Terroristen oder Widerstandskämpfer?

Taliban in Herat, Afghanistan

Terroristen in Herat, Afghanistan

Gil Yaron berichtet in der taz: „Zyperns Außenministerin und EU-Ratspräsidentin Erato Kozakou-Marcoullis lehnt Israels Gesuch ab, die libanesische Hisbollahmiliz als Terrororganisation einzutragen. Es gebe dazu keinen Konsens, außerdem sei Hisbollah ja auch eine politische Kraft. Wenn Beweise vorlägen, könne man das nochmal überdenken, sagt sie.“ Die Entscheidung der EU-Ratspräsidentin ist nicht das erste Mal, dass europäische Politiker vor der Hisbollah kuschen. Jürgen Trittin forderte 2007, dass man mit der Hisbollah reden soll und sagte: „Ich habe eher den Eindruck, dass die Hisbollah sich sehr positiv in die Gestaltung des politischen Prozesses im Libanon einbringt.“

Die Hisbollah ist nicht nur eine politische Kraft, wie Frau Kozakou-Marcoullis zu ihrer Ehrenrettung sagt, sie hat sogar eigene Kindergärten, um den Nachwuchs zu fördern. Aber reicht das wirklich schon aus, um die Hisbollah zu „entterrorisieren“? Um diese Frage zu beantworten, sollte man zumindest wissen, wie eine Terrororganisation definiert wird und wo der Unterschied zu einer staatlichen Armee oder einer Miliz liegt. Eine allgemeingültige Definition für eine „Terrororganisation“ gibt es aber nicht, laut Wikipedia gibt es sogar mehr als 100 verschiedene Definitionen. Der Verfassungsschutz definiert Terrorismus als „… der nachhaltig geführte Kampf für politische Ziele, die mit Hilfe von Anschlägen auf Leib, Leben und Eigentum anderer Menschen durchgesetzt werden sollen …“

Die Hisbollah hat 1992 und 1994 in Buenos Aires Anschläge auf jüdische Gemeindezentren und der israelischen Botschaft verübt, bei der zusammengerechnet 114 Menschen getötet wurden. Gil Yaron erwähnt dazu noch Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und dem Mord an dem libanesischen Premier Hariri. Dies ist alles sind seit Jahren bekannt. Die Hisbollah wird auch verdächtigt, für den Mord an den israelischen Touristen an Bulgarien verantwortlich zu sein. Trotzdem bringt es die EU nicht fertig, die Hisbollah als das zu bezeichnen, was sie ist: Eine Terrororganisation mit einer politischen und sozialen Fraktion, genauso wie die Hamas in Gaza und die Taliban in Afghanistan.

Terror, Unterdrückung und Freiheitskampf

Der entscheidende Unterschied zwischen Armeen, Milizen und  Terrororganisation ist der, dass Terrororganisationen auch in Friedenszeiten nicht-militärische, zivile Ziele angreifen. Man mag dem entgegensetzen, dass auch Armeen und Milizen in einigen Fällen zivile Ziele angreifen. Diese Verbrechen werden nur nicht als „Terrorismus“, sondern als „Kriegsverbrechen“ bezeichnet. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie weniger schlimm sind als Terrorismus. Warum ist es wichtig, zwischen Armeen, Milizen und Terrororganisationen zu unterscheiden? Der Grund dürfte sein, dass es bei Armeen und Milizen zumindest möglich ist, dass sie einen legitimen Krieg gegen fremde Invasoren, totalitäre Diktaturen oder eben Terroristen führen. Für Terrorismus kann man dagegen selbst bei schlimmster Unterdrückung keine Rechtfertigung finden.

Ein Soldat kann „gut“ sein, ein Terrorist nicht. In autoritären Staaten werden Terroristen aber immer wieder als Vorwand benutzt, um die eigene Bevölkerung mit vermeintlichen „Antiterrormaßnahmen“ zu unterdrücken, wie die Kurden, Tamilen und Tschetschenen erfahren mussten. Die schlimmsten Verbrechen der Geschichte wurden von staatlichen Armeen, nicht von Terroristen begangen. Kaum ein Staat unternimmt Anstrengungen, um bei der Terrorbekämpfung zivile Opfer zu vermeiden, und oft sterben bei den sogenannten „Antiterrormaßnahmen“ deutlich mehr Zivilisten als bei dem Terror, wie wir es gerade in Syrien sehen. Das einzige Land im Nahen Osten, das einen humanen Kampf gegen Terrororganisationen führen kann, ist Israel. Die palästinensische Wand der Lügen klärt auf:

Der Gaza-Streifen war eine Basis für 7000 Raketenangriffe auf Schulhöfe und Gemeinden in Israel, bevor die Israelis 2007 reagierten. Während Israels Luftangriffe auf Raketenbasen in Gaza gab es einen toten Zivilisten für je 30 Terroristen. Im Gegensatz dazu hat eine Studie aus dem Jahre 2001 vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes herausgefunden, dass das Verhältnis von toten Zivilisten im Verhältnis zu militärischen Zielen in den Kriegen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts 10:1 gewesen ist – zehn tote Zivilisten für jeden toten Soldaten. Mit anderen Worten schützen die Israelis Zivilisten 300 Mal erfolgreicher als jede andere nationale Armee. Wie der Harvard-Professor Alan Dershowitz feststellt: “Keine Armee in der Geschichte hatte jemals ein besseres Verhältnis zwischen getöteten Kombatanten zu Zivilisten in einer vergleichbaren Situation.”

One man’s terrorist is another man’s freedomfighter

Eine besonders abenteuerliche Definition von „Terroristen“ und „Widerstandskämpfern“ hat Jürgen Todenhöfer. Seit mehreren Jahrzehnten besucht er den Nahen Osten und hat dennoch kaum Ahnung von der Region. Als er im Irak war, berichtete er von einem multikonfessionellem Widerstandskampf gegen die blutrünstigen amerikanischen Besatzer statt, wie es wirklich war, von einem Bürgerkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Mörderbanden. In seinem 2008 erschienen Buch „Warum tötest du, Zaid?“ charakterisiert er seine „Widerstandskämpfer“ u.a. so:

Er (Rami) kämpfe für einen islamischen Irak mit dem Koran als Grundlage der Verfassung. Er wolle, dass die Scharia beachtet werde … Ich frage ihn, wie er zu Al-Zarkawi und bin Laden stehe. Rami erklärt, er bewundert beide. Mit Al-Zarkawi hätte er gerne zusammengearbeitet, weil dieser den US-Truppen schwere Verluste zugefügt habe. Auch bin Laden beeindrucke ihn, weil er den Mut gehabt habe, sich den USA offen entgegenzustellen.

Laut Todenhöfer gab es im Irak „nur 1.000 Terroristen“, der Rest waren „echte Widerstandskämpfer“. Auch die Taliban in Afghanistan zählt er des Öfteren zu seinen „Widerstandskämpfern“. Zu den Rebellen in Syrien hat er aber eine andere Meinung. Im aktuellen Spiegel führt Todenhöfer ein Streitgespräch mit Christoph Reuter. Reuter war selbst mehrere Jahre in Arabien. Im Gegensatz zu Todenhöfer spricht er Arabisch, und dass sogar mit einem syrischen Akzent. Das hindert Todenhöfer nicht, sich während des Gesprächs als den wahren Experten aufzuspielen und Reuter als „Revolutionsromantiker“ zu diffamieren. Über die Rebellen sagt der al-Qaida-und-Taliban-Verharmloserer folgendes:

Aber die Rebellen sind doch nicht die Reinen, die Guten, sie morden und manipulieren doch genauso. Krieg ist nie fair, auf keiner Seite, er bringt in Menschen die niedersten Instinkte hervor. In Syrien kämpft die eine Hälfte des Landes gegen die andere. Das ist die Tragödie Syriens.

Dass die Rebellen die Reinen und Guten sind, haben weder Reuter noch der Spiegel je behauptet. Ironischerweise spricht Todenhöfer selbst an anderer Stelle einen Artikel vom Spiegel an, in denen die Verbrechen der Rebellen in Homs beschrieben werden. Der Spiegel ist wesentlich neutraler als Todenhöfer. Die Massaker des syrischen Regimes an der Zivilbevölkerung und der Folterapparat, in dem Fingernägel ausreißen und Elektroschocks noch zu den harmlosesten Methoden gehört, werden von Todenhöfer nicht erwähnt. Auch nicht, dass Assad jahrelang selbst Terroristen unterstützt hat, solange es gegen die USA ging. Todenhöfer behauptet sogar, dass es keinen Schießbefehl auf Zivilisten gibt, sondern nur einige „kriminelle Offiziere“, die von Assad zur Rechenschaft gezogen werden.

Aber warum ist Todenhöfer so inkonsequent? Wieso ist er im Irak für die al-Qaida, in Syrien aber gegen sie? Was sind seine Maßstäbe? Vielleicht ist es ja so: Todenhöfer leidet (genauso wie Assad) an Westophobie. Alles, was der Westen tut, ist für ihn per se falsch. Nicht weil er es für moralisch falsch hält, sondern weil es der Westen tut. Wenn Assad mit dem Westen verbündet wäre, würde Todenhöfer den Westen für seine Verbrechen beschuldigen, da wir jahrelang mit ihm Geschäfte abgeschlossen haben, ohne sich um die Unterdrückung seines Volkes zu kümmern. Die Rebellen wären dann keine Terroristen, sondern würden von ihm, genauso wie die al-Qaida und Taliban, als „Widerstandskämpfer“ gefeiert werden. Diese Haltung brachte Gerald Seymour einmal so auf den Punkt: „One man’s terrorist is another man’s freedomfighter.“

6 Antworten to “Terroristen oder Widerstandskämpfer?”

  1. besucher Says:

    Ein Freund der Kurden ist Todenhöfer in keinem Fall. Wahrscheinlich weil sie in ihrem zukünftigen Staat potentieller Bündnispartner des Westens und Israels wären.

    Aber wohin mit Assad?
    Nimmt man in Kauf dass die Golfstaaten und die Türkei einen Fuß nach Syrien hineinbekommen?

    Vieles hängt jetzt davon ab wie sich die Türkei verhält und was Katar mit den 200 deutschen Panzern macht.
    Ich ahne das gibt nichts Gutes.

    • arprin Says:

      Todenhöfer ist einfach nur ein Freund von allen Westfeinden. Im Irak bewundert er den al-Qaida-Widerstand, in Syrien dagegen findet er keinen mutigen Zaid mehr, denn er nach seiner Motivation für seine Morde fragen kann.

      Was mit Assad passiert, hängt natürlich vom Ausgang des Krieges ab. Falls er verliert, werden wir wohl ein Handyvideo mit Millionen Viewers bei Youtube bekommen.

  2. Gast1 Says:

    Todenhöfer war nie ein Freund der Al Qaida. Du müsstest bitte sein Buch etwas genauer lesen.
    Dort nämlich unterscheidet er definitiv zwischen dem „irakischen Widerstand“ und den Besatzern, Nato und Al Qaida!

    Wird dieser Mann eigentlich absichtlich „falsch verstanden“ oder steckt ein System dahinter?

    • Besucher Says:

      Wer soll denn dieser „irakische widerstand“ sein den sie meinen? Ehemalige Baathisten?

      • arprin Says:

        Hier ein Link:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Irakischer_Widerstand

        Und aus Todenhöfers Buch:
        „Mohammed ist Schiit. Als Mitglied der Baath-Partei hat er sich einige Wochen nach der amerikanischen Invasion dem Widerstand angeschlossen. Er ist heute Führer einer »Vereinigten Widerstandsgruppe« aus Nationalisten, Baathisten und gemäßigten Islamisten … Die Baathisten arbeiteten mit den gemäßigten Islamisten aus vielerlei Gründen zusammen. Einer sei, dass sie selbst kaum Finanzierungsquellen hätten, während die gemäßigten Islamisten private Spenden aus den Golfstaaten erhielten.“

    • arprin Says:

      Dort nämlich unterscheidet er definitiv zwischen dem “irakischen Widerstand” und den Besatzern, Nato und Al Qaida!

      Diese „Unterscheidung“ ist doch ein Witz. Ein al-Qaida-Bewunderer, der amerikanische Soldaten jagt und für einen Scharia-Staat kämpft, ist für ihn ein „Widerstandskämpfer“:
      https://arprin.wordpress.com/2011/09/19/warum-totest-du-zaid-weil-ich-ein-terrorist-bin-jurgen/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: