Die „Afghanisierung“ des Antiterrorkriegs: Volksaufstand gegen die Taliban

Karzai besucht die afghanische Armee, die gemeinsam mit den NATO-Truppen gegen die Taliban kämpft

Es ist schon selten, dass in einem US-Wahlkampf ein Auslandseinsatz nur eine geringe Rolle spielt. Denn während Obama alle amerikanischen Soldaten aus dem Irak abzog, sind noch immer 90.000 in Afghanistan stationiert. Wie die New York Times recherchierte, fiel das Wort „Afghanistan“ während des republikanischen Parteitags nur viermal (das Wort „Jobs“ fiel 220-mal, Business 237 und Work 247). Wahrscheinlich sind sich Obama und Romney in ihrer Afghanistan-Strategie einige: Der Krieg soll „afghanisiert“ werden, die einheimischen Streitkräfte sollen allein mit den Taliban fertig werden und verhindern, dass das Land wieder zu einer internationalen Terrorbasis wird.

Da die USA sich ihn ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten befinden, haben die Bürger natürlich nur wenig Verständnis für militärische Abenteuer im Ausland. Der republikanische Vize-Präsidentschaftskandidat Paul Ryan hat jedoch angekündigt, im 700-Milliarden-Militärbudget nicht sparen zu wollen. Die Welt müsse weiter von den USA geführt werden. Die Amerikaner können auf über 1.000 Militärbasen im Ausland zurückgreifen, unterhalten ein Militärpersonal von 38.000 Mann in Japan und 28.500 in Südkorea (zum Schutz vor Nordkorea), und übernehmen mit 80.000 Mann auch die Verteidigung Europas.

In Europa und Ostasien könnte man argumentieren, dass diese Länder durchaus bereit wären, sich selbst, ohne Hilfe von amerikanischen Soldaten, zu verteidigen. Die afghanische Armee ist dazu noch nicht bereit. In den letzten Monaten gab es jedoch viele schlechte Nachrichten aus Afghanistan: Blutige Unruhen nach Koran-Verbrennungen, Taliban enthaupten Zivilisten, afghanische Soldaten erschießen NATO-Angehörige usw. Was jedoch kaum einer mitbekommen hat ist, dass zum ersten Mal seit dem NATO-Einsatz die Afghanen angefangen haben, lokale Bürgerwehren zu bilden, um sich gegen die Taliban zu verteidigen. Ein Volksaufstand gegen die Taliban ist im Gange, der die Zukunft Afghanistans entscheidend verändern könnte.

Bürgerwehren kämpfen gegen die Taliban

Es begann im Mai Dorf Ghander im Distrikt Andar der östlichen Provinz Ghazni. Die Einwohner hatten sich an einem Freitag in der Moschee zusammengefunden und diskutierten das Tagesgeschehen. In dieser Gegend hatten die Taliban seit 10 Jahren Unterstützung genossen. Doch nun verloren sie ihren Rückhalt. Der Grund dafür war die Entscheidung der Taliban, die Schulen für Mädchen in Ghazni zu schließen. Der Befehl kam aus pakistanischen Taliban-Zentrale Quetta. Der örtliche Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Malik, der 2 Jahre in einem US-Gefängnis verbracht hatte, brachte das Anliegen der Einwohner nach Quetta, doch nichts geschah. Stattdessen wurde Malik von seinem Amt abgesetzt.

Einige pakistanischstämmige Taliban-Kämpfer kamen daraufhin nach Ghander, um die Bürger einzuschüchtern. Dies war der Anfang des Volksaufstands. Den meist bewaffneten Einwohner gelang es, die Taliban wieder aus dem Dorf zu vertreiben. Am nächsten Morgen weitete sich der Aufstand auf das nächste Dorf aus. Aus den ursprünglich 20 Kämpfern wurden bald 150, und immer mehr Dörfer wurden von den Taliban befreit. Es waren also keine NATO-Soldaten oder die schwach ausgerüstete, unmotivierte und von Taliban infiltrierte afghanische Armee, die die Taliban aus Ghazni vertrieben haben, sondern die afghanischen Bürger. Am 25. Juni berichtete Al-Jazeera erstmals über den Volksaufstand:

Die Bewegung hat sich einen eigenen Namen gegeben: “National Uprising Movement” (NUM), bzw. Da Milli Patsun Ghorzang. Mittlerweile sind auch viele andere der 34 afghanischen Provinzen, u.a. Ghor, Logar, Nangarhar und sogar Teile von Kandahar, vom Aufstand erfasst worden. Laut dem Telegraph hat die NUM in Ghazni die Taliban aus insgesamt 50 Dörfer vertrieben und verfügt dort über 250 Kämpfer, 20 sollen bereits getötet worden sein. Die Bewegung ist alles andere als proamerikanisch und auch nicht Karzai-freundlich. Das Motto des Aufstands lautet eher: „Weg mit den Taliban, weg mit der NATO und weg mit Karzai.“

Die korrupte, nach Verhandlungen mit den Taliban strebende Karzai-Regierung ist von der Entwicklung nicht begeistert. In einer Tagung des afghanischen Senats zeigten sich die Provinzsenatoren äußerst besorgt über den wachsenden Volksaufstand. Einige vermuten auch eine Infiltration der NUM durch die Miliz des berüchtigten, grausamen Warlords Hekmatayar und den afghanischen Geheimdienst. Die Taliban sprechen von einer reinen US-Verschwörung. Für die Taliban sieht es sowieso eng aus: Ein hochrangiger Kommandeur gestand ein, dass sie in Afghanistan keine Aussicht auf einen Sieg hätten und wütend auf Osama bin Laden seien, da er die NATO in das Land gebracht hat.

„Fußball oder Bürgerkrieg“

Die Ablehnung der Taliban in der afghanischen Bevölkerung ist nichts Neues. Die Taliban waren seit ihrer Gründung überwiegend aus Pakistan stammende und finanzierte Dschihadisten, deren ideologische Vorstellungen bei der Bevölkerung keinen Rückhalt genossen. Nach dem NATO-Feldzug 2001 kehrten 3 Millionen Flüchtlinge zurück und feierten ausgelassen in Kabul das Ende der Taliban-Herrschaft. Aktuelle Umfragen zeigen, dass nur 4-6% der Bevölkerung eine positive Meinung zu den Taliban haben und sogar die Mehrheit die Stationierung von NATO-Truppen befürwortet. In den letzten 10 Jahren gelang es der NATO und der Karzai-Regierung, den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Dies zeigt sich auch an Kleinigkeiten, wie der Entstehung einer eigenen Fußball-Liga:

This plan for Afghanistan’s first professional soccer league illustrates how the country has changed over the past decade, no matter what judgment you make about the U.S.-led counterinsurgency effort. Afghanistan is now connected by cellphones and television: 60 percent of the population watches TV regularly, and there are 17 million mobile phones, compared with zero in both categories in 2001. The biggest force for change in today’s Afghanistan may be urbanization, not politics. In the past several decades of war, Kabul has become a city of about 5 million; Herat, Kandahar and Jalalabad have all tripled in size.

Auch die Situation der Frauen hat sich verbessert, obwohl es in den letzten Jahren Rückschläge gab. Wie der Fortschrittsbericht der Bundesregierung feststellte, sind 28% der Abgeordneten des afghanischen Parlaments Frauen, stellen Mädchen heute rund ein Drittel der insgesamt 8 Mio. Schüler und dienten 2011 1.300 Frauen in der Polizei. Die weibliche Vizepräsidentin des Parlaments Fausia Kufi plant sogar, bei den Präsidentschaftswahlen 2014 anzutreten. Doch für wie lange können diese Erfolge Bestand haben? Der schwache Karzai kann für die Wahlen 2014 nicht mehr antreten. Die in Berlin geschmiedete Allianz von Ahmad Zia Massoud, dem Bruder des ermordeten afghanischen Nationalhelden Ahmad Shah Massoud, gilt als eine der Favoriten.

Massoud hat versprochen, das Werk seines Bruders fortzusetzen und die Taliban zu vertreiben. Das wäre eine Entwicklung, von der nicht nur Afghanistan, sondern die ganze Welt profitieren würde. Die USA müssten nicht befürchten, dass Afghanistan zu einem internationalen Dschihadausbildungszentrum wird, Russland müsste keine Zunahme des Opiumhandels sowie die Radikalisierung seiner zentralasiatischen Nachbarn und Indien kein Übergreifen der Taliban auf Pakistan befürchten. Im Irakkrieg kam die Wende, als einheimische Milizen anfingen, sich gegen die islamistischen Terroristen zu erheben. In Afghanistan könnte dasselbe der Fall sein. Und die Amerikaner könnten dann endlich nicht nur aus Japan oder Deutschland, sondern auch aus Afghanistan ruhigen Gewissens ihre Truppen abziehen.

5 Antworten to “Die „Afghanisierung“ des Antiterrorkriegs: Volksaufstand gegen die Taliban”

  1. besucher Says:

    Afghanistan ist auch so ein Land wo man mal die die Grenzziehung überdenken sollte, die Durand-Linie ist ein relikt aus Kolonialzeiten.

    • arprin Says:

      Eine neue Grenzziehung würde jetzt nicht ohne Blutvergießen gehen. Zuerst muss das Land stabilisiert werden und wenn dann ein bestimmtes zivilisatorisches Niveau erreicht wird kann man über eine friedliche Teilung nach tschechoslaowakischem Vorbild nachdenken.

  2. shaze86 Says:

    Ich wünsche den Afghanen nur das Beste. Immerhin herrscht dort schon so lange Krieg und die Taliban sind miese Mörder.

  3. silver account Says:

    Kabul – Kämpfer der radikal-islamischen Taliban haben in der südafghanischen Unruheprovinz Helmand mindestens 17 Zivilisten enthauptet, darunter zwei Frauen.

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