Demokratie und Voluntarismus

Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Frankreich, 1848

Vor vier Monaten schrieb ich einen Artikel, der sich mit dem Thema Libertarismus und insbesondere deren anarchokapitalistischen oder „voluntaristischen“ Strömungen beschäftigte. Dies löste eine reghafte Diskussion mit vielen kritischen Kommentaren aus. Der Kommentator „Voluntarist“ riet mir vor drei Tagen, die Seite frewilligfrei.de und deren FAQ-Seiten zu besuchen, um meine Vorurteile gegenüber dem Voluntarismus zu überwinden. Ich habe seinen Rat angenommen. Deshalb nun eine Replik auf einen Artikel, den ich auf dieser Seite fand, aber komischerweise nicht verlinken kann, weil man mit der URL immer wieder auf die Hauptseite gelangt.

Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, ob private Sicherheitsagenturen sich gegenseitig bekriegen würden. In dem Artikel heißt es:

Stellen wir uns vor, ich würde eines Tages meine Gary-Larson-Bücher vermissen und hätte eine technisch versierte Sicherheitsagentur, die mir ein Kamerasystem in meinem Haus installiert hat. Ich würde nun die Aufnahmen durchsehen und unzweifelhaft erkennen, dass mein Freund Uwe nach einem Besuch mit meinen Gary-Larson- Büchern unter dem Arm meine Wohnung verlässt.

(…)

Nun würden unsere Agenturen den Fall nicht lösen können und laut den Skeptikern einen Krieg vom Zaun brechen. Meine Agentur würde fünf Typen schicken, Uwes Agentur sechs. Es gäbe einen Kampf, und einige wären verletzt.

Das Beispiel ist zwar nicht gerade realistisch, aber das muss es auch nicht, denn es dient nur, um einen Konfliktfall zwischen privaten Sicherheitsagenturen zu benennen. Das vorgestellte Szenario endet so:

Das ist natürlich alles Quatsch. Erstens habe ich Uwe die Gary-Larson-Bücher geliehen, und zweitens würden Sicherheitsagenturen niemals so oder so ähnlich handeln. Der Grund ist, dass ein Kampf zwischen diesen Agenturen zu teuer ist. Wenn es Verletzte gibt, müssen Ansprüche ausgeglichen werden, und die Bereithaltung von Schlägern ist auch zu aufwendig.

Beide Versicherungen würden sich auf einen unabhängigen privaten Schlichter einigen, der als letzte Instanz Recht spräche. Sie würden besonders solche Schlichter bemühen, die in der Vergangenheit besonders gerechtes Recht gesprochen hätten. Alle Agenturen hätten die Minimierung ihrer Kosten im Fokus und könnten sich kriegerische Auseinandersetzungen nicht lange leisten.

Diese Annahme basiert darauf, dass alle am Konflikt beteiligten Menschen daran interessiert wären, wirtschaftlich vernünftig zu handeln und sich an Verträge von privaten Schlichtern zu halten. Das ist in einigen Gegenden der Welt sicher so gegeben. In den aufgeklärten westeuropäischen Staaten, in Nordamerika und anderen Teilen der Welt könnte eine voluntaristische Gesellschaftsordnung möglicherweise funktionieren, ohne dass es zu Bürgerkriegen oder ähnlichem kommt.

Nehmen wir z.B. an, dass in Deutschland 10% der Bevölkerung nicht an wirtschaftlicher Vernunft oder an der Einhaltung von Verträgen interessiert wären. Als Folge davon würden einige Menschen andere Menschen überfallen und auch nicht damit aufhören, wenn ihre Versicherungsgesellschaften sie dazu zwingen wollten, oder die Versicherungsgesellschaften würden selbst die Überfälle begehen. Die 90%-Mehrheit würde in den meisten Fällen mit den Randalierern fertig werden, und die wenigen, die nicht kleinzukriegen sind, würde man eingesperrt werden.

Aber was ist in einem Land, in dem 90% der Bevölkerung nicht an wirtschaftlicher Vernunft oder an der Einhaltung von Verträgen interessiert ist? Hier wäre der Voluntarismus undurchführbar. Die Versicherungsgesellschaften würden keine Chance haben, die Überfälle wirksam zu vermeiden, es würde ein Krieg aller gegen aller ausbrechen. Am Ende würde das dazu führen, dass sich aus den Versicherungsgesellschaften kleine, halbstaatliche und autoritäre Gemeinschaften bilden würden, die genauso Eigentumsrechte verletzen würden wie es Staaten tun und in dem das Recht durch die Sitten und Traditionen bestimmt wird, die manchmal barbarisch sind.

Solche anarchosozialistischen Gesellschaften gibt es z.B. bei den Yanomami-Indianern im Amazonas, die eine Mordrate haben, die sogar Venezuela in den Schatten stellt, und gab es jahrelang in Südsomalia. Die Menschen in diesen Gemeinschaften sind jedoch selbst natürlich keine Voluntaristen oder Anarchisten. In Wirklichkeit wollen sie in den meisten Fällen einen Staat errichten. Dennoch sind sie ein Beispiel, was passieren kann, wenn eine staatliche Ordnung verschwindet. Die Voluntaristen haben die Theorie ohne die Praxis, die Südsomalier haben die Praxis ohne die Theorie.

Die Grundlage für eine voluntaristische Gesellschaftsordnung ist, dass die Mehrheit der Menschen aufgeklärt ist und an wirtschaftlicher Vernunft und der Einhaltung von Verträgen interessiert ist. Wenn das nicht gegeben ist, haben wir Südsomalia. Es scheint mir so, als ob dieser Aspekt von den Voluntaristen nicht genug beachtet wird. Man kann nicht irgendwo hingehen und eine Privatrechtsgesellschaft errichten. Zuerst muss eine Aufklärung der Menschen stattfinden. In dem zitierten Artikel bei frewilligfrei.de lautet übrigens der letzte Satz:

Die Beobachtungen der Geschichte zeigen uns, dass es fast immer Regierungen sind, die ihre Konflikte kriegerisch lösen.

Das ist natürlich zutreffend. Aber die Frage, ob es in einer voluntaristischen Gesellschaft friedlicher zugehen würde, ist auch angebracht. In meinem Artikel zum Libertarismus habe ich gefragt, was passieren würde, wenn in einer voluntaristischen Gesellschaft die Einwohner einer „schwulenfreie Zone“ versuchen würden, ihre Zonen gewaltsam zu erweitern. Der Kommentator Ilja antwortete:

Eine libertaere Gesellschaft nach Hoppe beruht auf strengem Eigentumsrecht. Ein Ausweiten schwulenfreier Zonen mit Gewalt waere ein Verstoss dagegen und wuerde mit Gegengewalt beantwortet werden.

Das bedeutet, dass Kriege auch in einer Welt möglich sind, die ausschließlich aus voluntaristischen Gesellschaften besteht. Zwar haben Regierungen in der Geschichte 14.400 Kriege mit 3,5 Milliarden Toten geführt. Aber: Zwei demokratisch gewählte Regierungen haben noch nie Krieg gegeneinander geführt. In einer Welt, die nur aus liberalen Demokratien bestehen würde, wären Kriege sehr wahrscheinlich verschwunden. Diese Eigenschaft können voluntaristische Gesellschaften nicht vorweisen.

Ein Staat, in der die Regierung durch die Mehrheit des Volkes gewählt wird, wird oft als „Tyrannei der Mehrheit“ verdammt, in der die freie Wahl nur eine Illusion wäre. Man muss jedoch unterscheiden zwischen Demokratie und liberaler Demokratie. Letzteres bedeutet nicht, das sich alle in jedem Bereich ihres Lebens dem Votum der Mehrheit des Volkes beugen müssen, wie z.B. diese Karikatur behauptet (in der ein Mensch nach demokratischer Abstimmung getötet wird). Es gibt in einer liberalen Demokratie unantastbare Grundrechte, die nicht durch die Regierung aufgehoben werden können. Gérard Bökenkamp hat das in diesem Artikel schön zusammengefasst:

Demokratie an sich hat Grenzen. Weder eine Mehrheit der Bürger bei einer direktdemokratischen Entscheidung noch die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament hat zum Beispiel das Recht, einen Teil der Bevölkerung entschädigungslos zu enteignen, für einen Teil der Bevölkerung das Recht auf Religions- und Bekenntnisfreiheit aufzuheben oder ein Berufsverbot zu verhängen. Das Mehrheitsvotum steht nicht über den Grundrechten und nicht über der konstitutionellen Ordnung, sondern ist Teil einer solchen Ordnung.

(…)

Für die Liberalen im Besonderen, aber auch für den liberalen Rechtsstaatsbegriff im Allgemeinen, der von allen demokratischen Parteien getragen wird, gilt das Mehrheitsvotum niemals absolut. Die Wirksamkeit des Mehrheitsvotums wird durch die Grundrechte und durch die Sicherstellung der institutionellen Funktionsfähigkeit eingeschränkt. Privates sollte privat entschieden werden und nur öffentliche Angelegenheiten gehören in die Entscheidungskompetenz demokratischer Mehrheiten.

Totale Herrschaftslosigkeit ist sowieso unmöglich. Auch der Voluntarismus würde nicht allein durch Freiwilligkeit funktionieren. Ob nun eine demokratisch gewählte Regierung Gesetze erlässt oder eine Versicherungsgesellschaft Verträge abschließt, ob man Steuern an den Staat oder Versicherungsbeiträge an Sicherheitsagenturen zahlt, in beiden Fällen gibt es eine Gewalt, eine obere Instanz, an der sich Menschen notfalls mit Zwang halten müssen. Eine Welt ohne jegliche Herrschaft- und sei es die Herrschaft von Gesetzen oder Verträgen- wäre nur „in einer Welt von Engeln und Heiligen“ möglich, wie Ludwig von Mises sagte.

Literaturempfehlungen:

Kritik der Demokratiekritik
Das somalische Experiment
Wider den Anarchismus
Libertarismus=Nihilismus?

17 Antworten to “Demokratie und Voluntarismus”

  1. freiwilligfrei Says:

    Hallo arprin,

    hast Du skype? Wir könnten eine Diskussion zu dem Thema über Skype führen, diese aufnehmen und dann auf unserer und auf Deiner Seite veröffentlichen.
    Was meinst Du?

    Gruß
    Hauke

    • arprin Says:

      Nein, ich habe bei mir zuhause leider kein Skype. Aber wir können ja auch hier diskutieren oder im Forum von freiwilligfrei, wenn ich mich dort anmelde.

  2. Hauke Marxen Says:

    Hallo arprin,

    „Die Grundlage für eine voluntaristische Gesellschaftsordnung ist, dass die Mehrheit der Menschen aufgeklärt ist und an wirtschaftlicher Vernunft und der Einhaltung von Verträgen interessiert ist. Wenn das nicht gegeben ist, haben wir Südsomalia. Es scheint mir so, als ob dieser Aspekt von den Voluntaristen nicht genug beachtet wird. Man kann nicht irgendwo hingehen und eine Privatrechtsgesellschaft errichten. Zuerst muss eine Aufklärung der Menschen stattfinden.“

    Ich stimme Dir hier völlig zu. Voluntaristen wollen einen philosophischen Anarchismus, was bedeutet, dass es eine Voraussetzung für die Entstehung einer vol. Gesellschaft ist, dass die Menschen (eine kritische Masse) Gewalt und Zwang als Konfliktlösung ablehnen.

    FreiwilligFrei beschäftigt sich mit mehreren Hauptpunkten.

    1. Wie ist die Situation jetzt aus moralischer Sicht.

    Wir leben in einem kollektivistischen Wertesystem, wo der Nutzen des Kollektivs dem Recht des Individuums übergeordnet ist. Wir leben in einem System, in dem eine Minderheit im Namen der Mehrheit über die Gesamtheit herrscht. Die Rechtfertigung dafür kommt aus der irrigen Annahme, durch Mehrheitsbeschluss können man eine Handlung moralisch gut machen.

    Meine Lieblingsmetapher zeigt deutlich, was ich meine.

    Stelle Dir vor 51 Mio. Männer fänden Vergewaltigung toll und 49 Mio. Frauen wären dagegen. Könnte ein Mehrheitsbeschluss Vergewaltigung moralisch gut machen? Ich denke, uns beiden würde schlecht in dieser Situation.

    Es gibt also einen Unterschied zwischen „Liebe machen“ und Vergewaltigung, der in der Gewalt und im Zwang liegt.

    Gibt es auch einen Unterschied zwischen einer Spende und räuberischer Erpressung? Ich denke schon. Wieder ist es die Gewalt und der Zwang, der hier den moralischen Unterschied ausmacht.

    Wie ist es mit dem Unterschied zwischen Besteuerung und räubersicher Erpressung? Es gibt keinen moralischen Unterschied, sondern nur einen gesetzlichen. Eine Instanz entscheidet, dass diese Art von räuberischer Erpressung „gut“ ist.

    Wir Voluntaristen akzeptieren das nicht. Auch der demokratische Staat ist eine unmoralische Instanz und somit lediglich ein Herrschaftsinstrument.

    In dieser ersten Säule von fwf versuchen wir diesen Umstand zu erklären und sozusagen ein moralisches Fundament zu beschreiben, auf dem eine Gesellschaft begründet sein könnte, die ohne initiierenden Zwang und Gewalt auskommen könnte.

    Es gibt keine Rechtfertigung für Herrschaft, auch nicht für die Art, die wir heute haben.

    2. Wie könnte eine voluntaristische Gesellschaft funktionieren.

    Dazu haben wir einen ganzen Haufen von Beispielen und Erklärungen in Videos und Texten. Darüber gibt es tolle Bücher und auch einige Beispiele in der Geschichte. Dein Artikel handelt ja davon, daher gehe ich jetzt nicht näher darauf ein.

    3. Was muss passieren, damit eine vol. Gesellschaft möglich ist und wie und wann könnte die Menschheit das erreichen?

    Das ist für uns eigentlich die wichtigere Frage.

    Wir bei fwf wollen eine vol. Geselschaft für die ganze Menschheit. Das bedeutet nicht, dass jeder so leben muss, wie wir das wollen. Die Leute können sich auch freiwillig in Gruppen zusammentun, sich einen Führer wählen und sich von ihm ihr Leben organisieren lassen. Sie dürfen nur niemanden zwingen, mitzumachen.

    Andere Anarchisten streben beispielsweise Sezessionen an. Finde ich auch gut. Sie könnten als Vorbild für die Alternative einer vol. Gesellschaft dienen und den Menschen vielleicht die Angst nehmen. Unser Ziel ist es aber nicht, obwohl wir es sehr begrüßen würden.

    Wir wollen eine vol. Gesellschaft erreichen, indem wir dazu beitragen, dass Menschen Gewalt und Zwang ablehnen. Das aber konsequent und prinzipiell. Wenn eine kritische Masse das täte, würde in den Augen der Menschen kein Staat mehr nötig und somit auch nicht mehr möglich sein. Das wird viele Generationen dauern, aber so what.

    Erst wenn wir aufhören unseren Kindern im Elternhaus Zwang als Lösung vorzuleben, indem wir ihnen Befehle geben und sie schlagen oder anbrüllen oder ignorieren, wenn sie sie nicht ausführen, verlernen wir als Gesellschaft unsere Vorliebe für Zwang. Erst wenn wir aufhören, unsere Kinder mindestens 9 Jahre in staatlichen Schulen zu kasernieren und von Leuten von gestern mit Wissen von vorgestern zu füttern, zu Zeiten, wenn die Kinder sich für ganz andere Dinge interessieren, haben wir eine Chance, dass sie zu rational denkenden, empathischen und moralischeren Menschen heranwachsen, die die Sprache der Gewalt und des Zwangs gar nicht gelernt haben und von sich aus kooperative Lösungen anstreben.

    Ich weiß nicht, ob die Menschheit jemals reif dafür werden wird.
    Es gibt aber eine positive Tendenz. Sklaverei ist weitgehend abgeschafft, Frauen haben weitestgehend die gleichen Rechte wie Männer. Kinder schlagen ist nicht mehr so gern gesehen, trotzdem tun es noch 80% der Eltern. Aber wir sind auf einem guten Weg, doch er ist lang und steinig.

    Wenn Du über Voluntarismus nachdenkst, solltest Du Dich also nicht nur mit der Theorie der Funktionsweise auseinandersetzen, sondern auch mit dem moralischen Unterbau, der die eigentliche Stärke des Anarchismus ausmacht.

    Wir sind der Meinung, dass freiwillige Lösungen gegenüber zwanghaften Lösungen IMMER zu bevorzugen sein sollte. Wir möchten das Recht haben, in allen Lebensbereichen nach solchen freiwilligen Lösungen zu suchen und sie auch zu nutzen, wenn wir sie gefunden haben. Das ist uns leider nicht gestattet.

    Gruß
    Hauke

    • arprin Says:

      Hallo Hauke,

      danke für deine Antwort.

      Wir leben in einem System, in dem eine Minderheit im Namen der Mehrheit über die Gesamtheit herrscht. Die Rechtfertigung dafür kommt aus der irrigen Annahme, durch Mehrheitsbeschluss können man eine Handlung moralisch gut machen.

      In einer wirklich liberalen Demokratie würden Mehrheitsentscheidungen nur dann getroffen werden, wenn es die Öffentlichkeit betrifft. Als Beispiel dazu fällt mir Stuttgart 21 ein. Hier kann man ja nicht sagen, dass der Bahnhof zur Hälfte oder einem Drittel gebaut wird, wenn nur 50% oder 33% dafür stimmen.

      Wie ist es mit dem Unterschied zwischen Besteuerung und räubersicher Erpressung? Es gibt keinen moralischen Unterschied, sondern nur einen gesetzlichen. Eine Instanz entscheidet, dass diese Art von räuberischer Erpressung “gut” ist.

      In den meisten Fällen trifft das zu. Die immense Steuerlast unserer Zeit ist nicht zu rechtfertigen. Aber in einigen Fällen halte ich Steuern für gerechtfertigt, und zwar, wenn der Staatfür unsere Sicherheit sorgt (Polizei, Justiz). In diesem Fall erkenne ich keinen Unterschied zwischen Versicherungsbeiträgen in einer Privatrechtsgesellschaft und Steuern in einem Staat.

      Wir Voluntaristen akzeptieren das nicht. Auch der demokratische Staat ist eine unmoralische Instanz und somit lediglich ein Herrschaftsinstrument.

      Worin liegt der Unterschied zwischen Gesetzen, die der Staat erlässt und an der sich alle halten müssen, und Verträgen, die von einer Versicherungsgesellschaft getroffen werden und an der sich ebenfalls alle halten müssen? Solange die Grundrechte (Leben, Freiheit, Eigentum) unagetastet bleiben, ist es im Grunde dasselbe, nur das in einem Staat die Gesetze/Verträge besser geschützt werden können.

      Andere Anarchisten streben beispielsweise Sezessionen an. Finde ich auch gut. Sie könnten als Vorbild für die Alternative einer vol. Gesellschaft dienen und den Menschen vielleicht die Angst nehmen. Unser Ziel ist es aber nicht, obwohl wir es sehr begrüßen würden.

      Ich sehe das auch so. Ich unterstütze die meisten Unabhängigkeitsbestrebungen auf der Welt. Sobald die Mehrheit einer Bevölkerung einer Region für Unabhängigkeit stimmt, sollte sie diese bekommen.

      Ich weiß nicht, ob die Menschheit jemals reif dafür werden wird.

      Auch ich frage mich, ob die Menschheit jemals reif für eine minarchistische Welt sein wird. In Europa erleben wir ja gerade einen Rückschritt. Aber weltweit bin ich optimistischer. Es gab noch nie so viele Demokratien wie heute, und Demokratie ist in meinen Augen der erste Schritt für mehr Freiheit.

      Wenn Du über Voluntarismus nachdenkst, solltest Du Dich also nicht nur mit der Theorie der Funktionsweise auseinandersetzen, sondern auch mit dem moralischen Unterbau, der die eigentliche Stärke des Anarchismus ausmacht.

      Danke für den Tipp, ich habe schon einiges bei freiwlligfrei gelesen. Ich glaube, dass zwischen einem minarchistischen Staat und einer voluntaristischen Gesellschaft praktisch kein so großer Unterschied liegt. Trotzdem befürworte ich die erste Variante.

      Gruß
      arprin

      • Hauke Marxen Says:

        „In einer wirklich liberalen Demokratie würden Mehrheitsentscheidungen nur dann getroffen werden, wenn es die Öffentlichkeit betrifft.“

        Ich habe nichts gegen das Prinzip, dass Menschen für etwas abstimmen. Ich bin nur dagegen, dass sie danach ihren Beschluss anderen aufzwingen. Es geht dabei auch nicht darum, ob der Beschluss gut oder schlecht ist. Es geht um ein moralisches Prinzip.

        „Aber in einigen Fällen halte ich Steuern für gerechtfertigt, und zwar, wenn der Staatfür unsere Sicherheit sorgt (Polizei, Justiz).“

        Das kann ich gut verstehen. Du wünscht Dir Sicherheit für Dich und für die anderen Menschen. Dieser Zweck ist Dir persönlich so wichtig, dass Du der Meinung bist, er rechtfertige ein klein wenig Zwang und folgender Gewalt, wenn man nicht gehorcht.
        Was ist, wenn ich das anders sehe? Was ist, wenn ich der Meinung bin, dass kein Zweck die Mittel der Gewalt heiligt? Wer von uns beiden hat eine gewichtigere Meinung? Und wer entscheidet dass?
        Deine Haltung basiert natürlich immer noch auf der untilitaristischen Grundidee, dass man doch das größte Glück für die größte Zahl erreichen könnte. Das ist der Kern des Kollektivismus.

        „In diesem Fall erkenne ich keinen Unterschied zwischen Versicherungsbeiträgen in einer Privatrechtsgesellschaft und Steuern in einem Staat.“

        Der Unterschied liegt in der Freiwilligkeit. Dass Steuern per Definition nicht freiwillig gezahlt werden, brauchen wir wohl nicht näher zu erläutern. Wären sie freiwillig handelte es sich um Spenden. Ein Vertrag mit einer Versicherung hingegen wird geschlossen, wenn beide Parteien es wollen. Beide haben das Gefühl einen Nutzen zu haben, sonst würde ein Vertrag nicht zustande kommen, da er nicht erzwingbar ist.

        „Worin liegt der Unterschied zwischen Gesetzen, die der Staat erlässt und an der sich alle halten müssen, und Verträgen, die von einer Versicherungsgesellschaft getroffen werden und an der sich ebenfalls alle halten müssen? “

        Der Staat setzt Recht und macht Gesetze. wie Hoppe trefflich beschreibt, ist er der letzte Entscheider in Konfliktfällen, auch wenn er selbst ein Teil des Konflikts ist. Allein das sollte jedem schon zu denken geben. Die Rechtsetzung wird ja durch die Androhung von körperlicher Gewalt für alle verbindlich gemacht. Wer dem Gesetz nicht folgt, bekommt Post. Wenn er sie nicht öffnet bekommt er noch einen Brief, dann eine Vorladung. Wenn man das alles unbeantwortet lässt, klingelt es irgendwann und Leute stehen vor der Tür, die einen abholen wollen. Wenn man das als Hausfriedensbruch wertet und sich verteidigt, passiert etwas Schlimmes. Es kommt das zum Vorschein, was hinter jedem Gesetz steht. Eine Waffe. Gehorchst Du nicht und wehrst Dich, wirst Du in allerletzter Konsequenz vielleicht erschossen. Nur weil Du Dich nicht angeschnallt hast.

        Das kling jetzt natürlich übertrieben, ist es aber nicht. Denke das einfach konsequent zuende. Jedes Gesetz ist nur eine Meinung mit einer Waffe.
        Ein Vertrag wird niemandem aufgezwungen. Er gilt nur für die Parteien, die ihn schließen. Ganz freiwillig.

        „In Europa erleben wir ja gerade einen Rückschritt. “

        Das sehe ich auch so.

        „Es gab noch nie so viele Demokratien wie heute, und Demokratie ist in meinen Augen der erste Schritt für mehr Freiheit.“

        Das sehe ich aus den beschriebenen Gründen natürlich anders.

        „Trotzdem befürworte ich die erste Variante.“

        Das respektiere ich.

        Deine Argumente basieren hauptsächlich aus Deiner subjektiven Meinung. Du schreibst, dass Du Dinge gut oder nicht so gut findest. Wenn wir ehrlich sind ist Deine Vorliebe für staatliche Gesetzgebung und Polizei natürlich vom Wert her nicht mehr, als meine Vorliebe für Erdbeereis. Wir können Meinungen nicht als Grundlage gesellschaftlicher Entscheidungen hernehmen. Wir brauchen etwas anderes. Im Prinzip läuft es auf ein Duell zwischen zwei Haltungen heraus.

        Prinzipielle Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, konsequent, immer und für alle oder Fremdbestimmung basierend auf subjektiven Vorlieben einer Mehrheit, die der Minderheit aufgezwungen wird.

        Ich würde Dir gerne ein paar Fragen stellen. Vielleicht hast Du ja Lust, sie so kurz wie möglich zu beantworten:

        Findest Du, dass freiwillige Lösungen, so vorhanden, gegenüber zwanghaften Lösungen bevorzugt werden sollten?

        Wenn Du das mit ja oder nein beantworten könntest, wäre das klasse und wir könnten zur nächsten Frage kommen.

        Gruß
        Hauke

      • arprin Says:

        Ich bin kein Utilitarist. Für mich gibt es unveräußerliche Grundrechte, die durch nichts außer Kraft gesetzt werden können, auch nicht durch den Wunsch, das größte Glück für die größte Zahl zu erreichen.

        Zu deiner Frage:

        Findest Du, dass freiwillige Lösungen, so vorhanden, gegenüber zwanghaften Lösungen bevorzugt werden sollten?

        Ja, das finde ich auf jeden Fall.

      • Hauke Marxen Says:

        Ein Mehrheitsbeschluss kann aber prinzipiell alles ändern und außer Kraft setzen. Wir haben das an der amerikanischen Verfassung gesehen. Sie existiert auf dem Papier, wird aber nicht gelebt. Ich bin erleichtert, dass Du kein Untilitarist bist, hatte es auch nicht wirklich angenommen.

        „Findest Du, dass freiwillige Lösungen, so vorhanden, gegenüber zwanghaften Lösungen bevorzugt werden sollten?

        Ja, das finde ich auf jeden Fall.“

        Danke arprin, damit hast Du meine nächste Frage auch schon beantwortet. Die wäre gewesen, ob dafür irgendwelche Einschränkungen geben sollte. Dass Du das ebenfalls verneint hast, freut mich.

        Wenn Du also mit mir einig bist, dass freiwillige Lösungen ohne Einschränkung bevorzugt werden sollten, sollte es dann nicht auch jedem Menschen erlaubt sein, sie zu finden und dann zu wählen? Ganz individuell? Was würde es sonst für einen Sinn ergeben, sie bevorzugen zu dürfen?

      • arprin Says:

        Wenn Du also mit mir einig bist, dass freiwillige Lösungen ohne Einschränkung bevorzugt werden sollten, sollte es dann nicht auch jedem Menschen erlaubt sein, sie zu finden und dann zu wählen? Ganz individuell? Was würde es sonst für einen Sinn ergeben, sie bevorzugen zu dürfen?

        Es spricht ja im Grunde nichts dagegen, dass Menschen sich freiwillig entscheiden, sich vom Staat „abzumelden“ und eigene Gemeinschaften zu gründen, solange sie ein Mindestmaß an Zivilisation aufrechterhalten können. Diese Gemeinschaften könnten de facto weiter einem Staat angehören, aber sich völlig selbst, ohne Hilfe des Staates, versorgen. Es gibt ja schon ähnliche Konstrukte („Gated Communitys“) in unserer Zeit.

        Die meisten Menschen würden sich bei freier Wahl wohl eher einem Staat zugehörig fühlen, weil ein Staat seinen Bürgern eine Identifikation gibt, die weit über die von Versicherungsgesellschaften hinausgeht, nämlich ein nationales Zugehörigkeitsgefühl, das sich über Sprache, Kultur und Geschichte erstreckt. Diese freie Entscheidung muss auch akzeptiert werden. Wer freiwllig in einem Staat leben will, muss dann auch für die vom Staat garantierten Sicherheitsorgane bezahlen.

        Außerdem hätte eine voluntaristische Gesellschaft mit Problemen zu kämpfen, die kaum bis gar nicht lösbar wären, wie z.B. den Umgang mit Atombomben oder anderen Massenvernichtungswaffen. Es ist quasi unmöglich, solche Waffen zu privatisieren. Versicherungsgesllschaften, die solche Waffen besitzen würden, wären in der Lage, andere Versicherungsgesllschaften massiv zu erpressen. Auch frage ich mich, wie der internationale Handel aufrechterhalten werden soll. In der Theorie klappt es vielleicht, in der Praxis wäre es schwer.

        Hayek sagte in einem Interview 1981:
        “Dieser Anarchokapitalismus würde sich im zwischenpersönlichen Verkehr auf jene beschränken, von denen man weiss, dass sie zur selben Gemeinschaft gehören. Der ganze große Erfolg des kapitalistischen Systems besteht ja gerade in der Ausdehnung der Wirtschaft über die Kreise der persönlichen Bekannten hinaus. Dass man für Leute arbeitet, die man nicht kennt, kann im Anarchokapitalismus nicht länger bestehen. Dies würde einen erneuten Zerfall der Grußgesellschaft in kleinere Gemeinschaften, kleinere Gruppen, bedeuten, die nicht annähernd politisch die wirtschaftliche Leistung vollbringen können, wie Großgesellschaften.“

      • Hauke Marxen Says:

        „Es spricht ja im Grunde nichts dagegen, dass Menschen sich freiwillig entscheiden, sich vom Staat “abzumelden” und eigene Gemeinschaften zu gründen, solange sie ein Mindestmaß an Zivilisation aufrechterhalten können. Diese Gemeinschaften könnten de facto weiter einem Staat angehören, aber sich völlig selbst, ohne Hilfe des Staates, versorgen. Es gibt ja schon ähnliche Konstrukte (“Gated Communitys”) in unserer Zeit.“

        Ich freue mich, dass wir hier einer Meinung sind und einen Zwangsstaat ohne Ausstiegsmöglichkeit des Individuums ablehnen.

        „Die meisten Menschen würden sich bei freier Wahl wohl eher einem Staat zugehörig fühlen, weil ein Staat seinen Bürgern eine Identifikation gibt, die weit über die von Versicherungsgesellschaften hinausgeht, nämlich ein nationales Zugehörigkeitsgefühl, das sich über Sprache, Kultur und Geschichte erstreckt.“

        Das ist Deine subjektive Einschätzung, die wahr oder falsch sein kann. Stünden die Menschen morgen vor der Wahl, würden sie sich wohl so entscheiden. Zu dem Zeitpunkt an dem die vol. Gesellschaft, die wir wollen, möglich wäre, würden sie sich anders entscheiden, da sie an die Kraft der freiwilligen Kooperation mehr glauben würden als an ein regelndes Monopol.

        „Außerdem hätte eine voluntaristische Gesellschaft mit Problemen zu kämpfen, die kaum bis gar nicht lösbar wären, wie z.B. den Umgang mit Atombomben oder anderen Massenvernichtungswaffen. Es ist quasi unmöglich, solche Waffen zu privatisieren. Versicherungsgesllschaften, die solche Waffen besitzen würden, wären in der Lage, andere Versicherungsgesllschaften massiv zu erpressen. Auch frage ich mich, wie der internationale Handel aufrechterhalten werden soll. In der Theorie klappt es vielleicht, in der Praxis wäre es schwer.“

        Jetzt wechselst Du unsere Gesprächsebene von einer prinzipiellen zu einer praktischen Ebene, was ja nicht schlimm ist. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass der Voluntarismus nicht alle Lösungen beschreiben will, sondern nur vorschlägt, auf welche Art Lösungen gesucht werden sollten, nämlich durch einen freien Wettbewerb der Ideen.
        Deine Meinung über die Unfähigkeit einer vol.Gesellschaft, auf die von Dir beschriebenen Situation zu reagieren, ist durch nichts bewiesen. Wir wissen nicht, wie eine freie Gesellschaft das genau lösen wird. Es ist auch egal, solange sie die Chance bekommt, die bestmögliche Lösung zu finden. Wenn Du Dir keine private Lösung vorstellen kannst, vielleicht kann ich es, mein Nachbar oder ein Kind im Sudan.

        Ich glaube, dass wir eigentlich nicht weit auseinanderliegen. Wenn Du bereit bist, den Minimalstaat, den Du gerne hättest, niemandem aufzuzwingen, der nicht mitmachen will, wärest Du such ein Voluntarist. Ich würde mich darüber freuen. Wenn es dann in Deinem Minimalstaat plötzlich bessere private Lösungen gäbe, dürftest Du eben auch diese wählen, ohne dafür in den Knast zu kommen. Wäre das nicht schön?

  3. shaze86 Says:

    Das ist so schön schräg. Bitte mehr davon.

  4. Demokratiekritik « Libertäre Gedanken Says:

    […] Artikel Demokratie und Voluntarismus setzt Arprin sich mit einigen anarchokapitalistischen Argumenten auseinander. Es möge mir verziehen […]

  5. Da war doch was ... Says:

    „Aber: Zwei demokratisch gewählte Regierungen haben noch nie Krieg gegeneinander geführt.“ Das ist schlicht falsch! Der Krieg der Confederate States of America gegen die United States war ein Krieg zwischen zwei demokratisch gewählten Regierungen bzw. Staaten. Und zwar ein sehr blutiger! Ja richtig, auch ein Bürgerkrieg ist ein Krieg. Und ja, Jefferson Davis wurde demokratisch gewählt. Die United States haben einem großen Teil ihrer Bevölkerung die Sezession blutig verweigert.

    • arprin Says:

      Mit demokratisch gewählt meine ich: Jeder hat das gleiche Wahlrecht.

      In den USA war das damals nicht gegeben. Die Frauen bekamen z.B. erst 1918 das Wahlrecht.

    • Alfons Says:

      Man muss eben etwas Flexibilität benutzen. So war die Ruhrbesetzung eben kein „richtiger“ Krieg und Pakistan (oder Indien?) 1999 keine „richtige Demokratie.

  6. Da war doch was ... Says:

    Wer ist hier „Jeder“? Kinder haben bis heute kein Wahlrecht! Von da ab kann dieses Spiel ad infinitum getrieben werden. Jede Demokratie kann beliebig „entdemokratisiert“ werden. Zudem dürfen nur Staatsbürger wählen. Aber die gesamte Bevölkerung besteht meistens nicht nur aus Staatsbürgern. Ausländer dürfen also auch nicht wählen! Sie haben einen sehr eigenen Begriff von Demokratie …

    • arprin Says:

      Mit „jeder“ meine ich jeden Staatsbürger, der volljährig ist. Dieser Begriff von Demokratie ist nicht „sehr eigen“, sondern weitgehender Konsens seit Hunderten Jahren, auch wenn die Realität oft anders aussah.

      • Alfons Says:

        Abgesehen davon dass es darüber, was ein Staatsbürger nun genau ist auch keinen jahrhundertalten Konsens gab, glaube ich auch nicht an den weitgehenden Konsens. Ganz so schizophren waren diejenigen die von einer Demokratie redeten aber bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Frauen konsequent von der Wahl ausschlossen nun auch nicht.

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