Interview mit einem Diktator

Oriana Fallaci trifft Ayatollah Chomeini

Oriana Fallaci trifft Ayatollah Chomeini

Am 19. März gab Mahmud Achmedinedschad dem heute journal-Moderator Claus Kleber ein bemerkenswertes Interview. Achmedinedschad gelang es, Kleber in jedem Thema vorzuführen wie einen Amateur. Der Cicero fasste es so zusammen: „Kleber exerziert vor, wie und warum der Westen an Ahmadinejad scheitert. Souverän führt der iranische Präsident durch das Gespräch.“ Am Ende stand der Iran als armes Opfer einer Verschwörung des Westens dar, sowie bei seinem Interview mit Larry King. Kein Wort über die Brutalität gegen die Regimegegner, die Rechte von Minderheiten und Frauen, die jahrelange Unterstützung der Terrororganisationen in der Levante, den möglichen strategischen Umschwung in Syrien, die Rolle des Militärs im Nuklearprogramm, die Vernichtungsdrohungen gegen Israel oder die Millionen iranischen Flüchtlinge im Westen.

Vier Monate später führte Jürgen „Eigentlich-ist-der-Westen-an-allem-Schuld“ Todenhöfer ein Interview mit dem syrischen Präsident Bashar al-Assad. Wieder gelang es dem Diktator, jegliche Schuld für seine Verbrechen zu leugnen und „ausländische Mächte“ für die Unruhen in seinem Land verantwortlich zu machen. Todenhöfer war als Gesprächspartner gut ausgewählt, immerhin ist er seit Monaten auf Propagandamission in Syrien, was auch dem syrischen Regime wohlwollend aufgefallen ist. Kein Wunder, dass Todenhöfers Interview bei allen antiwestlichen Diktatorenhuldigern als großer Erfolg gewertet wurde.

Die Diktatoren-Interviews haben eine lange Tradition. Schon Stalin und Hitler hatten ihre großen Auftritte in ausländischen Zeitungen. Am 21. Februar führte der französische Journalist Bertrand de Jouvenel für die Paris Midi ein Interview mit Adolf Hitler, in der dieser sich über die deutsch-französischen Beziehungen äußerte. Hitler schaffte es, seine Friedensabsichten zu betonen und de Jouvenels Zweifel beiseite zu wischen. Auszüge aus dem französischen Original finden sich hier, in deutscher Sprache findet man Ausschnitte auf dieser Seite. Was Hitler damals sagte, könnte in jedem Rhetorik-Kurs für Diktatoren gelehrt werden.

Hitler als Antiimperialist

Anstatt über Deutschlands Wiederbewaffnung zu reden, appellierte Hitler an die “berühmte französische Logik”: “Ich weiß, was Sie denken. Sie meinen: ‘Hitler macht uns Friedenserklärungen, ist es aber wirklich aufrichtig?’ Wäre es aber nicht besser, wenn Sie, anstatt psychologische Rätsel zu lösen versuchen, einmal die berühmte französische Logik anwendeten? Wäre es nicht ein Ruin für beide Länder, wenn sie erneut auf dem Schlachtfeld zusammenstießen? Ist es nicht logisch, dass ich für mein Land das Vorteilhafteste erstrebe? Und ist dieses Vorteilhafteste nicht der Friede? … Ich will meinem Volke beweisen, dass der Begriff der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland ein Unsinn ist. Das deutsche Volk hat dies verstanden.”

de Jouvenel fragte Hitler während des Interviews auch, wie er zu seinen eigenen Aussagen in Mein Kampf steht, und ob die franzosenfeindlichen Aussagen („Dieses an sich immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas”) nicht korrigiert werden sollten: “Wir Franzosen lesen zwar mit Freude Ihre Friedenserklärungen. Wir sind aber trotzdem wegen anderer weniger ermutigender Dinge beunruhigt. So haben Sie in Ihrem Buch, Mein Kampf sehr schlimme Dinge über Frankreich gesagt. Dieses Buch wird nun in ganz Deutschland als eine Art politische Bibel angesehen. Es wird verkauft, ohne dass die aufeinanderfolgenden Ausgaben in irgendeiner Hinsicht bezüglich der Stellen über Frankreich einer Korrektur unterzogen wurden.” Aber auch davon ließ sich Hitler nicht aus der Ruhe bringen:

“Als ich dieses Buch schrieb, war ich im Gefängnis. Es war die Zeit, als die französischen Truppen das Ruhrgebiet besetzten. Es war im Augenblick der größten Spannung zwischen unseren beiden Ländern … Ja, wir waren Feinde, und ich stand zu meinem Lande, wie es sich gehört, gegen Ihr Land, genau wie ich zu meinem Lande gegen das Ihre 4 1/2 Jahre lang in den Schützengräben gestanden habe! Ich würde mich selbst verachten, wenn ich nicht im Augenblick eines Konfliktes zunächst einmal Deutscher wäre. Aber heute gibt es keinen Grund mehr für einen Konflikt. Sie wollen, dass ich mein Buch korrigiere wie ein Schriftsteller, der eine neue Bearbeitung seiner Werke herausgibt. Ich bin aber kein Schriftsteller. Ich bin Politiker. Meine Korrekturen nehme ich in meiner Außenpolitik vor, die auf Verständigung mit Frankreich abgestellt ist! Wenn mir die deutsch-französische Annäherung gelingt, so wird das eine Korrektur darstellen, die würdig ist. Meine Korrektur trage ich in das große Buch der Beschichte ein!”

Schließlich ließ Hitler es so aussehen, als sei Deutschland das Opfer einer ausländischen Verschwörung, und bezog sich dabei auf den französisch-sowjetischen Beistandspakt: “Meine persönlichen Bemühungen für eine solche Verständigung werden immer bestehen bleiben. Indessen würde sachlich dieser mehr als bedauerliche Pakt eine neue Lage schaffen. Sind Sie sich denn in Frankreich bewusst, was Sie tun? Sie lassen sich in das diplomatische Spiel einer Macht hineinziehen, die nichts anderes will, als die großen europäischen Völker in ein Durcheinander zu bringen, aus dem diese Macht allein den Vorteil zieht. Man darf die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass Sowjetrussland ein politischer Faktor ist, dem eine explosive revolutionäre Idee und eine gigantische Rüstung zur Verfügung stehen. Als Deutscher habe ich die Pflicht, mir über eine derartige Lage Rechenschaft abzulegen. Der Bolschewismus hat bei uns keine Aussicht durchzudringen, aber es gibt andere große Völker, die weniger als wir immun gegen den bolschewistischen Bazillus sind.”

Die Rhetorik der Schlächter

Wer mit einem Verrückten reden will, sollte immer beachten: Egal wie verrückt jemand ist, er wird sich für ein Interview immer gut vorbereiten und alles versuchen, um seine Position als vernünftig dastehen zu lassen. Das Auslassen von Wahrheiten, die Dramatisierung von ihm genehmen Tatsachen und das Erfinden von Bedrohungen gehören dabei zum Standardrepertoire- ob bei Stalin, Hitler, Achmedinedschad oder Assad. Diese Taktik gehört auch zum festen Bestandteil von Verschwörungstheoretikern, ob 9/11 Truthern, Holocaustleugnern oder Kreationisten. Wer nicht gut vorbereitet ist, wie es offensichtlich bei Claus Kleber der Fall war, wird den Argumenten der Gegenseite wenig entgegenzusetzen haben, was den Verrückten in seiner Position stärken wird. So schaffte es Hitler, sich vor seinem Volk als „Mann des Friedens“ zu positionieren.

Und wenn der Verrückte eines Tages von seiner Position abrückt, wird er auch hierfür Ausreden finden und den feindlichen Verschwörern die Schuld anlasten. Als Hitler sich zum Krieg gegen Polen entschloss, inszenierte er den Überfall auf den Sender Gleiwitz. Einen offenen Bruch mit seiner Position (das Sudetenland hatte er als die „letzte territoriale Forderung“ bezeichnet) wollte er nicht auf sich nehmen. Und auch der Krieg gegen die Sowjetunion war in den offiziellen Verlautbarungen ein reiner Verteidigungskrieg. Mark Twain brachte es in „Der geheimnisvolle Fremde“ auf den Punkt:

Als nächstes wird der Staatsmann billige Lügen erfinden, die die Schuld der angegriffenen Nation zuschieben, und jeder Mensch wird glücklich sein über diese Täuschungen, die das Gewissen beruhigen. Er wird sie eingehend studieren und sich weigern, Argumente der anderen Seite zu prüfen. So wird er sich Schritt für Schritt selbst davon überzeugen, dass der Krieg gerecht ist und Gott dafür danken, dass er nach diesem Prozess grotesker Selbsttäuschung besser schlafen kann.

Dieser „gerechte Krieg“ wird meistens gegen innere Feinde geführt- Stalins Vernichtungsfeldzug gegen die Kulaken, die Massaker an den inneren politischen Feinden in China, Kambodscha und Nordkorea, Saddams Völkermord an den Kurden und den Schiiten und Assads mörderischer Krieg gegen die Opposition sind da nur einige Beispiele. Manchmal lauert der Gegner jedoch im Ausland. Die Mullahs im Iran haben in ihren 3 Jahrzehnten Herrschaft vor allem ihr eigenes Volk massakriert, aber sie haben eine klare, apokalyptische Agenda, die sie trotz gegenteiliger Bekundungen in die Tat umsetzen wollen- und in diesem Kontext muss ihr Nuklearprogramm verstanden werden.

Zu den üblichen Tricks der Kriegstreiber gehört es, nach dem Krieg jegliche Verantwortung für die begangenen Verbrechen zu leugnen. Die Stalinisten leugneten den Völkermord an die Kulaken und behaupteten, es habe sich um eine gewöhnliche Hungersnot gehalten, die Nazis leugneten nach 1945 jegliche Mitschuld am Holocaust, indem sie, wie der einstige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg während des Nürnberger Prozesses, behaupteten, dass sie die Anweisungen „falsch verstanden“ hätten. Vergessen wir nie- Achmedinedschad hat seine Vernichtungsdrohungen sogar im staatlichen Rundfunk verkündet und die iranische Führung ist auch nicht zimperlich, ihre Pläne offenzulegen, solange sie sich an das Inland richten.

Manchmal gelingt es einem Journalisten tatsächlich, einen Staatsmann bloßzustellen. So geschehen beim Interview des jungen Talkmasters David Frost mit dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon im Jahr 1977, als es Nixon trotz einiger Etappensiege nicht gelang, seine Schuld reinzuwaschen. Natürlich war Nixon aber, da er bereits zurückgetreten und kein Diktator war, in einer anderen Lage als die arabischen Schlächter unserer Zeit. Der Klassiker schlechthin stammt dementsprechend aus dem Jahr 1979, als Oriana Fallaci die absurde Ideologie von Gaddafi vorführte. Aber so ein Husarenstück dürfen wir von Kleber oder Todenhöfer nicht erwarten.

9 Antworten to “Interview mit einem Diktator”

  1. shaze86 Says:

    Natürlich kann man ohne größere Probleme einen Diltator bloßstellen. Doch das wollten Kleber und co. nicht. Die wollten diplomatisch sein und vermitteln – was natürlich unsinn ist.

    • Besucher Says:

      Hat Kleber einen diplomatenpass oder wurde als Journalist akkreditiert? Naja, ist eh etwas klebrig der Herr Kleber , ähem… Aber die interessante frage ist doch: was kommt nach Assad? Wenn ich mir da z.B. Ägypten anschaue und diesen Vollpfosten Mursi sehe. Und Westerwelle macht ihm noch als erster die Aufwartung. Schrecklich

      • shaze86 Says:

        Ich halte die Lage in Ägypten für angespannt aber nicht so schlimm. Die Muslimbrüder haben keine Ahnung und sind eher einfach nur opportunistisch und werden sich mit etwas Glück spalten. Dann gibt es noch die Salafisten, die nie eine Mehrheit bekommen werden.

  2. American Viewer Says:

    Ich habe das Interview von Todenhöfer nicht ganz gesehen, aber das Interview von Kleber empand ich irgendwie als peinlicher. Todenhöfer hat sogar mehr kritische Fragen gestellt und mehr gebohrt als Kleber, so jedenfalls meine Erinnerung.

    Vielleicht ist es Gewöhnung, vielleicht aber auch einfach die Tatsache, dass mir Kleber bis dahin sympathisch war. Todenhöfer dagegen war schon immer eine Null.

    Vielleicht ist es aber auch, weil im Falle des Iran die Sache weniger komplex ist, als in Syrien.

    Ich sehe keinen Grund die Sunniten zu unterstützen, weil man leider annehmen muss, dass diese in üblicher Manier Aleviten und Christen vertreiben, wenn nicht sogar ausrotten werden, sobald sie an der Macht sind.

    Auch dem Regime um Assad kann man keine Sympathien entgegenbringen, weil es seit Jahrzehnten mit dem Iran gegen Israel einen mehr oder weniger offenen Krieg führt und natürlich die Sunniten malträtiert bis zum Massenmord.

    Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera.

    • arprin Says:

      Ja, die Situation ist sehr komplex. Jede Entscheidung könnte Tausende Menschenleben kosten.

      Ich finde, man sollte nicht „die Sunniten“ bzw. die Free Syrian Army unterstützen, sondern die friedlichen Kräfte, egal welche politische Ausrichtung sie haben. Wenn die Syrer Islamisten an die Macht wählen, wäre das sicher nicht erfreulich, aber besser als ein Bürgerkrieg. Tunesien oder Ägypten geht es ja nicht schlechter als Syrien. Es ist absurd zu glauben, dass eine säkulare Diktatur automatisch besser ist als eine theokratische. Saddam war ja auch nicht besser als Khomenei, nur weil er die Christen geschützt hat.

  3. aron2201sperber Says:

    was für mich eine der größten Errungenschaften der kommunistischen Propaganda bleibt:

    dass Hitler und Stalin Polen gemeinsam überfielen, war nie ein großes Thema.

    klar war der Westen auf die Zusammenarbeit mit Stalin angewiesen, um bei der Vernichtung des noch größeren Verbrechers möglichst wenig eigene Männer opfern zu müssen – und war daher an einer Verteufelung Stalins selbst nicht interessiert.

    Dass der Mann, der den 2. Weltkrieg gemeinsam mit Hitler begonnen hatte, als der große Sieger hervorging, ist schon ziemlich widerlich

    • Besucher Says:

      Der noch größere Verbrecher? Diese Wertung hätte ich mir gespart. Hitler wird nur deswegen als größerer Verbrecher angesehen weil er seine Verbrechen nach außen begangen hat, Stalin nach innen. Die linken verstecken Stalin, Mao und Co immer hinter Hitler. Da mach ich nicht mit.

      • aron2201sperber Says:

        wenn man bedenkt wie wenig Zeit Hitler im Vergleich zu Mao und Stalin für seine Verbrechen hatte und auch die Einwohnerzahlen mitberücksichtigt, landet Hitler trotz der niedrigeren Gesamtzahlen wohl an erster Stelle.

      • aron2201sperber Says:

        ich muss allerdings zugeben, dass je mehr ich über Stalin und Mao gelesen habe, desto fragwürdiger erscheinen manche Entscheidungen des Westens.

        Stalin war erst mit Hitler verbündet, danach blieb ihm ohnehin nichts anderes übrig, als gegen ihn zu kämpfen.

        obwohl er fast bis zum Ende mit Japan einen Nichtangriffspakt einhielt, wurde er zum Verbündeten erklärt und mit Kriegsmaterial unterstützt:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Leih-_und_Pachtgesetz

        ähnliches galt auch für Mao, der statt die Japaner zu bekämpfen, seine Truppen geschont hatte, um am Ende mit Unterstützung der Sowjets die Macht zu übernehmen.

        das schlechte Gewissen aufgrund des spanischen Bürgerkriegs war wohl ein Faktor, dass man Chiang Kai Schek zunächst sogar zurückhielt – bis es dann zu spät war.

        Korea, Vietnam etc. hatte man sich danach bis zu einem gewissen Grad selbst zuzuschreiben.

        so ganz unrecht hatte Churchill mit seinem Ausspruch:“Wir haben das falsche Schwein geschlachtet!“ wohl nicht

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