Vorsicht vor dem Internet

Eine Warnung

„Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, ehe sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“ (Mark Twain)

Vor einigen Tagen machte im Internet eine Meldung die Runde, wonach die Muslimbrüder in Ägypten angefangen hätten, politische Gegner vor dem Präsidentenpalast zu kreuzigen. In vielen Blogs und sogar in einigen Zeitungen wurde diese Meldung verbreitet, obwohl es kaum eine glaubwürdige Quelle dafür gab. Nach kurzer Zeit stellte sich das Gerücht als Lüge heraus- aber im Internet lebt der Mythos weiter und wird wohl noch jahrelang herumschwirren. Wenn im Internet eine Verschwörungstheorie in Umlauf gebracht wird, gibt es kein Zurück mehr. Desto mehr man die Verschwörung widerlegt, desto mehr glaubt der Verschwörungstheoretiker an seine Verschwörung.

Zuvor gab es bereits zwei Falschmeldungen, die Ägypten betrafen. Im April war berichtet worden, dass es Männern noch 6 Stunden nach dem Tod ihrer Ehefrau erlaubt sein sollte, mit ihr Sex zu haben, und im Juli hieß es, dass die Salafisten dazu aufgerufen hätten, die Pyramiden zu zerstören. Auch hier handelte es sich um Internet-Erfindungen, die trotz Klarstellungen lebendig geblieben sind. Dabei werden im Internet natürlich nicht nur über Ägypten, sondern auch über andere Länder Lügen verbreitet, in den meisten Fällen den USA und Israel, aber z.B. auch über die Palästinenser. So verbreitete PI News („gegen den Mainstream“) 2009 die falsche Meldung, dass es eine „Massenpädophilenhochzeit“ in Gaza gegeben hatte.

Die „alternativen Medien“ werden von vielen Medienkritikern als Segen empfunden. Sicherlich können die Alternativmedien helfen, falsche Meldungen in den traditionellen Medien zu entlarven, und für diese Rolle muss man ihnen auch ewig dankbar sein. Doch in den Alternativmedien lässt sich genauso täuschen, lügen und manipulieren wie in den traditionellen Medien. Somit sind sie leider, trotz einiger großartiger Ausnahmen wie die Achse des Guten, zunehmend zu einer gigantischen Massenverblödungsmaschinerie verkommen, an der nicht mal die Süddeutsche oder die junge Welt rankommen. Henryk M.Broder hatte schon im Februar 2007 festgestellt: „Das Internet macht doof“ und erkannte die negativen Folgen, die der moderne homegrown journalism mit sich bringt.

Wenn alle mitreden, löst sich die Meinungsfreiheit in Kakophonie auf. Wer eine Meinung hatte, aber nicht zu den … Privilegierten gehörte, konnte eine Wandzeitung anschlagen oder Flugblätter drucken, wenn er sich bemerkbar machen wollte. Heute meldet er eine „domaine“ an und nimmt an den Debatten im „global village“ teil. Die Folgen sind entsprechend. Wenn die „New York Times“ denselben Zugang zur Öffentlichkeit hat wie eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe, wird sich die Öffentlichkeit auf Dauer nicht auf dem Niveau der „New York Times“ einpegeln, sondern auf dem der Kannibalen-Selbsthilfegruppe. …

Die Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September 2001 in Umlauf kamen, wären ohne das Internet über ein paar alternative Kifferstuben und Erste-Hilfe-Stationen für Verwirrte nicht hinausgekommen. Weit häufiger und viel einfacher als bei den vorausgegangenen „Verschwörungen“ – dem Mord an Kennedy, dem Ableben von Marylin Monroe und der „gefakten“ Mondlandung – bekam buchstäblich jeder Psycho die Gelegenheit, sich zu äußern, auf gleicher Augenhöhe mit dem Rest der Welt. Was gestern „Speakers Corner“ im Londoner Hyde Park war, das ist heute das Internet.

Das bedeutet nicht, dass es Verschwörungstheorien nicht schon vor den Alternativmedien gab, oder dass man sie zensieren sollte. Es soll nur heißen, dass die Alternativmedien zu schamlosem Schweinejournalismus genauso fähig sind wie die traditionellen Medien. Man sollte sich also nicht zu viel einbilden, wenn man „den Massenmedien nicht alles glaubt“, solange man nicht auch den Müll der Alternativmedien aussortiert hat. Die Grenzen des Erträglichen sind weit überschritten. Die Verschwörungstheorien, die nach dem Massaker von al-Houla im Internet kursierten, werden dazu führen, dass sich Revisionisten auf ewig darauf berufen werden, genauso wie bei den angeblichen Kreuzigungen in Ägypten. Das Internet hat für diese schändlichen Desinformationen gesorgt.

Wer in den traditionellen Medien arbeiten will, muss über einige Qualifikationen verfügen und ist seinem Arbeitgeber Rechenschaft schuldig. Im Internet kann jeder schreiben, was er will, und muss niemandem Rechenschaft schulden. Die Hemmschwelle für Aidsleugner, 9/11-Truther, Elsässerianer und andere sinkt im Internet drastisch. Ihre Lügen und Manipulationen sind keinesfalls so harmlos, wie man vielleicht denkt. Gerade wenn man sich ansieht, welche Blogs bei WordPress oder Blogger die meisten Leser haben, kann einem unangenehm werden. Zum Glück gibt es auch noch die „Debunker„. Hoffen wir, dass sich solche Stimmen in Zukunft mehren.

7 Antworten to “Vorsicht vor dem Internet”

  1. Fred Says:

    Das ist ein guter Punkt. Das Internet führt dazu dass die Kosten für Publikation auf quasi Null sinken, gleichzeitig fällt auch jeder Filter weg. Das führt dann dazu dass nicht nur „gute“ Inhalte in den Umlauf kommen sondern auch auch quasi jeder Irre mit einem Internetanschluss seinen Wahn verbreiten kann. Die „alten“ Medien hatten hingegen den Nachteil dass man sie im Zweifelsfall auch staatlich kontrollieren konnte.

    Ein weiteres Problem mit dem Internet ist die Gefahr dass jeder nur noch die Seiten wahrnimmt die eh schon seinen Überzeugungen entsprechen. Dies kann zu einer stärkeren Meinungspolarisierung führen.

    Wie man dem Problem begegnen kann weiß ich auch nicht genau. Wichtig wird es vor allem sein die gleichen Standards an Objektvität und Wahrheit und an die Trennung von Fakten und Kommentar anzulegen wie in den alten Medien. (Es ist klar dass das Ideale sind aber trotzdem sollte man sie aufrecht erhalten.) Langfristig glaube ich auch wird die Tendenz zu Konzentrationsprozessen in der Blogosphere gehen, also nicht mehr 40 liberale Blogs sondern vielleicht 4 oder 5 die dann auch für entsprechende Qualitätsstandards bürgen.

  2. Paul Says:

    Zweifel habe ich an der Öffentlichkeitswirkung des Internets.
    Kann es sein, dass Einzelne die Wirkung völlig überschätzen?
    Aus meiner Sicht hat das Internet folgende Funktionen.
    1. Habe ich die Möglichkeit völlig frei meine Meinung zu äußern.
    2. Kann ich die Meinung anderer zur Kenntnis nehmen und mit meiner Auffassung vergleichen.
    3. Werde ich angeregt zu bestimmten, mich interessierenden Fragen zu recherchieren, um dadurch mein Wissen zu erweitern.

    Eine gesamtgesellschaftliche Einflussnahme erreiche ich dadurch nicht, weil im günstigen Fall nur ein paar tausend Menschen meine Ausführungen lesen.
    Da ist die Wirkung der Massenmedien, egal ob staatliche oder private schon eine ganz andere.

    • arprin Says:

      Es geht ja auch nicht darum, das Internet als eine größere Gefahr darzustellen als die Massenmedien. Aber die sogenannten „Alternativmedien“ betreiben, neben den vielen guten Blogs und Magazinen, die es natürlich auch gibt, viel gefährliches Zeug. Man denke nur mal an Arid Uka, der durch ein gefälschtes Video einer angeblichen Vergewaltigung von Afghanen durch US-Soldaten zum Mord an US-Soldaten in Deutschland angestachelt wurde. Oder an Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, weil sie im Internetseiten von Impfgegnern gelandet sind.

  3. Schlens Says:

    Paul: Fuer den Normalsterblichen mag das wohl so sein, dass das Internet voellig ueberschaetzt ist. Bei den „Medienschaffenden“ und unseren Politakteuren habe ich da allerdings meine leisen Zweifel und glaube, dass die da wirklich jedem Schwachsinn hinterherrennen, der durch das mediale Dorf getrieben wird.

  4. Ilja Says:

    Es gibt einen Unterschied zu den Massenmedien: In denen fällt der Müll nicht auf, weil die Gegenposition gar nicht publiziert wird – egal ob nun wegen expliziter Polizeizensur oder impliziter PC-Zensur. Im Internet gibt es zu jedem Schund auch die Gegenposition.

    Und das hat langfristig eher heilsame Wirkung – man kann das Internet nicht als Autorität missbrauchen, man merkt schnell genug, dass man, um wirklich die Wahrheit herauszufinden, intensiver lesen und nachdenken muss, und wird nicht mehr alles glauben.

    Und das hat Wirkungen auch auf die Massenmedien. Schon heute zeigt sich in den online-Kommentaren der Zeitungen sehr viel mehr Kritik als es je in Leserbriefspalten gab.

    Außerdem wird sich mit der Zeit auch die Sinnlosigkeit von Zensur zunehmend bemerkbar machen. Selbst wenn alle Staaten etwas verbieten, kann es durch das Darknet problemlos öffentlich zugänglich gemacht werden. Und dies wird voraussagbar die Auswirkung haben, dass man es irgendwann aufgibt, es auch nur zu versuchen, selbst da wo es ginge.

    Und Qualität wird sich mit der Zeit von alleine durchsetzen.

    • arprin Says:

      Man kann es natürlich so sehen, dass das Internet für mehr Vielfalt und sogar bessere Qualität sorgt. Aber ganz so einfach ist es nicht. Im Internet sind nur extreme Meinungen „neu“, da in den Medien demokratischer Länder bereits jeder seine Meinung veröffentlichen kann, wenn er für gewisse Qualitätsstandards bürgen kann. Zu Themen wie ESM, Atomkraft oder Israel z.B. findet man durchaus verschiedene Ansichten, auch wenn linke Positionen meistens die Mehrheit bilden. Das Internet sorgt für mehr Quantität, aber nicht unbedingt für mehr Qualität.

  5. Paul Says:

    „Und Qualität wird sich mit der Zeit von alleine durchsetzen.“
    Da bin ich mir, lieber Ilja nicht so sicher.
    Wenn ich Qualität mit Wahrheit gleichsetze, dann bin ich eher vom Gegenteil überzeugt. Mark Twain hat da sicherlich recht.
    Auch Israel hat die Propagandaschlacht gegen die Araber verloren, weil es lange Zeit darauf setzte, dass sich die Wahrheit schon von alleine durchsetzen werde.

    „Das Internet sorgt für mehr Quantität, aber nicht unbedingt für mehr Qualität.“
    Dem, lieber Arprin, stimme ich zu.
    Allerdings ist die Qualität im Internet leichter verfügbar und besser abrufbar. Was haben wir im Lesesaal während des Studiums für Bücherstapel auf unserem Platz angehäuft. Und das wichtigste Buch war natürlich immer schon unterwegs.
    Wie leicht ist es dagegen heute.
    Als Neueinsteiger muss ich aber auch erst mal das Suchen lernen und auch die Spreu vom Weizen sondern können. Aber insgesamt ist das Internet schon eine große Hilfe.
    Anfangs bin ich aber auch auf toll aufgemachte „wissenschaftliche Informationsseitenen“ hereingefallen. Das kann immer noch passieren, aber schon seltener.

    Der größte Gewinn ist aber für mich der Gedankenaustausch in den Blogs. Grenzenlos. Jetzt mit einer Israelin und im nächsten Augenblick mit einem Amerikaner. Wie mühsam war früher der briefliche Gedankenaustausch. Natürlich produziert diese Leichtigkeit auch einen „Müllberg“. Den muss ich erkennen und meiden. 🙂

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