Iran: Der Countdown läuft

Reichweite der iranischen Mittelstreckenrakete Shahab 3

Im Kalten Krieg war das „Gleichgewicht des Schreckens“ der Hauptgrund dafür, dass ein „heißer“ Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion als sehr unwahrscheinlich galt. Das atomare Arsenal der beiden Supermächte hatte also eine friedensstiftende Wirkung. Jede Seite wusste, dass man einen Krieg gegen die andere Seite nicht gewinnen konnte, ohne sich dabei selbst zu vernichten. Allerdings gab es auch immer ein „Restrisiko“: Wenn es zum Atomkrieg gekommen wäre, wären innerhalb von wenigen Minuten Hunderte Millionen Menschen getötet worden. Man musste sich auf rationelles Denken beim Feind verlassen. Das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert nur, wenn der Feind sein eigenes Überleben höher einschätzt als die Vernichtung des Gegners.

So totalitär die Sowjetunion auch war, die Herrscher haben immer diesen Rest an Rationalismus behalten, deshalb konnte das Gleichgewicht des Schreckens funktionieren. Aber diesen Rest an Rationalismus kann man nicht bei jeder Partei ausmachen. Vor allem nicht, wenn es sich um islamistische Herrscher handelt, die von der kommenden Apokalypse überzeugt sind. Im US-Magazin Foreign Affairs vertrat der US-Politologe Kenneth Waltz im letzten Monat die krude Ansicht, dass der Iran die Bombe bekommen sollte, weil ein nuklearer Ausgleich Stabilität bedeuten würde. Er glaubt, dass die Versuche des Westens, die iranische Bombe zu stoppen, nicht von Erfolg sein werden und man deshalb wieder auf das Gleichgewicht des Schreckens setzen sollte.

Selbst, wenn der Iran durch einen Angriff auf Israel Gefahr läuft, selbst vernichtet zu werden: Kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Iran dadurch von einem Angriff abgehalten werden kann? Es gibt genug Beispiele von Regimes in der Geschichte, die ihre eigene Vernichtung in Kauf nahmen, nur, um den Feind ebenfalls zu vernichten. Fidel Castro war während der Kubakrise bereit, sein eigenes Land für den Sozialismus zu opfern. Bei theokratischen Regierungen ist diese Gefahr wohl noch höher. Die Mullahs im Iran glauben an die baldige Wiederkehr des zwölften Mahdi, der die Apokalypse einleiten wird. In den Schulen wird den Kindern beigebracht, dass der Märtyrertod im Namen des Islam erstrebenswert ist. Wenn es auf der Welt ein Regime gibt, dass so irrational ist, um einen Atomkrieg vom Zaun zu brechen, dann das iranische.

Einige seriöse Politologen bezweifeln dies. Steven Pinker glaubt nicht an einen iranischen Angriffsplan, Götz Aly ist, ähnlich wie Kenneth Waltz, der Ansicht, dass der Nahost-Konflikt „oft pragmatischer geführt wird, als es scheint“. Andere Stimmen gehen davon aus, dass Achmedinedschad mit seinen Vernichtungsdrohungen nur von innenpolitischen Problemen ablenken will, wie z.B. der Veruntreuung von umgerechnet 3 Milliarden Dollar. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass es schon viele falsche Prognosen zum iranischen Atomprogramm gab. Im Jahr 1993 hieß es sogar, dass man sich sicher sei, dass der Iran bereits über Atomwaffen verfügt. In den Jahren darauf wurden immer wieder abwechselnd Prognosen wie „in sechs Monaten“ oder „in fünf Jahren“ abgegeben, die sich nicht bewahrheiteten.

Es gibt jedoch einige Erklärungen für diesen Umstand. Die Berichte in den 1990ern waren nicht so konkret wie nach 2002. Es kann außerdem lange dauern, bis ein Staat in der Lage ist, eine Atombombe zu zünden. Pakistan z.B. brauchte auch über zwei Jahrzehnte, bis sie ihre erste Atombombe testen konnten. Eine weitere Erklärung dafür, dass die Prognosen der westlichen  Geheimdienste glücklicherweise nicht eingetreten sind, ist, dass eben diese ständig und mit allen Mitteln versuchen, das iranische Atomprogramm zu sabotieren. Das Computervirus Stuxnet legte die iranischen Atomanlagen für mehrere Monate lahm. Viele iranische Atomwissenschaftler sterben bei „mysteriösen“ Explosionen, hinter denen der Mossad verdächtigt wird.

Es steht außer Frage, dass der Iran von 1998 bis 2003 ein Nuklearprogramm betrieben hat. Die IAEA weiß bis heute nicht, was mit der Produktion aus dieser Zeit geschehen ist. In den letzten Jahren hat der Iran sein Atomprogramm definitiv vorangeschritten. Der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan glaubt, dass der Iran frühestens im Jahr 2015 in der Lage sein wird, eine Atombombe zu haben. Doch durch die öffentliche Ankündigung, U-Boote mit Nuklearantrieb zu bauen, könnten die Iraner dieses Ziel schon früher erreichen. Iranische Regimegegner und Oppositionelle lehnen einen israelisch-amerikanischer Präventivschlag zwar strikt ab, doch wird Israel, wenn es sich in seiner Existenz bedroht fühlt, nicht darauf Rücksicht nehmen können.

Auf jeden Fall wird es nicht mehr lange dauern, bis Israel und der Westen eine Entscheidung treffen werden. Die letzte Chance auf eine Lösung, die nicht auf einen israelisch-amerikanischen Präventivschlag hinausläuft, wäre, wenn bei den Präsidentschaftswahlen 2013 jemand an die Macht kommt, dem das Überleben des Iran wichtiger ist als die Wiederkehr des zwölften Mahdi. Der Westen könnte dem Iran ein Angebot machen, dass sie nicht ablehnen können: IAEA-Inspekteure nach Iran im Austausch gegen Wirtschaftshilfe. Die Sanktionen zeigen bereits Wirkung. Es gab schon Regimes, die bereit waren, nach einem politischen Umschwung oder im Austausch gegen die Aufhebung von Sanktionen ihr militärisches Atomprogramm aufzugeben, wie z.B. Brasilien, Südafrika oder Libyen.

Doch diese Chance erscheint ziemlich gering. Es sieht momentan nicht so aus, als ob es echte Reformer gäbe, die bei den Präsidentschaftswahlen antreten werden. Als aussichtsreichster Kandidat der Achmedinedschad-Gegner, die die den Parlamentswahlen im März gewonnen haben, gilt der frühere Atom-Chefunterhändler und Holocaustleugner Ali Laridschani. Die wirkliche Macht liegt sowieso beim Rahbar (in den westlichen Medien meist Oberster Revolutionsführer genannt) Ali Khamenei, der genauso wie Achmedinedschad mehrmals öffentlich die Vernichtung Israels gefordert hat. Das bedeutet: In den nächsten 2-3 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit eines israelisch-amerikanischen Präventivschlags sehr stark, wenn die Iraner nicht doch IAEA-Inspekteure ins Land lassen. Der Countdown läuft.

9 Antworten to “Iran: Der Countdown läuft”

  1. Simon Says:

    Ich finde es mehr als absurd wie die Bedrohung Israels durch den Iran in den deutschen Medien ignoriert oder kleingeredet wird.
    Anstatt dass man aus den 30er Jahren seine Lehren zieht ist die gute alte Appeasment-Politik wieder angesagt.

    Die Frage wird wohl auch sein ob es Mitt Romney gelingt dem schwarzen Neville Chamberlain die Präsidentschaft streitig zu machen. Nur dann sehe ich eine Chance für Israel.

  2. Alreech Says:

    Die Atombomben der Udssr haben auch dafür gesorgt das diese im Ostblock schalten und walten konnte wie sie wollte.
    Die atomare Abschreckung hat eben auch verhindert das der Westen sich in den Prager Frühling und andere Dinge einmischen konnte.

    Gleichzeitig konnte die Udssr ihre Satelliten finanziell und militärisch unterstützen ohne Vergeltung fürchten zu müssen.
    Ein atomar bewaffneter Iran hätte die gleichen Vorteile.

    • Simon Says:

      Stimmt. Mit einer Atombombe wäre der Iran von außen heraus sicher. Ähnlich wie auch Nordkorea. Im Inneren wurde ja 2009 die Oppositionsbewegung blutig niedergeschlagen.

  3. aron2201sperber Says:

    Obwohl der Iran in einem Erdbebengebiet liegt, verlangen die üblichen Atom-Hysteriker nicht, dass Iran sein „friedliches Atomprogramm“ einstelle:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/01/27/die-antiimperialistische-friedensbombe/

    wenn ein Atomprogramm den „Frieden“ diene, müsse man gewisse Risken eben in Kauf nehmen.

  4. besucher Says:

    Apropos Iran: Das hier dürfte auch dem Elsässer gefallen.

    http://blogs.taz.de/hitlerblog/2006/09/16/achsenmochtegerns/

    Querfront NPD-Iran
    Mit einem (noch) fiktiven Trialog:

    NPD-Mann: So, and here is our fine NPD-Wimpel!
    Ahmadinedschad: I thought the Swastika is your symbol!
    NPD-Mann: Wimpel! Not symbol, Sie Simpel!
    NPD-Frau: And the crook-cross is forbidden!
    Ahmadinedschad: Forbidden? Crook cross? Ilhamdililah! Do we have to speack the language of the enemy?
    NPD-Frau: Na, wögn üns miss mir gor kain Englisch rädn!
    Ahmadinedschad: El shoul jamil wa harr!
    NPD-Mann: Alle reden vom Wetter, wir nicht, reden wir lieber über Juden!
    Ahmadinedschad: Shukran! You have jews in Germany?
    NPD-Mann: No, not any more, harhar!
    NPD-Frau: But Turkeys!
    Ahmadinedschad: Do you cook them?
    NPD-Frau: No, they cook! Döner!
    NPD-Mann: You hate this fucking stinkende Kümmelfresser from Turkey as well?
    Ahmadinedschad: Our islamic brothers?
    NPD-Frau: Yes, many brothers and sisters! Every woman 20 Kinder! We must schieb the Kinderriegel vor! They überschwemmen us!
    Ahmadinedschad: Well, that’s what djihad is like, right! Ilhamdililah!
    (usw. usf.)

  5. asq Says:

    leute der iran ist bei weitem besser drauf
    als die perversen Saudis–Araber
    der iran sucht doch den dialog–wir jammern immer der islam der islam kann nichts und weiss nichts—was auch stimmt–

    ausser im iran –da gibt es doch sawas wie eine Moderne —
    die haben eine Industrie —die haben einen quasi modernen staat

    die frauen dort unten dürfen auto fahren und können arbeiten gehen..
    sowas ist bei den arabern nicht alltäglich…

    ich habe ausserdem noch nie gehört das iraner hier in europa stress machen ..oder gar etwas von schieetischen terroristen …

    die schiieten die wir hier kennen sind z.b die aleviten…

    nein ich habe meine meinung —
    iran ja
    araber und türken nein danke

    • arprin Says:

      Das iranische Volk und die iranische Regierung sind nicht dasselbe. Die Regierung im Iran ist genauso krank wie die saudische. Momentan werden Ehen mit 10-jährigen legalisiert und Frauen aus den Universitäten vertrieben.

      Und ein „Dialog“ suchen die Mullahs auch nicht. Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen.

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