Archive for August 2012

Eine Generationengeschichte

August 15, 2012
Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Die guten alten Zeiten

Ich bin wirklich kein Kulturpessimist. Aber an diesem Klassiker ist doch was Wahres dran. Tja, die alte Zeit hatte doch auch was Gutes.

„Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt. Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dasswir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!

Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld, außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht.

Wir aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus der Flasche und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitiger Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns … Wie war das nur möglich? (more…)

Ehrung für eine Antisemitin

August 15, 2012

Das moderne Gesicht des Antisemitismus

Es gibt in Deutschland viele Preise, die besondere Leistungen würdigen und die auch einigermaßen bekannt sind, wie z.B. den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (oder einfach Bundesverdienstkreuz), der alljährlich an mehreren Tausend Menschen verliehen wird. Dann gibt es aber auch Preise, die kaum einer kennt, bis ein Diktator ausgezeichnet wird und die Öffentlichkeit sich darüber empört, wie den Quadriga-Preis (Preisträger 2011: Vladimir Putin) oder den Steiger-Award (Preisträger 2012: Recep Tayyip Erdogan).

Einer dieser weniger bekannten Preise ist der Theodor-W.-Adorno-Preis, der „zur Anerkennung herausragender Leistungen in den Bereichen Philosophie, Musik, Theater und Film“ verliehen wird. In diesem Jahr wird die jüdische Philosophin Judith Butler, die für ihre Gender Studies und Cultural Studies bekannt ist, mit dem Preis ausgezeichnet. Er soll ihr am 11. September verliehen werden. Soweit, so gut. Nur gibt es da etwas, dass bei Butler aus der Reihe fällt: Sie ist eine Antisemitin.

Sie beteiligt sich an der BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen)-Kampagne, ruft zu einem Boykott aller akademischen und kulturellen Institutionen und Personen Israels auf, wenn diese sich nicht gegen die israelische Besatzungspolitik aussprechen. In Toronto beteiligte sie sich an der „Israeli Apartheid Week“, die Hamas und Hisbollah bezeichnete sie als “soziale, progressive Bewegung“ und „Teil einer globalen Linken” kurz gesagt: Sie ist der Prototyp des modernen Antisemiten. (more…)

Vom hohen Ross des Medienkritikers

August 13, 2012
kl

Sie entscheiden, welche Geschichte ganz oben landet

So dürfte man noch nicht einmal Kindern die Welt erklären. Auch sie haben ein Recht darauf, zutreffend, wenn auch auf eine für sie verständliche Weise, informiert zu werden. An dem Bild der Entwicklung in Arabien, das Sie den deutschen Medien in der Regel entnehmen können, ist aber so ziemlich alles falsch und schief

So das vernichtende Urteil von Zettel über die deutsche Berichterstattung zum Arabischen Frühling. Seiner Meinung nach berichten die Medien zu oberflächlich und einseitig über den Arabischen Frühling. In dem Magazin Foreign Policy übte Sultan Al-Qasseimi ebenfalls Kritik an die Berichterstattung zum Arabischen Frühling- allerdings auf die von Al-Jazeera und Al-Arabiya. Offenbar sind viele von der Berichterstattung zum Arabischen Frühling enttäuscht. Aber ist die Kritik zutreffend? Haben die Medien versagt?  Eins muss man einräumen: Die meisten Bürger sind nicht genau über die Vorgänge in Arabien informiert. Aber der Grund dafür ist, dass die meisten Leute gar nicht an genauen Informationen interessiert sind.

Viele Bürger interessieren sich lieber für Sport oder „Wetten dass?“ als über den Syrienkonflikt. Und das ist ja auch nicht schlimm. Sie werden erst dann etwas aufmerksam, wenn es sie direkt betrifft. Die Medien berichten z.B. ausführlich über die Interessen des Auslands in Syrien, ob nun der Spiegel, der FAZ oder der Focus. Dass der Durchschnittsbürger trotzdem kaum was davon weiß, liegt nicht an mangelnden Informationen des Journalisten, sondern an mangelndem Interesse des Lesers. Aber es passiert auch, dass die Bürger sich auch dann nicht für etwas interessieren, wenn es sie direkt betrifft. Es ist erstaunlich, dass es nach diesem Artikel noch kein Volksaufstand gegen den ESM gibt. Wie sagte schon Henry Ford? „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“  (more…)

Peter van Uhm: Warum ich eine Waffe nahm

August 13, 2012

Am 25. November 2011 hielt Peter van Uhm, der oberste Kommandeur der niederländischen Streitkräfte, eine 18-minütige Rede bei TEDxAmsterdam, einer privaten Organisation, die in verschiedenen Ländern regelmäßig Konferenzen zu Problemen unserer Welt veranstaltet. In seiner Rede erklärt er, wie seine Karriere von seiner Liebe für Frieden geprägt ist – und nicht seinem Verlangen, Blut zu vergießen – und warum wir Armeen brauchen, wenn wir Frieden möchten.

Hier die deutsche Übersetzung der Rede:

Warum ich eine Waffe nahm

Als höchster militärischer Kommandeur der Niederlande, die Truppen auf der ganzen Welt stationiert hat, fühle ich mich geehrt, heute hier sein zu dürfen.

Wenn ich mich umsehe, in diesem TEDxAmsterdam Auditorium, sehe ich ein besonderes Publikum. Sie sind der Grund, warum ich die Einladung, hier zu sprechen angenommen habe, und heute hier bin. Wenn ich mich umsehe, sehe ich Menschen, die einen Beitrag leisten wollen, ich sehe Menschen, die die Welt verbessern wollen, in dem sie bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit leisten, indem sie beeindruckende Kunst erschaffen, indem sie kritische Beiträge oder inspirierende Bücher schreiben, indem sie nachhaltige Firmen gründen. Und sie alle haben Ihre eigenen Mittel gewählt, um die Mission einer besseren Welt zu erfüllen. Manche haben das Mikroskop als ihr Werkzeug für eine bessere Welt gewählt. Andere wählten Tanzen oder Malen oder Musik zu machen wie die, die wir eben gehört haben. Manche wählten den Stift. Während andere mit ihrem Geld Einfluss ausüben.

Meine Damen und Herren, ich habe etwas anderes gewählt. Ich teile ihre Ziele. Ich teile das Ziel der Redner, die wir vorher gehört haben. Ich habe nicht den Stift gewählt den Pinsel oder die Kamera. Ich hab dieses Werkzeug gewählt. Ich habe die Waffe gewählt. (more…)

Iran: Der Countdown läuft

August 11, 2012

Reichweite der iranischen Mittelstreckenrakete Shahab 3

Im Kalten Krieg war das „Gleichgewicht des Schreckens“ der Hauptgrund dafür, dass ein „heißer“ Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion als sehr unwahrscheinlich galt. Das atomare Arsenal der beiden Supermächte hatte also eine friedensstiftende Wirkung. Jede Seite wusste, dass man einen Krieg gegen die andere Seite nicht gewinnen konnte, ohne sich dabei selbst zu vernichten. Allerdings gab es auch immer ein „Restrisiko“: Wenn es zum Atomkrieg gekommen wäre, wären innerhalb von wenigen Minuten Hunderte Millionen Menschen getötet worden. Man musste sich auf rationelles Denken beim Feind verlassen. Das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert nur, wenn der Feind sein eigenes Überleben höher einschätzt als die Vernichtung des Gegners.

So totalitär die Sowjetunion auch war, die Herrscher haben immer diesen Rest an Rationalismus behalten, deshalb konnte das Gleichgewicht des Schreckens funktionieren. Aber diesen Rest an Rationalismus kann man nicht bei jeder Partei ausmachen. Vor allem nicht, wenn es sich um islamistische Herrscher handelt, die von der kommenden Apokalypse überzeugt sind. Im US-Magazin Foreign Affairs vertrat der US-Politologe Kenneth Waltz im letzten Monat die krude Ansicht, dass der Iran die Bombe bekommen sollte, weil ein nuklearer Ausgleich Stabilität bedeuten würde. Er glaubt, dass die Versuche des Westens, die iranische Bombe zu stoppen, nicht von Erfolg sein werden und man deshalb wieder auf das Gleichgewicht des Schreckens setzen sollte.

Selbst, wenn der Iran durch einen Angriff auf Israel Gefahr läuft, selbst vernichtet zu werden: Kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Iran dadurch von einem Angriff abgehalten werden kann? Es gibt genug Beispiele von Regimes in der Geschichte, die ihre eigene Vernichtung in Kauf nahmen, nur, um den Feind ebenfalls zu vernichten. Fidel Castro war während der Kubakrise bereit, sein eigenes Land für den Sozialismus zu opfern. Bei theokratischen Regierungen ist diese Gefahr wohl noch höher. Die Mullahs im Iran glauben an die baldige Wiederkehr des zwölften Mahdi, der die Apokalypse einleiten wird. In den Schulen wird den Kindern beigebracht, dass der Märtyrertod im Namen des Islam erstrebenswert ist. Wenn es auf der Welt ein Regime gibt, dass so irrational ist, um einen Atomkrieg vom Zaun zu brechen, dann das iranische. (more…)

Europa nach dem Euro

August 10, 2012
Ist der Euro alternativlos?

Ist der Euro alternativlos?

In der aktuellen Eurokrise mangelt es nicht an Vorschlägen, wie man die Währungsgemeinschaft doch noch retten könnte. Die europäischen Länder sollen in der Not die bereits eingeleitete politische Einigung vollenden, die nationalen Parlamente, wie Mario Monti es bereits forderte, in ihrer Macht beschränkt werden und die Vereinigten Staaten von Europa ausgerufen werden. Solche Szenarien kollidieren jedoch mit der Realität. Die Eurozone kann langfristig weder mit weiteren Rettungspaketen noch mit dem ESM gerettet werden. Die horrenden Staatsverschuldungen sind nicht wegreformierbar und werden eines Tages zum großen Krach führen.

Dies wiederum führt zu einem Szenario, das bis jetzt kaum jemand durchgespielt hat: Was passiert, nachdem der Euro zusammenbricht? Wie wird sich die politische Situation in Europa verändern? In Großbritannien bereitet man sich angeblich schon auf Unruhen nach dem Zusammenbruch des Euro vor. Eins kann man jedoch schon mal vorwegnehmen: Der Frieden in Europa wäre nicht gefährdet. Die Zeit der zwischenstaatlichen Kriege ist, zumindest in Westeuropa, vorbei. Außerdem hat diese Region in den letzten Jahrzehnten einen so hohen Lebensstandard und eine aufgeklärte politische Kultur entwickelt, dass Bürgerkriege und Diktaturen ausgeschlossen werden können. Gerade ein wirtschaftlich so starkes Land wie Deutschland würde sich nach einem kurzfristigen Schock schnell wieder erholen können.

Aber in einigen Ländern im Süden und Osten könnten soziale Unruhen die politische Stabilität erschüttern. Wenn die notwendigen wirtschaftlichen Reformen ausbleiben, wird sich die Situation in diesen Ländern nach dem Zusammenbruch des Euro noch weiter verschlimmern. Die Militärs könnten versuchen, wieder die Macht zu übernehmen, ein verlorenes Jahrzehnt könnte folgen, dass von Rezession, Massenarbeitslosigkeit und sozialen Unruhen bestimmt wird. Allerdings könnte dies dennoch etwas Positives haben: Die europäischen Nationen würden auf diese harte Weise die Lektion lernen, dass die Vereinigten Staaten von Europa nicht nur auf militärischem, sondern auch auf bürokratischem Wege nicht erzwungen werden können.

Assadywood

August 8, 2012

Kann Assad in der Luft schweben? Dieses Foto vom Juli 2011 soll ihn und Anas Abdul-Razzaq Naem, den neuen Gouverneur von Hama, zeigen:

(Quelle: Guardian)

Assads Medienkrieg

Wie oft hört man den Spruch „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“? Dieser Spruch wird immer gern benutzt, wenn man Lügen entlarven will, die westlichen Militärinterventionen vorausgehen (vergewaltigte Brutkastenbabys in Kuwait, KZ’s in Kosovo, Massenvernichtungswaffen im Irak usw.). Nur wenige kommen auf die Idee, dass auch die andere Seite gezielt Lügen anwendet. Im Syrienkonflikt wird z.B. die mangelnde Glaubwürdigkeit der syrischen „Aktivisten“, allen voran der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, angeprangert. Dabei gibt es auch viele Hinweise für gezielte Propagandalügen des syrischen Regimes, die kaum beachtet werden. Einige davon sind harmlos, wie z.B. das im Juli 2011 von den syrischen Staatsmedien veröffentlichte Foto von Bashar al-Assad und dem neuen Gouverneur von Hama, Anas Abdul-Razzaq Naem, das erbärmlich gefälscht war.

Andere Tricks sind dagegen nicht so harmlos, weil mit diesen die Bevölkerung gezielt desinformiert wird. Im April 2012 kam heraus, dass ein “Komparse” in vielen Städten des Landes vor der Kamera die Rolle des Verteidigers des Assad-Regimes übernahm. Er wurde insgesamt 11-mal gefilmt. Der Mann ließ sich auch unmittelbar nach einem Selbstmordanschlag in Damaskus filmen. Die Opposition stellte dieses entlarvende Video ins Internet. Es war nicht das erste Mal, dass das syrische Staatsfernsehen Schauspieler engagierte. Zuvor wurde bereits ein Gefecht zwischen Soldaten und Rebellen gefaked. Im Februar 2012 entschloss sich der Anchorman des syrischen Staatsfernsehens, Hani al-Malathi, seine Stellung aufzugeben, weil er nicht mehr Teil der staatlichen Propaganda sein wollte. (more…)

Freiheit für alle Völker!

August 7, 2012

Die Freiheit gilt für jedes Volk der Welt

Die schottische Regionalregierung plant für das Jahr 2014 eine Abstimmung über die Unabhängigkeit von England. Die seit 2007 regierende Scottish National Party hat ein freies Schottland von Anfang zum Ziel deklariert. Natürlich gibt es Schlimmeres, als im britischen Staatenbund „unfrei“ zu sein. Wirtschaftliche Interessen spielen auch eine Rolle. Nicht nur in Schottland, auch in anderen Regionen Europas regt sich Widerstand gegen den Zentralstaat. In Katalonien sprechen sich laut Umfragen erstmals seit Ende der Franco-Diktatur mehr als die Hälfte der Einwohner für ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region aus. Die Katalanen haben sich zwar selbst in die Krise gewirtschaftet, aber das interessiert die Einwohner später nicht mehr.

Ab wann ist eine Sezession gerechtfertigt? Ludwig von Mises vertrat die Ansicht: “Wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhängenden Landstrichen, durch unbeeinflusst vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, dass sie nicht in dem Verband jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zugehören wollen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Nur dies allein kann Bürgerkriege, Revolutionen und Kriege zwischen den Staaten wirksam verhindern … Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müsste es geschehen.”

Wenn die Bevölkerung einer Region nach Unabhängigkeit strebt, dann sollte es diese auch bekommen. Voraussetzungen sollten sein, dass die Bevölkerung in der Mehrheit für die Unabhängigkeit stimmt und dass dieser Staat sich wirklich selbst verwaltet, also nicht nur durch Spenden anderer Staaten am Leben erhalten werden kann. Wie ich in diesem Artikel schon ausgeführt habe, bin ich ein Anhänger von Kleinstaaterei. Aber Kleinstaaterei bedeutet nicht Chaos. Die Region sollte schon eine bestimmte Größe haben (also kein Straßenviertel oder eine Plattform im Meer wie das „Unabhängige Fürstentum Sealand„). Ein neuer Staat muss sich natürlich auch an dieselben Regeln halten wie die bereits vorhandenen. Das bedeutet, dass es keinen Krieg führen darf, um sein Staatsgebiet gewaltsam zu erweitern. (more…)

Eine Alternative zu Hiroshima

August 6, 2012

Das zerstörte Hiroshima

Heute jährt sich zum 67. Mal der Tag, an dem die Amerikaner in Hiroshima eine Atombombe abwarfen, um die Japaner zur Kapitulation zu zwingen. Über 200.000 Japaner und Koreaner sind an den Folgen des Einsatzes gestorben. In den USA und in vielen anderen Ländern wird der Einsatz der Atombombe bis heute mehrheitlich als gerechtfertigt angesehen. Die Meinungen variieren von Alter, Geschlecht und politischer Einstellung. Die meisten, die die Atombombenabwürfe verurteilen, sind links eingestellt. Das hindert mich jedoch nicht daran, ebenfalls eine kritische Stellung einzunehmen, ohne den Atombombenabwurf grundsätzlich abzulehnen. Meine Ansicht ist, dass die Amerikaner die Alternativen zum Atombombenabwurf nicht gründlich genug untersucht haben.

Mit Sicherheit hätten die Japaner selbst keine Bedenken gehabt, die Atombombe über eine amerikanische Großstadt abzuwerfen, wenn sie selbst in den Besitz dieser Waffe gekommen wären. Die Kriegsführung der Japaner nahm keine Rücksicht auf alle Regeln der Menschlichkeit. Millionen wurden von den Japanern umgebracht oder versklavt. Die japanischen Zivilisten waren fast alle von der rassischen Überlegenheit ihres Volkes überzeugt und damit beschäftigt, kriegswichtige Produkte herzustellen. Die Japaner hatten alles in den Dienst des Krieges gestellt. Dies könnte zum Schluss verleiten, dass der einzige Weg, den Krieg ohne den Atombombenabwurf zu beenden, der gewesen wäre, das Leben von Hunderttausenden amerikanischen Soldaten zu opfern, nur, um das von fanatischen, amerikahassenden Japanern zu retten.

Wenn ein Mensch eine Bedrohung für das Leben von anderen Menschen ist, darf er notfalls getötet werden, da er selbst die Rechte von anderen Menschen missachtet. Doch eine radikale politische Einstellung führt nicht dazu, dass ein Mensch sein Recht auf Leben verwirkt hat. Selbst wenn die meisten Opfer von Hiroshima Amerika gehasst hätten, waren sie nicht bewaffnet und stellten keine direkte Bedrohung dar, von daher gab es keine Rechtfertigung, sie einfach wahllos umzubringen. Viele Staaten im Nahen Osten haben Bevölkerungen, in denen weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung die USA und Israel hassen. Das allein gibt den Amerikanern und den Israelis aber nicht das Recht, überall in der islamischen Welt Bomben abzuwerfen. Eine militärische Bedrohung, wie z.B. durch Raketenbeschuss (Gaza), muss schon vorhanden sein. (more…)

Das somalische Experiment

August 4, 2012
Die somalische Flagge

Die somalische Flagge

Wenn man an Somalia denkt, dann denkt man in erster Linie an Chaos, Gewalt, Hunger, Armut und Elend. Seit dem Sturz der letzten Regierung im Jahr 1991 hat es im ostafrikanischen Land keine Zentralregierung mehr gegeben. Die Macht im Land befindet sich teilweise in den Händen von Milizen, Stammesführern und Islamisten. An der Küste treiben Piraten ihr Unwesen und stören die internationalen Handelswege. In Hamburg findet seit dem November 2010 der erste Piratenprozess seit 400 Jahren statt. Zehn Somalier sollen einen Hamburger Containerfrachter angegriffen und unter ihrer Gewalt gebracht haben.

Doch nicht alle haben ein durchgehend schlechtes Bild von Somalia. Denn in dem Land ist etwas passiert, dass sich viele wünschen: Die Zentralregierung ist völlig zusammengebrochen. Weder die Bürger noch die Unternehmen müssen Steuern zahlen, es gibt keine Regulierungen, keine Bürokratie, keine funktionierende Armee oder Polizei, kein Sozialstaat, keine Schulpflicht- aber dafür sehr, sehr viele Waffen und Privatgerichte. Die Rede ist natürlich von Anarchisten. Genauer gesagt, von Anarchokapitalisten, die sich eine Welt von Privatrechtsgesellschaften ohne jede Form von staatlicher Gewalt wünschen.

Nun könnte man meinen, die Menschen, die sich somalische Zustände herbeiwünschen, seien unmoralisch. Doch man muss genauer hinsehen. Die Anarchokapitalisten wünschen sich nicht Armut, Krieg und Hunger, und sie sind auch keine Islamisten. Und sie leugnen nicht, dass es Somalia noch immer sehr schlecht geht. Aber sie sind der Ansicht, dass es Somalia unter der Anarchie- von 1995 bis 2006, als der Westen das Land ignorierte- besser erging als unter der Staatlichkeit. Tatsächlich hat sich die humanitäre Situation in Somalia während der Zeit des Anarchismus verbessert. Ist also Somalia ein Beispiel für die Welt? (more…)