Henryk M. Broder zur Toleranz

Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Henryk M. Broder (Bild: Sven Teschke)

Folgender Text ist ein Auszug aus Henryk M. Broders Buch „Kritik der reinen Toleranz“ (S.25-26)

Tolerieren“ bedeutet wörtlich „dulden“, „gewähren lassen“. Wer die Güte hat, jemanden zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat. Das Wort ist positiv besetzt, hat aber eine fragwürdige Bedeutung. Es beinhaltet keinen Anspruch, keine Garantie und kein Recht, auf das man sich berufen, das man einfordern kann, es ist nur eine Absichtserklärung, eine Geste der Großzügigkeit, sozusagen ein privater Schutzraum für marginale Existenzen, die auf das Wohlwollen der Gesellschaft angewiesen sind.

Zu Recht wird die religiöse Toleranz der Muslime zur Zeit ihrer Herrschaft in Andalusien gegenüber Angehörigen anderer Religionen gerühmt. Übersehen wird dabei nur, dass die Christen und die Juden, die unter der Mondsichel lebten, „Dhimmis“ waren, Bürger zweiter Klasse, die eben nur geduldet wurden, solange sie nicht rebellierten und gleiche Rechte verlangten. Taten sie es, durften sie bald das Ende der Toleranzstrecke erfahren. Nicht anders erging es später den Schwarzen in den USA, den Armeniern in der Türkei und den Kopten in Ägypten.

Toleranz ist auch kein Wert an sich. Es kommt darauf an, wer und was toleriert wird. Können praktizierende Juden und bekennende Antisemiten erwarten, gleichermaßen toleriert zu werden? Oder Schwule und Schwulenhasser? Kinder und Kinderschänder? Raucher und Nichtraucher? Kannibalen und Vegetarier?

In einer Gesellschaft, in der fast jeder nach seiner Façon glücklich werden darf, in der nicht mehr zwischen richtig und falsch, gut und böse, gesund und krank unterschieden wird, weil das bereits eine Wertung und eine Diskriminierung enthalten würde, in der man sich nicht einmal auf die Regeln der Rechtschreibung einigen kann, kann es auch keinen Konsens über die Grenzen der Toleranz geben.

Und so versteht jeder unter Toleranz etwas anderes. Michel Friedman fordert „Erziehung zu mehr Toleranz“, meint aber eigentlich das Gegenteil: ein energisches Auftreten der Demokraten gegen die Feinde der Demokratie. Der Augsburger Bischof Walter Mixa empfiehlt den in Deutschland lebenden Muslimen, „die christliche Mehrheitskultur zu respektieren“, ruft aber gleichzeitig zur Toleranz gegenüber den Kindern Mohammeds auf, bedient also sowohl die eine Seite wie die andere.

7 Antworten to “Henryk M. Broder zur Toleranz”

  1. Thomas Holm Says:

    Eine lohnende Lesefrucht: Man muss sich vor Augen halten, was – sprachgebräuchlich – ganz überwiegend Gegenstand von Toleranz war, bevor der Begriff sentimentalisiert politisiert wurde:

    Lärm, Staub, Abnutzungen und Abweichungen technischer Art; „Fehlertoleranz“ bei Systemen !

    Durchweg alles andere, als erstrebenswerte Sachen.

    Schon die Idee, den Begriff der Toleranz auf Menschen anzuwenden ist hoch problematisch und seine moralische Verkitschung ist eigentlich ein Spiel mit dem Feuer – wie ich aus Broder herauslese.

    ‚Toleranz‘ ist zudem zu einem Sesam-öffne-dich Wort für blanke Rücksichtslosigkeit geworden; zum Blankoscheck auf Anmaßung und Unhöflichkeit.

    Die Frage: ‚Hast Du ein Problem?‘ zielt genau auf diese Stelle.

  2. Thomas Holm Says:

    Erschütternde Bilder aus Syrien zeigen:

    American Austin Tice kidnapped by FSA-Jihadi Terrorists

    mit so etwas wie einer Zwangskonversion und immer ‚oh, Jesus‘ dazwischen. Allerdings gepostet von einem pro-Regime-Kanal und nicht ohne letzte Zweifel für mich, dass das auch ein Fake von Assad-Leuten sein könnte. Der Bezug zum Thema: Der Einsatz von Intoleranz für die Religion erzeugt eine Ununterscheidbarkeit zwischen Hurra-Jihadismus und Tyrannenregime-Fälschung.

    Die Intoleranz fällt den Intoleranten in Gestalt der Zögerlichkeit bis Untätigkeit des Westens zu Syrien auf die Füsse.

    http://www.youtube.com/watch?v=K6g8MmBVy1E ab min. 0.30

    • arprin Says:

      Es gibt sicher verrückte Dschihadisten in Syrien denen ich das zutraue, aber das Video scheint für mich gefälscht zu sein.

      Wenn Kämpfer, die mit der Opposition in Kontakt stehen, sowas machen würden, wäre das ziemlich dumm, denn dann würden sie natürlich ihren Rückhalt im Westen verspielen.

  3. apocalypse2012 Says:

    Mit der Verschriftlichung von Religion („Schriftreligion“, „Schriftgläubigkeit“) und dem Ende jeglicher Dialoge und Dialektik (und Gedächtnisse…) fing wohl der ganze Blödsinn an… (also spätestens mit den „Juden“ => „Christen“ => „Muslime“ => „Protestanten“ => „Kapitalisten“ => „Kommunisten-Marxisten“ => Nazis („Mein Kampf“) => etc etc etc.). Seitdem gibt es auch keine Spiritualität mehr, sondern nur noch hypersozialen Pöbel…

    Und:
    Glaubt ihr wirklich, Henryk M. Broder sei der End- und Höhepunkt jeglicher deutscher (!) Satire?
    Da habt ihr euch aber gewaltig geirrt — und Broder auch.
    Denn: die WIRKLICHE Satire hat schon längst begonnen (Apocalypse2012) — und zur Zeit bin ich perfekt im Zeitplan….

    P.S.:
    Das erfolgreichste Mem (Ideologie) aller Zeiten war die „jüdische Kultur“, denn von ihr hängen alle Kulturen heute ab: Christen, Muslime, Protestanten, Kapitalisten, Marxisten, Nazis, Hollywood, Neonazis, Pseudohistoriker etc. – und keiner merkt, dass er ein Sklave der 2000jährigen dummen jüdischen Tradition ist.
    Darum: Durchbrecht diesen jahrtausendealten Teufelskreis und seid nicht mehr die Sklaven dieser „jüdischen Tradition“: Juden > Christen > Kapitalisten > Kommunisten > Nazis > …

  4. Thomas Holm Says:

    Mohammad-Film „Innocence of Muslims”. Fakten und Analyse mit Barino Barsoum

    Lauter Punkte, für deren Benennung man in Edelforen regelmäßig zusammengelöscht wird oder gar ‘rausfliegt.

    Ohne die Kopten könnte jede etwas anspruchsvollere Kinokritik in heiklen historischen Prophetenfragen anscheinend direkt einpacken.

    Wobei hier die brachialen Sakralermächtigungen des Mo. als aufgeblasene Selbstzuschreibungen von tribal-pubertären Allmachtsphantasien für quengelige Bedouinenkinder o.ä. logisch durchschimmern – wie ich finde. Irgendwo eine Kreuzung aus Robin Hood und Ritter Blaubart.

    Der Vorteil an den Kopten gegenüber vielen liberalen Agnostikern ist, dass sich die Kopten (neben den Juden) wirklich sicher sind, dass all diese Abscheulichkeiten wirklich nicht von Ganz Oben sind. West-Christlicherseits will man dagegen wohl nichts ausschließen, wodurch sich jemand gekränkt fühlen könnte.

    Demokratietechnisch ist eine Überzeugung, dass es jedenfalls nicht der von Mo. berichtet Allah sein kann, vor dem man als Glaubensmensch mit den Worten der Präambel des GG Verantwortung übernehmen will, wohl unverzichtbar.

    Dieser Umstand macht die Ost-Christen für den Westen in seiner allseitigen toleranzpflichschuldigen Kapitulationsbereitschaft zu einem angenehm konstruktiv problematischen Faktor.

    Deren Abdrängung zu uns ist ein nachgerade unverdienter SEGEN für einen selbstüberdrüssigen und innerlich kapitulationstrendigen Westen.

    Obwohl deren Eherecht reaktionär ist und bla, bla, aber zwischen was hat man denn die Wahl; bei solchen Trends zum Liberal=Lieb sein wollen ?

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