Peter van Uhm: Warum ich eine Waffe nahm

Am 25. November 2011 hielt Peter van Uhm, der oberste Kommandeur der niederländischen Streitkräfte, eine 18-minütige Rede bei TEDxAmsterdam, einer privaten Organisation, die in verschiedenen Ländern regelmäßig Konferenzen zu Problemen unserer Welt veranstaltet. In seiner Rede erklärt er, wie seine Karriere von seiner Liebe für Frieden geprägt ist – und nicht seinem Verlangen, Blut zu vergießen – und warum wir Armeen brauchen, wenn wir Frieden möchten.

Hier die deutsche Übersetzung der Rede:

Warum ich eine Waffe nahm

Als höchster militärischer Kommandeur der Niederlande, die Truppen auf der ganzen Welt stationiert hat, fühle ich mich geehrt, heute hier sein zu dürfen.

Wenn ich mich umsehe, in diesem TEDxAmsterdam Auditorium, sehe ich ein besonderes Publikum. Sie sind der Grund, warum ich die Einladung, hier zu sprechen angenommen habe, und heute hier bin. Wenn ich mich umsehe, sehe ich Menschen, die einen Beitrag leisten wollen, ich sehe Menschen, die die Welt verbessern wollen, in dem sie bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit leisten, indem sie beeindruckende Kunst erschaffen, indem sie kritische Beiträge oder inspirierende Bücher schreiben, indem sie nachhaltige Firmen gründen. Und sie alle haben Ihre eigenen Mittel gewählt, um die Mission einer besseren Welt zu erfüllen. Manche haben das Mikroskop als ihr Werkzeug für eine bessere Welt gewählt. Andere wählten Tanzen oder Malen oder Musik zu machen wie die, die wir eben gehört haben. Manche wählten den Stift. Während andere mit ihrem Geld Einfluss ausüben.

Meine Damen und Herren, ich habe etwas anderes gewählt. Ich teile ihre Ziele. Ich teile das Ziel der Redner, die wir vorher gehört haben. Ich habe nicht den Stift gewählt den Pinsel oder die Kamera. Ich hab dieses Werkzeug gewählt. Ich habe die Waffe gewählt.

Für sie, und das haben sie mitbekommen, könnte das Gefühl, so nah an einer Waffe zu sein, Unbehagen bereiten. Es kann ihnen sogar Angst einjagen. Eine echte Waffe, ein paar Zentimeter entfernt. Lassen sie uns für einen Moment innehalten, und dieses Unbehagen fühlen. Man konnte es sogar hören. Hoffen wir, dass die meisten von ihnen niemals so nah an eine Waffe heran gekommen sind. Das heißt, dass die Niederlande ein friedliches Land sind. Die Niederlande sind nicht im Krieg. Das heißt, dass Soldaten unsere Straßen nicht patrouillieren müssen. Waffen sind nicht Teil unseres Lebens. In vielen Ländern sieht es anders aus. In vielen Ländern sind Menschen mit Waffen konfrontiert. Sie sind unterdrückt. Sie sind eingeschüchtert – von Kriegsherren, von Terroristen, von Verbrechern. Waffen können viel Schaden anrichten. Sie sind der Auslöser für viel Kummer.

Warum stehe ich dann vor ihnen mit dieser Waffe? Warum habe ich sie als mein Werkzeug gewählt? Ich möchte Ihnen heute erklären, warum. Ich möchte ihnen erklären, warum ich die Waffe gewählt habe, um die Welt zu verbessern. Und ich möchte ihnen erklären, wie diese Waffe helfen kann.

Meine Geschichte beginnt in Nijmegen im Osten der Niederlande in meiner Geburtsstadt. Mein Vater war ein fleißiger Bäcker, aber wenn er seine Arbeit beendet hatte erzählte er mir und meinem Bruder oft Geschichten. Am häufigsten erzählte er mir die Geschichte, die ich nun an sie weitergeben möchte. Die Geschichte von ihm als wehrpflichtiger Soldat in der niederländischen Armee am Anfang des Zweiten Weltkriegs. Die Nazis waren in die Niederlande einmarschiert. Ihre entsetzlichen Pläne waren bekannt. Sie würden Herrschaft durch Unterdrückung bedeuten. Die Diplomatie war daran gescheitert, die Deutschen zu stoppen. Nur rohe Gewalt blieb übrig. Sie war unsere letzte Rettung. Mein Vater war dort, um sie bereit zu stellen.

Als Sohn eines Bauern der wusste, wie man jagte, war mein Vater ein ausgezeichneter Schütze. Wenn er zielte, verfehlte er nie. An diesem entscheidenden Punkt in der holländischen Geschichte war mein Vater am Ufer des Waal Flusses in der Nähe von Nijmegen positioniert. Er hatte klare Sicht auf die deutschen Soldaten, die kamen, um ein freies Land einzunehmen, sein Land, unser Land. Er schoss. Nichts passierte. Er schoss noch einmal. Kein deutscher Soldat fiel. Meinem Vater war eine alte Waffe gegeben worden, die noch nicht einmal das gegenüberliegende Ufer erreichen konnte. Hitlers Truppen marschierten weiter, und es gab nichts, das mein Vater dagegen hätte tun konnte. Bis zu dem Tag, an dem mein Vater starb, war er enttäuscht über das Verfehlen der Schüsse. Er hätte etwas tun können. Aber mit einer alten Waffe hätte nicht einmal der beste Schütze in der Armee treffen können. Diese Geschichte blieb hängen.

Später in der Schule war ich gefesselt von den Geschichten der alliierten Soldaten. Soldaten, die die Sicherheit ihrer Häuser verlassen und ihr Leben riskiert hatten, um ein Land und deren Bewohner zu befreien, obwohl sie die nicht kannten. Sie befreiten meine Geburtsstadt. Damals entschied ich mich die Waffe aus Respekt und Dankbarkeit aufzunehmen für die Männer und Frauen die uns befreiten – von der Erkenntnis, dass manchmal nur eine Waffe zwischen Gut und Böse stehen kann.

Deswegen habe ich die Waffe genommen – nicht um zu erschießen, nicht um zu töten, nicht um zu zerstören, sondern um diejenigen aufzuhalten, die Böses tun werden, um die Verletzlichen zu beschützen, demokratische Werte zu verteidigen, um sich für die Freiheit einzusetzen, um heute hier in Amsterdam darüber zu reden, wie wir die Welt verbessern können.

Meine Damen und Herren, ich stehe heute nicht vor ihnen, um über die Pracht der Waffen zu reden. Ich mag keine Waffen. Und wenn man einmal unter Beschuss stand, wird einem klar, dass die Waffe kein Macho-Instrument zum Prahlen ist. Ich stehe heute hier, um ihnen vom Gebrauch der Waffe als Mittel für Stabilität und Frieden zu erzählen. Die Waffe ist vielleicht eines der wichtigsten Werkzeuge des Friedens und der Stabilität, die wir auf der Welt haben.

Das hört sich vielleicht widersprüchlich an. Aber ich habe das nicht nur mit meinen eigenen Augen während meiner Einsätze als der Generalinspekteur der niederländischen Armee im Libanon und in Sarajevo gesehen, dies wird auch von kalten, harten Statistiken bestätigt. Gewalt ist während der letzten 500 Jahre drastisch gesunken. Trotz der Bilder, die täglich in den Nachrichten gezeigt werden, sind Kriege zwischen Industriestaaten nicht mehr alltäglich. Die Mordrate in Europa ist seit dem Mittelalter um 30 Prozent gefallen. Die Rate von Bürgerkriegen und Unterdrückung ist seit dem Ende des kalten Krieges gesunken. Statistiken zeigen, dass wir in einer relativ friedlichen Zeit leben.

Warum? Warum ist die Gewalt gesunken? Hat der menschliche Verstand sich verändert? Wir haben heute Morgen über den menschlichen Verstand geredet. Haben wir einfach unsere tierischen Impulse für Rache für gewalttätige Rituale, für Zorn verloren? Oder ist es etwas anderes? In seinem letzten Buch schlussfolgert der Harvard-Professor Steven Pinker, und viele andere Denker vor ihm, dass einer der Hauptantriebe einer gewaltloseren Gesellschaft die Verbreitung des konstitutionellen Staates und die Einführung des staatlichen Monopols für Gewalt, legitimiert von einer demokratisch gewählten Regierung, Gewaltenteilung und einem unabhängigen Justizwesen ist. Mit anderen Worten, ein staatliches Monopol, dass den Gebrauch von Gewalt fest unter Kontrolle hat.

So ein staatliches Gewaltmonopol dient, in erster Linie, als Bestätigung. Es nimmt den Anreiz für einen Rüstungswettlauf zwischen potenziell feindlichen Gruppen in unserer Gesellschaft. Zweitens, Strafen, die die Vorteile von Gewalt aufwiegen, kippen das Gleichgewicht weiter. Von Gewalt fern zu bleiben lohnt sich mehr als einen Krieg zu beginnen. Gewaltlosigkeit beginnt im Schneeballsystem zu arbeiten. Es fördert den Frieden. Wo kein Konflikt ist, blüht Handel. Und Handel ist ein weiterer Anreiz gegen Gewalt. Mit Handel herrscht gegenseitige Abhängigkeit und beidseitiges Gewinnen zwischen Gruppen. Und wo beide gewinnen, haben beide Seiten mehr zu verlieren als sie gewinnen würden, wenn sie einen Krieg anfangen würden. Krieg ist nicht länger die beste Lösung und deswegen ist die Gewalt gesunken.

Das, meine Damen und Herren, ist die Begründung für die Existenz meiner Armee. Die Armee verfügt über ein staatliches Gewaltmonopol. Wir machen das auf einem legitimen Weg: Nur nachdem unsere Demokratie uns danach fragte, sie anzuwenden. Es ist der legitime, kontrollierte Gebrauch von Waffen, der großenteils zur Senkung der Statistiken von Krieg, Konflikt und Gewalt weltweit beigetragen hat. Unsere Beteiligung in Friedensmissionen hat zur Endung vieler Bürgerkriege beigetragen. Meine Soldaten benutzen ihre Waffen als Werkzeuge des Friedens.

Und deswegen sind gescheiterte Staaten so gefährlich. Gescheiterte Staaten haben keine legitime, demokratische Kontrolle über Gewalt. Gescheiterte Staaten kennen keinen Gebrauch von Waffen als Werkzeuge des Friedens und der Stabilität. Deswegen können gescheiterte Staaten ganze Regionen in Krisen und Chaos stürzen. Deswegen ist die Verbreitung des konstitutionellen Staates so ein wichtiger Aspekt unserer Auslandseinsätze. Deswegen versuchen wir in Afghanistan gerade ein Justizwesen aufzubauen. Deswegen trainieren wir Polizisten, Richter und Staatsanwälte weltweit. Deswegen – in den Niederlanden sind wir einzigartig darin – hat die niederländische Regierung festgelegt, dass es einer der Hauptaufgaben der Armee ist, internationales Recht aufrechtzuerhalten und voran zu treiben.

Meine Damen und Herren, gucken wir auf die Waffe, sind wir mit der hässlichen Seite der Menschheit konfrontiert. Ich hoffe jeden Tag, dass Politiker, Diplomaten und Entwicklungshelfer diesen Konflikt zu Frieden und Gefahr zu Hoffnung drehen können. Ich hoffe, dass eines Tages Armeen aufgelöst werden können und Menschen einen Weg finden werden ohne Gewalt und Unterdrückung zusammenleben zu können. Aber bis dahin müssen wir Idealvorstellungen und menschliches Fehlverhalten dazu bringen, sich in der Mitte zu treffen.

Bis dahin repräsentiere ich meinen Vater, der versuchte, Nazis mit einem alten Gewehr zu erschießen. Ich repräsentiere die Männer und Frauen, die bereit sind ihr Leben zu riskieren für eine gewaltlosere Welt für uns alle. Ich repräsentiere die Soldatin, die taub wurde und bleibende Schäden an ihrem Bein trägt, weil sie während einer Mission in Afghanistan von einer Rakete getroffen wurde. Meine Damen und Herren, bis dahin, wenn wir die Waffen wegnehmen können, hoffe ich, dass wir alle übereinstimmen, dass Frieden und Stabilität nicht ohne Opfer zu bekommen sind. Es braucht harte Arbeit hinter den Kulissen. Man braucht gute Ausrüstung und gut ausgebildete, engagierte Soldaten.

Ich hoffe, sie unterstützen die Versuche der Armee, Soldaten auszubilden, so wie diesen jungen Oberst, und ihr eine gute Waffe bereit zu stellen anstatt der schlechten meines Vaters. Ich hoffe, sie unterstützen unsere Soldaten, wenn sie im Einsatz sind, wenn sie nach Hause kommen, wenn sie verletzt sind und unsere Hilfe brauchen. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel für uns, für sie, und wir können sie nicht im Stich lassen. Ich hoffe, sie respektieren meine Soldaten, diese Soldatin mit diesem Gewehr, weil sie eine bessere Welt möchte. Weil sie sich aktiv daran beteiligt, die Welt zu verbessern, genauso wie wir alle hier heute.

Vielen Dank.

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