schweinsteiger war vor 2009 der wohl meistüberschätzte Spieler Europas, Podolski war dicht dahinter, Mertesacker hatte das Potenzial zur Weltklasse, doch irgendwann stoppte seine Entwicklung und er wurde zum Stümperer. Einzig Lahm und Ballack, mit Abstrichen auch Klose, hatten internationales Niveau, mehr war da nicht. Andere Mannschaften waren qualitativ viel besser aufgestellt, auch wenn sie weniger Erfolg hatten. Die Wende folgte dann schließlich im Jahr 2009 mit van Gaal und Hrubesch. Schweinsteiger gelang der Durchbruch, Müller und Badstuber tauchten aus dem Nichts auf. In den U-Nationalmannschaften schaffte man den Hattrick: U-19, U-17 und U-21 Europameister, zweimal war Hrubesch der Trainer. Spieler wie Neuer, Boateng, Hummels, Khedira, Kroos und Özil rückten nach, die in Sachen Taktik modern geschult waren.

Im Jahr 2010 kehrte der deutsche Fußball wieder zurück in die Weltbühne. Der FC Bayern erreichte nach neun quälenden Jahren wieder das Champions League-Finale. Bei der WM 2010 schaffte es Deutschland zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt, nicht nur erfolgreich, sondern auch wirklich gut zu spielen. Doch die Mannschaft hatte noch nicht zu Spanien aufgeschlossen. Trotzdem hatte man endlich einen Grund zum Optimismus: Deutschland hatte seit langer Zeit mal wieder eine junge, extrem talentierte Mannschaft, die sich qualitativ mit den Großen der Welt messen konnte. Die spektakulären Siege gegen England (4:0), Argentinien (4:1) und den Niederlanden (3:0) ließen geradezu einen Mythos um die deutsche Mannschaft entstehen, die zu Lobeshymnen führten wie: „Jetzt ist Deutschland die beste Mannschaft der Geschichte„, aber bei der EM 2012 war wieder im Halbfinale Schluss.

Halten wir fest: Deutschland hat durch seine Weigerung, taktische Innovationen zu übernehmen und seine eigenen Tugenden wegzuwerfen, mindestens ein Jahrzehnt verloren. Diesen Rückstand beginnen wir langsam, wieder aufzuholen. Aber Deutschland fehlt es immer noch an taktischem Geschick und an einer sattelfesten Abwehr, wie das Spiel gegen Italien gezeigt hat. Es gab immerhin eine Verbesserung: Man vergleiche mal das Innenverteidiger-Duo Mertesacker/Metzelder (2008) mit Hummels/Badstuber (2012). Ich glaube aber nicht, dass wir ausgerechnet in Brasilien den Titel holen. In den Turnieren von 2016 und 2018 sehe ich die größte Gelegenheit für diese Generation. Irgendwann sind wir mal wieder dran. Und wenn wir schon kein Titel mit der Nationalmannschaft holen, werden wir es zumindest in der Champions League mal wieder schaffen.

2 Antworten to “Gedanken zum deutschen Fußball”

  1. besucher Says:

    Soll man nun auf die deutschen Tugenden setzen?

    Unbedingt! In Kombination mit Technik und Spielwitz. Und laufen, laufen, laufen. Und mit Aggressivität in die Zweikämpfe.
    Es gab eine Gelbe für Hummels wegen Meckern im Halbfinale gegen ITA.

    Und das Klinsmann in der Analyse eher schlecht wegkommt hab ich mir schon gedacht 😉
    Mal ne Frage, Arprin: Welcher Tag war schlimmer? Der 26. Mai 1999 oder 19. Mai 2012?

    • arprin Says:

      Der 19.Mai 2012. 1999 war ich noch gar nicht in Deutschland und auch kein Bayern-Fan, habe das Spiel aber trotzdem gesehen. Ich war überrascht, mehr nicht. Der 19.Mai dagegen war einer der schlimmsten Tage meines Lebens.

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