Stauffenberg: Die ganze Geschichte

Stauffenberg-  Der bekannteste deutsche Widerstandskämpfer

Der bekannteste deutsche Widerstandskämpfer aus der Zeit des Nationalsozialismus ist ohne Frage Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Viele Gedenktafel, Büsten und Briefmarken erinnern an ihn, Kasernen, Schulen und Straßen tragen seinen Namen. Sein Ruhm wurde auch in Hollywood verewigt. Er ist ein echter deutscher Held. Am heutigen Tag jährt sich sein misslungener Versuch, Hitler zu ermorden und einen Staatsstreich herbeizuführen, zum 68.Mal. Dafür wurde er einen Tag später hingerichtet. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Es lebe das heilige Deutschland!“

Wie bei den meisten Helden der Geschichte spielen Mythen eine große Rolle bei der Beurteilung seiner Person. Die Behauptung, dass Stauffenberg ein Gegner des Krieges war und moralische Bedenken ihn zum Widerstandskämpfer machten, ist falsch. Stauffenberg war ganz eindeutig für die Ernennung Hitlers zum Reichskanzkler, für den Krieg und befürwortete auch viele Gräuletaten. Aussagen von ihm stellen ihn als Rassisten und Antisemiten dar. Was er nicht wollte, ist dass der Krieg verloren wurde. Dies war Stauffenbergs ursächliche Motivation für „Operation Walküre“. Seine politischen Ansichten waren aber weit von parlamentarischer Demokratie entfernt.

Stauffenberg war politisch im George-Kreis und der sogenannten „Konservativen Revolution“ verortet. Diese vertraten vor allem antidemokratische, antiliberale, antimoderne und antiegalitäre Positionen. Nach dem Ersten Weltkrieg sehnten sich diese Kräfte nach einer Revision des Versailler Vertrags, der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und der Errichtung einer „Volksgemeinschaft“. Diese Ansichten spiegeln sich in folgendem Zitat von ihm wieder:

„Der Gedanke des Führertums … verbunden mit dem einer Volksgemeinschaft, der Grundsatz ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz‘ und der Kampf gegen die Korruption, der Kampf gegen den Geist der Großstädte, der Rassegedanke und der Wille zu einer neuen deutschbestimmten Rechtsordnung erscheinen uns gesund und zukunftsträchtig.“

Stauffenberg war zwar kein Nationalsozialist, aber er begrüßte ausdrücklich die Wahl Hitlers zum Reichskanzler. Später machte er Karriere beim Militär und war auch an der Ausbildung von Mitgliedern der SA beteiligt. Während all dieser Zeit hatte er trotz Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltung, KZ’s, Gestapo, Judenboykott, Nürnberger Rassengesetze, Arisierung und Reichskristallnacht nichts am Regime auszusetzen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, empfand er ihn als erlösend und als ideales Mittel, um die Ziele der „Konservativen Revolution“ zu verwirklichen. Im Jahr 1939 schrieb er zu seiner Frau:

„Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“

Hier spricht eine extrem chauvinistische, menschenverachtende und antisemitische Person, die kein Problem mit der massenhaften Deportation von Hunderttausenden Menschen hat, sondern diese ausdrücklich befürwortet. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland viele Kriegsgegner, die meisten waren schon in den KZ’s gelandet oder hingerichtet worden. Aber es gab auch einige Wehrmachtasangehörige, die die Gräueltaten der Wehrmacht kritisierten, ohne hingerichtet zu werden, wie z.B. Johannes Blaskowitz oder Fedor von Bock. Stauffenberg gehörte nicht dazu. Er lehnte es im Winter 1939/1940 auch ab, sich an einer von Walther von Brauchitsch und Franz Halder geplanten Verschwörung gegen Hitler zu beteiligen.

Operation Walküre

Warum hat sich Stauffenberg aber dann doch entschlossen, dem Regime Widerstand zu leisten? Es waren sicher keine moralische Bedenken, die ihn dazu anregten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Stauffenberg durch die unabwendabre Niederlage um die Ziele der „Konservativen Revolution“ fürchtete und keinen anderen Ausweg als die Beseitigung des Führers sah, um die deutsche Politik zu ändern. An der Operation waren übrigens auch überzeugte Völkermörder, Kriegsverbrecher und Antisemiten wie General Eduard Wagner, Arthur Nebe und Wolf-Heinrich Graf von Helldorf beteiligt, die ganz sicher nicht von moralischen Bedenken, sondern von Angst  geplagt wurden.

Die möglichen Folgen des Attentats werden oft überschätzt. Die Attentäter hatten gehofft, mit den Alliierten verhandeln zu können. Doch die Alliierten hatten 1943 in Casablanca beschlossen, nur eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands zu akzeptieren. Es ist überdies unwahrscheinlich, dass die SS, NSDAP und Wehrmacht sich nicht gegen den Putsch gewehrt hätten. Die meisten Deutschen waren von der Nachricht des Attentats schockiert und froh, dass Hitler überlebt hatte. Falls sich die neue Regierung überhaupt lange gehalten hätte, wäre es wohl zu einem Bürgerkrieg gekommen, der die deutschen Kräfte an den Fronten so geschwächt hätte, dass die Sowjets noch viel weiter in deutsches Gebiet vorgedrungen wären. Und: Eine neue Dolchstoßlegende wäre entstanden, sowie nach 1918, die die Verschwörer des 20.Juli für die Niederlage verantwortlich gemacht hätte.

Dieses Szenario wäre aber immer noch besser gewesen als die totale Zerstörung Deutschlands und der Tod von weiteren Millionen Soldaten und Zivilisten. Es wäre für die Alliierten und für den Frieden absolut begrüßenswert gewesen, wenn das Attentat geglückt wäre. Die grausigen Verbrechen in den Vernichtungslagern und die „Reeducation“ durch die Alliierten hätte den Geist der Deutschen vom Totalitarismus befreien können, ohne eine neue Dolchstoßlegende zu kreieren. Die Sowjets hätten sich womöglich an die Teilungsabsichten gehalten, und wenn nicht, wären doch zumindest Millionen Menschenleben gerettet worden, auch wenn dafür ein paar Millionen Menschen mehr in einer kommunistischen Diktatur hätten leben müssen.

Um sich ein abschließendes Urteil bilden zu können, hätte man Stauffenbergs Karriere nach 1945 beobachten müssen. Möglicherweise wäre er so dumm gewesen, seine Ideologie beizubehalten, dann würde er heute ganz sicher nicht als Vorbild gelten. Es wären keine Denkmäler gebaut, keine Schulen nach ihm benannt und keine Filme zu seinen Ehren gedreht worden. Aber wenn man bedenkt, dass viele wesentlich üblere Gestalten nach 1945 in höchste Positionen des Staates kamen, kann man mutmaßen, dass Stauffenberg einen ähnlichen Weg eingeschlagen hätte. Nach dem Untergang des Kommunismus in Osteuropa wechselten viele Kommunisten über Nacht ihre politische Richtung, eine ähnliche Entwicklung findet zurzeit im Nahen Osten statt. Da Stauffenberg nicht die Gelegenheit dazu hatte, müssen wir uns mit Wunsch- und Zerrbildern begnügen. Als Beispiel für einen aufrechten Demokraten, Friedensbefürworter und moralischen(!) Widerstand eignet sich sein Lebensweg jedoch nicht.

7 Antworten to “Stauffenberg: Die ganze Geschichte”

  1. Simon Says:

    „Diese vertraten vor allem antidemokratische, antiliberale, antimoderne und egalitäre Positionen.“

    Bis du dir sicher das die „Konservative Revolution“ egalitäre Positionen vertrat? Ich glaube sie waren eher an einem hierachischen Ständestaat orientiert.

    Ansonsten ein völlig richtiger Post. Die deutschen Konservativen waren in ihrer Mehrheit zu mindestens bis 1945 tatsächlich antiliberal und antimodernistisch. Das unterscheidet sie von Konservativen in den angelsächsichen Staaten. (Ob es nach 1945 bzw. 1968 noch einen einflussreichen deutschen Konservatismus gibt kann man eher bezweifeln. Die CDU ist derzeit eher eine sozialdemokratische Partei).

    Nicht vergessen sollte man aber auch das der Antikapitalismus ein wesentliches Element der „Konservativen Revolution“ war. Stichwort Querfrontstrategie und Nationalbolschewismus.

  2. Essener Says:

    Dieser Artikel trägt zur Aufklärung über die Person Stauffenberg bei. Der Begriff „konservative Revolution“ wird genannt. Es braucht noch viel Aufklärung, bis diese Gedanken Einzug finden in den Mainstream und in die Geschichtsbücher!

    • Besucher Says:

      Sicher lassen sich auch bei konservativen revolutionären sinnvolle Einlassungen finden. Man feiert sich aber auch gern selbst ab ob seines elitären Gestus.

      • American Viewer Says:

        Sicher lassen sich auch bei konservativen revolutionären sinnvolle Einlassungen finden.

        Das sehe ich auch so. Sonst könnte fast man niemanden zum Vorbild erklären. Schon gar nicht Menschen, die vor 50 oder 100 Jahren gestorben sind.

  3. American Viewer Says:

    Diese Aussagen von Stauffenberg sind in der Geschichtswissenschaft natürlich ausführlich besprochen. Wie das dann in deutschen Schulbüchern und bei Gedenkfeiern aussieht, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wird es da nur am Rande gestreift, wenn überhaupt. Vielleicht einfach, um den Gesamteindruck nicht kaputt zu machen. Vielleicht auch, damit man zu Hitler die maximale Distanz herstellen kann. Ich bin mir über die Motive noch nicht ganz sicher.

    Konservative waren damals jedenfalls so. Es spricht schon einiges dafür, das im historischen Kontext zu sehen und zu beurteilen. Die Sozialisten von damals waren auch nicht die Sozialisten von heute.

    Gegen das Schweigen spricht allerdings, dass man Hitler so nicht erklären kann. Hitler wird damit zum Alien. Ein Ding aus einer anderen Welt, der mit der Erde von damals eigentlich nichts gemein hatte.

    @Simon

    Die deutschen Konservativen waren in ihrer Mehrheit zu mindestens bis 1945 tatsächlich antiliberal und antimodernistisch. Das unterscheidet sie von Konservativen in den angelsächsichen Staaten.

    Das mag sein, aber amerikanische Politiker aller Parteien waren damals auch keine Engel. Das waren einfach noch andere Zeiten. Das wird nur gerne ignoriert. Besonders in der deutschen Diskussion fällt mir das auf. Kürzlich lass ich in einem Artikel die empörte Frage, warum denn Amerika nicht massiv gegen die Nürnberger Rassegesetze opponiert hat. Ganz so als wären solche Gesetze, damals nicht Usus gewesen. Wie hätten wir denn damals argumentieren sollen? Rassengesetze für Schwarze erlauben wir, aber bei Juden hört der Spaß auf?

    Oder die vielen MSM-Artikel zu den Olympischen Spielen 1936 über Jesse Owens, die jetzt wieder vermehrt hochkommen. Man könnte nach der Lektüre glatt glauben Amerika wäre damals ein Paradies für Schwarze gewesen. Das hat mich überrascht. Normalerweise lassen bestimmte Journalisten ja keine Chance für Anti-Amerikanismus aus. Aber in diesem Spezialfall setzten sie uns den Heiligenschein auf. Auch hier scheint es wieder darum zu gehen einen maximalen Kontrast zu Hitler aufzubauen.

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