Das somalische Experiment

Die somalische Flagge

Die somalische Flagge

Wenn man an Somalia denkt, dann denkt man in erster Linie an Chaos, Gewalt, Hunger, Armut und Elend. Seit dem Sturz der letzten Regierung im Jahr 1991 hat es im ostafrikanischen Land keine Zentralregierung mehr gegeben. Die Macht im Land befindet sich teilweise in den Händen von Milizen, Stammesführern und Islamisten. An der Küste treiben Piraten ihr Unwesen und stören die internationalen Handelswege. In Hamburg findet seit dem November 2010 der erste Piratenprozess seit 400 Jahren statt. Zehn Somalier sollen einen Hamburger Containerfrachter angegriffen und unter ihrer Gewalt gebracht haben.

Doch nicht alle haben ein durchgehend schlechtes Bild von Somalia. Denn in dem Land ist etwas passiert, dass sich viele wünschen: Die Zentralregierung ist völlig zusammengebrochen. Weder die Bürger noch die Unternehmen müssen Steuern zahlen, es gibt keine Regulierungen, keine Bürokratie, keine funktionierende Armee oder Polizei, kein Sozialstaat, keine Schulpflicht- aber dafür sehr, sehr viele Waffen und Privatgerichte. Die Rede ist natürlich von Anarchisten. Genauer gesagt, von Anarchokapitalisten, die sich eine Welt von Privatrechtsgesellschaften ohne jede Form von staatlicher Gewalt wünschen.

Nun könnte man meinen, die Menschen, die sich somalische Zustände herbeiwünschen, seien unmoralisch. Doch man muss genauer hinsehen. Die Anarchokapitalisten wünschen sich nicht Armut, Krieg und Hunger, und sie sind auch keine Islamisten. Und sie leugnen nicht, dass es Somalia noch immer sehr schlecht geht. Aber sie sind der Ansicht, dass es Somalia unter der Anarchie- von 1995 bis 2006, als der Westen das Land ignorierte- besser erging als unter der Staatlichkeit. Tatsächlich hat sich die humanitäre Situation in Somalia während der Zeit des Anarchismus verbessert. Ist also Somalia ein Beispiel für die Welt?

Wie der somalische Staat unterging

Die somalische Gesellschaft ist geprägt von den fünf großen Clans (Hawiye, Darod, Isaaq, Rahanweyn und Dir), die sich in mehrere Unterclans aufteilen. Diese Clans haben sich historisch weitgehend selbstverwaltet und kannten keinen Zentralstaat. Vor den Europäern gab es nur einige Stadtsaaten und Sultanate, die sich formal an Großreiche unterwarfen. Im 19. Jahrhundet eroberten die Briten, Italiener und Franzosen die Gegend und teilten das Gebiet untereinander auf, die überwiegend von Somalis bewohnte Region Ogaden wurde Äthiopien zugeschlagen. Die Briten ließen nach ihrer üblichen Methode („indirect rule“) die traditionellen Herrschaftsstrukturen bestehen.

Im Jahr 1960 erklärten sich der britische und italienische Teil für unabhängig und vereinigten sich einige Tage darauf zum neuen Staat Somalia. Nach neun Jahren putschte sich der pro-sowjetische, sozialistische General Siad Barre an die Macht. Barre befand sich im Konflikt mit mehreren Rebellengruppen und dem Nachbarland Äthiopien, da er versuchte, Ogaden zu erobern, um seinen Traum von „Groß-Somalia“ zu erfüllen. Wirtschaftliche Probleme kamen hinzu, Somalia blieb einer der ärmsten Länder der Welt. Im Jahr 1988 begann ein bewaffneter Aufstand, der vom United Somali Congress (USC) angeführt wurde und der zum Sturz Barres im Januar 1991 führte.

Daraufhin begannen jedoch die eigentlichen Probleme: Die beiden Anführer der USC, Aidid und Ali Mahdi, begannen sich zu bekriegen, der Norden rief unter dem Namen „Somaliland“ seine Unabhängigkeit aus, eine Hungersnot brach aus, in dessen Folge 300.000 Menschen starben, 2 Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen. Zweimal versuchte die internationale Gemeinschaft erfolglos, in Somalia zu intervenieren, um das Chaos zu beenden. Nach 1995 begann sich die Lage jedoch zu entspannen. Die Intensivität der Kämpfe nahm ab, die bewaffneten Konflikte forderten weniger als 1.000 Tote pro Jahr. Für Anarchisten wurde Somalia zu einem Experiment. Und sie wurden nicht enttäuscht. Nach 1995 begann sich die soziale und wirtschaftliche Situation in Somalia zu verbessern.

Chaos oder Anarchie?

Die BBC berichtete 2011: Seit 1991 stieg die Lebenserwartung von 46 auf 50 Jahre, die Kindersterblichkeit sank von 116 auf 109 Toten pro 1.000 Geburten, das Durchschnittseinkommen stieg von 210 auf 600 US-Dollar, die Alphabetisierungsrate bei Jugendlichen nahm von 24% auf 38% zu. Die Telekommunikationsindustrie ist aufgeblüht, die Mobiltelefonkosten sind für afrikanische Verhältnisse sehr niedrig. Wie sieht es mit dem Rechtswesen in Anarcho-Somalia aus? Der Somalia-Experte Michael van Notten charakterisierte das somalische Recht in fünf Grundzügen: 1. Keine Bestrafung von Verbrechen, nur Restitution und Kompensation, 2. Keine Staatsanwälte, keine opferlosen Verbrechen, 3. Strafgelder sind beschränkt und dürfen nur dem Opfer oder seiner Familie gezahlt werden, 4.Jeder Mensch ist haftpflichtversichert, 5. Richter werden von den streitenden Parteien ernannt, nicht von „der Gesellschaft“.

Diese Ordnung, die „Kritarchie“ genannt wird, wurde von Robert Grözinger in „eigentümlich frei“, dass Somalia einmal als Reiseziel empfahl, gelobt. Nicht nur das, Grözinger fand sogar eine Rechtfertigung für den islamistischen Terror der Al-Shabaab. Er behauptet, dass es den Bürgern unter den Islamisten erträglicher erging als unter den Warlords und dass die Al-Shabaab die Gegend befreit hätte. Auf die Frage, warum sich die Warlords solange halten konnten, erwidert Grözinger: „Die Antwort darauf ist vermutlich darin zu finden, dass einige dieser Gangster von der US-Regierung finanziert und bewaffnet wurden. … Unter solchen Voraussetzungen kann natürlich eine oben beschriebene sogenannte „Kritarchie“ (Herrschaft der Richter) nicht funktionieren. Da musste wohl schon eine striktere Herrschaft her, die mit Handabhacken oder Auspeitschungen auch von außen bezahlte Gangster abschrecken konnte.“

Im Klartext: Die Al-Shabaab haben die „von den Amerikanern finanzierten“ (sic!) Warlords vertrieben und für Ordnung gesorgt und mussten dafür auch mal zu härteren Maßnahmen wie Steinigen und Handabhacken greifen. Nur so kann Kritarchie funktionieren. Grözinger stellt sich nicht die Frage, ob so ein Rechtswesen mit den individuellen Rechten der Menschen vereinbar ist. Er ist ein lupenreiner Kulturrelativist, der kein Problem mit Steinigen und Handabhacken hat, solange sich die Mehrheit dafür einigt und sie für Ordnung sorgt. In einer Kritarchie könnte ein Vergewaltiger der Bestrafung entgehen, wenn er Kompensation zahlt.

Während Grözinger und andere Anarchisten nur Gutes über Somalia zu sagen haben, sehen andere Anarchisten wie Mike Hargis und Walter Block das somalische Experiment eher kritisch. Sie argumentieren, dass es in Somalia zuvor eine Zentralregierung gegeben hat, während es heute mehrere Regierungen gäbe, bestehend aus Milizen und Banditen, wie es z.B. auch in Afghanistan oder Haiti der Fall ist. Statt Steuern würden Schutzgelder gezahlt. Was in Somalia vorgehe, sei keine Anarchie, sondern bloß Chaos. Das ist aber nicht zutreffend. Somalia ist durchaus ein Beispiel für Anarchie, denn Anarchie bedeutet Chaos. Auch in einer anarchistischen Gesellschaft müssten Mehrheitsentscheidungen getroffen werden, die von der Minderheit akzeptiert werden müssen, nur dass sie sich auf kleinere Kreise beschränken.

Dies kann zur Folge haben, dass sich eine kleine Dorfgemeinschaft auf die Scharia einigt, anstatt dass sie zum Grundgesetz “gezwungen” wird. Auch kann es in einer anarchistischen Gesellschaft kaum verhindert werden, dass private Versicherungsgesellschaften anfangen, ihre Kunden gewaltsam zu unterdrücken (Mafia) oder mit Gewalt versuchen, ihr Territorium zu erweitern. Der Anarchokapitalismus funktioniert nur in einer Welt von aufgeklärten und friedlichen Menschen, die es niemals geben wird. Liberale Denker wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek haben sich deshalb deutlich gegen den Anarchismus ausgesprochen.

Doch warum haben sich einige soziale und wirtschaftliche Indikatoren in Somalia verbessert? Weil nicht ganz Somalia in Anarchie verfallen ist. Die Regionen in Somalia, denen es noch am besten geht, sind die, in denen noch ein wenig staatlicher Ordnung erhalten ist, nämlich das nach Unabhängigkeit strebende Republik Somaliland, in der es Parteien, Wahlen, Parlament, Steuern, Polizei und Militär gibt, und die autonome Region Puntland. Die humanitäre Situation in Somalia ist dort am schlimmsten, wo Milizen und Stammesführer die Macht haben, nämlich in Zentral- und Südsomalia. Somalia ist also kein Beispiel dafür, dass Anarchismus funktioniert, sondern zeigt im Gegenteil, was passiert, wenn an die Stelle des Staates die Kalaschnikow tritt.

Das Ende des Experiments?

Der Staat gab auch in Somalia nicht auf. Eine international anerkannte Übergangsregierung wurde im Jahr 2000 gebildet, die den somalischen Staat im Ausland vertrat. Im Inland traute sie sich jedoch nicht einmal, die Hauptstadt zu betreten, und eine Gegenregierung wurde gebildet, die zeitweise von Äthiopien unterstützt wurde. Vier Jahre später wurde eine neue Übergangsregierung gebildet, an der auch Kriegsherren beteiligt waren und die es zumindest bis nach Somalia schaffte. Im Jahr 2006 begannen die Al-Shabaab ihre Offensive, in dessen Folge sie Mogadischu eroberten und die „Union Islamischer Gerichte“ (ICU) etablierten. Die USA unterstützten daraufhin das äthiopische Militär und eine Vereinigung von Kriegsherren (ARPCT), denen es gelang, die Al-Shabaab in den schwersten Kämpfen seit einem Jahrzehnt aus der Hauptstadt zu verdrängen.

Die Übergangsregierung zog im Januar 2007 in Mogadischu ein und bekam ein Mandat bis zum Juli 2011, der dann bis zum August 2012 verlängert wurde. Seit dem Februar 2007 ist eine Mission der Afrikanischen Union (AMISOM) in Somalia anwesend, die von den Islamisten und kurzzeitig von einer neuen, anti-äthiopischen Allianz bekämpft wurde (die äthiopischen Truppen zogen 2009 ab). Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen der von AMISOM unterstützten Übergangsregierung und den Islamisten. Terroranschläge, Entführungen und Morde gehören zum Alltag. Laut Transparency International ist Somalia das korrupteste Land der Welt. Seit 2007 ist auch die Anzahl der Piratenangriffe spektakulär angestiegen. Im Jahr 2011 kam es zu einer schlimmen Hungersnot, die Zehntausende Opfer forderte.

Am 1. August beschloss eine Verfassungsgebende Versammlung in Mogadischu eine neue Übergangsverfassung für Somalia, die für fünf Jahre gültig sein soll. Die Verfassung erlaubt das Praktizieren, verbietet aber die Verbreitung anderer Religionen. Männer und Frauen sollen gleichberechtigt sein, die in Somalia zu 97% bei Frauen praktizierte Genitalverstümmelung wird verboten und Abtreibung erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. In Zukunft soll eine neue Übergangsregierung gewählt werden. Es ist jedoch fraglich, ob es der Übergangsregierung gelingen wird, eine landesweite Wahl zu organisieren. Doch das Beispiel im Kongo 2006 zeigt, dass es mit internationaler Hilfe durchaus möglich ist.

16 Antworten to “Das somalische Experiment”

  1. W. Caldonazzi Says:

    Was willst du uns mit diesem Artikel sagen?

    Die somalische Volksgemeinschaft ist eine mehrheitlich analphabetische und islamisch geprägte Clan-Gesellschaft, die ihre Sprache erst im 20. Jhdt. verschriftlichte.
    Die britische und italienische Kolonisierung hat nicht einmal 100 Jahre gedauert und keine Spuren in der seit 1300 Jahren wirkenden islamischen Herrschaft hinterlassen.

    Die barbarischen Zustände in Somalia sind das Resultat der somalischen Stammesgeschichte und der somalischen Islamisierung. Daran ändert weder die kurzfristige britisch-italienische Kolonisierung etwas, noch der Einfluss der Sowjetunion unter Barre.

    Somalia wird durch sozialpolitische Machtverhältnisse bestimmt, die mit einem westlichen Wertekanon nicht erfasst werden können, schon gar nicht von Anarchisten mit europäisch- sozialrevolutionären Wurzeln.

    Wir sollten uns darauf beschränken, unseren westlich- zivilisatorischen und wirtschaftlichen Vorsprung zu verteidigen. Und das mit allen Mitteln! Stattdessen wollen wir die restliche Welt vor ihrer Barbarei retten. Was für eine Überheblichkeit!

    • besucher Says:

      Tja, was will er uns sagen, ist doch gar nicht schwer:
      Ein funktonierendes Staatswesen ist die Grundvoraussetzung für jegliche Art von Liberalismus.
      Anarchokapitalisten haben in der Hinsicht ein kindisches Menschenbild.
      Wir tun außerdem gut daran auch dort für stabile Verhältnisse zu sorgen, sonst klopfen die Gebeutelten eines Tages an unsere Tür.

      „Wir sollten uns darauf beschränken, unseren westlich- zivilisatorischen und wirtschaftlichen Vorsprung zu verteidigen. Und das mit allen Mitteln!“

      Genau, Du holst dann das MG raus wenn der Somali vor Dir steht.

    • arprin Says:

      In dem Artikel geht es nicht um westliche Außenpolitik. Es geht um die Folgen des Anarchismus am Beispiel Somalias. In vielen anarchistischen Plattformen wird die Entwicklung in Somalia ernsthaft gelobt.

      Der Westen könnte Somalia durchaus helfen. Man muss nicht ja nicht gleich Soldaten zum Kampf gegen die Al-Shabaab entsenden, aber man könte, wie im Kongo, bei der Logistik und der Durchführung bei den Wahlen helfen. Das wäre nicht mal ein reiner Akt von Altruismus, der Westen würde in Form von Sicherheit bei den Handelswegen im Indischen Ozean, weniger Terrorgefahr und weniger Flüchtlingen davon profitieren.

  2. Simon Says:

    Das Problem ist dass Afrika durch die willkürliche Grenzziehung der Kolonialmächte völlig künstliche Staatsgebilde bekam. Die Gesellschaften wurden somit von Stammesgesellschaften praktisch über Nacht in die staatliche Moderne geschleudert.
    Es ist klar dass dieser Prozess der Staatenbildung der in Europa Jahrhunderte brauchte nicht über Nacht gelingen kann.

    Die Geschichte hat auch gezeigt dass ein Staat nur dann erfolgreich sein kann wenn er von seinen Nationalitäten her relativ homogen ist. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts war ja auch eine Geschichte der Auflösung großer multiethnischer Staaten.

    Das Problem mit dem Anarchismus ist darüber hinaus dass er nicht zur Kenntnis nimmt dass es außerhalb des Staates noch Zwangsstrukturen existieren können. Eine Familie oder ein Stammesverband kann durchaus gewaltvoller und mit mehr Zwang existieren, als ein liberaler Staat der durch Gewaltenteilung und Demokratie vor den schlimmsten Auswüchsen geschützt ist.

  3. American Viewer Says:

    Dies kann zur Folge haben, dass sich eine kleine Dorfgemeinschaft auf die Scharia einigt, anstatt dass sie zum Grundgesetz “gezwungen” wird.

    Der Anarchokapitalismus funktioniert nur in einer Welt von aufgeklärten und friedlichen Menschen.

    Wer ist im Westen für eine Anarchie? Das ist doch eine Scheindiskussion mit Leuten, die gar nicht da sind. Da müsste doch ein Wunder geschehen, dass sich einer der wenigen Anarchisten meldet und eine Contra-Position einnimmt.

    Dein Artikel arbeitet zudem mit Argumenten, die mich nicht wirklich überzeugen. Da zeichnest ein Zerrbild der Realität: Dort die böse Anarchie und das Chaos, auf der anderen Seite der gute Staat und die Ordnung.

    Was aber, wenn der Staat selbst böse ist? Was wenn der Staat die Scharia will? Du gibst doch selbst das Beispiel dazu: Die Dorfgemeinschaft will die Scharia. Was ist eine Dorfgemeinschaft anderes als der Kern des Staates? In einer wirklich einsamen Gegend Somalias ist das Dorf durchaus der Staat selbst. Dein „Grundgesetz“-Staat braucht genauso aufgeklärte und friedliche Menschen wie jede andere Form des Zusammenlebens auch.

    In der Menschheitsgeschichte gibt es praktisch nie Herrschaftslosigkeit. Vielleicht während eines Krieges oder eine gewaltigen anderen Katastrophe einmal für kurze Zeit, aber sonst nicht. Somalia ist per se nicht Herrschaftslosigkeit. Das sind einfach Stämme und Clans. Gesellschaftliche Strukturen, die aufgrund von Krieg und Hunger ihre Ordnung zum Teil verloren haben. Eine Ordnung, die sich aber wieder herstellt, sobald die Kriege und Katastrophen überwunden sind. Dein Beispiel mit der Dorfgemeinschaft ist wie der ganze Text eher eine Argumentation für einen Zentralstaat. Aber die Argumentation überzeugt mich wie gesagt nicht. Genauso gut könnte man sagen: Lieber nur ein paar Dörfer, die die Scharia einführen, als ganz Somalia.

    • arprin Says:

      Wer ist im Westen für eine Anarchie?

      Zum Glück niemand mit politischer Bedeutung. Aber man muss nicht immer nur die bedeutenden Ideologien kritisieren. Es gibt einige wenige, die Entwicklung in Somalia loben, wie z.B. Robert Grözinger in „eigentümlich frei“. Und nicht nur dort, auch in anderen Think Thanks:
      http://www.independent.org/newsroom/article.asp?id=1880
      http://mises.org/daily/2066

      Natürlich sind Sozialismus, Islamismus usw. eine viel größere Bedrohung und deswegen schreibe ich auch mehr Artikel zu diesen Themen als zum Anarchismus.

      Dort die böse Anarchie und das Chaos, auf der anderen Seite der gute Staat und die Ordnung.

      Nein, so ist das nicht. Ich sage nur, das in einer Anarchie Chaos viel wahrscheinlicher ist als in einem Staat.
      Und als eine Argumentation für einen Zentralstaat sehe ich den Artikel nun wirklich nicht. Nur weil man nicht für Anarchie ist, ist man nicht automatisch ein Etatist.

      Was ist eine Dorfgemeinschaft anderes als der Kern des Staates? In einer wirklich einsamen Gegend Somalias ist das Dorf durchaus der Staat selbst.

      Ja, genau. Auch im Anarchismus muss es eine gewisse Ordnung geben, wie in einem Staat. Totale Herrschaftslosigkeit ist unmöglich. Es ist unsinnig zu glauben, dass Unterdrückung durch Anarchie „abgeschafft“ werden kann und dass dort alle ganz frei nach ihren Regeln leben können.

  4. W. Caldonazzi Says:

    @Besucher:
    Ich wehre mich ganz entschieden dagegen, dass wir – der Westen – für stabile Verhältnisse in einem afrikanischen Land zu sorgen haben. Stabile Verhältnisse herrschen auch in einer Diktatur. Sollen wir dann Diktaturen unterstützen? Wenn du aber ein rechtsstaatlich-demokratisches Herrschaftssystem meinst, so kann das meiner Meinung nach niemals vom Westen erzwungen werden. Der Wille dazu muss schon aus der Gesellschaft selbst kommen. Auf Somalia bezogen ist das wohl aus den von mir oben genannten Gründen illusorisch. Und selbstverständlich meine ich, wenn ich von einer Verteidigung unseres zivilisatorischen Vorsprungs schreibe, dass wir nur solche Mittel einsetzen sollen, die international und rechtsstaatlich zulässig sind, dazu gehört eine effiziente Überwachung unserer Grenzen, schärfere Maßnahmen gegen illegale Migration und strengere Abschiebepraxis für kriminelle Migranten. Mit laxer Bekämpfung der Piraterie und Schadenersatzzahlungen an Piraten, die in kenianische Gefängnisse überstellt wurden, werden wir unseren Vorsprung nicht verteidigen können.

    @Arprin:
    Ich habe deine verlinkten Artikel gelesen. Benjamin Powell schreibt: “Somalia ranks high among African countries in the number of phone lines, mobile phone usage, and access to the Internet. According to The Economist, a mobile phone call in Somalia is “generally cheaper and clearer than a call from anywhere else in Africa” Und zuletzt schreibt er noch:” It is, in fact, the attempts to impose a government on Somalia that create chaos.” An einem Land, dessen vermeintlich positive Entwicklung am billigen Telefontarif gemessen wird und von dem behauptet wird, dass eine Regierung erst das dortige Chaos schafft, können wir unser Helfersyndrom nicht abarbeiten.

    Ich sehe übrigens die Entwicklung in Somalia im Zusammenhang mit der brutalen Ausbreitung des wahhabitischen Islam von Nordafrika in Richtung Süden. Und das betrifft den Osten Afrikas genauso, wie den Westen. Vielleicht sollten unsere Regierungen ihre Politik gegenüber Saudi-Arabien überprüfen. In Wien wird gerade ein saudisches Dialogzentrum errichtet, das nicht nur von allen Steuern befreit ist, sondern dessen Mitarbeitern auch volle Immunität zugestanden wird.

    Die politische Philosophie, die sich die Anarchie auf ihre Fahnen heftet und meint, Freiheit sei die Abwesenheit jeder Hierarchie – das gilt auch für eine kleine Gruppe von Libertären -sollte sich nicht gerade Somalia als Übungsfeld aussuchen. Denn nirgendwo sind die hierarchischen Strukturen so gefestigt und religiös überhöht, wie in einer fundamentalislamischen Clangesellschaft.

    • besucher Says:

      Das Thema Saudi-Arabien wird in den nächsten Jahren brennend werden: Die Wahabiten sorgen auch mit allen Kräften dafür dass alle Moslems einen schlechten Ruf bekommen werden. Da wird es dann wieder traurige Einzelschicksale auf beiden Seiten geben.

      • W. Caldonazzi Says:

        Die Wahhabiten sind schon da, mitten unter uns. Sie haben sich in unsere Konzerne eingekauft und bestimmen dort nicht nur die Unternehmenspolitik mit, sondern nehmen über Marketing und PR auch Einfluss auf unsere Medien und die Politik. Gleichzeitig finanzieren sie sunnitische fundamentalislamische Gruppen, wie die Salafisten, die aggressiv missionieren. Sie haben sich in Bosnien festgesetzt und versuchen von dort aus auch auf geflüchtete muslimische Bosnier in der EU Einfluss zu nehmen. Dieser Einfluss reicht von Hinterhofmoscheen bis in die Schulen.

        2 Beispiele zeigen die Strategie. Unsere Putzfrau, eine – wie mir schien – gut integrierte Bosnierin, trägt seit etwa 1 Jahr einen einfachen Hidschab. Auf meine Frage, worauf die Veränderung zurückzuführen sei, erzählte sie mir, dass ihr Mann und ihre 2 erwachsenen Söhne zurück zur Religion gefunden hätten und jetzt eine bestimmte Moschee besuchten, die mir bekannt ist und in der vor einigen Monaten auch Pierre Vogel zu Gast war. Ein Freund, der in einer Handelsakademie (14-19 jährige Schüler) unterrichtet, sagte uns, dass er in einer 3. Klasse 2 Schülerinnen (eingebürgerte Bosnierinnen) unterrichtet, die plötzlich in der 3. Klasse mit einem Hidschab erschienen sind. Es stellte sich dann heraus, dass die Eltern derselben Moschee angehören, wie unsere Putzfrau. Der dortige Imam hätte Listen von Bosniern gehabt, die er alle persönlich zu Hause aufsuchte.

        Dazu kommen dann noch solche Dialogzentren, wie das in Wien vom Ministerrat abgesegnete „King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“.

        Die mörderischen Aktivitäten der fundamentalislamischen Sunniten in Afrika sind da noch vergleichsweise weit weg.

      • besucher Says:

        Na dann warten wir auf den großen Anschlag der ja irgendwann mal kommen wird wenn das Fanatikerpotential und die gegenseitige Abschottung und Kontrolle groß genug sind und dann wird es Reaktionen geben.

        http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article108550757/Sekte-haelt-20-Kinder-jahrelang-unter-der-Erde.html

  5. Ilja Says:

    Ohne ausländische Unterstützung wäre keine der augenblicklich im Süden mächtigen Parteien das, was sie ist. Insofern zeigt das Beispiel nur, dass Aggression durch Staaten ein Problem für anarchistische Gesellschaften darstellen, was sowieso kein Anarchist bestreitet. Auch ist ein Bürgerkrieg zwischen Parteien, die alle einen Staat errichten wollen, kein Beispiel für eine anarchistische Gesellschaft, und das auch wenn es in der Gesellschaft anarchistische Traditionen gibt.

    Die vom anarchistischen Standpunkt aus viel interessantere Frage ist die Entwicklung von Somaliland und Puntland. Werden das eher klassische Staaten mit allen Schikanen? Oder eher Minarchien? Oder gar nur Formal-Staaten, in denen die reale Macht von lokalen anarchistischen Strukturen ausgeübt wird?

    • arprin Says:

      Ohne ausländische Unterstützung wäre keine der augenblicklich im Süden mächtigen Parteien das, was sie ist.

      Welche ausländische Unterstüzung?

      Auch ist ein Bürgerkrieg zwischen Parteien, die alle einen Staat errichten wollen, kein Beispiel für eine anarchistische Gesellschaft, und das auch wenn es in der Gesellschaft anarchistische Traditionen gibt.

      Ja, genauso ist es. In Südsomalia herrscht Anarchie ohne Anarchisten. Aber die Sache ist, dass Südsomalia auch in zivilisierteren Gegenden möglich wäre, wenn Privatrechtsgesellschaften anfangen würden, sich gegenseitig zu bekriegen.

      • Ilja Says:

        Die „Regierung“ wird von allen möglichen Staaten unterstützt, Kenia mischt aktiv mit, Äthiopien und Eritrea soweit mir bekannt auch, und wenn die Islamisten nichts von den Saudis bekommen würden, würde mich das sehr wundern.

        Bürgerkriegsgegenden Anarchien zu nennen mag zwar praktisch sein für Polemiken gegen anarchistische Bewegungen, aber ich finde eigentlich dass man es besser lassen sollte.

        Wenn statt Privatrechtsgesellschaften Staaten anfangen würden, sich gegenseitig zu bekriegen, hätten wir auch Krieg. Die Frage ist also, welche Organisationen mehr Motive haben, sich gegenseitig zu bekriegen, Privatrechtsgesellschaften oder Staaten.

        Ich denke mal, Staaten. Denn im eroberten Territorium winken Steuereinnahmen. Oder auch Rohstoffvorkommen.

        Beides hätten Privatrechtsgesellschaften erstmal nicht, denn ihre Einnahmen hängen von freiwilligen Kunden ab, und Rohstoffe gehören in Ankapistan schon jemandem, und nicht dem Staat der sie gerade erobert hat.

      • arprin Says:

        Tatsache ist aber, dass es dem Norden (die Republik Somaliland) mit seiner stabilen Regierung besser geht als dem Süden.

        Die Übergangsregierung wird von anderen Staaten unterstützt, weil die Al-Shabaab auch eine Gefahr für sie darstellte. Sicherlich haben die Terroristen keine direkte Hilfe von der saudischen Regierung erhalten, vielleicht von einigen privaten Spendern.

        Rohstoffe gehören in Ankapistan schon jemandem, und nicht dem Staat der sie gerade erobert hat.

        In Staatsland gehören die Rohtsoffe doch meistens auch nicht der Regierung, sondern den Firmen.

  6. Philipp Scholtysik Says:

    Wir wollen Sie alle gerne zu einem Theaterstück einladen, das wir ab 21. Januar bis 2. Februar im Theater Drachengasse in Wien zeigen.

    Es geht um die Geschichte eines Exil-Somalis, der in Deutschland aufgewachsen ist und jetzt einen Handel zwischen Somalia und Deutschland betreibt. Und es geht besonders um die Geschichte des Nationaltheaters von Somalia. Wir stehen im Kontakt zu Abdidhuh Yussuf, dem Direktor des Theaters in Mogadischu. Er kommt eventuell zu einer unserer Aufführungen, es ist aber noch unklar, ob er ein Visum bekommt.

    Ein Projekt in Koproduktion mit Theater Drachengasse und dem National Theatre of Somalia
    Weitere Infos:
    http://www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?ID=427

    https://www.facebook.com/NationalTheatreOfSomalia?fref=ts

    Herzliche Grüße

    Philipp Scholtysik

    (Ich hoffe sehr, dass Sie diesen Post nicht als spam empfinden – wir haben uns in unserer Arbeit mit mehreren Fragen beschäftigt, die Sie in dem Text anreißen)

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