Es sind ökonomische Probleme!

Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Vor vier Tagen erstach ein 52-jähriger marokkanischstämmiger Mann eine Angestellte im Jobcenter. Der Mörder war Kunde seines Opfers und führte die Tat im Büro der Angestellten aus. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich der Mörder und das Opfer privat gekannt haben. Die Angestellte war ein „Zufallsopfer“. Eigentlich gingen die meisten Menschen davon aus, dass diese Tat nur ein Opfer hatte. Doch die linksradikale Plattform „scharf links“ sah das anders.

Dort hieß es nur einen Tag nach der Tat:

Die Bluttat in einem Jobcenter in Neuss hat für bundesweites Entsetzen gesorgt und wirft ein Schlaglicht auf die Auswirkungen von Hartz4 auf die Betroffenen. So schockierend dieser Vorfall auch ist, der ein Menschenleben gekostet hat, so ist er doch nicht wirklich überraschend – zumindest nicht für Menschen, die selbst ‚Kunden‘ eines Jobcenters sind oder näher mit Hartz4 Betroffenen zu tun haben (sei es als Angehörige, Freunde oder Unterstützer).

Überraschend ist vielmehr, dass es nicht weit häufiger zu Eskalationen in den Büros der Arbeitslosigkeitsverwaltungen kommt, von der Zertrümmerung von Einrichtungsgegenständen und offenen Aggressionen gegenüber Sachbearbeitern bis hin zum Amoklauf! Damit sollen Gewaltakte gegenüber den Angestellten keineswegs gerechtfertigt werden; es geht mir vielmehr darum zu zeigen, dass die Einführung von Hartz4 ein Klima erzeugt hat, in dem Wut und Verzweiflung zwangsläufig gedeihen.

Die Ansicht, dass alle Gewalttaten auf ökonomische Probleme zurückzuführen sind, ist nicht nur bei „scharf links“ immer noch verbreitet, sondern auch in der Linkspartei: Gesine Lötzsch hat vor zwei Jahren argumentiert, dass eine verstärkte Umverteilung die Mordrate senken würde. Die Menschen wären zufriedener, wenn die Unterschiede nicht so groß wären, und die Reichen müssten sich nicht mehr „in Ghettos abschotten“.

Am Ende des Artikels in „scharf links“, findet sich eine ähnliche ideologische Sicht auf Gewaltverbrechen:

… wir (haben) daher letztlich mindestens 2 Opfer zu beklagen haben: die Sachbearbeiterin, die Ausführende und Entscheidungsträgerin innerhalb eines hochgradig ungerechten und bösartigen Systems war, dem sie selbst bei gutem Willen nur wenig entgegensetzen konnte und der Angreifer, wahrscheinlich ein Verzweiflungstäter, selbst.

Ja, auch der Täter (dessen Handeln damit nicht moralisch gerechtfertigt sein soll) ist ein Opfer der systemischen Unmenschlichkeit der Hartz4-Praxis und war es bereits vor seiner Tat. Ein gnadenloses Arbeitslosen-Bestrafungssystem, das die Opfer der wirtschaftlichen Entwicklung im Spätkapitalismus zu Schuldigen erklärt, hat es letztlich selbst verursacht, wenn diese irgendwann im Kampf um einen Rest an Würde selbst zu Tätern werden.

Eine unbekannte Frau zu erstechen ist also ein „Kampf um einen Rest an Würde“, die einem durch das hochgradig ungerechte und bösartige Hartz4-System genommen wurde. Und es ist „nicht verwunderlich“, dass solche Verbrechen stattfinden, sondern, dass sie nicht öfter stattfinden. Der Mörder ist ein „Opfer“ der Gesellschaft, und die einzige, wirklich einzige Lösung ist: Umverteilung. Oder, um ein neues Modewort zu gebrauchen: „Umfairteilung“.

Auf die Spitze trieb es der taz-Autor Ambros Waibel, der bereits für die Morde von Arid Uka, Mohammed Merah, Breivik und der NSU dem Kapitalismus die Schuld gab, als er nach einem grausigen Mord eines Ehemanns an seine Ehefrau schrieb: „Wer diesem Phänomen sarrazinesk begegnen, also männlich-genetische oder kulturelle (Migranten, Muslime, Niederbayern) Gründe in Feld führen möchte – nur zu. Ehen allerdings sind immer Zwangsgemeinschaften, die insbesondere unter ökonomischem Druck regelmäßig zu Tötungsgemeinschaften werden.“

Dazu passend ein satirischer Kommentar von “Urlauber” aus Zettels Raum:

Bei seiner zweiten Reise lag James Cook einige Wochen zwischen beide neuseeländischen Inseln vor Anker. Erfreut stellte er fest, dass er sich mit seinen polynesischen Sprachkenntnissen (die er auf seiner ersten Reise erworben hat) auch sehr gut mit den Maori unterhalten konnte. Beide Seiten hatten was zu bieten, der Tauschhandel florierte. Weil kleine Geschenke die Freundschaft erhalten fragte Cook seine „Geschäftspartner“, ob er Ihnen was Gutes tun kann. Aber ja doch, sie wären ihm sehr verbunden, wenn er die Bewohner des nächsten Dorfes abschlachten würde.

Damals gab es noch keine Sozialwissenschaft, weshalb Cook sich die Ursache dieser Brutalität nicht erklären konnte. Heute wissen wir, dass der staatsmonopolistische Kapitalismus, das Profitstreben, zu wenig Frauen in Führungspositionen, der Faschismus in der Gesellschaft und die Hartz-IV-Sklaverei, oder kurz: soziale Ursachen, die Menschen zu Verzweiflungstaten treiben. Es sei denn, es sind politisch Rechte. Die sind von Natur (nicht genetisch bedingt, denn Gene sind bäh bäh) aus schlecht.

In einem liegt „Urlauber“ jedoch falsch: Wenn man sich Waibels taz-Kommentare durchliest, sind- zumindest für ihn- sogar Mörder aus dem politisch rechten Lager (NSU, Breivik) „Opfer der Gesellschaft“.

5 Antworten to “Es sind ökonomische Probleme!”

  1. American Viewer Says:

    Auf die Spitze trieb es der taz-Autor Ambros Waibel, der bereits für die Morde von Arid Uka, Mohammed Merah, Breivik und der NSU dem Kapitalismus die Schuld gab.

    Das wäre dann wenigstens einmal in sich logisch. Normalerweise ist es in linken Kreisen bekanntlich so, dass die „ökonomischen Probleme“ nur als „Begründung“ für Linksextremisten, Islamisten und kriminelle Ausländer herhalten müssen, nie aber für Nazis.

    Vor vier Tagen erstach ein 52-jähriger irakischer Mann…

    Ich las es sei ein Marokkaner. Beziehungsweise ein „Deutscher, marokkanischer Herkunft“, um es pc zu auszudrücken, denn er habe vor einer Weile eine Biodeutsche geheiratet.

    • arprin Says:

      Ja, das habe ich in dem Artikel auch angemerkt. Waibel macht zumindest keinen Unterschied zwischen Nazis und Nicht-Nazis. Das macht ihn weniger heuchlerisch.

    • arprin Says:

      Ich las es sei ein Marokkaner. Beziehungsweise ein “Deutscher, marokkanischer Herkunft”, um es pc zu auszudrücken, denn er habe vor einer Weile eine Biodeutsche geheiratet.

      Danke für den Hinweis. Ich habe es jetzt berichtigt.

  2. besucher Says:

    Die Kommentare unter dem unsäglichen Waibel-Artikel geigen dieser jämmerlichen Gestalt aber gut die Meinung!

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