Eine Generationengeschichte

Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Die guten alten Zeiten

Ich bin wirklich kein Kulturpessimist. Aber an diesem Klassiker ist doch was Wahres dran. Tja, die alte Zeit hatte doch auch was Gutes.

„Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt. Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dasswir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!

Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld, außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht.

Wir aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus der Flasche und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitiger Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns … Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.

Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauten. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So was!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen. Und du gehörst auch dazu. Herzlichen Glückwunsch!“

8 Antworten to “Eine Generationengeschichte”

  1. Alreech Says:

    Ein Freund von mir lässt gerne den alten Mann raushängen um seinen Sohn zu foppen, wenn dieser über seinen PC meckert.

    Nach dem Motto:
    Wir hatten ja nix. Gerade mal 16 Farben und 64 kByte die auch noch zum Großteil mit Microsoftbasic belegt gewesen sind…

    • arprin Says:

      Al Bundy sagte ja zu seinen Kindern:
      „Zu unseren Zeiten gab es keine Videorekorder. Wir mussten die Sendung dann sehen, wann sie lief!“

    • Martin Says:

      In punkto IT und früher kommt mein Lieblingsspruch aus einem älteren Dilbert – Cartoon:
      Sinngemäß, ganz wörtlich kriege ich ihn nicht mehr hin.
      Ein Programmierer zum Praktikaten:
      „You have it made! We had to program whole databases using only zeros and ones!“
      „Dilbert: You had ones?“

  2. American Viewer Says:

    Nostalgie eben. In der Erinnerung schöngefärbter als es wirklich war.

    • arprin Says:

      In den 1970ern war es noch erlaubt, dass Lehrer Kinder „züchtigen“. Heute ist vieles besser als damals. Trotzdem ist der Text klasse und hat auch einen wahren Kern.

      • American Viewer Says:

        Ich finde Kinder „züchtigen“ nicht unbedingt falsch. Im Gegenteil Ich habe damit in der Regel gute Erfahrungen gemacht. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Kinder untereinander viel brutaler sind. Weiße, reiche Kinder wohlgemerkt. Keine Asians, keine Italiener, keine Schwarzen, keine Mexikaner, keine Muslime, sondern weiße, reiche Kinder, die von ihren Eltern maximal verhätschelt werden.

  3. aron2201sperber Says:

    als ich mal in Griechenland auf Urlaub war, sprach ein Freund von mir einem griechischen Freund seine Bewunderung für die griechischen Verkehrsteilnehmer aus, die auch ohne Regeln gut zurecht kämen.

    worauf der griechische Freund erwideret: „Gut zurechtkommen?“

    „in Athen sterben jedes Jahr 10.000 Leute obwohl wir keinen Krieg haben“

  4. ZuWort Says:

    Also ich bin ja deutlich jünger als die 70. jahre, aber ich entdecke durchaus Teile meiner Kindheit in diesen Zeilen wieder.
    Auch ich habe oft tagelang mit Freunden draußen rumgespielt, auch bei uns kam es vor, dass wir spontan vorbeikamen und an der Tür geklingt haben (natürlich bekamen die Eltern das mit, wieso auch nicht?), um uns dann einen ganzen Tag draußen rumzutreiben und zu spielen.
    Auch wir haben uns Spiele ausgedacht und Scherze und wir haben auch Mist gebaut und wurden dafür bestraft…
    Auch ich hatte lange Zeit kein Handy und habe es auch selten benutzt. Ich kenne Leute meiner Generation, die haben ihr erstes Handy erst als junge Erwachsene bekommen und jahrelang gut ohne gelebt.
    Chatrooms oder TV haben wir auch nie als Ersatz für Freunde betrachtet. Und man stelle sich mal vor, wenn bei uns einer mal nicht so gut war, haben wir ihn (oft) trotzdem mitspielen lassen! Manchmal wurde er besser dadurch, die Erfahrung hat uns geprägt! 😉

    Vielleicht war ich ja ein Mutant, aber ich glaube, ich kann viele der Erfahrungen, die diese Leute gemacht haben, nachvollziehen.
    Andere dagegen kann ich nicht nachvollziehen und lege auch keinen besonderen Wert darauf. Die Autoren des obigen Textes haben sicher auch nicht der Zeit nachgetrauert, in der die Familien nach den Abendessen noch 2 bis 3 mal den Rosenkranz gebeteten oder in der Leute sogar überlegt haben, ohne das sich irgendjemand Gedanken um sowas wie Arbeitsschutz oder Krankenversicherung gemacht hat.

    Genauso wäre es für sie an verregeneten Tagen sicher toll gewesen, wenn sie sowas wie eine Spielkonsole oder einen Chatroom hätten, damit sie sich nicht langweilen müssen.

    Aber gut, wer den Fortschritt leichter erträgt, indem er sich einredet, dass auch vieles durch das verlorenging, „was wir noch nicht hatten“, der darf natürlich nostalgisch sein. 😉

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